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Lokales Baustelle Augustusbrücke – Bauleute haben ein Fenster ins Mittelalter freigelegt
Dresden Lokales Baustelle Augustusbrücke – Bauleute haben ein Fenster ins Mittelalter freigelegt
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14:26 16.11.2019
Archäologin Beate Hoppel dokumentiert die Reste der alten Brücke, die Bauarbeiter freigelegt haben. Quelle: Dietrich Flechtner
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Dresden

Archäologin Beate Hoppel hat den Blick fest auf die Steine zu ihren Füßen geheftet. Sorgsam dokumentiert sie deren Lage. Erneut haben Bauarbeiter am Neustädter Markt Reste eines mittelalterlichen Vorgängers der Augustusbrücke aus dem 12. Jahrhundert freigelegt. „Wer weiß, wann sie das nächste Mal wieder zu sehen sind?“, fragt Andreas Gruner. Der 35-Jährige ist als Brückenfachmann im Straßen- und Tiefbauamt mit der seit dem Frühjahr 2017 laufenden Sanierung der Augustusbrücke betraut.

Die haben schon einmal wegen der im Herbst 2018 etwas überraschend gefundenen Überreste eines Brückenbogens und des Widerlagers samt einiger wohl zum Narrenhäusel gehörenden Fundamente für eine Baupause gesorgt. Jetzt sei es weniger dramatisch. „Wir wussten ja in etwa, wo die mittelalterliche Brücke liegt“, sagt Gruner.

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Baumeister Matthäus Daniel Pöppelmann habe die Reste der damals nur 7,20 Meter breiten Steinbrücke (heute: 18 Meter) verfüllt, Bauleute haben bei der Errichtung des jetzigen Brückenbaus vor 110 Jahren einfach Kanäle für Leitungen in die Steine gehauen. Heute geht man sorgsamer mit dem Relikten um. Wenn die Dokumentation beendet sei, werde der Baugrube wieder verfüllt und anschließend weiter gebaut. Bis dahin bietet sich für Baustellenkiebitze noch die Gelegenheit, einen Blick auf Dresdens mittelalterliche Vergangenheit zu werfen.

Bauarbeiter haben vor allem den Sandstein im Blick

Anderswo auf der Brücke gehen die Arbeiten planmäßig weiter. Fahrbahn und der darunter liegende Straßenaufbau sind inzwischen auf der derzeit im Bau befindlichen, der Marienbrücke zugewandten Seite komplett abgetragen, so dass die Brückenbögen und die sie verbindenden Kämpfergelenke zu erkennen sind. Das bedeutet, dass die zähe und mit Teer versetzte Dichtschicht, die gesondert entsorgt werden muss, schon abgetragen ist.

Erneut haben Bauarbeiter am Neustädter Markt Reste eines mittelalterlichen Vorgängers der Augustusbrücke aus dem 12. Jahrhundert freigelegt.

Auch die Sandsteinbrüstungen sind meistenteils verschwunden, die Kanzeln liegen frei. Hie und da sind noch die vasenförmigen Schmuckelemente und die Verankerung der Fahrleitungsmasten zu sehen. „Die Arbeiter konzentrieren sich jetzt auf die großen Konsolsteine“, erläutert Robert Franke, der kommissarische Leiter des Straßen- und Tiefbauamts. Damit sind die Sandsteine gemeint, auf denen Brüstung und Gehweg ruhen. Mit ihnen begannen auf der gegenüberliegenden Seite die Schwierigkeiten: Sie waren stärker beschädigt als von außen zu erkennen war. Außerdem hielt der Mörtel zwischen ihnen besser als gedacht, so dass manche auch beim Auseinanderbauen Schaden nahmen.

Radfahrer müssen auf Neustädter Seite einen Umweg fahren

Von 160 Kubikmeter schadhaftem Sandstein an Brüstung und Konsolen war man vor Beginn der Arbeiten ausgegangen, 350 Kubikmeter waren es dann. „Wir denken, dass es im zweiten Bauabschnitt nicht anders sein wird“, sagt Brückenexperte Gruner. Das bedeutet Mehrarbeiten bei den Sächsischen Sandsteinwerken, von denen viele auch mit Hand zu erledigen sind. „Das wird seine Zeit dauern“, sagt Amtsleiter Franke. Immerhin ist der Zeitpunkt günstig: Über den Winter lässt sich Sandstein ganz gut bearbeiten. Im Frühjahr, wenn die Temperaturen Arbeiten mit Beton und Dichtmaterialien zulassen, soll es dann mit dem Brückenaufbau weiter gehen. Dass die Brückenbögen bis dahin der Witterung ausgesetzt sind, sei kein Problem, sagt Gruner.

Auf der Neustädter Seite sind Arbeiter auch damit beschäftigt, den achten Brückenbogen aufzuarbeiten. Deswegen müssen Radler voraussichtlich bis zum 20. Dezember auf dem Elberadweg einen Umweg durch den neunten Brückenbogen nehmen. Diese Sperrung wiederholt sich später noch einmal, wenn die Brüstungen wieder auf der Brücke sitzen. Erst dann habe es Sinn, die Stirnseiten des achten Brückenbogens zu überarbeiten, sagt Brückenfachmann Gruner. Die Umleitung kehrt dafür noch einmal kurzzeitig zurück. Auf der anderen Brückenseite bleibt alles wie gehabt. Von der Behelfsbrücke, die für Abriss und Wiederaufbau des ersten Brückenbogens gebraucht wurde, sind nur noch einige Ständer zu sehen, die nun noch demontiert werden.

Die Mehrkosten sind nach wie vor unklar

28 Monate hat die Sanierung der ersten, der Carolabrücke zugewandten Brückenseite gedauert – länger als ursprünglich für die gesamte Brücke kalkuliert war. „Wir gehen davon aus, dass der zweite Bauabschnitt jetzt noch einmal so lange dauern wird“, sagt Amtsleiter Franke. Zeitgleich sollen im nächsten Jahr Pflaster und Straßenbahngleise auf der Sophienstraße erneuert und die Haltestelle am Theaterplatz behindertengerecht ausgebaut werden. Am Neustädter Markt läuft zudem ein Planfeststellungsverfahren zur Erneuerung des Gleisdreiecks und zum behindertengerechten Ausbau der Haltestellen auf der Brückenrampe. „Dort sind wir vom Verfahren abhängig. Wir hoffen, dass wir auch dort im Zusammenhang mit der Augustusbrücke bauen können“, sagt Andreas Gruner. Der Vorteil wäre, dass dann nicht nur die Brücke, sondern auch die Hinführung auf dem neuesten Stand gebracht wäre und für Jahrzehnte nicht wieder angefasst werden müsste. Ende 2022 könnte – so eine vorsichtige Schätzung – alles fertig sein.

Unklar ist noch immer, wie hoch die Mehrkosten ausfallen, die die langen Verzögerungen mit sich bringen. Baubürgermeister Raoul Schmidt-Lamotain (Grüne) hatte deswegen bereits im Sommer eingeräumt, dass das geplante Budget von 25,5 Millionen Euro nicht genügen wird. An dieser Summe ist der Freistaat mit Fördermitteln in Höhe von rund 20 Millionen Euro beteiligt, informiert Amtsleiter Franke. Er hoffe, dass das Land auch einen großen Teil der Mehrkosten übernehmen wird.

Von Uwe Hofmann