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Lokales Der Kampf mit den Buchstaben – ein Betroffener aus Dresden erzählt
Dresden Lokales Der Kampf mit den Buchstaben – ein Betroffener aus Dresden erzählt
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17:59 18.02.2019
Für Analphabeten ist jeder Tag ein Kampf mit den Buchstaben. Mit Ausreden wollen viele ihre Schwäche geheim halten. Sachsen bietet den hierzulande 300 000 Betroffenen Hilfe an. Quelle: dpa
Dresden

Die Senioren trauen ihren Augen und Ohren nicht. Sie sehen erwachsene Menschen, doch die hören sich nicht so an. Denn die, denen sie zuhören, können nicht lesen, zumindest nur sehr schlecht. Jochen Hofmann stockt Wort für Wort, er kommt sogar ins Schwitzen. Dabei muss er nur eine kleine Zeile vorlesen: Anlässlich des 500-jährigen Thesenanschlags von Martin Luther. Es ist das erste Mal, dass der Dresdner öffentlich aus einem Buch vorliest. Tagelang hat er für diesen Vormittag in der K&S Tagespflege Dresden-Neustadt geprobt – immer und immer wieder Lesen geübt. Und trotzdem fällt es ihm schwer.

Viel auswendig lernen

Jochen Hofmann ist funktionaler Analphabet, einer von 7,5 Millionen Menschen in Deutschland. „Das heißt, er kennt zwar die Buchstaben, aber das nur sehr unzureichend“, erklärt Iris Nußbaum von der Koordinierungsstelle Alphabetisierung, kurz „koalpha genannt: „Er ist unfähig, selbst kurze Texte zu verstehen oder gar zu schreiben.“ Er habe bereits Schwierigkeiten mit einfachsten schriftlichen Arbeitsanweisungen, führt sie weiter aus.

Deshalb lernt er täglich von Montag bis Freitag sechs Stunden mit acht anderen Betroffenen Lesen und Schreiben in dem Alphakurs an der DPFA, einem privaten Bildungszentrum in Dresden. Spricht man Jochen Hofmann darauf an, sagt er, dass er ein Versager in der Schulzeit gewesen sei: „Ich war nur in der Sonderschule. Dort habe ich meistens hinten in der Klasse gesessen, ich hatte keine Geduld. Ich habe das Buch immer in die Ecke geschmissen.“ Der Dresdner hat keinen richtigen Berufsabschluss. Er manövriere sich bis heute durchs Leben, indem er viel auswendig lerne, erklärt er. Nur so funktioniere es.

Jochen Hofmann ist funktionaler Analphabet. Kürzlich las er in Dresden zum ersten Mal in seinem Leben öffentlich aus einem Buch vor. Er hat lange dafür geübt. Trotzdem geht es nur stockend vorwärts. Quelle: MDR-Sachsenspiegel

Analphabeten sind als Thema bis heute in der Gesellschaft tabuisiert. Selbst in der Familie wird wenig darüber geredet. Die Verunsicherung der Betroffenen aber zieht sich durch ihren Alltag. Sie meiden Ämter und kümmern sich nicht richtig um ihre Anliegen. Jochen Hofmann spricht zum Beispiel nur ganz selten selbst bei der Krankenkasse vor. Er erzählt von seiner Angst: „Ich möchte nicht als Versager dastehen. Ich kann denen doch nicht ins Gesicht sagen, ich kann nicht lesen und schreiben. Was denken die dann von mir!“ Er erzähle dann immer von seiner vergessenen Brille und bitte um Hilfe. „Aber ich schäme mich trotzdem, ich werde ganz rot im Gesicht“, fügt er leise hinzu.

Tricks scheinen zu funktionieren

Interessant ist die Reaktion der AOK PLUS darauf. Hannelore Strobel, Sprecherin der größten deutschen Krankenkasse, sagt: „Ich habe in unseren Filialen danach gefragt, hier in Dresden und auch überregional. Niemand von unseren Filialmitarbeitern hat je bewusst einen Analphabeten als Kunden bedient.“ Das könne nicht sein, meint sie, nicht bei den geschätzten 300 000 Analphabeten in Sachsen.

Deren Tricks scheinen zu funktionieren. Doch die neuen technischen Möglichkeiten wie Online-Beratung und Internet-Anträge stellen die Betroffenen vor neue Herausforderungen. Die alten, eingeübten Verhaltensmuster greifen nicht mehr. Auch Jochen Hofmann blickt mit Sorge in die Zukunft. „Mit dem Internet komme ich nicht weiter. Ich traue mich da nicht dran, da kann zu viel schiefgehen.“

Zehnjähriges Programm vom Bund

Für Betroffene wie ihn hat die Bundesregierung 2016 ein zehnjähriges Programm aufgelegt: die Alphadekade. 180 Millionen Euro lässt sich der Bund das kosten. Das sächsische Kultusministerium schießt über europäische Fördertöpfe weitere 14 Millionen zu. Und stockt diese bei Bedarf sogar auf. Das Geld wird an 20 verschiedene Anbieter in Sachsen verteilt.

Einer davon ist die DPFA, ein privater Bildungsträger. Grundkurse in Lesen, Schreiben und Rechnen werden so finanziert. Ganz offensichtlich sind diese Kurse auch als Mutmacher gedacht. Mariette Schöps, eine der vier Lehrenden spricht von Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl. Sie sagt: „Ohne Loben geht hier gar nichts. Jeder einzelne freut sich darüber. Sie haben in ihrer Kindheit nie Lob erfahren, weder im Elternhaus, noch in der Schule. Umso wichtiger ist es hier. Wenn sie sich wieder selbst vertrauen, dann trauen sie sich auch was zu.“

88 Prozent der Deutschen im Irrglauben

Hier vor den Senioren zeigt Jochen Hofmann nun, was er nach zwei Jahren intensivem Unterricht kann. Das Buch über den Reformator Martin Luther hat die Klasse gemeinsam im Unterricht geschrieben. Der eigene Text liest sich dennoch schwer.

Die Besucher der Tagespflege staunen, schütteln den Kopf, verstehen die Welt nicht mehr. Damit sind sie nicht allein. Nach einer Studie der Universität Hamburg glauben 88,1 Prozent aller Deutschen, dass, wer in Deutschland eine Schule besucht hat, eigentlich auch lesen und schreiben können müsse. Fehlanzeige. Deutschland, das Land von Schiller, Goethe, Kant und Nietzsche – es ist auch ein Land mit Millionen Analphabeten.

Von Adina Rieckmann

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