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Lokales Bunte Kirche Neustadt – Ist das Projekt gescheitert?
Dresden Lokales Bunte Kirche Neustadt – Ist das Projekt gescheitert?
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19:48 04.10.2019
Gottesdienst "Sunday Alaun" der Bunten Kirche Neustadt im August auf dem Alaunplatz. Quelle: Tomas Gärtner
Dresden

Melanie Jäkel greift zur Gitarre und stimmt ein Lobpreislied an. Einige singen leise mit. Etwa 20 Frauen und Männer unterschiedlichen Alters sitzen unter Weißbuchen, Ahorn und Linde im Kreis auf dem Rasen des Alaunplatzes in der Dresdner Neustadt. Rebekka-Chiara Hengge befestigt Blätter an einer Leine. Kurze Sätze darauf fassen die Kernbotschaft aus dem Brief des Apostels Paulus an die Epheser zusammen. „Sunday Alaun“ nennen die Organisatoren der Bunten Kirche Neustadt (BKN) ihren frei gestalteten Gottesdienst. Die Teilnehmer bekommen darin Zeit, miteinander über das Thema zu reden. So entspinnt sich eine Debatte, ob Gott bei so viel Unheil in der Welt wirklich einen guten Plan mit den Menschen hat.

Getauft oder nicht? Egal

Das gefällt Renate Gottlöber aus Briesnitz besonders. Die 79 Jahre alte Protestantin ist zum ersten Mal dabei. Vor einigen Monaten hat die BKN weitere Besucher befragt. Dietmar, der Atheist, lobte, er werde in den Gesprächen zwischen Gläubigen und Nicht-Gläubigen gehört und verstanden. Paula (18) hat „große Offenheit, Neugier, Zuwendung“ erfahren. Das habe ihr Richtung und Hoffnung gegeben. Die Südkoreanerin Lydia Kyon Im K. betont: „Die Kirche ist für viele zu weit weg. In der BKN ist es einfacher, den Weg zu finden: Klar und doch frei und lebendig.“ Einen Ort der Meditation mitten in der Welt hat Claudia hier gefunden.

Beim Gottesdienst "Sunday Alaun" der Bunten Kirche Neustadt fühlen sich auch Menschen wohl, die für Kirche sonst nicht viel übrig haben. Quelle: Tomas Gärtner

Angebote wie der Eltern-Kind-Treff „Club Alpha“, der gestaltpädagogische Intensivkurs „LebensSpur“ oder der „Bunte Tisch“, ein Gesprächsforum von Atheisten und Christen, seien auf besonders große Resonanz gestoßen, berichtet Rebekka-Chiara Hengge vom Leitungsteam. Mal komme nur eine Person, mal neun, zeitweise seien es bis zu 30 gewesen. Ob jemand getauft sei, werde nicht gefragt. „Es dürfte aber mindestens die Hälfte der Besucher sein“, schätzt Rebekka-Chiara Hengge. Für Besucherin Ulrike Kolberg bedeutet die BKN „Auszug der Christen zu den Menschen statt Rückzug“.

„Es brennt an allen Ecken“

Deshalb hat die katholische Gemeinde Franziskus Xaverius das 2013 von dem evangelischen Theologen Peter Jost und seiner Frau Simone initiierte Projekt 2017 übernommen, zu 90 Prozent finanziert vom Bistum Dresden-Meißen. Laufen soll es bis Sommer 2020. Ob und wie es weitergeht, darüber wird derzeit diskutiert. Intern bisweilen erbittert.

Denn die Rahmenbedingungen haben sich verschlechtert. Im November 2018 ist die Gemeinde Teil der neuen Großpfarrei St. Martin geworden. Zum Leiter machte Bischof Heinrich Timmerevers den Pfarrer Thaddäus Posielek (64), 2014 aus Nürnberg nach Dresden-Pieschen gekommen, gemeinsam mit einer Gemeindereferentin: Rebekka-Chiara Hengge.

Stimmung in der Gemeinde katastrophal

Gemeindemitglieder berichten von erheblichen Spannungen im Zusammenhang mit den Veränderungen. „Insgesamt ist die Stimmung in unserer früher sehr aktiven und lebhaften Gemeinde als katas­trophal zu beschreiben“, meint Gemeindemitglied Wigbert Linek. „Es brennt an allen Ecken“, konstatiert Benno Stilbach.

Zumal im Frühjahr das Pastoralteam der Gemeinde verkünden musste: Statt der erhofften fünf hauptamtlichen Seelsorger bekommen sie nur drei. „Die nötigen Dienste können nicht einfach auf die verbleibenden Hauptamtlichen umverteilt werden“, erklärte das Team. „Auch viele Ehrenamtliche spiegeln uns zu Recht ihre Überlastung.“ Dennoch hätten der neue Pfarreirat und Kirchenrat in diesem Jahr grundsätzlich der Fortsetzung des Projektes ab 2020 zugestimmt und eine Gruppe beauftragt, die notwendigen Finanzmittel zu akquirieren, berichtet Pfarrer Thaddäus Posielek.

Zu wenig Besucher

Seither mehren sich kritische Fragen zur Bunten Kirche: Warum die Neustädter nicht 500 Meter weiter in die St. Martinkirche kommen könnten? Warum die Gemeinde sich mit der Ladenkirche Parallelstrukturen schaffe? Am 18. Juni trafen sich etwa 230 Mitglieder zu einer Gemeindeversammlung. Teilnehmer berichten, eine übergroße Mehrheit dort habe gefordert, die BKN einzustellen.

Gemeindemitglied Markus Guffler fragt zweifelnd, ob sich eine auf zwei Mitarbeiterinnen aufgeteilte 90-Prozent-Personalstelle lohne, um so wenig Menschen zu erreichen. Auch Verantwortlichen des Bistums seien die geringen Teilnehmerzahlen bei einigen Angeboten aufgefallen. Er selbst habe bei drei Veranstaltungen, die er besuchte, keinen einzigen Besucher gesehen.

Mehr Unterstützung für Ehrenamtliche

Nicht nur er befürchtet, das Experiment Bunte Kirche entziehe der Pfarrgemeinde Personal, Zeit und Kraft. Maria Schmidt wünscht sich stattdessen von den Hauptamtlichen mehr Unterstützung und Glaubensbegeisterung für die Eltern, um sie zur ehrenamtlichen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen zu befähigen. „Solange da Defizite sind, wird es meiner Meinung nach schwer sein, die Gemeinde für die finanzielle Unterstützung der BKN zu gewinnen.“

Ein ehemaliges Mitglied des Pfarrgemeinderates, das seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, hält die Beteiligung der katholischen Kirche an überkonfessionellen gemeinnützigen und sozialen Projekten für sinnvoller als missionarische Projekte in besonderen Räumen.

Kann das Projekt auf Dauer bestehen?

Pfarrer Thaddäus Posielek hält dem entgegen: „Die BKN ist genauso ein Ort von Kirche und ein missionarischer Auftrag der Gemeinde. Dass wir nach neuen Wegen suchen müssen, gerade in unserem Bistum, um Menschen mit Christus in Berührung zu bringen, steht für mich außer Frage.“

Gemeindemitglied Benno Stilbach indes fragt sich, wie sich die Pfarrei auf Dauer ein solches Sonderprojekt außerhalb leisten wolle, während ihr selbst Personal für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen fehle. So büße sie nur weiter an Attraktivität ein, befürchtet er. „2018 haben wir rund 130 Gemeindemitglieder verloren.“ Seine Erkenntnis daraus: „Wenn die Strahlkraft nicht von unseren Kirchen ausgeht, werden wir es auch nicht mit einem Ladengeschäft schaffen.“

Jugendprojekt als Alternative

Die bessere Alternative zur BKN sieht Benno Stilbach in den Gemeinden. In solchen Projekten wie dem offenen, überkonfessionellen „Junge Jugend“ in Klotzsche für Schüler der 5. bis 8. Klasse. „Die Schüler bringen Freunde mit, auch Nichtchristen. Sie reden über das Leben und den Glauben. Das bringt Menschen zu uns.“

Nächster Gottesdienst „Sunday Alaun“ am Sonntag, 6. Oktober, 17 Uhr, auf dem Alaunplatz, Treff 16.45 Uhr in der Bunten Kirche Neustadt, Bischofsweg 56

Internet: bunte-kirche-neustadt.de

Von Tomas Gärtner

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