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Lokales Die Geschichte einer Zuwanderung: Bundespräsident ehrt Dresdner Schülerin
Dresden Lokales Die Geschichte einer Zuwanderung: Bundespräsident ehrt Dresdner Schülerin
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07:46 19.11.2019
Floria Herget, Schülerin am Romain-Rolland-Gymnasium in Dresden, hat im Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten einen ersten Preis gewonnen. Sie macht gerade in Kanada ein Auslandsjahr, wohnt in einer Gastfamilie in Victoria auf Vancouver Island und geht dort zur Schule auf die Claremont Secondary School. Sie ist 16 Jahre alt und jetzt in der 11. Klasse. Wenn sie zurück ist, muss sie die 11. Klasse noch einmal im RoRo absolvieren. Sie ist in Wiesbaden geboren und lebt seit mehr als elf Jahren in Dresden. Quelle: privat
Dresden

Flüchtlinge willkommen? Die Dresdner Schülerin Floria Herget hat sich für den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten mit ihren hugenottischen Vorfahren beschäftigt – und für ihre Arbeit den 1. Preis erhalten. Als Protestanten flohen diese 1699 gemeinsam mit 23 anderen Familien aus Frankreich nach Hessen, damals Königtum Hessen-Kassel. „Sie kamen mittellos und traumatisiert in ein fremdes Land. Wie ging es für sie weiter?“ Das wollte sie vor dem Hintergrund der aktuellen Debatten um Flucht, Migration und Integration herausfinden. Im DNN-Interview, das wegen ihres derzeitigen Aufenthalts in Kanada per E-Mail geführt wurde, äußert sich die 16-Jährige zu den Erkenntnissen in ihrer Arbeit mit dem Titel „,Réfugiés Bienvenue?’ Integration und Assimilation von Hugenotten und Waldensern in Hessen-Kassel im 17. und 18. Jahrhundert“ – und was wir daraus heute lernen können.

Wie sind Sie zur Beteiligung am Geschichtswettbewerb gekommen, woher kam die Anregung oder Motivation?

Ich bin zur Beteiligung am Geschichtswettbewerb durch meine Schule gekommen. Ich war in der 10. Klasse im AbiBac-Zweig (deutsch-französisches Doppelabitur – d. Red.) an meiner Schule, dem Romain-Rolland Gymnasium. Da in diesem Bildungsgang auch Geschichte eine große Rolle spielt, gehört auch die Teilnahme am Geschichtswettbewerb dazu.

Idee stammt von der Mutter

Es gibt familiäre Bezüge zu Ihrem Forschungsthema. Lag es daher für Sie auf der Hand, sich diesem Thema zu widmen oder gab es ein Schlüsselereignis?

Für mich lag dieses Thema nicht direkt auf der Hand. Zuerst wollte ich über eine Krise, einen Umbruch oder Aufbruch im Raum Dresden beziehungsweise Sachsen schreiben. Dies wurde uns von unserer Geschichtslehrerin geraten, da es bei einem Thema mit regionalem Be­zug leichter ist, zu arbeiten und Quellen zu finden. Ich habe dann aber schnell gemerkt, dass es nichts gab, was mich so richtig interessierte und recherchierte auch nicht lange nach einem Thema hier in Dresden.

Tatsächlich hatte meine Mutter die Idee, über Hugenotten zu schreiben, als sie eine E-Mail von meinem Onkel bekam mit einem Link zu einem Archiv in La Mure in Frankreich – einem wahrscheinlichen Herkunftsort meiner Vorfahren, mit der Hoffnung, den damaligen Familiennamen darin wiederzufinden. Schon immer hatte ich es toll gefunden, Nachfahrin von Hugenotten zu sein, aber viel gewusst darüber hatte ich nicht. Bei den Anfängen meiner Recherche habe ich schnell gemerkt, dass mich besonders die Ansiedlung und Aufnahme der Hugenotten interessierte. Daraufhin entwickelte ich meine finale Forschungsfrage: Auf welche Weise fand die Integration und Assimilation der Hugenotten und Waldenser im 17. und 18. Jahrhundert in Hessen-Kassel statt?

Haben Sie konkrete Erkenntnisse zu Ihrer Familiengeschichte gefunden?

Konkret zu meiner Familiengeschichte habe ich natürlich auch einiges entdeckt. Vorher wusste ich ja fast nichts darüber. Es gab allerdings keine Tagebücher oder so etwas in der Art, wo konkrete Erlebnisse festgehalten wurden. Aber Da­ten wie Hochzeiten, wann meine Vorfahren in Schöneberg angekommen sind oder wann sie ein Haus gebaut haben, waren in einigen Quellen festgehalten. Ansonsten konnte ich Erkenntnisse darüber erlangen, wie die Menschen damals gelebt ha­­ben, was sich natürlich auch auf meine Vorfahren bezieht.

Die Arbeit im Skiurlaub beendet

Wie lange haben Sie an dem Thema gearbeitet?

Wir haben das Wettbewerbsrahmenthema am 1. September 2018 mitgeteilt bekommen und etwa eine Woche später habe ich angefangen, nach einem Thema zu recherchieren. Ich habe also von September bis einen Tag vor dem Abgabetermin, dem 28. Februar, an meinem Beitrag gearbeitet.

Was war das Spannendste, was war das Mühsamste?

Das Spannendste für mich war die Recherche. Mir hat es Spaß gemacht, die ganzen Aufsätze, Schriften, Bücher oder Archivalien zu lesen beziehungsweise zu entziffern. Ich habe dadurch unglaublich viel erfahren. Die Mikrofiches im Staatsarchiv Marburg zu entziffern, war, obwohl es sehr spannend war, auch eines der mühsamsten Dinge, denn der Großteil war auf Altfranzösisch und unleserlich geschrieben. Des Weiteren war die Endphase meiner Arbeit ermüdend. Ich habe beim Überarbeiten teilweise noch Dinge ergänzen wollen, die ich im Kopf hatte und wusste, dass sie in irgendeinem meiner Bücher standen. So habe ich Tage damit verbracht, Bücher zu wälzen. Das war besonders frustrierend, da ich gerade mit meiner Familie im Skiurlaub war und dann im Hotel saß, während sie die Pisten runter gesaust sind. Aber da ich nun schon so viel Arbeit in meinen Beitrag gesteckt hatte, wollte ich es perfekt machen.

Woran sind Sie gescheitert, wo hätten Sie gegebenenfalls mehr Hilfe benötigt oder erwartet?

Im Großen und Ganzen kann ich sagen, dass ich an nichts gescheitert bin und alle meine Ziele für den Beitrag erreicht habe. Natürlich gab es ein paar Sachen, die nicht geklappt haben, beispielsweise wollte ich ei­gentlich vor den Winterferien fertig sein. Mehr Hilfe in Form von Vorbereitung über das wissenschaftliche Schreiben hätte ich von der Schule im Unterricht erwartet, dass musste ich mir größtenteils selbst beibringen.

Wichtigste Erkenntnis: Definition von Integration und Assimilation

Was lief besonders gut oder überraschend gut?

Überraschend gut klappte die Recherche. Besonders am Anfang, als ich die Hugenottengesellschaft in Karlshafen besuchte. Dort habe ich ei­ne Führung durch das Museum und ganz viele Bücher, Schriften und Aufsätze ausgeliehen bekommen. Ich bin sehr dankbar für diese Unterstützung!

Welche Erkenntnisse waren aus Ihrer Sicht am wichtigsten, auch mit Blick auf die aktuelle Zuwanderungsdebatte der letzten Jahre?

Eine der wichtigsten Erkenntnisse für mich mit Blick auf die aktuelle Zuwanderungsdebatte der letzten Jahre sind auf jeden Fall die Definition von Integration und Assimilation. Zu verstehen, dass Integration eben nicht eine Forderung an den Migranten sein kann sich einzugliedern, sondern eine Einbeziehung der Migranten ist. Diese Einbeziehung führt natürlicherweise zu ei­ner Veränderung der Lebenssituation und erfordert von beiden Seiten eine Änderung bestimmter sozialer Gewohnheiten. Beide Gruppen sind dabei gleichwertig. Das Ziel der Integration ist eine Bereicherung auf beiden Seiten. Die Assimilation hingegen ist das Verschwinden von sozialen und kulturellen Unterschieden zwischen verschiedenen Gruppen. Darunter versteht man in politischen Debatten die Forderung an die Einwanderer, sich anzupassen. Es ist jedoch keine Voraussetzung für eine Integration, kann aber behilflich sein – beispielsweise bei der Sprache. Zudem ist eine wichtige Erkenntnis, dass es schleichende Prozesse sind, für die man eventuell viel Zeit kalkulieren muss. Genauer ist dies noch in meiner Arbeit beschrieben.

Vorurteile, Neid und Angst vor Auseinandersetzungen

Die Frage war nicht ausdrücklich Gegenstand Ihrer Arbeit, aber was können wir heute gegebenenfalls aus der Zuwanderungsgeschichte der Hugenotten lernen?

Einer der Hauptdämpfer der Integration und Assimilation im 17. und 18. Jahrhundert in Hessen-Kassel war das schlechte Verhältnis. Man isolierte voneinander aufgrund ge­genseitiger Vorurteile, Neid und Angst vor Auseinandersetzungen. Dies zeigt meiner Meinung nach auch im Bezug auf heute, wie wichtig Offenheit und Toleranz sind, da es ansonsten zu einer Separierung kommen kann. Vor allem aber finde ich, kann man aus der Zuwanderungsgeschichte der Hugenotten lernen, dass Maßnahmen zur Unterstützung der Geflüchteten gleichzeitig positive und negative Auswirkungen auf die Assimilation und somit auch auf die Integration haben können.

Was meinen Sie damit?

Damals war beispielsweise am Anfang das Ziel des Landgrafen, es den Hugenotten möglich zu machen, anzukommen und sich eine Existenz aufzubauen. Dafür bekamen sie Steuerfreiheit und andere Privilegien, wie eine kulturelle Sonderstellung. Diese führten allerdings zu Missgunst bei den Hessen und ei­nem Unter-sich-bleiben bei den Hugenotten. Somit kam es vorerst weder zu einer Integration noch Assimilation. Aber ohne diese Unterstützung vom Landgrafen wäre ein Überleben wiederum nicht möglich gewesen. Aufgrund dessen ist es wichtig, Maßnahmen der Zeit, den jeweiligen Bedürfnissen und dem Ziel anzupassen. Damals änderte auch der Landgraf sein Ziel, er wollte Integration und Assimilation erreichen und somit änderten sich auch seine Maßnahmen. Die Steuerfreiheit war beendet und später wurden auch die kulturellen Sonderstellungen abgeschafft

Streitpunkt bei heutiger Flüchtlingsdebatte: immer wieder die Religion

Wo gibt es die größten Unterschiede zwischen heute und damals?

Bei der Flüchtlingsdebatte der letzten Jahre gibt es Faktoren, die mit den damaligen nicht vergleichbar sind. Denn ein großer Streitpunkt bei der heutigen Debatte ist auch immer wieder die Religion. Viele der Geflüchteten, die nach Deutschland kommen, sind Muslime. Zudem unterscheidet man sich auch äu­ßerlich mehr als damals und die Kultur ist unterschiedlicher. Im 17. und 18. Jahrhundert waren die Franzosen und Hessen äußerlich nicht wirklich zu unterscheiden und sie gehörten derselben Religion an, somit wurde man vermutlich als nicht allzu fremd angesehen.

Was bedeutet der Erfolg im Wettbewerb für Sie?

Ich habe mich unglaublich über den Sieg gefreut, denn er ist eine weitere Bestätigung, dass sich die Mühe gelohnt hat. Zudem zeigt es mir, dass meine Arbeit sehr gut war, was mich sehr motiviert und stolz macht.

Fünf Preise im Geschichtswettbewerb

Die Schülerin Floria Herget gewinnt einen ersten Preis beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten zum Rahmenthema „So geht’s nicht weiter. Krise, Umbruch, Aufbruch“. Zwei zweite und zwei dritte Preise gehen ebenfalls an Schüler aus Sachsen. Insgesamt vergibt die Körber-Stiftung 50 Preise an die bundesbesten Arbeiten: fünf erste Preise (je 2000 Euro), 15 zweite Preise (je 1000 Euro) und 30 dritte Preise (je 500 Euro). Die fünf Erstpreisträger zeichnet Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Dienstag, 19. November, in Schloss Bellevue in Berlin aus.

Beteiligt haben sich beim 26. Geschichtswettbewerb, der im vergangenen Schuljahr begonnen hat, bundesweit mehr als 5600 Kinder und Jugendliche. Viele der 1992 eingereichten Beiträge beschäftigen sich mit der Einführung des Frauenwahlrechts, den Revolutionen von 1848 und 1918/19, dem Zweiten Weltkrieg und den damit verbundenen Zwangsmigrationen oder mit dem politischen Umbruch 1989.

Einen 2. Preise erhält Tom Darius Ahmadpur-Milani aus der 9. Klasse am Hans-Erlwein-Gymnasium in Dresden. Seine Arbeit stand unter dem Titel „Zur Aufnahme griechischer Bürgerkriegsflüchtlinge in Sachsen 1949 und 1950“.

Ebenfalls einen 2. Preis erhält Henri Léon Karaski, 12. Klasse, Sächsisches Landesgymnasium Sankt Afra, Meißen. Unter dem Titel „Glücklicher Zufall oder gutes Management? Warum die Transformation eines Volkseigenen Betriebes in ein mittelständisches Unternehmen Erfolg hatte“ analysierte er die Privatisierung der PAKA Glashütter Pappen- und Kartonagenfabrik GmbH.

Einen 3. Preis erhalten Clara Mickel, Lisa Peschel und Sophie Langer aus der 8. Klasse am Gymnasium Dresden-Plauen. Sie befassten sich mit dem Thema „Seuchen und ihre Bekämpfung. Krise, Umbruch, Aufbruch“.

Geehrtwird auch Elisabeth Beier, 7. Klasse, Thomas-Mann-Gymnasium, Oschatz, mit einem 3. Preis für ihre Arbeit „Luppa in der Krise. Die zwei Luppaer Dörfer zwischen Völkerschlacht und Streit mit der Grundherrschaft“.

Von Ingolf Pleil

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