Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Lokales DNN-Polizeiserie: Eine Nachtschicht mit dem Kriminaldauerdienst
Dresden Lokales DNN-Polizeiserie: Eine Nachtschicht mit dem Kriminaldauerdienst
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:06 03.10.2019
Steffen Kranz bereitet sich für seine Nachtschicht vor. Quelle: Anja Schneider
Dresden

Steffen Kranz kniet vor einem Schuhregal aus alten Weinkisten und schaut sich in Ruhe ein Schuhprofil nach dem anderen an. Der Ermittler ist auf der Suche nach Anhaltspunkten, die auf einen Einbruch hinweisen.

Um 1.50 Uhr in der Nacht wurden er und seine Kollegin Anne Tobar zu einem Tatort nach Löbtau gerufen. Dort hatte eine Anwohnerin verdächtige Stimmen auf ihrer Terrasse gehört und sofort per Notruf die Polizei alarmiert. Auch Kranz hat das Gefühl: Hier stimmt etwas nicht.

Tobar und Kranz vom Kriminaldauerdienst (KDD) sind kurz nach den Beamten der Streifenpolizei vor Ort. Beide verschaffen sich zunächst einen Überblick über die Lage, sprechen mit ihren Kollegen und der Anwohnerin. Danach besichtigen sie den mutmaßlichen Tatort.

Auf der Terrasse liegen Scherben von Solarlampen, der Gartentisch ist verrutscht worden – so, als hätte jemand versucht, über das Vordach in die Wohnung der darüber liegenden 1. Etage einzusteigen. Dort stand zu dem Zeitpunkt ein Fenster sperrangelweit offen.

Rund um die Uhr im Einsatz

Kriminaldauerdienst (KDD): Bereitschaftsdienst der Kriminalpolizei – er ist rund um die Uhr im Einsatz.

Insgesamt sind derzeit 41 Mitarbeiter beim KDD tätig, pro Schicht sind mindestens sieben Mitarbeiter im Einsatz.

Alles, was mit mittleren und schweren Straftaten zusammenhängt, fällt in das Gebiet des KDD: Etwa Brandstiftung, Sexualdelikte, schwerere Körperverletzung sowie Raub- und Tötungsdelikte.

Die Beamten vom KDD sind nach der Streifenpolizei mit als Erster vor Ort.

Der KDD Dresden unterstützt das Kommissariat 11 zudem bei Mordfällen hinsichtlich Tatortsicherung, fotografischer Sicherung, Zeugenfeststellung und Fahndungsmaßnahmen. Etwa fünf Mal im Monat werden die Beamten des KDD zur Unterstützung solcher Einsätze gerufen.

Die Beamten arbeiten rund 160 Stunden im Monat, normalerweise fünf Tage hintereinander mit zwei freien Tagen im Anschluss. An Wochenenden dauern die Schichten 12.15 Stunden, ansonsten 8.15 Stunden.

Auf Spurensuche

Kranz steht rauchend auf der Terrasse des Hauses und betrachtet nachdenklich den Tatort. Dann tritt er seine Zigarette aus und leuchtet mit seiner Taschenlampe auf die Glasplatte des Gartentisches. Dort sind im Staub deutlich Fußabdrücke mit auffälligem Schuhprofil zu erkennen.

Währenddessen ist seine Kollegin Anne Tobar in der mutmaßlichen Einbruch-Wohnung in der 1. Etage. Dort spricht sie mit den Bewohnern einer Studenten-WG. Das Mädchen, welches das Zimmer mit dem offenen Fenster bewohnt, ist mit einem Freund gerade erst von einem Konzert nach Hause gekommen – zufällig zur ungefähren Tatzeit. Die Wohnungstür hatte beim Versuch, sie zu öffnen, geklemmt. Per Sturmklingel hatten sie deshalb ihren Mitbewohner geweckt, bis dieser die Tür öffnete. Jemanden gesehen haben beide nicht, auf den ersten Blick scheint nichts aus dem Zimmer zu fehlen.

Anne Tobar notiert sich die Einzelheiten zum mutmaßlichen Einbruch in Löbtau. Später gibt sie die Daten auf dem Revier in den Computer ein. Quelle: Anja Schneider

Zwischen Lüge und Wahrheit

Während die Kollegen der Streifenpolizei die Wohnung vergeblich auf Schuhe mit dem verdächtigen Profil durchkämmt haben und Tobar bereits eine Anzeige wegen Einbruchs zu Protokoll nimmt, kommt Kranz in die Wohnung der ersten Etage, um sich selbst ein Bild von der Lage zu machen. Nur wenige Minuten später geht er in das Zimmer der Studenten – mit einem Schuh.

„Wem gehört der?“, will der 48-jährige Ermittler wissen. „Mir“, gibt der Freund der Bewohnerin zu Protokoll. „Dann erklär mir jetzt mal, wie dein Fußabdruck auf den Tisch der Nachbarin unter euch kommt“, antwortet Kranz prompt.

Der junge Besucher wirkt plötzlich eingeschüchtert. Als Kranz noch einmal nachbohrt, knickt er schließlich ein. „Wir wollten in die Wohnung und die Tür hat geklemmt. Ich wollte über das Vordach der Terrasse durch das Fenster einsteigen und uns so die Tür öffnen. Als ich gesehen habe, dass jemand kommt, bin ich erschrocken und abgehauen“, gesteht er. Der Mitbewohner sei zur gleichen Zeit zufällig aufgewacht und habe ihnen die Tür im oberen Geschoss geöffnet.

Auch das Ablegen von Akten gehört beim dem Job dazu, sagt Anne Tobar. Quelle: Anja Schneider

Mit Intuition

Als Kranz das Ergebnis im Nachhinein an das Lagezentrum weitergibt, ärgert er sich: „So einen Kindergarten kann ich nicht leiden. Schwindeln, bis sich die Balken biegen.“ Er war sich von Anfang an sicher gewesen, dass es sich bei dem vermeintlichen Täter um einen Bewohner der Studenten-WG handelt – obwohl die Kollegen der Streifenpolizei die Wohnung bereits durchsucht hatten.

„Ein Ermittler muss immer bis zum Ende prüfen. In diesem Fall waren die Turnschuhe ganz unten im Regal versteckt.“ Diese Menschenkenntnis kommt mit der Zeit. „Ein Beamter kann viel erahnen. Das lernen wir auf der Straße.“ Zu viel Misstrauen sei dabei jedoch hinderlich. „Ein Polizist sollte Vertrauen schenken, sich in den Sachverhalt hineindenken und mit seiner Intuition arbeiten“, ergänzt Tobar.

Kein Ende in Sicht

Zurück auf der Straße rasen die Kriminalbeamten um 2.03 Uhr zu einer ausgearteten Feier nach Mickten. Im Lagezentrum ist der Notruf einer Frau eingegangen. Der Gastgeber habe ihr im Streit eine Pistole an den Kopf gehalten. Danach schoss er laut Angaben der Bedrohten noch drei Mal in die Decke. Tobar und Kranz treffen sich zunächst mit den Einsatzleitern des Polizeireviers Dresden-West auf einem nahegelegen Parkplatz, nicht weit vom Einsatzort entfernt. Mehr als zehn Polizeiwagen haben sich innerhalb weniger Minuten an der Sammelstelle eingefunden. Der bewaffnete Gastgeber hat sich mittlerweile in seiner Werkstatt verschanzt. Noch ist unklar, ob die Pistole scharf ist – und ob sich gar eine Person in seiner Gewalt befindet.

„Bei diesen Fällen werden wir hinzugezogen, für den Fall, dass eine schwere Straftat vorliegt. Auch das Spezialeinsatzkommando wurde schon vorinformiert“, erklärt Tobar. Die Beamten haben mittlerweile telefonisch mit dem Täter Kontakt aufgenommen.

Nach einem längeren Gespräch stellt sich der Mann schließlich. Mit einem Spürhund durchsuchen die Polizisten anschließend die Werkstatt auf die Waffe, die sich letztlich als Schreckschusspistole herausstellt. Der Fall erweist sich als sogenannte Einfache Bedrohung. Die Kollegen der Schutzpolizei wickeln den Rest des Falls selbst ab.

Wie werde ich Polizist?

Polizist werden kann jeder, der die formalen Einstellungsvoraussetzungen erfüllt. Dazu zählen unter anderem die gesundheitliche Eignung und ein sauberes Vorstrafenregister. Außerdem müssen Interessenten ein Auswahlverfahren bestehen. Am Tag seiner Einstellung darf der angehende Beamte nicht älter als 35 Jahre sein.

Die Karriere startet mit einer Ausbildung oder einem Studium.

Die Ausbildung dauert 30 Monate und ist an einer der Polizeifachschulen in Leipzig, Chemnitz oder Schneeberg möglich. Mit bestandener Laufbahnprüfung erfolgt die Ernennung zum Polizeimeister.

Das Studium dauert drei Jahre und beinhaltet ein einjähriges Grundstudium in Bautzen und zwei weitere Jahre an der Hochschule der Sächsischen Polizei in Rothenburg. Im Anschluss winkt die Ernennung zum Polizeikommissar.

Geld verdient wird bereits in der Ausbildung. Der Polizeimeisteranwärter bringt es anfangs monatlich auf 1182,02 Euro, ein Po­lizeimeister dann zum Einstieg auf 2078,38 Euro. Wer studiert erhält anfangs 1227,19 Euro, der Polizeikommissar steigt mit 2 319,66 Euro ein (alle Angaben für ledige Personen, Stand 1. Januar 2018).

Weitere Infos zur Karriere bei der sächsischen Polizei, zu Einstiegsmöglichkeiten und den späteren Verwendungsmöglichkeiten gibt es unter verdaechtig-gute-jobs.de.

Auf Streife

Für das Duo des KDD geht es wieder zurück auf die Dresdner Straßen. Eine feste Tour bei ihrer Streife haben die beiden nicht, die Teams sind an keinen Revierbereich gebunden – sie haben aber so ihre Orte, die sie abfahren. „Solche, bei denen man mit den Jahren so seine Erfolge hatte“, meint Kranz. Währenddessen hören sie auf den Funkkanälen der anderen Reviere mit, was in der Stadt passiert.

Verallgemeinern, wie viel Einsätze die beiden im Schnitt in einer Schicht haben, können sie nicht. Die Anzahl der Straftaten sei im Sommer jedoch deutlich höher als im Winter. Kranz zufolge haben Gewaltpotential und Gewaltbereitschaft im Allgemeinen zugenommen – das sei erschreckend. „Es ist erstaunlich, wie oft beispielsweise Messer wegen Nichtigkeiten zum Einsatz kommen“, so der Beamte. Zudem hätten sich auch die Tatzeiten merklich nach hinten verschoben. Fand früher ein Großteil der Verbrechen zwischen 1 und 3 Uhr früh statt, wird der KDD nunmehr zwischen 3 und 5 Uhr zu den meisten Einsätzen gerufen.

Vieles lässt nicht los

Vor allem Kranz hat in seiner Dienstzeit schon einiges erlebt. Unter anderem hat ihn ein Bankräuber mit einer Axt angegriffen und ihm im Gefecht ein Stück Fleisch aus dem Knie gebissen. „Man hat schon alles Mögliche durchlebt“, sagt er. Und dennoch überrascht der Beruf den Beamten immer wieder: „Du weißt nie, was passiert.“

Lebensbedrohliche Umstände sind dabei keine Seltenheit, auch auf ihn ist schon geschossen worden. „In solchen Situationen musst du funktionieren. Du darfst da draußen keine Angst haben“, sagt Kranz. Dennoch hoffe er immer, selbst nicht schießen zu müssen.

Es gibt keine menschliche Untiefe, die den Beamten nicht begegnet. Nahe gehen ihnen vor allem Kinderschicksale. Kranz erinnert sich dabei an einen außergewöhnlichen Fall. Damals meldeten Eltern ihre Tochter während seines Frühdienstes vermisst. Das Mädchen hatte in ihrer Schullaufbahn immer nur die Bestnote 1 erhalten, im Studium nun zum ersten Mal die Zensur 2. Daraufhin sei sie vor Scham weggelaufen. Am Ende des Tages wurde Kranz dann zu einem Schienensuizid gerufen. Als ihn die Beamten vor Ort mit dem Namen der jungen Frauenleiche konfrontierten, dämmerte es dem 48-Jährigen plötzlich – den Namen hatte er am Morgen schon einmal gehört. Bis heute beschäftigt ihn dieser Vorfall.

Steffen Kranz

48 Jahre alt

Kriminalhauptmeister

seit dem Jahr 2000 beim KDD

erst bei ziviler Einsatzgruppe tätig, dann zum KDD gewechselt

Berufswunsch als Kind: Sportlehrer „Aufgrund von leichten Schäden an der Wirbelsäule konnte ich das nicht verwirklichen. Dann kam der Wunsch auf, Polizist zu werden“, erinnert sich der Beamte.

Nach einer Nachtschicht geht er gerne auf den Balkon und schaut sich den Sonnenaufgang an. Dabei lässt er die Nacht Revue passieren.

Anne Tobar

28 Jahre alt

Kriminalkommissarin

seit Oktober 2018 beim KDD

Abitur 2009, danach Polizei-Ausbildung in Thüringen

Seit sie denken kann, ist es ihr Ziel zur Mordkommission zu kommen. Bevor man zur Mordkommission kommt muss man beim KDD gewesen sein.

Berufswunsch als Kind: Tierärztin „Ich wollte aber keine Tiere einschläfern – dann also lieber als Polizistin Menschen helfen“, sagt Tobar.

Nach einer Nachtschicht fällt die Beamtin nur noch ins Bett.

Neutralität wahren

Wichtig sei, in all den Jahren keine Vorurteile aufzubauen. „Es ist leicht, Leute in Schubladen zu stecken, aber nicht zielführend. Das ist zwar eine Herausforderung für die eigenen Moral, aber es geht dabei ja nicht um mich“, so Tobar.

Der Täter habe schließlich eine Geschichte. Und Gründe. „Der Grund ist natürlich keine Entschuldigung. Aber meine Wut oder mein Ärger darüber ist in diesem Moment egal. Es ist meine Pflicht gegenüber jedem, neutral zu sein und die Dinge dementsprechend zu betrachten“, so die 28-Jährige.

Mittlerweile ist es 5 Uhr früh, Tobar und Kranz fahren ihre letzte Tour durch die Neustadt. Die Sonne ist bereits über der Landeshauptstadt aufgegangen, der Himmel leuchtet fast schon trügerisch unschuldig in zartem Pastellrosa und warmen Orange-Tönen. Ein neuer Tag beginnt in Dresden – für das Duo Tobar und Kranz endet eine lebhafte Nachtschicht.

Tatort Dresden – Die komplette Serie: Jetzt und demnächst in den DNN

Der Kriminaldauerdienst

Die Schießausbildung

Die Notrufzentrale

Die Brandursachenermittlerin

Das Lagezentrum

Die Verkehrspolizei

Das Polizeiorchester

Die Streifenpolizei

Der Mordermittler

Die Ausrüstung

Der Staatsschutz

Die Pressestelle

Das Interview mit dem Kripo-Chef

Von Annafried Schmidt

Die Flutschutztore am Ostra-Ufer und an der Weißeritzstraße werden am Sonntag zur Überprüfung ihrer Funktionstüchtigkeit als Probe für den Ernstfall aufgebaut. Von 6.30 bis 16 Uhr ist die Straßenkreuzung Ostra-Ufer, Weißeritzstraße und Pieschener Allee  am Sonntag deshalb komplett gesperrt.

03.08.2019

Am Freitag verzückte Roland Kaiser wiederholt am Elbufer über 12.000 Fans. Auf die Auftaktshow der diesjährigen „Kaisermania“ in Dresden folgen noch drei weitere Konzerte.

03.08.2019

Seit vergangenem Jahr werden die 14 Brückenbögen der Albertbrücke in Dresden überarbeitet. Wenn im Herbst Bogen 10 fertig ist, ruhen diese Arbeiten bis auf Weiteres, obwohl noch die drei Bögen direkt über der Elbe saniert werden müssen. Das liegt an den Bauplänen für die Carolabrücke.

03.08.2019