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Corona in Dresden: Wir wollen wieder arbeiten!

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18:25 11.05.2021
Eventmanager Thomas Röpke, Michael Hell, Geschäftsführer der Roten Doppeldecker, und Schauspielerin Babette Kuschel (v.l.) wollen wieder loslegen.
Eventmanager Thomas Röpke, Michael Hell, Geschäftsführer der Roten Doppeldecker, und Schauspielerin Babette Kuschel (v.l.) wollen wieder loslegen. Quelle: Dietrich Flechtner/Anja Schneider
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Dresden

Für viele Dresdner heißt es seit Monaten: Stillstand. Schauspieler und Musiker dürfen nicht auf die Bühne, Reiseleiter keine Gäste begrüßen. Dabei wollen nicht wenige einfach nur eines: arbeiten. Wir haben nachgefragt.

Michael Hell, Geschäftsführer und Ticketverkäufer bei den Roten Doppeldeckern (Stadtrundfahrt):

Michael Hell musste in seinem Berufsleben schon öfter Leerläufe durchstehen, doch nach einem halben Jahr Zwangspause kommt auch er an seine Grenzen. Quelle: Dietrich Flechtner

„Es wird Zeit, dass du wieder auf die Arbeit kommst.“ Diesen Satz bekommt Michael Hell in seinem Umfeld immer öfter zu hören. „Damit ich wieder ausgeglichener bin“, sagt der Gästeführer von der Dresdner Stadtrundfahrt. Seitdem die Touristen ausbleiben, ruhen sein roter Doppeldecker-Bus und das Mikrofon, durch das er den Menschen in Nicht-Corona-Zeiten die Stadt erklärt. „Mein Job ist meine Berufung“, sagt der 45-Jährige. Nicht nur, weil er seinen Gästen Dinge erzählen kann, die „nicht in jedem Reiseführer stehen“, sondern weil sich dabei auch für ihn Türen öffneten.

Wie damals, als er auf einer Tour einen Venezolaner kennengelernt hatte, den er danach in dessen Heimat besuchte. Michael Hell musste in seinem Berufsleben schon öfter Leerläufe durchstehen, doch nach einem halben Jahr Zwangspause kommt auch er an seine Grenzen. Zwar hat der Gästefrüher die Zeit für seine zweite Leidenschaft, die Musik, genutzt und sich ein eigenes Didgeridoo gebaut. „Aber jetzt ist mein Instrument fertig“, sagt er, „und ich möchte endlich wieder loslegen.“

Babette Kuschel, Schauspielerin

Babette Kuschel stand im Oktober zum letzten Mal auf der Bühne. Quelle: Anja Schneider

Babette Kuschel erinnert sich noch genau an ihre letzte Aufführung. Als sie im Oktober „Bei der Feuerwehr wird der Kaffee kalt“ spielte, hatte sie noch die Hoffnung, dass das Theater Junge Generation (tjg) bald wieder mehr Publikum empfangen könnte. Doch es kam anders. Wie die meisten Kulturschaffenden in Dresden kann Babette Kuschel seit einem halben Jahr nicht so, wie sie will. „Ich mache quasi auch Homeoffice“, sagt die Schauspielerin. Seitdem das tjg schließen musste, versucht das Ensemble, seine Zuschauer über Onlineformate zu erreichen. „Es ist spannend, neue Medien auszuprobieren“, sagt Babette Kuschel. „Aber da das jetzt alle machen, fühlt es sich an, als wäre man in einem großen Meer. Ohne Feedback.“

Das ist es, was sie an ihrer Arbeit am meisten vermisst. „Das Schauspielertier in mir will auf die Bühne, die Zuschauer spüren, mit ihnen eine Allianz schmieden.“ Dafür sei sie zum Theater gegangen. Jammern will die Darstellerin aber nicht. Dass sie nicht auf die Bühne darf, empfindet sie als Luxusproblem, im Gegensatz zu der Knochenarbeit, die die Menschen in Medizin-und Pflegeberufen seit Beginn der Pandemie erledigen müssen. Und im Gegensatz zu den Sorgen ihrer Kollegen und Kolleginnen, die keine Anstellung haben, deren einstige Freiheit jetzt zur „Fessel“ geworden ist, weil sie ihnen womöglich die Existenz kostet.

Thomas Röpke, Eventmanager, Verleiher von Bühnentechnik

Für Thomas Röpke ist seine Firma sein Lebensinhalt. Quelle: Dietrich Flechtner

Im Februar 2020 – da hat der „Crash Barrier Zaun“, der fein säuberlich auf dem Firmengelände von HMG Events GmbH & Co. KG im Gewerbegebiet in Weißig gestapelt ist – zum letzten Mal vor einer Bühne gestanden. „Wir sind seit März 2020 weg vom öffentlichen Leben“, sagt Geschäftsführer Thomas Röpke. Teile der 8000 Klappstühle in der Halle wurden das letzte Mal für die Aktion „Leere Stühle“ im Mai 2020 gebraucht. Die Firma, gesteht der Unternehmer, ist sein Lebensinhalt. „Jetzt stehe ich da ohne das, was ich seit 20 Jahren tagein und tagaus gemacht habe, an Wochenenden und nachts.“

Röpke bekennt: „Ich arbeite gerne. Es macht Spaß, für Menschen zum Beispiel Veranstaltungen zu organisieren.“ Er schwärmt davon, früh 6 Uhr mit seinem Team an einen Ort zu kommen, an dem nichts auf ein bevorstehendes Konzert hindeutet. 16 Uhr ist Soundcheck und ab 20 Uhr die Show – doch am nächsten Morgen um 6 Uhr ist davon nichts mehr zu sehen. Er habe Glück, sagt Thomas Röpke. Er finde Halt in seiner Familie und im Team. Für viele Kollegen in seiner Branche sei aber die Firma die Familie. „Die ist jetzt weggefallen.“ Der Unternehmer glaubt nicht daran, dass es im Sommer viele Konzerte und Festivals geben wird.

Was heißt: Ein Bühnenbauer, der zuletzt im September 2019 eine Bühne gebaut hat, wird wohl frühestens im Mai 2022 erst wieder einen wirtschaftlich darstellbaren Umsatz generieren. Staatliche Hilfen kommen, auch wenn sie teilweise widersprüchlich sind, meint Thomas Röpke. Die Mitarbeiter sind wenige Tage im Betrieb, beispielsweise für Wartungsarbeiten und Softwareeinführungen, manchmal auch für kleine Aufträge. Seit März 2020 befinden sich die Beschäftigten in Kurzarbeit. Der Geschäftsführer selbst weiß sich zu beschäftigen.

„Man ist dann eben Hausmeister und Reinigungskraft gleich mit. Wir haben auch ein neues Projekt gestartet: Den Verleih von Dachzelten und Dachboxen unter Meindachzelt24.“ Viel Zeit verlange das permanente Verlegen der Konzerte. Erst von 2020 nach 2021, jetzt schon wieder um ein weiteres Jahr nach 2022. „Da sind Shows dabei, die wir 2018 in den Vorverkauf gegeben haben und die dann vielleicht erst vier Jahre später werden stattfinden können.“ Dennoch nutzen er und sein Team die „tote Zeit“, so Thomas Röpke. „Wir bilden uns als Firma fachlich weiter, absolvierten einen Kurs zum Hygienebeauftragten, um nicht nur Bühnen und Zäune verleihen zu können, sondern für unsere Kunden auch Hygienekonzepte im Portfolio zu haben.“ Er versuche es zu vermeiden, mit Kollegen aus der Branche zu reden. Das würden oft ab einem gewissen Punkt leider sehr depressive Gespräche. „Wir alle schauen nach vorne und wollen unserer Arbeit wieder nachkommen. Mal sehen, ab wann wir das uneingeschränkt wieder dürfen.“

Sven Vogel, Küchenchef im Bülow Palais Hotel

Sven Vogel kocht im Bülow Palais nur noch am Wochenende und zum Abholen. Quelle: Anja Schneider

Klapperndes Geschirr, heiße Dämpfe, gehetzte Köche: Eine Großküche ist kein Ruheraum. Nach sechs Monaten Lockdown fehlt Sven Vogel genau das – der Trubel, die Kollegen, die hungrigen Gäste. Stattdessen steht der Küchenchef vom Bülow Palais neben leeren Tellern und sauberen Arbeitsplatten. Seitdem das Fünf-Sterne-Hotel für Touristen schließen musste, kocht Sven Vogel nur noch am Wochenende und nur noch zum Abholen. Normalerweise arbeitet er mit einer 15-köpfigen Küchencrew, jetzt macht er das Radio an, damit überhaupt noch jemand mit ihm spricht, wie er sagt. „Ich bin ein Teamarbeiter, kein Alleinkoch.“

Neben dem Alleinsein plagt den 34-Jährigen, wie so viele in der Gastronomie, die Ungewissheit. Er versuche immer in allem das Positive zu sehen, doch die letzten Monate waren auch für Optimisten eine Herausforderung. „Ich habe dieses Jahr schon drei oder vier Probekarten geschrieben, die ich am Ende alle verwerfen musste“, erzählt der Koch, „weil die Saison wieder vorbei war.“ Dennoch wagt er es zu hoffen. Auf den Juli und die Außengastronomie. Und darauf, dass er bis dahin noch genug Mitarbeiter hat, die sich mit ihm in die Küche stellen.

Stefan Hilger, Reiseleiter und Produktmanager bei Diamir Erlebnisreisen

Sven Hilger wäre jetzt eigentlich in Mittelasien unterwegs. Quelle: Anja Schneider

Eigentlich wäre Stefan Hilger jetzt weit weg – irgendwo in Mittelasien, um Touristen durch die bezaubernden Bergwelten dieser Region zu begleiten. Oder der 41 Jahre alte Dresdner, Vater zweier Kinder, hätte endlich die lange schon in seinem Kopf herumschwebende Reise nach Nordsibirien in Angriff genommen. Stattdessen fährt er als Fahrradkurier durch Dresden, um etwas Nützliches zu tun und gleichzeitig fit zu bleiben: „Mit dem Job kann ich keine Familie durchfüttern, das mache ich, weil ich passionierter Radfahrer bin und Bewegung brauche.“ Weil die Kollegen sehr nett sind, habe er Spaß, dort mitzuarbeiten. Zeitweise verkaufte er als Minijobber auch Wanderschuhe bei Globetrotter, doch der Reiseausstatter auf der Prager Straße hatte auch bald Probleme, seine Stammkräfte zu beschäftigen.

So stieg Stefan mit Cargo-Taschen aufs Fahrrad – das Geld bringt nun vor allem seine Frau nach Hause, die in der IT-Branche gerade nicht zu knapp zu tun hat. Stefan würde auch gern wieder seiner Passion nachgehen, neue Reisekonzepte entwickeln und Interessierten die Schönheiten der mittelasiatischen Republiken und Russlands zeigen. Er schwärmt noch von seiner letzten Reise vor dem Lockdown im Herbst: „Das war eine Mountainbike-Tour durch Tadshikistan.“ Mit sieben Leuten war er unterwegs, richtigen „Freaks“, wie Stefan lachend und anerkennend meint. Wann wieder solche Fernreisen möglich sind, das ist noch völlig offen. Stefan gibt die Hoffnung nicht auf. „Ich habe immer gedacht, dass das mein Job bis ins Alter sein wird, weil er so viel Spaß macht und abwechslungsreich ist“. Der gebürtige Dresdner, der in Bischofswerda aufgewachsen ist und seit 2001 wieder in seiner Geburtsstadt lebt, arbeitete früher für Schulz Aktiv Reisen, ehe der Asien-Experte zu Diamir wechselte.

Dort wurde er mit großem Bedauern am 20. März 2020 in Kurzarbeit geschickt. In einem Rumpfteam half er im Homeoffice noch mit, gebuchte, aber dann nicht mehr durchführbare Reisen abzuwickeln. Dabei musste er „regelrecht betteln“, dass Kunden auf ihre Anzahlung verzichteten. „Wir haben die Leute gleich kontaktiert, mit offenen Karten gespielt und Anzahlungen zurückgegeben. Aber natürlich hat uns jeder geholfen, der darauf verzichtet und einen Gutschein akzeptiert hat. Wir hatten relativ viel Erfolg mit unserer Ansprache, da wir viele Kunden haben, die nicht ganz so sehr aufs Geld schauen müssen“, erzählt Stefan Hilger, der natürlich viel lieber keinen Kunden enttäuscht und ihm gern die jeweilige Traumreise ermöglicht hätte.

Sabine Wilde, Tänzerin und Tanztrainerin

Seit November muss Sabine Wilde allein tanzen, kann ihren Schülerinnen und Schülern maximal Tipps vorm Laptop geben Quelle: Anja Schneider

Tanzen lebt von der Gemeinschaft. Sei es eng an eng als Paar oder synchron in einer Gruppe. Doch seit November muss Sabine Wilde allein tanzen, kann ihren Schülerinnen und Schülern maximal Tipps vorm Laptop geben. „Durch die räumliche Trennung ist es für viele Kursteilnehmer schwer, sich selbst zu motivieren, da das Gruppengefühl fehlt und damit auch die Eigendynamik an Energie und Spaß“, sagt die Tanztrainerin. Zwar seien Onlinekurse kein Problem, doch sobald es um Wettkampfniveau geht, wird es schwierig: „Denn diese Gruppen sind meist Training in Formation gewohnt, welches online nicht machbar ist“, sagt Sabine Wilde.

Die Folge: Die Leistung bricht ein und muss mühsam wieder erarbeitet werden – hoffentlich bald. Vor der Pandemie war die Woche von Sabine Wilde vollgepackt. Sie arbeitet nicht nur als Tanztrainerin und Tänzerin der DDProject Wettkampfgruppe, sondern auch 18 Stunden in der Woche als Verkäuferin in einem Schuhgeschäft. Außerdem verdient sie nebenbei noch Geld als Make-UpArtistin und Grafikdesignerin. Mit diesen Jobs konnte sie ihre Miete zahlen und etwas beiseite legen. Doch Letzteres ist seit November nicht mehr möglich: „Alle finanziellen Puffer, die ich mir angespart hatte, sind inzwischen aufgebraucht“, sagt sie. Denn da der Job als Tanzlehrerin nur ein Nebenerwerb ist, werde sie vom Staat nicht finanziell unterstützt. Sabine Wilde hofft, dass die Impfungen zu einem baldigen Ende der Pandemie führen: „Damit wir alle bald wieder miteinander tanzen können.“

Alec Troniq, Komponist, Musiker und Sounddesigner

Alec Troniq ist Komponist, Musiker und Sounddesigner – aber vor allem Live-Künstler. Quelle: Dietrich Flechtner

Seit der Pandemie tritt Alec Troniq nur in Livestreams auf. „Es macht keinen Unterschied, ob ich dort für drei Leute spiele oder für 13 000. Es ist total surreal“, sagt er . Alec Troniq ist Komponist, Musiker und Sounddesigner – aber vor allem Live-Künstler. Sein letztes echtes Konzert spielte er in der Bremer Schaulust: Techno und Tanz am Sonntag – bei Kaffee und Kuchenbuffet. „Ging voll ab“, sagt er nickend. Das war im Frühjahr 2020. Zu etwa 25 Konzerten wird der Dresdner pro Jahr gebucht: auf internationale Festivals und in Clubs.

Auch mit einem klassischen 65 Personen-Orchester hat Alec Troniq bereits „performt“. Seinen Stil beschreibt der 35-Jährige als „raving electronics“ und „nerdigen Tech-House“. Selbst einen alten Joystick hat er, neben Synthesizer, Drumcomputer und Klangmodulatoren, für seine Musik programmiert. „Mein Kerngeschäft ist live spielen“, sagt Troniq. Im Lockdown sind die Hälfte seiner Einnahmen weggebrochen. Streaming-Einnahmen zum Beispiel von Spotify halten ihn wirtschaftlich über Wasser. „Wir können froh sein, wenn das Live-Geschäft wieder auf die Beine kommt – ohne dass all die Läden dicht machen müssen“, sagt er in die Stille seines schallgeschützten Tonstudios.

Von DNN