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Lokales Demokratie in Sturzlage – Diskussionen über die Identität Sachsens
Dresden Lokales Demokratie in Sturzlage – Diskussionen über die Identität Sachsens
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16:35 13.09.2019
Besucher beim Tag der Sachsen. Doch wie sehen sich die Bürger 30 Jahre nach der Wende? Quelle: Sebastian Willnow/dpa
Dresden

Gabriele Dolff-Bonekämper bot sich ein bestürzendes Bild. Als die Kunsthistorikerin den Abstellraum der Bundesakademie für Sicherheitspolitik in Berlin-Pankow betrat, stand sie vor Möbelstücken voller Staub und Spinnweben. Dabei handelte es sich um jenen berühmten „Zentralen Runden Tisch“, an dem Ende 1989 Vertreter von DDR-Regierung und Oppositionsgruppen über den weiteren Weg einer untergehenden Gesellschaft verhandelt hatten. Die Wissenschaftlerin nahm die Relikte dieses historischen Ereignisses mit und stapelte sie zu einem möglichst chaotischen Haufen ineinander. „Sturzlage“ nannte sie ihre Installation, die zuerst im Haus der Berliner Festspiele zu sehen war.

Risse sollen zur Sprache kommen

Im Herbst kommt dieses Gebilde eines weitgehend vergessenen eigenständigen Demokratieversuchs im Osten Deutschlands nach Dresden. Thomas Arnold, Direktor der Katholischen Akademie des Bistums Dresden-Meißen, lässt sie an den Veranstaltungsorten einer neuen Diskussionsreihe aufstellen. Die beginnt am 15. Oktober in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek (SLUB) mit Frank Richter, als Parteiloser mittlerweile in die SPD-Fraktion des Landtags gewählt, zuvor unter anderem Direktor der Sächsischer Landeszentrale für politische Bildung, sowie einer Vertreterin der Schülerprotestbewegung „Fridays for Future“. Debattiert werden soll über Klimawandel, Aufrüstung und Flüchtlingstragödien. Wie das verstörende Kunstwerk heißt die Reihe: „Sturzlage“.

Thomas Arnold, Direktor der Katholischen Akademie, lädt mit neuen Veranstaltungsreihen dazu ein, "Komfortzonen" des Denkens zu verlassen. Quelle: Tomas Gärtner

„Ein Grund für die heutige extreme Polarisierung der Gesellschaft ist das, was in den 30 Jahren nach der Friedlichen Revolution geschehen ist“, sagt Thomas Arnold. „Wir wollen überlegen, was an Identitäten durcheinander geraten ist und sich neu gebildet hat.“ Risse sollen zur Sprache kommen, aber auch das, was die Gesellschaft bei allen Verwerfungen zusammenhalten könnte. Gefragt werden solle auch, ob es womöglich eine neue Ökumenische Versammlung der Kirchen verschiedener Konfessionen braucht, die sich vor 30 Jahren über nötige Schritte für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung verständigte.

Auf weiteren Podien geht es unter anderem um die Wege der Kirchen in Sachsen und in der Tschechischen Republik, um das Zusammenwachsen von Ost und West, um irdische und himmlische Heimat. „Raus aus der Komfortzone“, fordert die Katholische Akademie mit einem Slogan. „Er ist zum einen als Appell an die Kirchen gedacht, sich nicht einzuigeln, sondern ihre sicheren Zonen zu verlassen; zum anderen wollen wir unsere Besucher dazu ermuntern, sich hinaus zu begeben und an Gesprächen zu beteiligen.“ Anregend dazu wirken sollen auch die starken italienischen Espressi, die am „Café Hoffnung“ zubereitet werden, einem Fahrrad-Mobil, das unterwegs in Sachsen ist.

„Der Weg der roten Fahne“: Erbe und Ärgernis

50 Jahre alt wird der Dresdner Kulturpalast im Herbst. Die Katholische Akademie will sich in einer Reihe, die am 10. Oktober beginnt, mit dem Wandbild „Der Weg der roten Fahne“ von Gerhard Bondzin beschäftigen, das sich an der Westseite befindet. „Dieses Erbe und Ärgernis gehört nicht nur kunsthistorisch eingeordnet“, meint Thomas Arnold.

„Der Weg der roten Fahne“ am Dresdner Kulturpalast, hier noch in unsaniertem Zustand. Quelle: Jane Jannke

„Wir müssen fragen, welches Menschenbild es verkündet und wie wir heute und künftig mit dieser Botschaft umgehen.“ Zur Debatte stehe da auch die Dresdner Erinnerungskultur. Gegenstände der Reihe „Spuren. Suche. Gott“ wiederum sind Leben mit und ohne Religion, Verbote, Sünde und Sexualmoral.

Im Haus der Kirche, der Dreikönigskirche in der Dresdner Neustadt, die zum neuen evangelischen Bildungszentrum umgebaut werden soll, geht es in einer neuen Reihe um die biblische Verheißung „Selig seid ihr Armen“. Sie startet am 19. September mit Michael Schulz von der Wohnungslosen-Notfallhilfe der Diakonie-Stadtmission und der Armutsforscherin Jana Günther von der TU Dresden. Später soll es auch um die Auswirkungen von Armut auf Kinder gehen.

Erinnerung an die Friedliche Revolution vor 30 Jahren

Passend dazu läuft noch bis 30. September die Ausstellung „Wärmestube“. Sie zeigt Kohlezeichnungen von Georg Kleber. Der Künstler hat die Atmosphäre in der Wärmestube in Augsburg eingefangen, wo Menschen ohne Wohnung sich waschen können, eine warme Mahlzeit, Getränke und Beratung bekommen.

Auch an die Friedliche Revolution vor 30 Jahren soll erinnert werden – mit Fotos des Dresdner Künstlers Friedemann Dietzel aus jener Zeit. Sie korrespondieren mit Skulpturen und Plastiken zum Thema Freiheit und Begrenzung. „Vom Scheitern und Fliegen“ lautet der Titel dieser Ausstellung, die am 25. September, 18 Uhr, eröffnet werden soll.

In der Evangelischen Akademie Meißen hat inzwischen der neue Direktor Stephan Bickhardt seine Arbeit begonnen. Eine Tagung zu Frauen der Romantik am 27. September ist bereits ausgebucht. Über künstliche Intelligenz in einer Welt von morgen soll auf zwei Abendveranstaltungen am 1. Oktober und 30. November diskutiert werden.

Internet:www.katholische-akademie-dresden.de;www.hdk-dkk.de; www.ev-akademie-meissen.de

Von Tomas Gärtner

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