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Lokales Straßenbahn im Büro: Das kann der neue Fahrsimulator der Dresdner Verkehrsbetriebe
Dresden Lokales Straßenbahn im Büro: Das kann der neue Fahrsimulator der Dresdner Verkehrsbetriebe
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16:00 20.02.2020
Blick über die Schulter: Robert Strauß lenkt seine virtuelle Straßenbahn sicher durchs Dresdner Streckennetz. Quelle: Anja Schneider
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Dresden

Langsam beschleunigt die Straßenbahn der Linie 3 aus der Haltestelle Bahnhof Neustadt. Eigentlich müsste es heißen: Langsam beschleunige ich den tonnenschweren Koloss aus der Haltestelle, denn für einen Selbstversuch habe ich heute Platz in der Fahrerkabine genommen. „Jetzt müssen sie die Weiche stellen, wenn Sie nach rechts in den Albertplatz einfahren wollen“, sagt Kati Fach neben mir. Sie leitet die Aus- und Weiterbildung bei den Dresdner Verkehrsbetrieben (DVB). Ich betätige den Schalter, auf den sie zeigt und erhalte die Freigabe zum Rechtsabbiegen. „Doch nicht mit 40 Stundenkilometern!“, ruft Kati Fach. „Wieso, wie viel sind denn erlaubt?“, frage ich verdutzt. „15“, lautet die knappe Antwort.

Ich lege den Steuerhebel zurück, um abzubremsen. Jetzt schleiche ich in die Haltestelle hinein. „Sie müssen bis vorn an die Kante fahren“, verlangt Kati Fach von mir. Logisch, sonst passt ja keine zweite Bahn mehr hinter meine, denke ich mir und verpasse fast den Moment zum Abbremsen. Von einem Rumms und einem lauten Klingeln begleitet bringe ich die Bahn gerade noch so in der Haltestelle zum Stehen.

DVB-Azubis haben Fahrsimulator mit Dresdner Firma gebaut

In einer echten Bahn wären jetzt alle Fahrgäste durcheinandergepurzelt. Es hätte Verletzte gegeben. Nur gut, dass ich mein Talent an einem Fahrsimulator ausprobiert habe. An einem gänzlich neuen Modell, das Auszubildende der DVB in Zusammenarbeit mit der Dresdner Firma Inavet über ein Jahr gebaut haben. Es besteht aus einer Nachbildung des vorderen Teils einer Straßenbahn und einem originalen Steuerpaneel, so wie es in echten Bahnen benutzt wird.

Aus dem Fahrersitz blickt man auf einen großen Bildschirm, der Videoaufnahmen vom Streckennetz zeigt. Die Geschwindigkeit, mit der sie abgespult werden, passt sich an die gewählte Fahrgeschwindigkeit an. Neben dem großen Monitor hängt ein kleinerer, der den Außenspiegel simuliert – alles so wie in einer echten Bahn.

Auch das Äußere stimmt bei dem Simulator. Das Gerät lässt sich anders als der Vorgänger zum Transport in acht handliche Module zerlegen. Quelle: Anja Schneider

Es ist der zweite Simulator der DVB. Den Vorgänger nahm das Unternehmen vor fünf Jahren in Betrieb. Damals ging es vor allem darum, etwas für Messeauftritte zu haben, wo um Auszubildende und neues Fahrpersonal geworben wird. Inzwischen verspricht man sich bei den DVB mehr von einem Simulator und hat deshalb einen zweiten angefertigt. Im Gegensatz zum ersten kann er auch den Funkkontakt zur Leitstelle, Störungen und den bei den DVB üblichen Bordcomputer simulieren – der neue ist ein echtes Ausbildungsgerät.

Zwischen 200.000 und 250.000 Euro hat der Simulator gekostet

Und das brauchen die Verkehrsbetriebe: „Wir müssen in den nächsten Jahren sehr viel Fahrpersonal einstellen“, sagt Kati Fach. Gleichzeitig würden alle Straßenbahnen wegen der immer weiter ansteigenden Nachfrage im Linienverkehr gebraucht, was sich so schnell auch nicht ändern wird. Der eigentlich für Werbezwecke gedachte Simulator verschafft der Fahrschule nun neue Möglichkeiten, weil angehende Straßenbahnfahrer viel an dem Gerät lernen können, für das sie sonst in eine echte Straßenbahn hätten steigen müssen.

Lesen Sie auch: Deshalb fehlen Fahrer bei den Dresdner Verkehrsbetrieben

Zwischen 200.000 und 250.000 Euro hat der Simulator gekostet, und damit die Hälfte seines Vorgängers. Der hat sich schon amortisiert, ist DVB-Vorstand Lars Seiffert überzeugt. 250.000 Euro koste es im Jahr, eine Bahn für die Fahrschule über das Streckennetz kreisen zu lassen. „Und eine neue Bahn kostet vier Millionen Euro“, rechnet der Vorstand vor.

Auf einem Tablet-PC kann Kati Fach unter anderem steuern, welche Strecke Robert Strauß fährt und ob seine Straßenbahn streikt. Quelle: Anja Schneider

Neben der erwartbaren Ersparnis sieht er in dem Gerät noch ganz andere Potentiale. „Wir haben ja inzwischen kaum noch Störungen an unseren Bahnen, so dass auch gestandene Fahrer den Umgang damit trainieren müssen“, sagt Lars Seiffert. Für diese Schulungen soll nun der Simulator herangezogen werden. „Dann müssen wir keine Bahnen auf der Strecken stehen lassen.“

138 Dinge können an einer Straßenbahn kaputt gehen

Wie das geht, demonstriert Kati Fach mit Robert Strauß, der inzwischen am Fahrerpult Platz genommen hat. Der Auszubildende als Fachkraft im Fahrbetrieb hat zwar erst zwei Stunden Erfahrungen mit den Simulator, lenkt seine virtuelle Straßenbahn aber schon sehr sicher.

Einsatz Kati Fach: Auf einem Tablet-Computer löst sie eine Störung der Schienenbremsen aus. Wie im echten Leben springt Robert Strauß eine Warnung auf dem Display des Bordcomputers entgegen. „Ich darf jetzt nur noch 30 km/h fahren und muss alle Fahrgäste beim nächsten Halt aussteigen lassen“, entziffert er die Anweisung und handelt entsprechend. Anschließend müsste er in einen Betriebshof einrücken. 138 Fehler stehen zur Auswahl – so viel kann an einer Straßenbahn kaputt gehen.

138 unterschiedlich schwere Störungen können simuliert werden. Quelle: Anja Schneider

Und ein weiteres Plus bietet der Simulator: Er kann auch so tun, als sei er eine der neuen, breiteren Straßenbahnen. Davon ist zumindest Christian Böhm überzeugt, der bei Inavet das Projekt Simulation leitet. Sein Team hat um die 120 Stunden Videomaterial gesammelt, um die Fahrt durch die Dresdner Innenstadt mit einigen Ausfahrten in umliegende Stadtteile so realitätsnah wie möglich zu simulieren. „Auf diesen Strecken ist am meisten zu beachten, weil es dort viele Verknüpfungspunkte mit anderen Verkehrsarten gibt“, erläutert Christian Böhm die Auswahl. Bis Ende des Jahres seien Bordcomputer und Fehleranalyse, die derzeit nur in einer Testphase laufen, voll funktionstüchtig.

Simulator wird bei Internationaler Transportmesse ITF in Leipzig vorgestellt

Die Simulation neuer Stadtbahnen wird wohl etwas schwieriger, weil das „mit zwei Strichen links und rechts neben den Gleisen nicht getan ist“, wie Christian Böhm sagt. Besonders in Kurven wird die Sache kompliziert, weil die Bahn dann je nach Radius unterschiedlich weit über das Gleis hinaus in die Kurve hinein ragt. DVB-Vorstand Lars Seiffert kann die Breitbahn-Option kaum abwarten. „Wir müssen unser Fahrpersonal schulen“, sagt er. Nicht dass sich mit der Einführung als Linienfahrzeuge im Jahr 2022 die Unfälle häufen.

Christian Böhm denkt noch weiter. Noch realitätsnaher soll die Simulation werden. Etwa, indem auf dem Bildschirm Passanten hinter einer Straßenbahn auf der Gegenfahrbahn hervortreten – eine Gefahrensituation, auf die jeder Fahrer rasch reagieren muss. Immer mehr Fahrstunden könnten virtuell erledigt werden. „Wir werden die Fahrschule deshalb aber nicht abschaffen“, sagt Ausbildungschefin Kati Fach. Eine echte Bahn zu lenken, sei eben etwas anderes. Was nichts daran ändert, dass sie sehr stolz auf Lehrpersonal und Azubis ist, die den Fahrsimulator in Eigenregie gebaut haben. Bei der Internationalen Transportmesse ITF in Leipzig wird er Ende Mai der versammelten Fachwelt vorgestellt. Und anschließend wohl in der DVB-eigenen Fahrschule im Dauereinsatz sein.

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Von Uwe Hofmann

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