Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Lokales Bessere Löhne für Altenpfleger – dafür Mehrkosten für Heimbewohner in Dresden-Gorbitz
Dresden Lokales Bessere Löhne für Altenpfleger – dafür Mehrkosten für Heimbewohner in Dresden-Gorbitz
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
Jetzt kostenlos Testen Zur Anmeldung
17:10 07.11.2019
Alltag im ASB-Seniorenheim „Am Gorbitzer Hang“: Schwester Sybille Roch bäckt mit Seniorinnen Brot. Quelle: Dietrich Flechtner
Anzeige
Dresden

Seit Dienstagabend hat Peter Großpietsch Klarheit. 1767,26 Euro wird jeder Bewohner des Seniorenheims „Am Gorbitzer Hang“ ab 1. Januar aus der eigenen Tasche zahlen müssen. Das sind 364 Euro mehr als bisher. Der Kommunale Sozialverband (KSV) und die AOK haben dafür grünes Licht gegeben.

Der Geschäftsführer der ASB Dresden und Kamenz gGmbH, die neben dem Gorbitzer Pflegeheim zwei weitere in Bernsdorf und Königsbrück betreibt, hatte die Erhöhung selbst beantragt. Der Grund: Er will seine Mitarbeiter gerecht bezahlen. Ab dem 1. Januar werden die Gehälter der Pflegekräfte in den drei Einrichtungen des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) an den Pflege-Tarif des öffentlichen Dienstes (TVöD Pflege) angelehnt, teilte er am Mittwoch mit.

Anzeige

Gehälter im Dresdner ASB-Pflegeheim

Bruttogehaltjetzt

Bruttogehaltab 1.1.2020

Pflegehilfskraft(30-Stunden-Woche, nach zwei Jahren)

1494,92 €

1903,54 €

Pflegefachkraft(30-Stunden-Woche, nach zwei Jahren)

1880,48 €

2229,33 €

Wohnbereichsleiter(40-Stunden-Woche, nach fünf Jahren)

2847,89 €

3509,06 €

Peter Großpietsch hat deswegen turbulente Wochen hinter sich. „Gerecht“ heißt für Pflegekräfte in Deutschland gleich mehrere hundert Euro mehr pro Monat. Und bezahlen müssen das die Kunden – die Bewohner der Pflegeheime, für die ihr Eigenbeitrag im Gegenzug um mehrere hundert Euro steigen wird.

„Niemand muss befürchten, dass er das Heim verlassen muss“

Angesichts des Mangels an Pflegekräften sei dieser Schritt unausweichlich, argumentiert der Geschäftsführer. Deshalb wollte er bereits ab 1. November Nägel mit Köpfen machen. Auf eine Ankündigung per Post gab es allerdings so heftigen Widerstand, dass er die Sache verschieben musste. „Das war natürlich ein Schock für die Bewohner und ihre Angehörigen“, sagt Großpietsch, und er habe dafür großes Verständnis. Allerdings hätten bereits Heime wegen Personalmangels schließen müssen. Die Tariferhöhung sei ein Signal an den Arbeitsmarkt.

Peter Großpietsch, der Geschäftsführer der ASB-Seniorenheime in Dresden, Bernsdorf und Königsbrück bezahlt ab dem 1. Januar 2020 seine Mitarbeiter in der stationären Pflege angelehnt an den Tarif für den öffentlichen Dienst. Eine bessere Wertschätzung für die Pflegebranche, sagt er, müsse sich auch im Gehalt widerspiegeln. Quelle: Dietrich Flechtner

Um die Wogen zu glätten, würden derzeit im Gorbitzer Heim viele Gespräche mit Bewohnern und Angehörigen geführt. „Niemand muss befürchten, dass er das Heim verlassen muss“, verspricht Großpietsch. Wer den höheren Eigenanteil nicht zahlen kann, solle umgehend einen Sozialhilfeantrag stellen. Die Mitarbeiter helfen beim Ausfüllen. Zurzeit bezieht etwa jeder fünfte der 243 Heimbewohner Sozialhilfe. Rund 50 hätten nach der Ankündigung höherer Eigenbeiträge vorsorglich einen Antrag gestellt, sagt Heimleiterin Kathrin Meißner.

Um die Wogen zu glätten, kommt Großpietsch den Heimbewohnern ein Stück weit entgegen. „Wir berechnen auch nach dem 1. Januar den bisherigen Eigenanteil, bis das Sozialamt über den Antrag entschieden hat“, sagt er. Die Differenz müsse der Bewohner erst dann nachzahlen, wenn Geld vom Sozialamt eingeht. Im Falle einer Ablehnung müsse allerdings trotzdem gezahlt werden.

Der Fachkäftemangel habe im Dresdner Seniorenheim dazu geführt, dass man auf Zeitarbeit zurückgreifen musste. Das habe den sozialen Frieden unter den Mitarbeitern gestört, sagt Großpietsch. Zeitarbeiter seien nicht nur teuer, sondern hätten oft auch Verträge mit komfortablen Arbeitszeitregelungen. „So kam es, dass Nachtschichten und Feiertagsdienste sehr ungleich verteilt waren.“

“Viele Bewohner sagen auch, dass sie uns die bessere Bezahlung gönnen.

Unter den rund 100 Mitarbeitern des Heimes, die in neun Teams Wohnbereiche mit jeweils 27 Mitarbeitern betreuen, waren laut Personalleiterin Ines Junge teilweise sieben Zeitarbeiter, zurzeit seien es zwei. Großpietsch will ganz weg von der Zeitarbeit – nicht nur des sozialen Friedens wegen. „Wir können es den Bewohnern nicht zumuten, sich ständig auf neue Bezugspersonen einstellen zu müssen“, erläutert Pflegedienstleiterin Cornelia Moosche unter Verweis auf das Betreuungskonzept.

Der Personalbedarf, der nicht nur mit Blick auf den aktuellen Krankenstand, sondern auch wegen sich ändernder Pflegegrade der Heimbewohner jeden Monat überprüft wird, soll durch flexible Anwendung der 30-Stunden-Woche für die Pflegekräfte angepasst werden. „Das geht nur“, sagt Großpietsch, „wenn wir genügend Fachpersonal haben und uns die Mitarbeiter nicht weglaufen zu Zeitarbeitsfirmen oder an Krankenhäuser – wo auch besser bezahlt wird.“ Mit der Ankündigung, nach TVöD zu bezahlen, hätten sich auch Mitarbeiter wieder gemeldet, die vor einiger Zeit gekündigt hätten.

ASB-Seniorenheim-Leiterin Kathrin Meißner sagt, dass rund 50 Heimbewohner vorsorglich einen Sozialhilfe-Antrag gestellt haben. Quelle: DNN

Die Pflegekräfte begrüßen natürlich die Gehaltserhöhung, spüren teils aber auch den Unmut der Heimbewohner und ihrer Angehörigen. „Da ist Verunsicherung und Wut“, sagt Cornelia Moosche, „aber viele Bewohner sagen auch, dass sie uns die bessere Bezahlung gönnen.“ Die Heimleitung hat inzwischen mit einem zweiten Brief an die Bewohner auf deren existenzielle Sorgen reagiert – und auch mit Beratungsangeboten, bei denen das Sozialamt mit im Boot ist.

Er sei überzeugt, dass andere Träger von Pflegeheimen nicht umhin kommen, ähnlich drastische Schritte zu gehen, sagt Peter Großpietsch. Bei der Volkssolidarität will man aber lieber schrittweise vorgehen, wie ein Sprecher auf DNN-Anfrage mitteilte. Für Großpietsch ist das keine Option. „Einmal ein großer Schnitt und dann ist Ruhe“, sagt er. Sonst käme ja immer das Misstrauen auf, dass es jedes Jahr erneut eine Erhöhung gäbe.

Die Pflegesatzverhandlungen seien zudem sehr kompliziert, erklärt der Geschäftsführer. Die Beiträge würden für jedes Heim separat verhandelt. Mehr Geld könne er nicht herausschlagen, da die Zuschüsse der Sozialversicherungsträger bundeseinheitlich geregelt seien. Es gehe im Prinzip nur darum, ob KSV und AOK die Gründe für Beitragserhöhungen als plausibel anerkennen und absegnen.

Die Politik muss handeln

Auch für stationäre Pflege, ambulante Pflege und Tagespflege gibt es getrennte Verhandlungen. Kerstin Wunderlich von der Tagespflege des ASB in Boxdorf findet das ungerecht. Sie muss sich weiter mit dem Lohn begnügen, den die Kollegen im Pflegeheim bisher bekommen. Peter Großpietsch möchte das ändern. Die nächste Gelegenheit dazu hat er im nächsten Jahr. Dann stehen auch für die Tagespflege neue Pflegesatzverhandlungen an – und wohl auch Erhöhungen der Eigenbeiträge für Menschen, die in ihrem Rahmen betreut werden.

Bei Pflegegrad 3 zahlt die Pflegeversicherung derzeit 1262 Euro monatlich. Peter Großpietsch hat ausgerechnet, wie lange es dauern würde, bis das bei angenommener Einzahlung seit ihrer Einführung 1995 die gesamten Einzahlungen übersteigen würde. „Bei einem Bruttogehalt von 4500 Euro wären das 16 Monate, bei 1500 Euro gerade mal sechs“, sagt er. Auch wenn die Pflegeversicherung solidarisch von allen bezahlt wird, könne das nicht mehr lange gut gehen. Hier sei die Politik gefragt.

Politisch wird zurzeit diskutiert, die Pflegeversicherung besser aufzustellen.„Die Löhne der Pflegekräfte können nicht weiter allein von den Pflegebedürftigen geschultert werden“, sagt Ulrich Bauch, Bundesgeschäftsführer des ASB. Er fordert, die Pflegeversicherung durch eine baldige gesetzliche Lösung finanziell zu stärken.

Weiterlesen: Kassen-Spitzenverband – „Wir können Heimbewohnern nicht noch höhere Eigenanteile zumuten“

Auch im Dresdner Sozialamt sieht man der Entwicklung mit Spannung entgegen. In Anbetracht steigender Eigenanteile rechne man mit mehr Sozialhilfeanträgen von Pflegeheimbewohnern, hieß es auf DNN-Anfrage. Eine genaue Zahl sei noch nicht abschätzbar. Im Pflegepaket Sachsen vom Mai 2019 seien auch ein Landesinvestitionsprogramm zur Begrenzung der Eigenanteile von Pflegebedürftigen sowie die Einführung eines Pflegewohngeldes vorgesehen. Inwieweit eine neue Landesregierung diese Positionen aufgreifen wird, bleibe abzuwarten.

Das ASB-Seniorenheim „Am Gorbitzer Hang“ Dresden

Im Jahr 1983 als „Feierabend- und Pflegeheim Gorbitz I“ eröffnet

Kapazität für 243 Bewohner, ausschließlich in Einbett-Zimmern mit eigenem Bad

Gegliedert in neun Wohnbereiche mit jeweils 27 Bewohnern, die von neun bis zehn Pflegekräften (vier bis fünf Pflegefachkräfte und fünf Pflegehilfskräfte) betreut werden

Ein Bereich für die geronto-psychiatrische Tagesbetreuung hat 14 Plätze für Bewohner des Heimes, die an Demenz erkrankt sind

www.asb-dresden-kamenz.de

Von Holger Grigutsch

Um Unfälle mit Wildschweinen zu vermeiden, müssen Autofahrer künftig an der Autobahnanschlussstelle Dresden-Altstadt den Fuß vom Gaspedal zu nehmen. In den Abend- und Nachtstunden gilt dort ein neues Tempolimit.

07.11.2019

Anfang nächsten Jahres verwandelt sich das Fußballfeld im Rudolf-Harbig-Stadion in eine Eislauffläche. Für rund eine Woche können Interessierte diese dann unsicher machen – doch die Drewag Winterwelt bietet noch mehr.

07.11.2019

Die Dresdnerin Verena Fleckner sah die Wende mit den Augen eines neunjährigen Kindes. Mit dem Mauerfall eröffnete ihr sich eine buntere Welt – die große Freiheit spürte sie allerdings erst Jahre später.

07.11.2019