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Lokales Bombenfunde und Pegida-Demos: Wie die Polizei Großeinsätze koordiniert
Dresden Lokales Bombenfunde und Pegida-Demos: Wie die Polizei Großeinsätze koordiniert
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16:10 03.10.2019
Polizisten sorgen dafür, dass die Pufferzone zwischen Pegida-Demonstranten und deren Gegnern eingehalten wird. Quelle: Anja Schneider
Dresden

Hunderte Demonstranten bevölkern die Prager Straße. Am linken und rechten Rand der Einkaufsmeile haben sie sich postiert, sie halten „Mission Lifeline“-Fahnen empor, trommeln, warten auf Pegida. Auf diesen Moment hat sich die Polizei schon lange vorbereitet.

Auch Stefan „Dixie“ Dörner wartet, sein Funkgerät stets griffbereit. Vom Rundkino aus beobachtet der Polizeiführer eine Situation, die ihm trotz seiner langjährigen Erfahrung fremd ist: Die beidseitige Flankierung der Pegidisten ist für alle Beteiligten ein Novum.

Polizeiführer Stefan Dörner beobachtet das Demogeschehen auf der Prager Straße. Quelle: Anja Schneider

Und dann kommen sie die Prager Straße heruntergelaufen – 1700 Pegida-Anhänger mit Fahnen und Schildern. Als sie gegen 19.30 Uhr die Centrum-Galerie erreichen, brandet ohrenbetäubender Lärm auf. Schmährufe und wüste Beschimpfungen werden laut. Nur wenige Meter trennen die Kontrahenten jetzt noch voneinander. Auge in Auge mit dem politischen Gegner.

14 Uhr: Einsatzbesprechung in der Polizeidirektion

Rückblende. Draußen steht die Mittagsluft, doch im Canalettosaal der Polizeidirektion Dresden herrscht angenehme Kühle. Über die riesige Bildschirmwand flimmern Kamerabilder, Stadtkarten und Infografiken.

Allmählich füllt sich der Saal, dazustoßende Polizisten begrüßen sich mit Umarmungen und Handshakes. Der vertraute Umgang kommt nicht von ungefähr. Heute steht ein größerer Einsatz an, bei dem sich die Beamten vollends aufeinander verlassen müssen.

Am großen Konferenztisch nehmen neun Personen Platz. Es sind die Mitglieder der Führungsgruppe und die Leiter der heutigen Einsatzabschnitte. Drumherum sitzen Funker, Lageeinschätzer, Kräftemanager und Telefondienste.

Polizeiführer Dörner begrüßt die Anwesenden zur Einsatzbesprechung. Ruhig spricht er zu seinem Team: „Wir sollten uns gut aufteilen. Lasst uns keine Polizeifestspiele auf dem Postplatz veranstalten. Die kritischste Stelle wird aber die Prager Straße sein. Dort müssen wir gut aufgestellt sein“, betont Dörner, dann geht er ein letztes Mal das taktische Konzept durch.

In der Vorbesprechung skizziert Polizeiführer Stefan Dörner (Mitte) zusammen mit den Abschnittsleitern den Ablauf des Einsatzes. Quelle: Anja Schneider

Der Canalettosaal ist das Führungszentrum der Polizeidirektion an der Schießgasse. Von hier aus wurden die großen Einsätze der letzten Jahre koordiniert: der Besuch von Barack Obama 2009, die Bilderberg-Konferenz 2016, das Innenministertreffen 2017.

Im Vergleich dazu steht heute nur ein Mittelklasse-Einsatz bevor. Anlässlich des 17. Juni sind sechs Versammlungen angezeigt worden, unter anderem von Pegida, der Identitären Bewegung sowie linken Gruppen. Voraussichtlich 2100 Menschen werden am Demo-Geschehen in der Innenstadt teilnehmen. Rund 170 Beamte der Kriminal-, Verkehrs- und Bereitschaftspolizei sind deshalb im Einsatz.

Wie werde ich Polizist?

Polizist werden kann jeder, der die formalen Einstellungsvoraussetzungen erfüllt. Dazu zählen unter anderem die gesundheitliche Eignung und ein sauberes Vorstrafenregister. Außerdem müssen Interessenten ein Auswahlverfahren bestehen. Am Tag seiner Einstellung darf der angehende Beamte nicht älter als 35 Jahre sein.

Die Karriere startet mit einer Ausbildung oder einem Studium.

Die Ausbildung dauert 30 Monate und ist an einer der Polizeifachschulen in Leipzig, Chemnitz oder Schneeberg möglich. Mit bestandener Laufbahnprüfung erfolgt die Ernennung zum Polizeimeister.

Das Studium dauert drei Jahre und beinhaltet ein einjähriges Grundstudium in Bautzen und zwei weitere Jahre an der Hochschule der Sächsischen Polizei in Rothenburg. Im Anschluss winkt die Ernennung zum Polizeikommissar.

Geld verdient wird bereits in der Ausbildung. Der Polizeimeisteranwärter bringt es anfangs monatlich auf 1182,02 Euro, ein Po­lizeimeister dann zum Einstieg auf 2078,38 Euro. Wer studiert, erhält anfangs 1227,19 Euro, der Polizeikommissar steigt mit 2 319,66 Euro ein (alle Angaben für ledige Personen, Stand 1. Januar 2018).

Weitere Infos zur Karriere bei der sächsischen Polizei, zu Einstiegsmöglichkeiten und den späteren Verwendungsmöglichkeiten gibt es unter verdaechtig-gute-jobs.de.

Mit seinen 41 Jahren gehört „Dixie“ zu den jüngsten Polizeiführern in Sachsen. Seinen größten Einsatz leitete er 2015: Am Pegida-Jahrestag trug er Verantwortung für gut 1500 Beamte. „Der Polizeiführer ist der Mann für die kritischen Momente. Er trifft alle relevanten Entscheidungen und muss die Fakten gegen die Folgen jeder Polizeiaktion abwägen“, erklärt er.

Nicht jeder ist für dieses Aufgabenspektrum geschaffen. Es bedarf einer Polizeilaufbahn im höheren Dienst und einer ganzen Portion Mut, um Einsatzleiter zu werden. Auch Erfahrung spielt durchaus eine Rolle: Seit 2014 leitet Dörner Polizeiaktionen dieser Dimension, im Jahr bringt er es auf 20 Einsätze.

18 Uhr: Linken-Kundgebung vor der Kreuzkirche

Warum mit dem breiten Einsatzwagen durch die Innenstadt kurven, wenn es per Drahtesel viel leichter geht? Mit dem E-Bike der Polizei fährt Stefan Dörner an der Kreuzkirche vor. Vor Ort wechselt er warme Worte mit der Leiterin einer linksgerichteten Versammlung.

Mit dem Fahrrad ist Polizeiführer Stefan Dörner deutlich flexibler in der Dresdner Innenstadt unterwegs als mit dem breiten Einsatzwagen. Quelle: Anja Schneider

Der direkte Kontakt zu den Demo-Chefs hat sich bewährt. „Die Gespräche helfen uns, das Grundgefühl der Demonstranten aufzunehmen und die Lage beurteilen zu können“, sagt Dörner. Doch selbst wenn die Situation mal angespannt sein sollte, muss der Einsatzleiter Ruhe bewahren. „Nichts wäre schlimmer als ein hektischer Polizeiführer“, meint er. „Man darf sich nicht aus der Fassung bringen lassen.“

Zahlen und Fakten

Die Polizeidirektion Dresden hat im letzten Jahr 2300 Einsätze geführt. Davon wurden 54 im Führungszentrum Canalettosaal koordiniert.

Der Polizeidirektion stehen fünf Polizeiführer zur Verfügung.

Im Schnitt sind 250 Beamte an einem Einsatz beteiligt, der aus dem Canalettosaal geführt wird.

Der größte Einsatz im letzten Jahr wurde anlässlich des Bombenfundes in Löbtau durchgeführt (rund 1 400 Beamte im Einsatz).

Der zeitintensivste Einsatz des Führungsstabes ist die alljährliche Absicherung der Weihnachtsmärkte (27 Tage am Stück, täglich zehn Stunden).

Manchmal ist das leichter gesagt als getan – denn kein Einsatz ist wie der andere. Bombenfunde und sonstige Sofortlagen erwischen selbst Vollprofis wie Dörner kalt. Im Mai 2018 leitete er den Führungsstab des Polizeieinsatzes in der Königsbrücker Heide.Dort hatte sich ein Mann verschanzt, nachdem er seine Nachbarin umgebracht und einen Polizisten verletzt hatte. „Das war ein völlig untypischer Fall“, erinnert sich Dörner. Es gab nur wenige einsatzfähige Polizeikräfte und kaum Informationen. „Wir sind der Lage hinterhergelaufen und mussten improvisieren. Als der Täter begann, auf Polizisten zu schießen, hat sich die Gefahr massiv erhöht.“ Letztlich endete der Einsatz, indem sich der Mörder selbst richtete.

Derart kräftezehrende Extremsituationen brauche Dörner nicht jede Woche. „Aber Einsätze mit Herausforderungen dürfen es gerne sein. Man lernt mit jedem Fall dazu, selbst wenn er tragisch endet“, meint er.

19.30 Uhr: Prager Straße: Spalier stehen für Pegida-Demonstranten

Gegen 19 Uhr radelt Dörner weiter zur Prager Straße, wo „Lifeline“-Sympathisanten für Pegida Spalier stehen wollen. Auch ein Bildübertragungswagen ist vor Ort, damit der Führungsstab im Canalettosaal die Lage anhand von Livebildern bewerten kann.

Der Bildübertragungswagen sendet Livebilder an das Führungszentrum der Polizei. Quelle: Anja Schneider

Dann wird es ernst, die ersten Pegidisten laufen die Freitreppe am Rundkino hinunter. Polizeibeamte sorgen dafür, dass die Pufferzone von fünf Metern eingehalten wird – ein sicherer Rahmen für den direkten Meinungsaustausch mit den Gegendemonstranten.

So schnell wie es begonnen hat, endet das eindrucksvolle Schauspiel wieder. Pegida zieht weiter. Das war nicht immer so: „2015 haben noch mehr Menschen demonstriert, darunter viele Gewaltbereite. Es gab Blockadeversuche, gegenseitigen Bewurf und Angriffe auf Pressevertreter“, sagt Dörner.

Mittlerweile sind die innerstädtischen Versammlungen friedlicher geworden. Nach nunmehr 180 Pegida-Demos hat sich allmählich Routine entwickelt – sowohl bei der Polizei als auch bei Versammlungsleitern und Demonstranten.

21.12 Uhr: Zwischenfall an der Brühlschen Terrasse

Nicht jeder Einsatz verläuft wie geplant. Der Abend des 17. Juni hätte ein ruhiger für die Polizisten werden können – wäre nicht noch der späte Vorfall am Elbufer gewesen. Spontan ist über Twitter zur Protestaktion „Noise eats Neutrality“ aufgerufen worden. Gegen 21 Uhr fordern 150 Studierende von den Dresdner Bildungs- und Kulturstätten klare Statements gegen die AfD.

m Rande der Protestaktion “Noise eats Neutrality“ auf der Brühlschen Terrasse kommt es am Abend zu unschönen Szenen. Quelle: Noise eats NeutralityNoise eats Neutrality

Kurz nach Demobeginn treffen acht Polizeibeamte vor Ort ein. Die Stimmung kippt, als ein Demonstrant die Brühlsche Terrasse mit Farbe besprüht. Polizisten schreiten ein, um die Personalien des Mannes festzustellen. Weil er sich körperlich wehrt, wird der 32-Jährige fixiert und festgenommen. Plötzlich umringt eine Gruppe die Beamten. Mehrere Personen versuchen, den Tatverdächtigen zu befreien.

Die Meldung von den Unruhen kursiert um 21.12 Uhr im Canalettosaal. Stefan Dörner unterbricht die Abschlussbesprechung, packt sein Funkgerät und eilt zur Brühlschen Terrasse. Gemeinsam mit den Kollegen gelingt es ihm schließlich, die Situation zu beruhigen. Gegen 23 Uhr löst sich die Protestgruppe auf.

Später stellt sich heraus: Den ganze Trubel hätte man sich sparen können. In der Spraydose befand sich nur Sprühkreide, die mit Wasser entfernbar ist. „Was an der Brühlschen Terrasse passiert ist, ärgert mich“, erklärt Dörner im Nachhinein. „Die zwischenzeitliche Eskalation war unnötig.“

Gegen prinzipielle Kritik am Einsatz weiß er sich indessen zu wehren: „Die Beamten haben eine unklare Lage vorgefunden, weil die Demo unangemeldet war. Ich kann ihnen keinen Vorwurf machen.“ Und auch das zeichnet einen guten Polizeiführer aus: Er setzt sich für seine Kollegen ein – vor allem dann, wenn die kritischen Stimmen am lautesten sind.

Tatort Dresden – Die komplette Serie

Der Kriminaldauerdienst

Die Schießausbildung

Die Notrufzentrale

Die Brandursachenermittlerin

Das Lagezentrum

Die Verkehrspolizei

Das Polizeiorchester

Die Streifenpolizei

Der Mordermittler

Die Ausrüstung

Der Staatsschutz

Die Pressestelle

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Von Junes Semmoudi

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