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Lokales 110: Der Polizist am anderen Ende der Leitung des Notrufs
Dresden Lokales 110: Der Polizist am anderen Ende der Leitung des Notrufs
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16:08 03.10.2019
Stefan Krause ist einer von 60 Polizisten, die im Führungs- und Lagezentrum Notrufe entgegennehmen. Quelle: Anja Schneider
Dresden

Die rote Lampe über den fünf Bildschirmen an Stefan Krauses Arbeitsplatz leuchtet. Mit klarer Stimme stellt sich der Polizeihauptkommissar dem unbekanntem Anrufer vor – der ruhige und sachliche Ton hilft im Umgang mit allen, die hier anrufen. Hier, das ist das Führungs- und Lagezentrum der Polizeidirektion Dresden. Dort landen alle Anrufer, die die 110 gewählt haben.

Der 39-jährige Krause ist einer der erfahrenen Polizisten, die als erste mit Menschen in einer Notlage zu tun haben. Er spricht mit solchen, die um ihr Leben fürchten. Bei denen eingebrochen worden ist. Die ihr Kind vermissen. Die nach einem Unfall im Sterben liegen. Die verdächtige Gestalten auf dunkler Straße beobachten. Die sich einen schlechten Scherz leisten. „Man kann nicht wissen, was mit dem nächsten Anruf auf einen zukommt“, hat er noch gesagt, bevor er den eingehenden Anruf entgegennahm und die rote Lampe zu leuchten begann. Anspannung liegt in der Luft.

Wenn die rote Lampe über Stefan Krauses Arbeitsplatz leuchtet, dann spricht dieser gerade mit einem Anrufer, der die 110 gewählt hat. Quelle: Anja Schneider

Dann Entspannung. Nach wenigen Gesprächsmomenten ist klar: Es handelt sich um einen Autoeinbruch, den Krause routiniert aufnimmt. Wo steht das Auto? Was fehlt? Nein, nichts anfassen, wo noch Spuren gesichert werden können. Eigentlich wäre der Anruf im Revier besser aufgehoben, weil keine Gefahr im Verzug ist, aber der 39-Jährige bleibt freundlich und sachlich. Erledigt. Die rote Lampe geht aus.

Verschnaufpause über den Mittag

„So ist das oft am Montagmorgen“, sagt der Polizeihauptkommissar. Wer zur Arbeit will, merkt dann, dass an seinem Auto etwas nicht stimmt. Außerdem melden sich montags vermehrt Geschäftsinhaber, bei denen über das Wochenende eingebrochen worden ist. An seinem Stehpult kann Krause über die eingehenden Notrufe verfolgen, wie die Dresdner und ihre Besucher leben, wie die Stadt atmet.

Sobald die Pendler die Stadt erreichen und die meisten zur Arbeit fahren, häufen sich die Unfallmeldungen in der Notrufzentrale. Über Mittag gibt es eine Verschnaufpause, ehe nachmittags wieder Unfälle das Geschehen bestimmen. Abends beschäftigen dann vor allem häusliche Gewalt, Ruhestörung und Schlimmeres die Disponenten in der Notrufzentrale.

Wenn es spät wird, ruft immer wieder mal auch ein Betrunkener an, der von der Polizei nach Hause gefahren werden möchte – ein Sinnlosanruf, der keinem der Disponenten mehr ein müdes Lächeln entlockt. „Freitagnacht und Sonnabendnacht gibt es gerade bei schönem Wetter die meisten Notrufe“, sagt Krause. „Am Sonntag ist dann meist der ruhigste Tag der Woche.“

Eventuelle Gefahren erkennen

450 bis 500 Einsätze werden täglich im Führungs- und Lagezentrum koordiniert, die Zahl der Anrufe liegt höher. Und jedes Detail kann dabei entscheidend sein. Was sagt der Anrufer und wie sagt er es? Ist das Geschilderte glaubhaft? Mit welcher Gefährdung ist zu rechnen? Diese Fragen vor allem muss Krause klären – im Gespräch mit Anrufern, deren Stimmen sich überschlagen oder die kaum ein Wort hervorbringen können. Die zu geschockt sind, um klar zu denken, oder abgeklärt über ihre eigene Rolle im Geschehen lügen. „Meine Kollegen vor Ort sind darauf angewiesen, dass ich sie so gut vorbereitet wie möglich in die jeweilige Situation schicke“, sagt Krause.

Fast 400 Einsätze am Tag

Zehn Arbeitsplätze gibt es in im Führungs- und Lagezentrum, wenigstens sieben sind immer besetzt. In die Arbeit teilen sich 60 Beamte, die in zwölf Stunden langen Schichten arbeiten.

144 083 Einsätze wurden im Jahr 2018 vom Führungs- und Lagezentrum aus koordiniert. Das waren im Schnitt 398 am Tag, zehn mehr als noch im Tagesschnitt 2017. Die Tendenz ist seit Jahren ansteigend.

Der arbeitsreichste Monat für die Disponenten im Führungs- und Lagezentrum war 2018 der August. In diesem Monat mussten 14 226 Einsätze koordiniert werden. Mit 10 798 Einsätzen war der Februar der schwächste Monat. So oder so ähnlich verteilt sich das Aufkommen meist im Jahresverlauf.

An 98 Tagen im Jahr 2018 gab es mehr als 450 Anrufe, mehr als 500 gab es an 18 Tagen. Mehr als 600 Anrufe gab es an zwei Tagen im vergangenen Jahr, sie standen im Zusammenhang mit der Fliegerbombe in Löbtau. Ein Tag im Jahr 2018 brachte mehr als 900 Anrufer. Das war Mitte Januar, als Sturmtief Friederike großflächig für Schäden sorgte.

Deshalb gelte es aus ihrer Sicht vor allem eventuelle Gefahren zu erkennen. „Ich habe lange im Streifendienst gearbeitet, kenne viele Situationen“, sagt er. Deshalb kamen bisher vor allem erfahrene Leute in die Notrufzentrale. Davon profitiert auch, wer einen Notruf absetzt. Der hofft zwar in erster Linie auf schnelle, aber eben auch auf die richtige Hilfe. Schnell seien die Einsatzkräfte vor allem bei schweren Fällen, sagt Krause. Bei einfachen Unfällen ohne Verletzte könne es dagegen dauern, fügt der 39-Jährige an.

Auf einem seiner fünf Bildschirme sieht er jedes Einsatzfahrzeug, das sich aktuell im Stadtgebiet bewegt. Es sind viele, aber fast alle haben schon einen festen Auftrag. Die wenigsten sind frei verfügbar, so dass Krause und seine Kollegen sie zu den minütlich neu hereinkommenden Einsatzorten schicken können.

Der 39-Jährige hofft deshalb, dass mit den versprochenen 1000 neuen Stellen für Polizeibeamte in Sachsen mehr Streifenpolizisten auf die Straße kommen. Dann würde auch der Ton weniger ruppig, wenn manch Wartende ein drittes oder viertes Mal in der Notrufzentrale anrufen, weil der versprochene Einsatzwagen immer noch nicht erschienen ist.

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Notrufe können keine Akkordarbeit sein

Wenigstens sieben Disponenten und ein Polizeiführer vom Dienst arbeiten pro Zwölf-Stunden-Schicht im Führungs- und Lagezentrum. „Mehr ist besser“, sagt Krause. Denn Notrufe entgegen zu nehmen, kann keine Akkordarbeit sein. Das merkt man vor allem bei den schweren Fällen.

Etwa wenn sich ein Notruf wegen mutmaßlicher häuslicher Gewalt als ein Tötungsdelikt entpuppt, so wie zuletzt im Mai, als ein55-Jähriger bei einem eskalierten Familienstreit in der Dresdner Neustadt zwei Kinder tötete und deren Mutter schwer verletzte. „Da haben sich die Kollegen gegenseitig unterstützt. Während einer mit dem Anrufer sprach, haben andere den Einsatz koordiniert“, sagt Krause.

Sooft es personell geht, arbeitet die Notrufzentrale nach einem Disponentenprinzip. Dann ist ein Mitarbeiter nur dafür zuständig, die Einsatzwagen im Stadtgebiet zu koordinieren, ein weiterer für die in den Landkreisen Sächsische Schweiz-Osterzgebirge und Meißen, die ebenfalls zum Gebiet der Polizeidirektion Dresden gehören. Alle anderen nehmen Anrufe entgegen. Diese Arbeitsweise habe sich bewährt, weil durch das gleichzeitige Vorgehen schneller geholfen werden könne, sagt der Polizeihauptkommissar.

Polizisten brauchen viel Gespür

Es gehört viel Gespür dazu, zu erkennen, wann ein Kollege Hilfe braucht. Krause selbst hatte neulich so einen Fall. Durch ein langes Gespräch konnte er einen Anrufer von dessen Vorhaben abbringen, sich das Leben zu nehmen, während ein Kollege im Hintergrund Einsatzkräfte vor Ort lotste.

Nicht nur für solche Fälle sehen die Disponenten jede eingehende Telefonnummer – egal ob der Anrufer seine Rufnummer unterdrückt oder nicht. „Ich konnte dafür sorgen, dass der Suizidant sich nichts angetan hat – zumindest nicht an diesem Tag“, sagt Krause.

Wer es mit seinen Selbstmordabsichten ernst nehme, rufe vorher jedoch selten beim Notruf an, fügt er an. „Nach so einem Telefonat ist es manchmal schwierig, wenn der nächste Anrufer jemand ist, der sich wegen einer Lappalie meldet“, sagt Krause. „Dann muss man trotzdem ruhig bleiben, der Anrufer kann ja nicht wissen, was vorher hier passiert ist.“

„Nicht zu helfen, ist keine Option“

Und so wird in der Notrufzentrale vielen geholfen, die eigentlich beim Revier besser aufgehoben wären. Und auch viele medizinische Notfälle, die eigentlich unter der 112 an der richtigen Nummer sind, werden in der Polizei-Notrufzentrale bedient. „Das dauert dann zwar etwas länger, als wenn die Anrufer direkt die 112 gewählt hätten, aber nicht zu helfen ist keine Option“, sagt Krause. Man tue alles, um Rettungswagen und Notarzt vor Ort zu schicken.

Dann ist Schichtende. Wie geht man nach zwölf Stunden nach Hause, in denen man so viel menschliches Leid erfahren hat? „Man darf das Geschehene emotional nicht so an sich heranlassen“, sagt Krause. „Wer das mit nach Hause nimmt, wird diese Arbeit nicht lange machen können.“ Vielleicht hilft es auch, dass der 39-Jährige die Dinge von der anderen Seite sieht: Klar, es haben wieder viele Menschen in Not angerufen. Aber, und das ist das Wichtige, er konnte ihnen helfen.

Tatort Dresden – Die komplette Serie

Der Kriminaldauerdienst

Die Schießausbildung

Die Notrufzentrale

Die Brandursachenermittlerin

Das Lagezentrum

Die Verkehrspolizei

Das Polizeiorchester

Die Streifenpolizei

Der Mordermittler

Die Ausrüstung

Der Staatsschutz

Die Pressestelle

Das Interview mit dem Kripo-Chef

Von Uwe Hofmann

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