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Lokales BRN-Original Frau Beier verlässt Dresdner Neustadt: "Veränderungen sind unausweichlich"
Dresden Lokales BRN-Original Frau Beier verlässt Dresdner Neustadt: "Veränderungen sind unausweichlich"
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07:37 25.02.2020
Von Julia Vollmer
Friederike Beier erlebt am Wochenende die letzte Bunte Republik Neustadt als Bewohnerin. Sie verlässt das Viertel zieht ins Dresdner Umland. Quelle: Dominik Brüggemann
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Doch das Fest in diesem Jahr markiert einen großen Einschnitt in ihrem Leben: Es wird ihr letztes als Anwohnerin und Mitgestalterin sein.

 

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Das Gründungsmitglied der IG Äußere Neustadt und Gründerin des Wohnprojekts „Amselhof“ zieht ins Dresdner Umland. Die 70-Jährige ist ein echtes Neustädter- und BRN-Original. Zum 1. Republikgeburtstag feiert sie mit Hunderten anderen Aktivisten das erste Straßenfest zwischen Bautzener Straße und Bischofsweg. „Die Straßen waren damals schon rappelvoll und es herrschte die unglaublich energetische Stimmung der hoffnungsvollen Anfangswendezeit. Hauptanlaufpunkt war die Scheune auf der Alaunstraße“, erzählt die studierte Medizinerin.

„Die Leute kamen schon in den ersten Jahren aus ganz Deutschland angereist, schliefen ganz selbstverständlich im Alaunpark und auf den Straßen im Schlafsack. Heute schwer vorstellbar“, sagt die Neustädterin. Auf den Straßen zeichneten die Neustädter mit weißen Linien die „Grenzen“ der jungen Republik ein, die Besucher konnten Westgeld 2:1, Ostmark 1:1 in BRN-Mark umtauschen, erinnert sich Friederike Beier.

Doch mit den Jahren wurde die Neustadt überrollt von immer mehr Besuchern, Kommerz zog ein. Auf den Straßen standen plötzlich Bierwagen und Werbetafeln neben den kleinen Ständen der Anwohner, die Kuchen und Selbstgemachtes verkauften, erzählt die 70-Jährige ein bisschen wehmütig. „Früher hatten wir mehr Platz auf der Straße für Tanz, mehr Raum für spontane Ideen und viel weniger Boxenterror. Heute gibt es strenge Ordnungsauflagen, wo und wie genau Stände stehen oder wann aufgehört werden muss mit dem Feiern. Regeln sind notwendig, aber zu viele lusttötend. Doch Veränderungen sind unausweichlich", stellt Beier fest.

Schlimme Erinnerung hat die Mutter dreier Kinder an die BRN 2001, als es zu Straßenschlachten mit viel Polizeieinsatz kam. „Die Luft hat gebrannt damals. Erste langjährige Einwohner mussten wegen der beginnenden Gentrifizierung unseren Stadtteil verlassen, neustadttypische Gremien wurden rigoros abgeschafft, nicht nur Neustadtaktivisten waren frustriert“, erinnert sie sich. "Anfang der 2000er mussten wir plötzlich für das Dasein von Neustädter Punkbands kämpfen. Wir waren weniger mit Inhalten beschäftigt, als damit, was wir durften und was nicht". Unsere Lösung war: Zurück zu den Wurzeln, keinen Einzelveranstalter mehr! Dass es nun viele kleine Veranstalter gibt, die sich um ihre eigenen Projekte kümmern, die BRN wieder ein wenig individueller ist und Dank der "Schwafelrundler" anspruchsvollere Inhalte gewonnen hat, erfreut Friederike Beier.

Wenn sie ab Freitag wieder mit dem Rücken an ihrem Wohnprojekt Fettbemmen verkauft und viele bekannte Gesichter sieht, wird sicher auch Wehmut aufkommen. „Das war ein Jahr vieler Abschiede. Ich bin dankbar für das Erlebte und freue mich auf meinen neuen Lebensabschnitt“, erzählt sie. Am Schluss zitiert sie aus dem „Braven Soldat Schwejk“: Es wechseln die Zeiten, da hilft kein Gewalt. Ein passenderes Schlusswort kann es für ihre ganz persönliche Republik-Geschichte wohl kaum geben. Als Besucherin bleibt sie der BRN aber garantiert erhalten.

Julia Vollmer