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Lokales Der Sandmann und Sachsen – Ausstellung in den Technischen Sammlungen Dresden
Dresden Lokales Der Sandmann und Sachsen – Ausstellung in den Technischen Sammlungen Dresden
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07:21 20.01.2020
Unter der Regie von Harald Serowski entstand 1986 ein Streifen mit dem Königstein im Hintergrund. Quelle: Deutsches Rundfunkarchiv / Rudi Dollan
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Dresden

Das Sandmännchen feierte unlängst seinen Geburtstag, was allseits bejubelt wurde, außer vielleicht von jenen Kindern, die gern einen großen Bruder hätten, der dem Sandmännchen drohend verklickert: „Alter, hör auf, meinem kleinen Bruder Sand ins Gesicht zu werfen.“

Es wurde aber auch gefragt, was man von einem erwachsenen Mann halten soll, der jede Nacht mit einem Sack voller Sand durch die Gegend läuft und die Träume aller Kinder hierzulande massiv manipuliert. Immerhin kann wohl ausgeschlossen werden, dass PDS als Abkürzung für Partei des Sandmanns stand. Dafür kann davon ausgegangen werden, dass mit dem Sandmann, den die Band Chordettes and The Four Aces in dem Lied „Mr. Sandman“ beschwört und der einen Traum(-mann) bringen soll, „den süßesten, den ich je geseh’n“, allenfalls ein entfernter Verwandter „unseres Sandmännchens“ gemeint sein kann.

Wie auch immer, das sich in erster Linie an Kinder gerichtete TV-Format „Unser Sandmännchen“ gehört zu den drei oder vier dienstältesten Sendungen des deutschen Fernsehens. Es war nie in Sachsen beheimatet und wurde im Prinzip auch nie im DEFA-Trickfilmstudio Dresden produziert. Es hatte seinen Standort im Trickfilmstudio des Deutschen Fernsehfunks (DFF) bzw. des Fernsehens der DDR (ursprünglich auch „Puppenstudio“, aber bis 1991 nie „Sandmannstudio“) in Berlin.

Dennoch wären die in klassischem Puppentrick ausgeführten „Rahmenhandlungen“ ohne wichtige personelle, technologische sowie stilistische Einflüsse und ohne die Kreativität einer ganzen Reihe von Persönlichkeiten, die in den Dresdner Ateliers ihr Handwerk erlernten und ihre Kunst pflegten, undenkbar gewesen, wie derzeit eine Ausstellung in den Technischen Sammlungen aufzeigt.

Dem Sandmann standen zuhauf Fahrzeuge zur Verfügung

Ansatzweise wird deutlich, dass dieser Sandmann dem SED-Staat gewogen war. Anders als fürs Gros der Bevölkerung gab es für ihn keine Reisebeschränkungen. „Auf und davon flog er, damit die Landeskinder auf dem Teppich blieben“, schrieb Liane von Billerbeck 1993 in der „ZEIT“, was – Vorsicht Ironie! – die Sache auf den Punkt bringt.

Aber vielleicht war auch genau das Teil seiner Beliebtheit: Der Sandmann war einer, der immer wieder zurückkehrte in die DDR. Bemerkenswert, was dem Reisekader alles an Fahr- und Fluggeräten zur Verfügung stand. Das Sandmännchen kam mal auf einer Weltraumrakete, mal war er mit dem Boot da, dann mit dem Tatütata! Sollen sie im Sozialismus doch Jahre auf einen Trabant warten, der Sandmann bestieg in Ägypten einfach ein „frisch geöltes“ Kamel.

Und wie viel Sachsen steckt nun im Sandmännchen? Nun, da wäre Heinz Fülfe, der 1920 in Freiberg das Licht der Welt erblickte. 1951 kam er in Pirna mit Wolfgang Hensel und dessen „Handpuppenspielen“ in Kontakt. Bei Gastspielen in Berlin lernte er 1954 seine Frau Ingeburg kennen, um schließlich mit ihr beim Fernsehen Fuß zu fassen und dort von 1955 an neue Sendereihen und Figuren aufzubauen. Dazu gehörte das Handpuppenspiel Flax und Krümel und die Serie mit dem Kunstcharakter Taddeus Punkt, von der es auch eine auf dem Königstein spielende Folge gibt.

Heinz Fülfe arbeite an der Episode „Der Schatz auf dem Königstein“ im Rahmen der Serie „Taddeus Punkt – Unsere Heimat DDR“ mit. Quelle: Screenshot

In der Episodenfolge „Unsere Heimat DDR“ agierten Taddeus Punkt und Struppi quasi als Fremdenführer für die Zuschauerkinder, wobei sie mit Walkie Talkie und allerlei anderem elektronischem Hokuspokus verschiedene Ecken der vergleichsweise kleinen DDR vorstellten, etliche sächsische Plätze inklusive.

Spezielles Studio auf der Festung Königstein

Die Serie Flax und Krümel wiederum erlangte vor allem durch „die meisterhafte Gestaltungsweise des Puppenspiels, durch einfühlsamen Sprachwitz und originelle Einfälle bald ,Kultstatus’“, wie in der Schau vermerkt wird. Kindergärten, Geschäfte, sogar zwei Felsen im Elbsandsteingebirge wurden nach ihr benannt. Sie wurde lange Jahre in einem speziellen Studio auf der Festung Königstein produziert. Farbsendungen gab es allerdings nie regulär von Flax und Krümel. Zudem verlieh Fülfe der reizenden Frau Elster aus dem „Märchenwald“ seine Stimme, wie zu lesen ist.

Erinnert wird auch an Liselotte (Lilo) Voretzsch-Linné, die nicht lange nach ihrem Studienabschluss im Fach Plastik an der Hochschule für Bildende Künste Dresden (HfBK) als Puppengestalterin an das DEFA-Studio für Trickfilme ging. Zwischen 1964 und 1993 war sie mit ihren Puppenkreationen an mehr als 50 Sandmännchen-Rahmen sowie einem Dutzend Sandmann-Sonderfilmen des fernseheigenen Berliner Trickfilmstudios beteiligt. Sie gestaltete ihre Figuren in den Werkstätten des DEFA-Trickfilmstudios Dresden und arbeitete laut Texttafel „an Motiven aller Genres“. Am schönsten wohl seien ihr die Figuren aus dem klassischen deutschen Märchenschatz geraten, die dem Sandmännchen zur Seite standen. Lilo Voretzsch-Linné verstarb 2010 in ihrer Heimatstadt Dresden.

Gewürdigt wird des Weiteren der aus Greiz stammende Heinz Wittig, der von 1960 bis 1964 ein Studium an der „Fachklasse für Trickfilm“ von Otto Sacher an der HfBK absolvierte. Nach einer kurzen Anstellung als Phasenzeichner im DEFA-Studio für Trickfilme Dresden machte er sich 1966 mit eigenem Studio in Graupa selbstständig. Dort realisierte er für das Trickfilmstudio des DDR-Fernsehens die Abendgruß-Serien „Sprichwörtliche Redensarten“ und „Selbstgemalt“.

Heinz Wittig im eigenen Studio am Tricktisch in Graupa (um 1970), wo er Abendgruß-Serien für das Fernsehen der DDR schuf. Quelle: DIAF / Repro C.R.

Eine bereits konzipierte neue zehnteilige Serie „Der Präsident von Kinderland“ wurde abgebrochen, da der dem SED-Regime suspekte und ständig von der Stasi observierte Wittig einen Ausreiseantrag stellte und nach Karlsruhe-Ettlingen übersiedelte. Er kehrte erst 1997 zurück, 2011 starb er.

Der Sandmann kam gut rum – wiederholt auch nach Sachsen

Der Silhouette war Jörg Herrmann verpflichtet, der 1941 in Dresden geboren wurde. An sich gelernter Tischler, erhielt er 1958 eine Anstellung im DEFA-Studio für Trickfilme Dresden, zunächst als Puppenführer-Assistent, dann als Puppenführer bzw. Animator. Nach einem Studium der Regie und Szenaristik in Potsdam arbeitete er im Studio als Regisseur. Letztlich machte er sich dann mit einem eigenen Atelier in Kreischa selbstständig. Die Filmografie Herrmanns als Regisseur im DEFA-Trickfilmstudio umfasst etwa zwei Dutzend Titel, prägend für seinen Berufsweg wurde die Zusammenarbeit mit dem ostdeutschen Meister des Silhouettenfilms, Bruno J. Böttge. Zu lesen ist zu Herrmann zudem: „Mit Silhouetten, der Serie Schattenfiguren für die Abendgrüße, begann auch seine freiberufliche Laufbahn, die er mit einer ganzen Reihe von Scherenschnitt-Animationen bis heute fortsetzt.“

„Heimat Sachsen“ ist ein Bereich der Ausstellung übertitelt. Wie schon erwähnt: Der Sandmann kam gut ’rum. Neben fernen Ländern visualisierten viele Episoden auch Städte, Regionen und technische Errungenschaften der DDR. Es gab entsprechend auch viele sächsische Motive, von der berühmten Steilen Wand in Meerane bis hin zum Elbsandsteingebirge. In einer Folge übernimmt der Sandmann, der ja immer aus dem „Nirgendwoher“ erschien, um am Ende einer Folge ins „Nirgendwohin“ zu verschwinden, auf einem Elbdampfer das Kommando und tuckert am Lilienstein vorbei, bevor er Flax, Krümel und Struppi auf der Festung Königstein „Gute Nacht“ wünscht. Auf einer Texttafel wird vermerkt: „Der Visite bei den drei Freunden haftete wegen des auf dem Königstein befindlichen Studios des DFF auch etwas Symbolisches an.“

In einem 1969 gedrehten Film übernimmt das Sandmännchen das Kommando auf einem Elbdampfer. Quelle: Rundfunkarchiv / Gisela Krzywinski

Drei Episoden von 1988/89 spielen im Erzgebirge, laut Drehbuch sollte mit verwinkelten Fachwerkhäusern ein „anheimelnder Ort“ dargestellt werden. Vermittelt wird: Um eine spezielle Stimmung zu erzeugen, „dachte sich der Regisseur eine entsprechende Lichtgestaltung aus: ,Die Schneelandschaft soll in kalten Farben gehalten werden, die Häuser müssen warm und behaglich wirken … Hier muss richtig blau-gelb-Kontrast geschaffen werden’.“ Am Ende wird stets Sand verstreut, wobei zumindest ältere Kinder versuchten, keinen abzukriegen. Unter diesen kursierte sogar der Spruch: „Das sind keine Augenringe, das sind blaue Flecken von einer Schlägerei mit dem verdammten Sandmännchen!“

Service: Ausstellung bis Ende März

„Der Sandmann und Sachsen. 60 Jahre Fernsehstar“ in den Technischen Sammlungen Dresden, Junghansstr. 1-3.

Bis 29. März 2020, Di.–Fr. 9–17 Uhr, Sa., So. & Feiertag 10–18 Uhr

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Von Christian Ruf

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