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Lokales "Burning Concrete" - Hommage an die Kultur der Straße
Dresden Lokales "Burning Concrete" - Hommage an die Kultur der Straße
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09:21 20.01.2019
Mercedes Benz 280 SE 4.5 Baujahr 1972 Edelweiss Customs. Quelle: Anja Schneider
Dresden

„Ein Rennwagen, dessen Karosserie große Rohre schmücken, ein aufheulendes Auto, ist schöner als die Nike von Samothrake“, versicherte Filippo Tommaso Marinetti im Ersten futuristischen Manifest anno 1909. Der Bildungs(klein)bürger zuckte ob der bewusst despektierlichen und provokativen Äußerung zusammen, aber vielen, die ähnlich die Schönheit der Geschwindigkeit schätzten und nichts dagegen hatten, dass Männer, die das Steuer hielten, besungen werden sollten, sprachen die Futuristen aus dem Herzen.

Mit „Burning Concrete“ (Brennender Beton) wurde nun im Verkehrsmuseum die erste Ausstellung in Dresden eröffnet, die sogenannte Garagenkunst und zeitgenössische Kunst in einem gemeinsamen Kontext präsentiert: Sie verbindet einzigartige Fahrzeuge der Custom-Kultur mit eindrucksvollen Exponaten zeitgenössischer Kunst aus Malerei, Fotografie und Urban Art zu einer „Hommage an die Kultur der Straße“.

Nun wird sich womöglich der eine oder andere fragen, ob er in der Schule krank war, als vermittelt wurde, was Costum-Kultur ist. Aber es ist wohl doch eher so, dass diese nicht auf dem Lehrplan stand. De facto ist es Oberbegriff für Kunst, Fahrzeuge, Frisuren und Kleidungsstil von Angehörigen der Customizing-Szene, in der man Autos und Motorräder umbaut und veredelt. Aus den Anfängen des „hot rodding“ in den USA der 1950er Jahre haben sich verschiedene Modetrends und Stile entwickelt, die auch heute noch durchaus populär sind. Fließend sind die Übergänge zur ebenfalls nur am Rande der im Feuilleton hochgejubelten Leitkulturen existierenden „Garage Art“, (Garagenkunst), bei der mit technischen Know-how und große Liebe zum Detail an Schmuckstücken der Automobil- und Motorradtechnikgeschichte he­­­r­umgeschraubt wird.

Wir haben schon mal einen Blick in die Ausstellung „Burning Concrete“ geworfen.

Kurator der Schau im Verkehrsmuseum, das zum Platz der (sub-)kulturellen Begegnung avanciert, ist Florian Bölike. Der ist Baujahr 1988 und seit seiner Kindheit fasziniert von allem, was sich auf mindestens zwei Rädern bewegt. In früher Jugend tummelte er sich zudem in der Graffitiszene, im Laufe der Zeit baute er dann ein regelrechtes Netzwerk aus Fahrzeugliebhabern und Bastlern, aber auch Kunst- und Kulturschaffenden auf, wobei es nicht schaden kann, einen erweiterten Kulturbegriff zu haben, um die Schönheit dieses oder jenen Objekts, Fotos, Gemäldes oder Autos zu erfassen. Und Bölike ist Mitglied im 2017 gegründeten Verein Classic Customs e.V., dessen Mitglieder allesamt eines eint: Die Liebe zu Motorrädern und den Willen, Werkstätten und Galerien, Straßenkunst und Tradition zusammenzubringen.

Vertreten mit ihren Werken sind Künstler aus Dresden und Berlin wie Tony Futura, Christian Kage und Tom Palluch. Ein Highlight aus der Schrauberwerkstatt ist ein Mercedes-Benz 280, Baujahr 1972, mit 198 Pferdestärken (kann man nicht meckern, oder?), speziell für das Fahrzeug angepasstem Airride-Fahrwerk und sonderangefertigten Felgen auf der Basis von originalen Mercedes-Benz-Felgen. Zum Presserundgang wurde das gute Stück mit der Kennung „California 641 GHQ“ auf dem vorderen Nummernschild erstmal aufs Podest gefahren, es hing zugegebenermaßen nicht mal ansatzweise ein Hauch von Hybrid in der Luft.

Dieses sowie andere Originale und originelle Custom-Fahrzeuge wie etwa Motorräder der Diamantwerke Chemnitz von 1928 treten in Wechselbeziehung mit Arbeiten von elf jungen Künstlern (sechs davon aus Dresden, die anderen fünf aus Berlin), die allesamt die Faszination für gewisse Spielarten der Szene teilen. Malereien, Illustrationen, Fotografien und Graffitikunst zeigen den Menschen und dessen Streben nach Mobilität und Freiheit, die der Pendler im Berufsverkehr häufig so vermisst.

Da wäre etwa Alexander Endrullat, geboren 1985, dessen Malerei dadurch geprägt ist, dass der Künstler Flächen mit dem Pinsel aufschichtet und durch Kratzen mit dem Spachtel wieder freilegt. Text und Schrift werden als humoristische Elemente eingesetzt, um dem Resultat eine ironische Perspektive zu verleihen. Auf einem „Kacken“ betitelten Ölgemälde von 2018 weist ein blaues Hinweisschild, das rechts an einer Fahrbahn steht, darauf hin, dass es nach „Kacken“ gerade aus geht – und in der Ferne grüßt das gelb leuchtende M einer weltweit agierenden und bekannten Fastfood-Kette.

Vermittelt wird, dass für „passionierte Schrauber“ der „ästhetische Feinschliff die Kirsche auf der Torte“ ist, weshalb raffinierte Lackierungen, eigene Embleme oder auch Ventilkappen „mit viel Aufwand entwickelt und hergestellt werden“, heißt es in den Erläuterungen. „Can“ lautet der Titel eines fast gänzlich rot daherkommenden und an einen Benzinkanister erinnerenden Objekts, das der in Berlin lebende Künstler und Kommunikationsdesigners Tony Futura gefertigt hat. Er zitiert in seinen Arbeiten recht gern symbolträchtige Objekte der Gegenwart – „Schönheit kann auch im schlichten Gebrauchsgegenstand liegen“, wie zu lesen ist. Für das Ausstellungsplakat von „Burning Concrete“, auf dem Flammen aus der Öffnung eines Betonmischers schlagen, hat Lars P. Krause die Vintage-Ästhetik der Subkultur mit den Mitteln des künstlerischen Siebdrucks umgesetzt.

Präsentiert werden auch Schweißweiß-Fotografien von Erik Gross und Christian Kage, die unterschiedliche Momente der Straßenkultur im Bild einfingen – und zwar noch ganz analog. Nichts wurde bearbeitet – die Möglichkeiten der Manipulation überlässt man bewusst digitalen Knipsern. So lichtete Kage 2017 in Belgrad zwei Lokomotiven ab – derart verrottet und von Grünzeug überwuchert, dass man sich fragt, ob die seit Titos Partisanenzeit hier vor sich hin rosten.

bis 28.7., Di. bis So. 10 bis 18 Uhr; Begleitprogramm: Führungen: 23.2., 27.4. & 22.6., jeweils 15 Uhr, 28.7., 11 Uhr; Workshops „Werkzeugkasten“: 4.4., 9.5. & 27.6., jeweils 11 Uhr für Teilnehmer von 12 bis 99 Jahren; Internet: www.verkehrsmuseum-dresden.de.

Von Christian Ruf

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