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Lokales Braucht Dresden ein Bombenkriegs-Museum?
Dresden Lokales Braucht Dresden ein Bombenkriegs-Museum?
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06:07 27.12.2018
Das Erlwein-Gasometer in Reick könnte künftig als Standort für das Museum dienen. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 2004. Quelle: Dietrich Flechtner
Dresden

Braucht Dresden ein Bombenkriegs-Museum? Ja!, sagt unser Gastautor und Kollege Dankwart Guratzsch, Architektur- und Städtebaukritiker der Tageszeitung „Die Welt“ und seiner Geburtsstadt Dresden, die er 1957 verließ, aufs Engste verbunden. Für Guratzsch steht Dresden symbolhaft wie keine andere Stadt in Europa für die Schrecken des Bombenkrieges. Hier sollte nach seinen Vorstellungen am 13. Februar 2020, dem 75. Jahrestag der Zerstörung, der Startschuss für den Bau eines solchen Museums fallen. Einen Wunschstandort hat er schon: den großen Erlwein-Gasometer in Reick.

Begründung

Die drei in engem zeitlichem Abstand aufeinander folgenden Bombenangriffe auf Dresden vom 13./14. Februar 1945 stellen eine Besonderheit dar, die (vergleichbar mit dem Brand Magdeburgs im Dreißigjährigen Krieg) aus der Geschichte der sächsischen Landeshauptstadt nicht mehr zu tilgen ist. Seit 73 Jahren steht Dresden deshalb an diesem Tag im Fokus internationaler Aufmerksamkeit.

Neben Hiroshima ist es die Stadt, die – stellvertretend für Hunderte andere Städte – den Schrecken der Kriegsführung aus der Luft für die Zivilbevölkerung am symbolträchtigsten repräsentiert. Alle Versuche einer Relativierung, Entmythologisierung und/oder moralischen Kategorisierung dieses Geschehens sind fehlgeschlagen. Wenn in irgendeiner Stadt Europas ein solches Museum seinen Platz hätte, dann in Dresden.

Die Bilder des zerstörten Dresden sind zum Symbol des Bombenkrieges geworden. Hier ist eine Aufnahme des Fotografen Winkler zu sehen, der nach Kriegsende die Vernichtungen in der Stadt dokumentierte. Es zeigt die Kaulbachstraße. Quelle: Fotosammlung Winkler

Gebäude

Ein geeignetes Gebäude, das in seiner Monumentalität geeignet wäre, ein solches Museum von Weltbedeutung aufzunehmen, steht in Dresden zur Verfügung. Es ist der große Gasometer von Reick, er­richtet von Hans Erlwein in einer für die Entstehungszeit innovativen Bautechnik. Er lässt sich innen auf beliebige Weise herrichten, mit Stockwerken ausstatten, für Großinstallationen und Events nutzen. Die räumliche Nachbarschaft zu dem von Tausenden Besuchern frequentierten Asisi-Panorama verleiht dem Ort schon heute eine herausragende museale Qualität. In der thematischen Verknüpfung beider Ausstellungsorte und Darstellungskonzepte liegt die einmalige Chance, hier ein Zentrum der vertieften Erkenntnis, der Forschung und Lehre von weit über Dresden hinauswirkender Bedeutung zu schaffen. So makaber es klingt: Eine solche Institution würde den „Markenkern“ Dresdens stärken, ihm aber bei näherer Be­fassung zugleich eine positive Auslegung zuweisen.

Finanzierung

Ein Museum dieser Art stünde aus aktuellen Anlässen, die sich aus der ra­santen Entwicklung der Luftkriegstechniken ergeben, aber auch aus der dringend gebotenen (weiteren) Aufarbeitung der Ge­schichte, ohne die Dresden noch lange ein Ort der Konfrontationen und Aufmärsche bleiben wird, in so hoher Bedeutung für diese Stadt selbst und darüber hinaus für Deutschland und Europa, dass die Fi­nanzierung durch die Bundesregierung und die EU naheläge und mit Aussicht auf Erfolg angestrebt werden könnte. Vorbild könnte dafür das in Berlin entstehende Zentrum für Vertreibung sein.

Zeitpunkt

Der Beschluss zur Errichtung eines solchen Museums müsste spätestens 2020, zum 75. Jahrestag der Zerstörung Dresdens, gefasst und öffentlich gemacht werden. Dieses Datum kann die Motivation für ein derartiges Vorhaben stärken und einen zeitlichen Rahmen setzen, der da­vor bewahrt, dass es auf die lange Bank geschoben wird. Die Vorlaufzeit bis dahin reicht aus, eine sachgerechte argumentative, faktengestützte Begründung und De­taillierung dieses Projektes auszuar­beiten und es mit den politischen Parteien abzustimmen. Ein Zeitdruck ist auch da­durch gegeben, dass heute noch letzte Zeitzeugen verfügbar sind und hervorragende deutsche und internationale Wissenschaftler eingebunden werden können, die sich bereits in das Thema eingearbeitet haben.

Konzeption

Neben dem sehr starken Dresdner und gesamtdeutschen Aspekt wäre dies der Ort, an dem die spannenden und erschreckenden Dimensionen der Luftkriegsführung im 20. und 21. Jahrhundert bis hin zur Atom-, Chemiewaffen-, Raketen- und Drohnentechnologie als thematische Schwerpunkte dargestellt und aufgefächert werden müssten. Im Militärtechnischen Museum in Dresden gehen diese Aspekte unter. Hier handelt es sich im eine eigenständige, monumentale Materie, die über Dresden, Deutschland und Eu­ropa hinaus Existenzfragen der Menschheit insgesamt berührt. Gefordert wäre eine gründliche Aufarbeitung und eine moderne, facettenreiche, bildkräftige Präsentation dieses noch jungen militärisch-technischen Komplexes, die nicht in wenigen Monaten hingestellt werden kann und der ständigen Aktualisierung und Ergänzung bedarf. Dresden ist der geeignete Ort dafür.

Der Dresdner Aspekt

Zu prüfen wäre, ob ein Vorschein des grässlichen Geschehens von 1945 in der Bombardierung der Stadt durch Friedrich d. Gr. gesehen werden kann, die in eindrucksvollen Zeitzeugenberichten bis hin zu Goethe dokumentiert sind. Die zentrale Thematik ist die Auslöschung des alten Dresden 1945. Zu den speziellen Aspekten der Bombardierung 1945 führt die vorliegende umfangreiche Literatur. Das beginnt mit den zahllosen Zeitzeugenbe- richten, Fotos und Filmen, die nur teilweise ausgewertet sind, bezieht britische und amerikanische (evtl. russische) Originalquellen sowie Exponate (Flugzeugtypen, Bomben) ein, greift auf die Forschungen der Historikerkommission zurück und re­kapituliert das Wissen über Strategien und Technologien der damaligen Kriegsführung (zu der das Phänomen des Feuersturms gehört, der heute schon historisch ist). Eine eigene unerlässliche Thematik würden die archäologischen Erkenntnisse und Fundstücke bilden, die durch den Nachbau eines Luftschutzkellers mit den typischen Brandspuren im Sandstein er­gänzt werden müssten.

Der deutsche und europäische Aspekt

Eine volle Etage müsste dem individuellen Bombenschicksal aller deutschen Städte mit mehr als 100 000 Einwohnern gewidmet sein. Gerade diese Weitung des Blicks ist grundlegend für das gesamte Projekt. Ähnliches gilt für all jene Städte im europäischen Ausland, die Opfer deutscher Bombenangriffe geworden sind. Die entsprechenden Kojen und Ab­teilungen wären von den jeweiligen Städten in Eigenregie selbst zu gestalten. Erst dadurch erhielte auch das Schicksal Dresdens seinen Hintergrund und seinen Stellenwert.

Mythos Dresden/Wiederaufbaukonzepte

Was Dresden speziell betrifft, wäre es sinnvoll, bei den Kriegsereignissen nicht stehenzubleiben, sondern auch die Nachkriegszeit einzubeziehen. Dabei geht es um die äußerst spannende Frage, ob und inwieweit die sehr ungewöhnliche Wiederaufbau- und Mentalitätsgeschichte der Stadt und ihrer Bewohner als direkter Reflex auf die apokalyptische Erfahrung der Bombennacht zu sehen sind.

Hierzu würden zählen die tatsächliche Bilanz für den Gebäudebestand, für die Kunstdenkmäler, die Kunstschätze, die Stadtentwicklung; ferner die bewusste Beseitigung wiederaufbaufähiger Ge­bäude, die Rolle fortbestehender Ruinen und die Wiederaufbaustrategien.

Dresdner Herbst 1989

Die Einbeziehung dieser Jahre und Erfahrungen ist deshalb unerlässlich, weil entscheidende historische Ereignisse bis hin zur deutschen Wiedervereinigung auf diese Vorgeschichte aufbauen und vom „Mythos Dresden“ wichtige Impulse er­halten haben. Es ist gesagt worden, dass sich im nächtlichen Gedenken an der Ruine der Frauenkirche seit 1982 die friedliche Revolution von 1989 vorbereitet habe. Wenn dies zutrifft, dann ist auch die sehr spezielle Geschichte des Dresdner Aufbegehrens im Herbst 1989 vor diesem konkreten Hintergrund zu verstehen. Die Gruppe der 20, die Verhandlungsstrategien bei dem Versuch, friedliche Lösungen zu finden, der Mut und die Flexibilität der Verhandlungspartner bis hin zu den Reaktionen auf Helmut Kohls Auftritt vor der Frauenkirche am 19. Dezember 1989 – all dies ist von den historischen Voraussetzungen, zu denen die Erfahrung des Un­tergangs von 1945 zählt, nicht zu trennen. Diesen ganz eigenen Teil der 800-jährigen Dresdner Geschichte stärker und anschaulicher zu beleuchten, als es bis­her geschehen ist, wäre genau in diesem Zusammenhang angemessen und sinnstiftend.

Wiedergeburt

Für die geschichtliche Einordnung bildet der Ausblick bis in die Gegenwart eine wichtige Ergänzung. Die Wiederauferstehung von zentralen Bauwerken des historischen Dresdens – von der Frauenkirche über das Schloss bis hin zum Neumarkt –, die ebenfalls in dieser Komplexität einzigartig nicht nur für Deutschland, sondern Europa ist, würde hier als eine von den Eliten und den Bürgern gemeinsam mit Selbstbewusstsein und Hartnäckigkeit getragene Bewältigungsstrategie zu untersuchen und vermitteln sein. Im Hinblick auf das Geschehen auf den Dresdner Straßen seit 1990 wäre dies sehr wohl auch eine politische Aufgabe, weil die Stadtgesellschaft, die sich heute aus Alt- und Neudresdnern zusammensetzt, ohne eine solche Vermittlung noch lange brauchen würde, zusammenzuwachsen.

Der militärtechnische Komplex

Bis heute ist die fundamentale Andersartigkeit der Kriegführung aus der Luft ge­genüber allen älteren Kriegstechniken noch nie überzeugend herausgearbeitet worden. Sie beginnt mit Bomben, die an Heißluftballons und Zeppeline gebunden und über Städten abgeworfen wurden. Hier manifestierte sich erstmals eine Strategie, bei der den Tätern der Anblick der Opfer vorenthalten wird. Der Gipfel dieser Entwicklung, die in der Ausstellung über alle kriegstechnischen Entwicklungsstufen darzustellen wäre, ist mit der Drohnentechnologie erreicht, bei der die Ziele wie bei einem Computerspiel am Schreibtisch ausgewählt und vom Schreibtisch aus – der womöglich auf ei­nem anderen Kontinent steht – angesteuert werden. Über die (auch psychologischen) Folgen dieser Entpersönlichung und Maschinisierung des Krieges faktenbasiert zu unterrichten, sie mit Simulationstechniken erfahrbar zu machen und im Hinblick auf jüngste, immer wieder zu aktualisierende Beispiele zu hinterfragen und weiterzudenken, wäre Welt-Friedensarbeit in einem umfassenden Sinne, wie sie noch an keinem Ort für ein breites Publikum geleistet wurde und wird.

Gesellschaftspolitische Effekte

Dresden erhielte eine Sehenswürdigkeit, die sich als „Alleinstellungsmerkmal“ logisch mit dem Ort und seiner Ge­schichte verbindet.

– Mit einer solchen Institution würde eine Vermittlung zwischen den unterschiedlichen Deutungsmustern des Ge­schehens erreicht, mit der die Konfrontation zwischen den gesellschaftlichen Gruppierungen überwunden und das positive Image der Stadt wiederhergestellt werden würde.

– Mit dem Museum und angehängten Forschungsinstituten würde ein wichtiger Forschungszweig in Dresden verankert und ein nachhaltiger Beitrag dazu geleistet werden können, das Thema des Bombenkrieges aus falschen Bezugssystemen zu lösen und auf objektive Grundlagen zu stellen.

Dresden als Ausstellungsort

Auch, wenn ich die Themen hier nur anreißen konnte, sollte deutlich geworden sein, dass es nicht schwerfallen kann, selbst ein so großes Gebäude, wie es der Gasspeicher darstellt, mit hoch spannenden, ungewöhnlichen, für ein Museum so noch nie erprobten Inhalten zu füllen, die nicht nur historisch, sondern für Gegenwart und Zukunft bedeutsam sind. Vor dem Volumen eines solchen Unternehmens sollte man nicht zurückschrecken. Ein monumentales Thema verlangt nach monumentalen Darstellungsweisen. Dass dies zu leisten ist, zeigt das in Entstehung begriffene Zentrum für Vertreibung in Berlin. Welche Stadt wenn nicht Dresden wäre in Europa prädestiniert dafür, ein solches Museum aufzubauen! Dazu tritt ein zweites Argument: Nirgendwo sonst könnte die Thematik über alle Dimensionen des Grausigen und Menetekel haften hinaus zugleich derart packende, zu­kunftsfrohe, inspirierende Aspekte zum Leuchten bringen als in dieser Stadt der Wiedergeburt und glanzvollen zweiten Jugend. Davon würde eine einzigartige, starke Botschaft ausgehen, die sich auf glücklichste Weise mit dem Namen Dresdens dauerhaft verbinden würde.

Braucht Dresden ein Bombenkriegs-Museum? Jetzt ist Ihre Meinung gefragt, liebe Leserinnen und Leser. Diskutieren Sie mit. Bitte E-Mail an leserbriefe@dnn.de oder an DNN, Leserbriefe, Dr.-Külz-Ring 12, 01067 Dresden

Von Dankwart Guratzsch

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