Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Lokales BH am Hosenträger: Not machte die Dresdnerin Christine Hardt erfinderisch
Dresden Lokales BH am Hosenträger: Not machte die Dresdnerin Christine Hardt erfinderisch
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:44 02.04.2019
Der Büstenhalter, den Christine Hardt 1899 zum Patent anmeldete. Quelle: Deutsches Patent- und Markenamt, DE110888A
Dresden

Am Morgen ist schon wieder eine junge Frau in Ohnmacht gefallen – mitten in der Heilgymnastikstunde, die sie, Christine Hardt, der zarten Blonden, die immer unter Atemnot und Schwäche leidet, erteilt hat. Sie weiß, wo die Unpässlichkeiten herkommen: Jahrelang hat sich die Frau viel zu eng geschnürt. Christine Hardt vermutet, dass das Mieder die Organe nachhaltig geschädigt hat. Wie sagt doch der Arzt und Sanatoriumsinhaber Heinrich Lahmann, bei dem sie in Lohn und Brot steht, immer? „Der Körper soll frei sein und Kleidung nur auf den Schultern aufliegen.“

Die Zutaten: Ein Hosenträger und zwei Taschentücher

Für Frauen ist das allerdings nicht wirklich angenehm, denkt sie sich, vor allem dann nicht, wenn man sich schnell bewegt. Denn bei allem Drang zur Freiheit: Eine Stütze brauchen die Brüste schon, eingeschnürt werden sollen sie allerdings nicht.

In der Nacht kann sie nicht schlafen. Sie wälzt sich hin und her, steht schließlich auf, um sich ein Glas Wasser zu holen – da fällt ihr Blick auf die Kleidung ihres Mannes, ordentlich über einen Stuhl gebreitet. Ein Hosenträger! Nachdenklich nimmt sie das Stück in die Hand, spielt damit herum. Plötzlich hat sie eine Idee, und dann kann es nicht schnell genug gehen. Fieberhaft kramt sie zwei Taschentücher hervor, verknotet sie, befestigt sie an den Hosenträgern – und ist begeistert.

So oder so ähnlich könnte sich die Geschichte um die Erfindung des ersten Büstenhalters in Dresden abgespielt haben. „Tatsächlich weiß man sehr wenig über Christine Hardt, die Erfinderin des Büstenhalters“, sagt Christina Avdi, die sich gut mit Dresdens Frauen auskennt. „Bekannt ist weder, wo sie lebte, noch, wann sie geboren wurde oder starb.“ Sicher sei allerdings, dass Christine Hardt, wie auch Lahmann, in dessen Sanatorium sie arbeitet, der Lebensreform-Bewegung nahesteht oder angehört, die nach dem Naturzustand des Menschen strebt und sich unter anderem auch mit gesunder Kleidung befasst. Auch die FKK-Bewegung geht daraus hervor.

Hardts Spur verliert sich

„Die Hosenträger hat sie höhenverstellbar angefertigt, und der BH wurde über einem Unterhemd und unter der Bluse getragen“, hat die Gästeführerin recherchiert. Für ihre Führungen baute sie ein solches Modell sogar nach. Ihr Fazit: Die heutigen Büstenhalter sind deutlich bequemer. In ihrer Zeit jedoch hat Christine Hardt offenbar Erfolg: „Sie schaltete Anzeigen für ihre Büstenhalter in der Zeitung. Und die erfreuten sich schließlich so großer Beliebtheit, dass sie industriell angefertigt wurden. Doch dann verlieren sich Christine Hardts Spuren.“

Über das Buch

Diese Geschichte ist die gekürzte Fassung eines Beitrags aus dem Buch „Dresdner Frauen – Historische Lebensbilder aus der Stadt an der Elbe“. Der Band erzählt tragische, verblüffende und teilweise unglaubliche Geschichten von Frauen, die die Stadt Dresden in der Vergangenheit prägten. Das Buch haben die Dresdner Neuesten Nachrichten zusammen mit der Bast Medien GmbH herausgebracht. Es hat 192 Seiten, kostet 19,90 € (ISBN: 978-3-946581-59-8) und ist in Buchhandlungen und unter www.bast-medien.de (versandkostenfrei) erhältlich.

Ihre Patentschrift allerdings ist erhalten: Das Kaiserliche Patentamt beurkundet ihr am 5. September 1899 das Patent auf das „Frauenleibchen als Brustträger“, das „aus Rücken- und Seitentheilen d (besteht), auf welche Schlaufen a aufgenäht sind, durch welche Männerhosenträger jeder Art (e) eingeführt und durch Knöpfe b befestigt werden können. Der Vordertheil ist in der Mitte bei f zusammenzuknöpfen.“ Was man heute gemeinhin BH-Körbchen nennen würde, bezeichnet die Erfinderin als „Behälter“ und erklärt: „Der Zweck dieses Leibchens besteht hauptsächlich darin, die Brüste aufrecht zu halten, ohne die Function einer gesunden Brust irgendwie zu beeinträchtigen.“

Doch auch wenn man wenig über Christine Hardt weiß: Für Christina Avdi ist sie eine bedeutende Persönlichkeit für die Dresdner Frauenbewegung. „Man hat sie sehr verehrt und als Vorbild gesehen, weil sie gezeigt hat, dass sich eine Frau eben nicht einzwängen lassen muss. Weder von ihrem Ehemann noch von der Gesellschaft und schon gar nicht von ihrer Kleidung“, erläutert die Dresdnerin und ergänzt: „Mich hat die Findigkeit dieser Unternehmerin fasziniert. Irgendwie erinnert mich – ich bin Griechin – Christine Hardt immer an Archimedes.“ Denn der hat die Menschheit erwiesenermaßen mit seinen genialen Erfindungen erfreut.

Von Eva-Maria Bast

Die Gesellschaft Historischer Neumarkt Dresden gibt es seit 20 Jahren. Vorstandsmitglied Jürgen Bohrisch zieht am Mittwoch in der Piatta Forma mit einem Vortrag Bilanz und zählt auf, was die Neumarkt-Hüter erreicht haben.

02.04.2019

Als die Dresdner Justizvollzugsanstalt im August und September 2018 die Handys von mehreren Justizbediensteten beschlagnahmen ließ, stießen die Ermittler auf brisante Dialoge. Ein Obersekretär postete ungeniert über „Kanaken“ und das „Haus der Häuser“ in Braunau.

03.04.2019

Doppelte Abschlagszahlungen für Energiekosten und Millionen nicht verbaute Gelder: Der am Montag vorgestellte Rechnungsprüfbericht 2017 für Dresden offenbart so einige Nachlässigkeiten, enthält aber auch Lob.

02.04.2019