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Lokales Deshalb ist die Menschenkette hochaktuell
Dresden Lokales Deshalb ist die Menschenkette hochaktuell
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13:24 06.09.2019
Die Aufmerksamkeit schärfen: Joachim Klose, Moderator der Arbeitsgruppe 13. Februar. Quelle: Anja Schneider
Dresden

Wenn es die Arbeitsgruppe 13. Februar nicht gäbe, müsse man sie erfinden, erklärt Joachim Klose. Der Direktor der Konrad-Adenauer-Stiftung Sachsen ist Moderator der Arbeitsgruppe und widerspricht den Thesen der SPD-Stadtratsfraktion, die eine Abkehr der Gedenk- und Erinnerungskultur in Dresden von der Fixierung auf den 13. Februar fordert.

Ist Gedenk- und Erinnerungskultur in Dresden zu sehr auf den 13. Februar fixiert?

Joachim Klose: Nein, das glaube ich nicht. Der 13. Februar spielt aber eine wichtige Rolle. Nicht nur in der Stadtgeschichte, sondern auch in der internationalen Öffentlichkeit. Dresden und Hiroshima werden noch immer in einem Atemzug genannt, wenn es um vom Krieg zerstörte Städte geht. Dresden hat eine besondere Verantwortung und wir haben uns in den vergangenen Jahren dieser gestellt. Ich persönlich finde es auch gut, dass die Stadt sich mit ihrer eigenen Vergangenheit immer wieder konstruktiv auseinandersetzt und den Diskurs mit der Gesellschaft führt. Wir haben den 13. Februar zum Anlass genommen, um über unser Gemeinwesen nachzudenken. Welche Verantwortung erwächst aus der Zerstörung der Stadt 1945? Im Kontext der Menschenkette hat die Bürgerschaft über Themen wie Friedfertigkeit oder Mitmenschlichkeit nachgedacht. Der 13. Februar hat sich in das kollektive Gedächtnis der Stadt eingebrannt. Die Bürgerschaft hat aus diesem Ereignis gelernt und setzt sich für Frieden, Freiheit und Demokratie ein.

„Das Gedenken hat sich sehr verändert“

Ist das Gedenken am 13. Februar in sinnentleerten Ritualen erstarrt?

Nein, das ist nicht richtig. Das Gegenteil ist der Fall. Das Gedenken hat sich sehr verändert, die Stadt hat sich zurückgenommen und es dezentralisiert. Sie ist jetzt ein Akteur neben vielen anderen, die meisten Angebote kommen direkt aus der Bürgerschaft. Die zen­trale Gedenkveranstaltung auf dem Heidefriedhof zum Beispiel gibt es so nicht mehr, sondern sehr vielfältige und individuelle Formen des Gedenkens wie die Veranstaltungen auf den Friedhöfen, die Bürgerbegegnungen oder Gedenkwege.

Kommen wegen des 13. Februars andere Gedenktage zu kurz?

Auch das sehe ich nicht. Jedes Jahr laden wir die Bürgerschaft ein, im Zeitfenster vom 27. Januar bis zum 13. Februar Veranstaltungen anzubieten, die sich mit den Folgen des Nationalsozialismus auseinander setzen. So fand unter anderem in den vergangenen Jahren immer ein Schülergipfel des Stadtschülerrats in dem Zeitfenster statt. Ich erinnere an den 17. Juni und die Gedenkveranstaltung, die an den Widerstand in der DDR erinnert, an das Gedenken an die Schrecken der Pogromnacht am 9. November und an viele andere historische Ereignisse, derer wir gedenken. Wer aufmerksam durch die Stadt geht, sieht diese Punkte. Der Stadtrat hat vor einigen Jahren einen Ausschuss Erinnerungskultur einberufen, der zwei wichtige Ergebnisse vorgestellt hat: Erinnerungskultur einer Stadt ist plural, es gibt verschiedene Träger. Und: Erinnerungskultur ist nicht nur negativ, sondern es gibt auch Dinge in der Stadtgeschichte, auf die die Einwohner stolz sein können. Beiden Punkten muss man sich stellen und seine Aufmerksamkeit schärfen, wenn man neben dem 13. Februar keine anderen Dinge sieht.

Die AG nicht als ganze in Frage stellen

Braucht es eine andere, breitere Plattform als die Arbeitsgruppe 13. Februar?

Die Stärke dieses Gremiums ist es doch, dass wir es geschafft haben, einen Konsens herzustellen. So unterschiedlich die Akteure in der Arbeitsgruppe auch sind, bei der Frage des Missbrauchs des 13. Februar durch Rechtsextremisten haben sie mit einer Stimme gesprochen. Aus politischen Antagonismen ist eine Wertschätzung in Vielfältigkeit geworden. Man kann gerne über die Ausrichtung und die Themen der Arbeitsgruppe diskutieren, aber man sollte die AG nicht als ganze in Frage stellen. Sie ist zwar nicht demokratisch legitimiert, hat kein Mandat, kann aber Konsens herstellen. Sie ist geprägt von gegenseitigem Vertrauen und von Wertschätzung getragen. Beides wächst langsam und braucht Zeit. So etwas kann man nicht schnell ersetzen. Was hindert einen daran, sich qualifiziert in die Arbeitsgruppe einzubringen? Ich finde, ein Gremium wie dieser Runde Tisch müsste erfunden werden, wenn es ihn nicht gäbe.

Ist die Menschenkette zum 13. Februar überholt?

Die Menschenkette hat es geschafft, den 13. Februar zu befrieden und den Rechtsextremen den Resonanzraum zu entziehen. Sie sind in dieser Stadt nicht willkommen und sehen das Signal einer Bürgerschaft, das für friedfertigen Gemeinsinn steht. Mit seiner Teilnahme an der Menschenkette macht man deutlich, wofür man steht. In einer individualisierten Gesellschaft ist die Menschenkette hochaktuell. Weil Menschen nach Räumen suchen, in denen sie sich identifizieren und etwas zum Ausdruck bringen können. Hier stehen Alte und Kinder, Akademiker und Handwerker, friedlich vereint Hand in Hand. Man übernimmt moralische Verantwortung. Gibt es noch ein Ereignis in der Stadt, bei dem das genauso ist? Würden wir den Raum des 13. Februar wieder freigeben, würden ihn andere Leute wieder füllen, von denen wir nicht wünschen, dass sie die Deutungshoheit übernehmen.

„Die Arbeitsgruppe und die Menschenkette sind nicht dogmatisch“

Ist der 13. Februar 2020 ein besonderer Jahrestag?

Der 75. Jahrestag ist eine Art Zäsur, wie wir mit Erfahrungen und Erinnerungen der vergangenen Generation umgehen. Die Zeitzeugen sterben allmählich aus, zum 100. Jahrestag wird es kaum noch jemanden geben, der die Zerstörung Dresdens selbst erlebt hat. Aber Umgangsformen mit historischen Ereignissen haben einen Wert, wenn sie ihren Platz im Leben finden. Es geht um einen lebendigen Ort in der Gesellschaft. Die Arbeitsgruppe und die Menschenkette sind nicht dogmatisch, sondern verändern sich immer wieder. Bewährte Formen sollten aber nicht zu schnell und zu radikal verändert werden. Vor allem dann nicht, wenn man sie so mühsam errungen hat.

Von Thomas Baumann-Hartwig

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