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Lokales Ist Dresden eine der ältesten Metropolen Europas?
Dresden Lokales Ist Dresden eine der ältesten Metropolen Europas?
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14:00 12.05.2020
Steffen Bösnecker (r.), Petra Nikolov und Gunter Thurm vom Heimatverein Prohlis am Modell einer Nickerner Kreisgrabenanlage, das Steffen Bösnecker mit seiner Familie gebaut hat. Quelle: Dietrich Flechtner
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Dresden

„Wie Sie sehen, sehen Sie nichts“, sagt Steffen Bösnecker. Der Nickerner, der seine Brötchen als Fliesenlegermeister verdient, ist sehr geschichtsinteressiert und engagiert sich im Heimatverein Prohlis. Er hat uns auf ein Areal an der Gabelung von Fritz-Meinhardt-Straße und dem Autobahnzubringer Tschirnhausstraße geführt. „Hier ist bei archäologischen Grabungen 1993 eine Kreisgrabenanlage von 50 Metern Durchmesser aus der Jungsteinzeit gefunden worden“, so Bösnecker. Wir sehen nur Wiese, Büsche und Bäume sowie ein Regenrückhaltebecken und ansonsten – nichts. Das wollen der Heimatverein Prohlis und allen voran Steffen Bösnecker ändern.

Bemerkenswerte Funde aus der Frühsteinzeit in Nickern

Denn wie man heute – nach weiteren Grabungen im Zusammenhang mit der Erschließung des Gewerbegebietes Nickern und des Baus der Autobahn 17 – weiß, gibt es im Dresdner Stadtteil Nickern nicht nur Spuren einer ringförmigen Graben- und Wallkonstruktion, die auf eine Besiedlung des Dresdner Elbtals vor immerhin 7000 Jahren hinweist. In einem Gebiet von etwa 500 Metern Durchmesser um den Gebergrund fand man die Reste von gleich vier solcher Anlagen.

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Darunter befindet sich auch ein vierfacher Kreisring. Einen solchen gibt es ansonsten europaweit nur in den Kreisgrabenanlagen in Kyhna bei Delitzsch, in Kolin bei Prag und in Cífer(Slowakei). "Die Häufung von Kreisgrabenanlagen auf engem Raum bei Kyhna, Kr. Delitzsch, und in Dresden-Nickern stellt eine Besonderheit dar, sind doch die meisten bislang bekannt gewordenen Befunde einzelne Monumente", schreibt das Landesamt für Archäologie auf seiner Internetseite.

Lage der freigelegten Befunde der Kreisgrabenanlagen in Nickern im modernen Stadtplan. Der Straßenzug, der in der Mitte quer durchs Bild führt, ist die Fritz-Meinhardt-Straße. Der blaue Wasserlauf im rechten unteren Teil der Zeichnung ist der Geberbach. Quelle: Landesamt für Archäologie Sachsen
Lage der Kreisgrabenanlagen (rot) in Nickern in einer von Steffen Bösnecker vervollständigten Darstellung. Die Grabungsflächen in Vorbereitung des Baus des Autobahnzubringers sind gelb markiert. Quelle: Karte: Landesamt für Archäologie/Montage: Steffen Bösnecker

Über Zweck der Kreisgrabenanlagen gibt es nur Vermutungen

Für dieses Phänomen gebe es noch keine hinreichende Erklärung. Und auch nicht dafür, welchem Zweck diese Kreisgrabenanlagen eigentlich dienten. „Am ehesten wird es sich um zentrale Versammlungsplätze mit Kult- und Marktfunktionen gehandelt haben“, so das Landesamt für Archäologie weiter.

Für den Nickerner Fliesenlegermeister und Hobbyhistoriker sind die Kreisgrabenanlagen und weitere archäologische Befunde im Umfeld, die auf eine kontinuierliche Besiedlung des Dresdner Elbtals in den zurückliegenden 7000 Jahren hinweisen, ein Pfund, mit dem die Stadt Dresden wuchern sollte. „Stonehenge in England und die Pyramiden von Gizeh in Ägypten sind 2000 Jahre jünger. Offenbar leben wir hier in einer der ältesten Metropolen Europas, aber keiner weiß es“, sagt Bösnecker.

Thomas Westphalen vom Landesamt für Archäologie hält diese Schlussfolgerung für falsch. „In Sachsen gab es mehrere Gunstregionen, die seit 7000 Jahren eine intensive Nutzung erfuhren. Dazu zählt zum Beispiel auch Kyhna bei Delitzsch, wo eine Nickern vergleichbare Häufung von Kreisgrabenanlagen bekannt“ sei.

Kein kausaler Zusammenhang mit Entwicklung zur Großstadt

„Dass Dresden heute eine Groß- und Landeshauptstadt ist, lässt sich nicht aus der 7000-jährigen Sesshaftigkeit bäuerlicher Siedler ableiten“, so die Meinung von Thomas Westphalen. Gleichwohl sei es auch Anliegen des Landesamtes Archäologie, „darauf aufmerksam zu machen, dass Dresden deutlich mehr aufzubieten hat als die großartigen Denkmäler aus Residenzzeiten“. Steffen Bösnecker ist der Ansicht, dass solche besonderen Orte wie Nickern die Chance bieten, Geschichte erlebbar zu vermitteln. Deshalb ist er seit zehn Jahren geradezu rastlos unterwegs, Verbündete und Mitstreiter zu finden und die aus seiner Sicht bemerkenswerten archäologischen Funde ins Bewusstsein der Dresdner zu bringen.

1:1-Nachbildung an authentischer Stelle ist das Ziel

Mit seiner Familie und Freunden baute er im Maßstab von 1:87 ein Modell einer solchen Kreisgrabenanlage, deren Überreste in Nickern gefunden wurden. „Mein Ziel ist, mit dem Modell nicht nur bildlich zu machen, wie eine solche Kreisgrabenanlage aussah, sondern auch die Möglichkeiten einer modernen Nutzung in der Gegenwart ins Gespräch zu bringen“, so Steffen Bösnecker. Denn sein Traum ist eine Nachbildung im Originalmaßstab an authentischer Stelle.

Landesamt für Archäologie hält davon nichts

„Wir würden uns dafür nicht stark machen“, so Thomas Westphalen gegenüber DNN. „Denn durch einen Nachbau an Originalstelle würde Originalsubstanz verloren gehen.“ Zudem gebe es zu wenig Erkenntnisse darüber, wie die Bauten oberirdisch aussahen. „Natürlich kann man sich die Freiheit nehmen und etwas bauen nach dem Motto: So könnte es ausgesehen haben. Aber als Archäologen wollen wir so nah wie möglich am Original sein und so wenig wie möglich Phantasie reinbringen.“

Bürger lassen sich nicht entmutigen

Bösnecker und der Heimatverein Prohlis lassen sich dadurch nicht entmutigen. So organisierten sie schon mehrere Ausstellungen über die Funde in Nickern, einen steinzeitlichen Erlebnistag für Schüler und konzipierten einen acht Kilometer langen Rundwanderweg „als Exkursion in die Urgeschichte unserer Heimatstadt“, wie es im Entwurf heißt.

Rundwanderweg wird jetzt Wirklichkeit

Ein solcher Rundwanderweg wird jetzt Wirklichkeit. Er soll in Prohlis, Nickern und Kauscha die vielen historischen und kulturlandschaftlichen Besonderheiten von der Eiszeit bis zur Gegenwart berühren und den Wanderern näherbringen, so Thomas Westphalen. Grundlage für die Umsetzung ist ein Stadtratsbeschluss. Den Antrag, der dafür Grundlage war, brachte das Bündnis Freier Bürger auf Initiative von Steffen Bösnecker und des Heimatvereins Prohlis ein.

Erste Stationen sollen noch dieses Jahr vorgestellt werden

Am Verlauf der Route, der Beschilderung und einer dazugehörigen Karte arbeitet nun eine vielköpfige Arbeitsgruppe. Sie besteht aus Vertretern des Denkmalamtes, des Palitzschmuseums, des Ortsamts Prohlis, des Heimatvereins, der HTWK Dresden, dem Landesamt für Archäologie und dem Landesverein Sächsischer Heimatschutz e.V.

„Mittlerweile wurden der künftige Streckenverlauf sowie Standorte für Informationstafeln zu verschiedenen Themen – zum Beispiel die Geschichte der Langobarden, Ziegeleiindustrie, Neolithische Siedlungen, Kreisgrabenanlage – festgelegt“, so Jörg Lämmerhirt, Stadtbezirksamtsleiter von Prohlis. Über das seit 2019 neu geschaffene Stadtteilbudget habe der Stadtbezirksbeirat Prohlis für die Finanzierung der Tafeln 30 000 Euro zur Verfügung gestellt. Neben den Tafeln soll noch eine Broschüre mit Wissenswertem zum Rundwanderweg erstellt werden, hieß es auf eine Anfrage der DNN.

„Wir sind guter Hoffnung, dass bereits in diesem Jahr erste Stationen vorgestellt werden können“, so Thomas Westphalen.

Steinzeit-Erlebnistag für die ganze Familie

Nächstes Projekt des Heimatvereins Prohlis ist der „1. Steinzeit-Erlebnistag“. Er soll viele verschiedene Aktionen für Groß und Klein bieten, vom Palisadenbau über Fährten- und Kräuterkunde, Bogenschießen, Weideflechten bis hin zu Musik, Tanz und anderem mehr.

„Für unsere ,Jagdszenen mit dem Speer’ konnten wir als ,Rottenführer’ Lars Hamann, das ehemalige Dresdner Speerwurf-Ass und Deutscher Meister, gewinnen“, sagt Steffen Bösnecker mit Vorfreude. Das Fest soll am 24. August in Nickern am Ort der neolithischen Kreisgrabenanlage stattfinden – auf der Grünfläche an der Gabelung von Fritz-Meinhardt-Straße und dem Autobahnzubringer Tschirnhausstraße.

Die Stadt Dresden unterstützt die Organisation im Rahmen der Kampagne „Orte des Miteinanders“ mit einem Betrag von 2050 Euro. Diese steht im Zusammenhang mit der Bewerbung Dresdens um den Titel Kulturhauptstadt Europas 2025.

In der Bewerbung selbst spiele die Frühgeschichte Dresdens jedoch keine Rolle, weiß Bösnecker. Er und die Mitglieder des Heimatvereins Prohlis können das nicht verstehen.

Von Catrin Steinbach

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