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Lokales Gut gerüstet: Wie sich Dresdens Polizisten bei Einsätzen schützen
Dresden Lokales Gut gerüstet: Wie sich Dresdens Polizisten bei Einsätzen schützen
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16:16 03.10.2019
Dan Vogel (r.) und seine Kollegen nutzen das Schutzschild unter anderem als Deckung. Es wiegt 20 Kilogramm und ist schusssicher. Quelle: Dietrich Flechtner
Dresden

Aller drei Minuten trifft durchschnittlich ein Notruf im Lagezentrum der Polizeidirektion Dresden ein, oft auch mehrere Anrufe gleichzeitig. Innerhalb kürzester Zeit werden dann die Beamten im näheren Umkreis alarmiert, um Hilfe zu leisten. Was die wenigstens wissen: Wenn der Notruf empfangen wird, wägen die Disponenten bereits ab, mit welcher Bedrohung in der jeweiligen Lage zu rechnen ist – und welche Schutzkleidung die Polizisten tragen sollten.

Der Fachdienst Einsatzzüge

• Leiter des Fachdienstes ist Iven Eißner.

• Es sind 98 Beamte für den Einsatzzug tätig, darunter 14 Frauen.

• Der Fachdienst besteht aus drei Einsatzzügen mit speziell ausgebildeten Beamten. Man spricht von Einsatzzug I, Einsatzzug II und einer Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit (BFE).

• Die BFE hat eine besondere Spezialisierung: Die Kollegen verfügen über ein ausgeprägteres Training zur Festnahme einzelner Täter in Situationen mit vielen Personen oder hohem Aggressionspotenzial.

• Aus den drei Zügen setzen sich die verschiedenen Schichten zusammen, der Aufgabenbereich ist im Grunde gleich.

• Sie kommen zum Einsatz, wenn die Kräfte der örtlich zuständigen Polizeireviere nicht ausreichen. Neben der Absicherung von Großveranstaltungen wie Fußballspielen, Demonstrationen oder Kundgebungen werden die Einheiten regelmäßig zur Bekämpfung von Drogen- und Beschaffungskriminalität eingesetzt.

• Mehrere Beamte der Einsatzzüge werden pro Schicht als sogenannte Interventionskräfte abgestellt. Sei sind im Alltag auf Streifendienst unterwegs und dienen als Reaktionskräfte für den Fall gefährlicher Einsatzlagen, wie etwa einer terroristischen Bedrohung.

• Die Einsatzzüge fungieren außerdem als Vorstufe des Spezialeinsatzkommandos (SEK): Sie sind normalerweise vor dem SEK vor Ort, stabilisieren die Lage bis zu dessen Eintreffen und übergeben anschließend.

• Der Fachdienst hat ein bis zwei große Übungen im Jahr, dazu vier kleinere Übungen in Einkaufszentren, Kinos oder Gerichten in Vorbereitung auf terroristische Gefahrenlagen.

Eine Entscheidung, von der Leben abhängen

Jeder Beamte besitzt eine Heckler und Koch SFP 9 (u.), Streifenwagen haben zudem eine MP V (o.) dabei. Das Gewehr AR-15 (m.) nutzt der Fachdienst. Quelle: Dietrich Flechtner

Nach der Art der Waffe und dem jeweiligen Geschoss richtet sich beispielsweise der Typ der getragenen Schutzweste. Kugeln aus Jagdgewehren etwa können die Ballistische Standard-Unterziehweste durchdringen. Je nach Ernst der Lage ist auch entscheidend, welche Waffe die Beamten mit sich führen: Ein Gewehr trifft oftmals besser und senkt die Wahrscheinlichkeit, dass ein daneben gegangener Schuss Unbeteiligte trifft. Eine Pistole ist wiederum handlicher.

Innerhalb von wenigen Sekunden müssen die Beamten eine Indizienkette abklopfen und eine Entscheidung treffen, von der Leben abhängen können.

Weitaus mehr als nur Schutz

Die sächsische Polizei verfügt über verschiedene Schutzausrüstungen, deren Bedeutung oftmals unterschätzt wird. „Jeder Schutz lässt die Beamten rationeller und souveräner agieren. Die Ausrüstung ist daher für die Ruhe und die Entschlossenheit der Einsatzkräfte sehr wichtig“, sagt der Erste Polizeihauptkommissar Iven Eißner.

Iven Eißner trägt die Ausrüstung eines Streifenpolizisten (insgesamt 5,9 Kilogramm). Quelle: Dietrich Flechtner

Der 50-Jährige leitet den Fachdienst Einsatzzüge in Dresden. Das sind jene Einheiten, die in der Landeshauptstadt für Sicherheit bei Großeinsätzen sorgen und deshalb entsprechende Ausrüstung tragen. Dabei gehe es um weitaus mehr als den Schutz der Beamten – nämlich darum, die uneingeschränkte Möglichkeit zu haben, sachgerecht zu reagieren.

Minuten entscheiden

„Wir bewerten im Vorfeld die Infos, die uns zur Verfügung stehen. Das sind oft nicht viele“, sagt Polizeiobermeister Dan Vogel. Der 31-Jährige ist Teil der Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit, einem speziell ausgebildeten Einsatzzug in Dresden. Die Herausforderung sei jedes Mal, so schnell wie möglich vor Ort zu sein. „Wir tragen die Verantwortung, wenn wir zu langsam waren. Gleichzeitig müssen wir uns ausreichend schützen, sonst haben wir auch nichts gekonnt“, beschreibt Vogel den Zwiespalt.

Ausrüstung eines Streifenpolizisten

• Ballistischer Unterziehweste (2,4 kg): fungiert als „zweite Haut“ und wird für jeden Beamten individuell angefertigt (Wert etwa 1000 Euro).

• Die Weste aus Aramidfasern gibt bei einem Treffer bis zu vier Zentimeter nach – durch die Kraft können also trotzdem Rippen gebrochen werden. „Ein Treffer ist nicht angenehm. Aber für angenehm ist diese Weste auch nicht gedacht“, so Eißner.

• Koppel (3,5 kg) mit u.a. Pistole (Heckler und Koch SFP9; 1,2 kg), Handschellen, Munition, Taschenlampe, Reizgas, Funkgerät, Notizbuch und Telefon

Er erinnert sich dabei an das Familiendrama im Mai dieses Jahres in der Dresdner Neustadt, als ein Vater nach einem eskalierten Familienstreit seine beiden Kinder töteteund deren Mutter schwer verletzte. Vogels Kollegen waren als erste vor Ort, da sie sich bei ihrer Streife zufällig in der Nähe befanden. Als die Beamten damals in die Wohnung gelangten, war der Vater und mutmaßliche Täter schon auf der Flucht.

Bei der Wohnungsdurchsuchung entdeckten die Kollegen dann die beiden Kinder im Bett. Der fünfjährige Junge war bereits tot, seine zweijährige Schwester schwer verletzt. „Meine Kollegen haben mit ihrer Standardschutzausrüstung – also lediglich mit einer stich- und schusssicheren Weste – die Wohnung betreten. Bei der Abwägung entschied in diesem Fall: Hauptsache schnell“, schildert Vogel. Die Entscheidung war gänzlich richtig: Die Streifenpolizei konnte den Vater noch in Tatortnähe festnehmen.

Dan Vogel in der Körperschutzausstattung (insgesamt bis zu 23 Kilogramm), die bei Großveranstaltungen zum Einsatz kommt. Quelle: Dietrich Flechtner

Jede Ausstattung hat ihre Grenzen

„Wir gehen immer vom Ernstfall und der schlimmsten Gefahr aus“, sagt Eißner. Alles andere wäre grob fahrlässig. Die Beamten haben deshalb immer eine bestimmte Auswahl an Ausrüstung und Waffen dabei, um für alles gewappnet zu sein. Ein Polizist müsse darüber hinaus weiter denken und dem augenblicklichen Geschehen immer zwei Züge voraus sein, um auf etwaige Entwicklungen reagieren zu können. Jede Ausstattung hat jedoch ihre Grenzen – „und absolute Sicherheit gibt es nie“, gibt Eißner zu Bedenken.

Ausrüstung für Großveranstaltungen

• Helm (2,1 kg) gegen Bewurf mit Visier und Nackenschutz

• Schlag- und Stichschutzweste mit Metallplatte (5,4 kg) aus Aramidfasern

• Flammenhemmender Overall (1 kg) und schwer entflammbare Unterwäsche (600 g)

• Koppel mit Pistole u. sonstiger Ausrüstung (3,5 kg)

• Arm- und Beinprotektoren (2,3 kg)

• Geräteweste für Funkgerät und anderes (3 kg)

• Transparenter Schutzschild gegen Bewurf (2,8 kg, nicht im Bild)

• Einsatzstiefel mit Stahlkappe (2,3 kg)

Den Tod vor Augen

Die ballistische Ausrüstung für lebensbedrohliche Einsatzlagen (insgesamt bis zu 48,5 Kilogramm). Quelle: Dietrich Flechtner

Im Mai 2018 waren Vogel und Eißner beim Polizeieinsatz in der Königsbrücker Heide dabei. Dort hatte sich ein Mann verschanzt, nachdem er seine Nachbarin umgebracht und einen G9-Polizisten verletzt hatte.

„Uns war bewusst, dass da jemand unterwegs ist, der uns töten will“, sagt Vogel. Er war damals bereits im Elternhaus des Täters, als nach ihm gefahndet wurde. Als sich der 33-jährige Täter schließlich versteckte, sicherte Vogel mit seinen Kollegen die Zufahrtsstraßen ab. „Ich lag mit meinem Gewehr auf dem Boden und wusste, dass der Gesuchte bewaffnet ist und jederzeit auftauchen kann. Da habe ich mich schon gefragt, was passiert, wenn er jetzt kommt und schießt“, schildert Vogel. In solchen Situationen funktioniere man als Polizist einfach. „Ich weiß, was von mir erwartet wird und agiere dementsprechend.“

Ballistische Ausrüstung für lebensbedrohliche Einsatzlagen

• Ballistischer Helm gegen Beschuss (1,4 kg)

• Schutzbrille (150 g) und Gehörschutz (350 g)

• Plattenträger aus Aramidfasern, schützt auch gegen Gewehrbeschuss (9,2 kg)

• Flammenhemmender Overall (1 kg) und schwer entflammbare Unterwäsche (600 g)

• Koppel mit Pistole und sonstiger Ausrüstung (3,5 kg) sowie Gewehr AR-15 (3,5 kg)

• Geräteweste für Funkgerät und anderes (3 kg)

• Ballistischer Schild mit Sichtfeld, Licht und Standbein zu Deckung (20 kg)

• Einsatzstiefel mit Stahlkappe (2,3 kg)

Der brutale Fall hat Vogel und Eißner maßgeblich geprägt. „Wir wissen, dass schlimme Dinge passieren können. Aber dann sind diese Vorfälle auf einmal nicht mehr abstrakt, sondern real“, sagt Vogel. Solche Situationen gingen nie spurlos an ihnen vorbei. „Je mehr man sich das einredet, desto unwahrer ist es.“

Akribisches Aufrüsten

Viel Zeit für solche Gedanken bleibt im Ernstfall nicht – innerhalb von fünf Minuten nach Eingehen des Notrufs wollen die Beamten auf der Straße sein. „Das ist unser Anspruch“, so Vogel. Vor jedem Dienstbeginn stellen die Polizisten deshalb akribisch ihre Ausstattung auf dem Revier zusammen. Dafür holen die Beamten zunächst ihre persönliche Pistole aus der Waffenkammer, wo sie diese in einzelnen Schließfächern aufbewahren. Den Rest ihrer Schutzausrüstung beschaffen sie sich aus den Rüsträumen. Schließlich bestücken sie ihre Einsatzfahrzeuge: Streifenwagen führen zu jedem Einsatz eine Maschinenpistole V mit sich, Interventionskräfte haben zudem das halbautomatische Gewehr AR-15 dabei. Ist alles verstaut, sind die Einsatzkräfte „voll rollfähig“ und stehen auf Abruf bereit.

Wie werde ich Polizist?

Polizist werden kann jeder, der die formalen Einstellungsvoraussetzungen erfüllt. Dazu zählen unter anderem die gesundheitliche Eignung und ein sauberes Vorstrafenregister. Außerdem müssen Interessenten ein Auswahlverfahren bestehen. Am Tag seiner Einstellung darf der angehende Beamte nicht älter als 35 Jahre sein.

Die Karriere startet mit einer Ausbildung oder einem Studium.

Die Ausbildung dauert 30 Monate und ist an einer der Polizeifachschulen in Leipzig, Chemnitz oder Schneeberg möglich. Mit bestandener Laufbahnprüfung erfolgt die Ernennung zum Polizeimeister.

Das Studium dauert drei Jahre und beinhaltet ein einjähriges Grundstudium in Bautzen und zwei weitere Jahre an der Hochschule der Sächsischen Polizei in Rothenburg. Im Anschluss winkt die Ernennung zum Polizeikommissar.

Geld verdient wird bereits in der Ausbildung. Der Polizeimeisteranwärter bringt es anfangs monatlich auf 1182,02 Euro, ein Po­lizeimeister dann zum Einstieg auf 2078,38 Euro. Wer studiert erhält anfangs 1227,19 Euro, der Polizeikommissar steigt mit 2 319,66 Euro ein (alle Angaben für ledige Personen, Stand 1. Januar 2018).

Weitere Infos zur Karriere bei der sächsischen Polizei, zu Einstiegsmöglichkeiten und den späteren Verwendungsmöglichkeiten gibt es unter verdaechtig-gute-jobs.de.

Nach dem Notruf entscheidet der Gruppenführer der Schicht über Ausrüstung und Bewaffnung. Dann muss es schnell gehen: Die Beamten eilen zu ihrem zugeteilten Fahrzeug und rüsten dort auf. Nach einem gegenseitigen Partnercheck geht es für Vogel und seine Kollegen schließlich auf die Straße – in der Hoffnung, rechtzeitig und gut gerüstet vor Ort zu sein.

Tatort Dresden – Die komplette Serie

Auf Nachtschicht mit dem Kriminaldauerdienst

Polizeihauptkommissar Andreas Scholz trainiert die Dresdner Polizei am Schießstand

110: Der Polizist am anderen Ende der Leitung des Notrufs

Die Brandursachenermittlerin

Das Lagezentrum

Die Verkehrspolizei

Das Polizeiorchester

Die Streifenpolizei

Der Mordermittler

Die Ausrüstung

Der Staatsschutz

Die Pressestelle

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