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Lokales Die „Bilderbuchtante“ Gertrud Caspari
Dresden Lokales Die „Bilderbuchtante“ Gertrud Caspari
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14:44 28.04.2019
Folke Stimmel, auf dem Foto ein Jahr alt, sitzt bei ihrer Großtante Gertrud Caspari auf dem Schoß und schaut mit ihr ein Bilderbuch an. Quelle: Gertrud-Caspari-Familienstiftung
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Dresden

An einem grauen Novembertag im Jahr 1904 spaziert Gertrud Caspari mit einem Bekannten durch den Großen Garten in Dresden. Es ist so neblig, dass die Umrisse der Bäume fast nicht zu erkennen sind. Plötzlich laufen vor den beiden Erwachsenen einige spielende Kinder, deren bunte Kleidung in der trüben Umgebung leuchtet, „wie farbige Schattenrisse“, über die Allee, erinnert sich die berühmte Kinderbuchillustratorin 1947 in ihrem Lebensbericht. Dieses Erlebnis soll sich tief in ihr Gedächtnis einbrennen, denn es bedeutet die Geburtsstunde des Caspari-Stils.

„In diesem Augenblick kam ihr die Idee, wie sie ihre zukünftigen Werke gestalten wollte“, erzählt Folke Stimmel über ihre Großtante. Gertrud Caspari selbst wohnt bereits seit 1914 zusammen mit ihrer Mutter und ihrer ebenfalls unverheirateten Schwester in der Königsbrücker Landstraße 3. Während ihre Schwester den Haushalt führt, sorgt Gertrud als Ernährerin für den Unterhalt der drei Frauen. Das erweist sich als gar nicht so einfach, denn 1888, im Alter von 25 Jahren, ist sie an Morbus Basedow erkrankt, einer Autoimmunerkrankung der Schilddrüse, die sie für lange Zeit ans Bett fesselt. Dieses Leiden hindert sie auch daran, ihren Beruf als Zeichenlehrerin auszuüben.

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Zunächst arbeitet Gertrud als Erzieherin auf einem Rittergut. Sie weiß bereits, dass sie etwas aus ihrem künstlerischen Talent machen will, aber das Studium an der Kunstakademie steht Frauen damals noch nicht offen. Ohnehin räumt sie ein: „Der Gedanke, Malerin und Künstlerin zu werden, wäre mir zu unerhört und verwegen vorgekommen. Wir hatten viel zu großen Respekt vor der Kunst.“ So besucht Gertrud drei Jahre lang eine Zeichenschule, von der sie allerdings keine allzu hohe Meinung hat. Die junge Frau bricht mit dem Regelwerk ihrer Lehrer und geht ihren eigenen Weg: „Ich machte einfach nicht mehr mit bei diesen Beschränkungen. Ich entwarf Muster nach meinem Sinn und Geschmack.“

Auch wenn sie aus gesundheitlichen Gründen der pädagogischen Tätigkeit nicht nachgehen kann – die Freude am Zeichnen raubt ihr die Krankheit nicht. Von einem Erholungsbesuch im Erzgebirge bringt Gertrud Kinderspielzeug für ihre Neffen und Nichten mit. Beim Anblick des „bunten, drolligen Krimskrams“ kommt ihr aus heiterem Himmel die Idee zu einem Bilderbuch. Ihr Bruder Walter, selbst Maler und Illustrator, unterstützt sie tatkräftig. 1903 erscheint ihr erstes Werk. „Das lebende Spielzeug“ wird ein Bestseller und begründet den Beginn ihrer Karriere als Bilderbuchillustratorin.

Nachdem ihr an besagtem Herbsttag in Dresden der entscheidende Einfall für die Darstellung ihrer Kinderfiguren gekommen ist, schreitet sie sogleich zur Tat und verwirklicht ihre Idee. Als Vorlage für ihre Illustrationen dienen ihr häufig ihre Nichten und Neffen, später dann deren Kinder. „Auch ich musste meiner Großtante, zu der ich übrigens Omi sagte, Modell stehen“, verrät Folke Stimmel.

Der von Gertrud Caspari begründete Stil, den die Kunstwissenschaft im Nachhinein als „Kleinkind-“ oder „Caspari-Stil“ bezeichnet, findet zahlreiche Nachahmer. „Er zeichnet sich dadurch aus, dass das kleine Kind so dargestellt wird, wie es sich selbst sieht“, führt Folke Stimmel aus. Neben den Büchern für Kleinkinder illustriert Gertrud unter anderem Märchen, Geschichten, Schulbücher sowie Kalender und gestaltet Spiele, Postkarten und Porzellanfiguren. Allein die Anzahl ihrer gedruckten Bücher wird auf 8 Millionen geschätzt.

Durch die Folgen einer Mittelohroperation stirbt sie am 7. Juni 1948 in einem Dresdner Krankenhaus. Ihr Leben lang blieb Gertrud Caspari unverheiratet. Noch zu ihrem 70. Geburtstag sei sie mit „Fräulein Caspari“ angesprochen worden, so Folke Stimmel. Und obwohl es Kinder waren, die sie bei ihrer Arbeit inspirierten und denen sie ihre Werke widmete, hatte Gertrud Caspari nie eigene. „Aber dadurch konnte sie auch niemand von ihrer Arbeit abhalten“, folgert ihre Großnichte, „und mit dieser hat sie immerhin Tausende von Kindern in der ganzen Welt erfreut.“

Von Elena de F. Oliveira