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Lokales Hunderte Festnahmen und Verletzte: Wie die DDR in Dresden ihren Untergang besiegelte
Dresden Lokales Hunderte Festnahmen und Verletzte: Wie die DDR in Dresden ihren Untergang besiegelte
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10:08 03.10.2019
Die Staatssicherheit dokumentierte den Einsatz von Wasserwerfern gegen Demonstranten am Hauptbahnhof Dresden am 4. Oktober. Zu diesem Zeitpunkt wurde mit der Durchfahrt der Züge aus Prag mit DDR-Flüchtlingen gerechnet. Quelle: BStU, MfS, BV Dresden, OD TU/H 5137
Dresden

Die Verkäuferinnen in der HO-Kaufhalle in Dresden-Leuben ahnten wohl nichts. Frank und frei unterhielten sie sich über die Möglichkeiten zur Flucht in den Westen. „Der SV-Ausweis der DDR ähnelt sehr dem Reisepass der BRD“, notierte ein Stasi-Spitzel aus den Gesprächen der Verkäuferinnen in seinem Bericht für das Ministerium für Staatssicherheit in Dresden. An der ungarischen Grenze würde man damit einfach durchgewunken, eine tiefgründige Prüfung finde nicht mehr statt.

Im Herbst 1989 beschleunigte die SED-Staatsführung unfreiwillig den Untergang der DDR. Der Umgang mit den Flüchtlingen aus der BRD-Botschaft in Prag, der zu schweren Zusammenstößen von Demonstranten mit Sicherheitskräften am Hauptbahnhof in Dresden führte, gehörte zu den letzten Sargnägeln des Arbeiter- und Bauernstaats.

Ähnlich offen sprachen Mitarbeiter in Betrieben wie SBS Dresden-Niedersedlitz, dem Zentrum für Forschung und Technik (ZFT) im VEB Robotron Dresden oder dem VEB Spezialhandel darüber, wie der DDR der Rücken gekehrt werden kann. Die Berichte über solche Gespräche landeten zwar bei der Stasi. Doch der Geheimdienst war längst nicht mehr Herr der Lage.

Eigentor der DDR-Staatsführung

Denn während viele in der DDR nur darüber redeten, hatten andere schon längst Fakten geschaffen. Vor allem über die Besetzung von Botschaften der BRD in osteuropäischen Hauptstädten wie Warschau, Budapest oder Prag versuchten sie, ihre Ausreise zu erzwingen. Mit dieser Massenerscheinung brachten sie das Ende der DDR auf den Weg. Bei früheren Fluchtversuchen hatte es auch Tragödien gegeben. Dass es dann im Herbst 1989 alles ziemlich schnell ging, hat die Staats- und Parteiführung unfreiwillig selbst provoziert.

Hartnäckig betrachteten die Betonköpfe der SED die Menschen in den Botschaften als „Erpresser“. Ihnen müsse klar sein, dass sie ihre Ausreise nicht erzwingen könnten. Die Stasi wollte die Fluchtbewegung mit dem „konsequenten Einsatz“ aller ihrer Kräfte unterbinden. Darauf drängte bis zuletzt auch Staatschef Erich Honecker. Die BRD-Verantwortlichen sollten auf die Rückkehr der Menschen in den Botschaften in die DDR hinwirken, wurde gebetsmühlenartig in den diplomatischen Kontakten wiederholt, Straffreiheit und Rückkehr an die alten Arbeitsstätten versprochen.

„Sieg oder Sibirien“ sagte ein Dresdner

Den West-Diplomaten war klar, dass dies kaum reichen dürfte. Und tatsächlich: „Zurück gehen wir nicht“, sagten die fluchtwilligen DDR-Bürger in die Mikrofone der Westjournalisten, die aus Sicht der DDR das ganze Unheil mit ihrer „Propaganda“ befeuerten. „S.O.S. – Sieg oder Sibirien“, gibt ein Dresdner gegenüber einer Nachrichtenagentur die Gefühlslage wieder.

Im September 1989 konnte die DDR nichts dagegen tun, dass Ungarn die Menschen aus den Flüchtlingslagern unter anderem in Budapest mit Bussen einfach über Österreich nach Bayern fahren lässt. Der Jubel darüber ist bis heute weitgehend unbekannt geblieben, weil die medialen Zeugen fehlten. Die gab es aber am 30. September in der Botschaft in Prag. Die Nachricht des bundesdeutschen Außenministers Hans-Dietrich Genscher (FDP) über die genehmigten Ausreisen gingen im Freudentaumel fast unter. Doch die SED-Führung stellte eine Bedingung: Um zu beweisen, dass sie das Zepter in der Hand hat, sollten die Züge mit den Ausreisewilligen durch die DDR rollen.

Tragischer Zwischenfall in Dresden

Das war einer der letzten Sargnägel für den Arbeiter- und Bauernstaat. Überall auf Bahnhöfen entlang der Strecke durch die südlichen Bezirke versuchten Menschen, irgendwie in die Züge und damit in den Westen zu gelangen. In Dresden kam es am 3. Oktober zu einem tragischen Zwischenfall. Der telegrafierte Lagebericht der Volkspolizei dazu landete natürlich bei der Stasi und ist damit heute in den Akten des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU) erhalten.

Demnach befanden sich damals gegen 23 Uhr etwa 2000 Menschen im Hauptbahnhof. Sie waren teilweise aus der ganzen Republik angereist. Schon zwei Tage zuvor hatten die Sicherheitskräfte nicht verhindern können, dass mehrere Personen auf einen Sonderzug aufsprangen. An diesem Tag eskalierte die Situation. Als ein Zug den Bahnhof verlassen soll – er war abgeschlossen und fuhr zudem Richtung Bad Schandau – versuchten laut Polizeiaufzeichnung etwa 140 Personen auf den Zug zu springen. Bei dem Gedränge geriet ein Mann aus Zwickau unter den Zug. „Dabei wurde ihm das linke Bein abgefahren“, hielt der Bericht fest.

Polizei ließ Bahnhof in Dresden räumen

Der Einsatzleiter der Polizei entschied daraufhin, den Bahnhof räumen zu lassen. Der weitere Verlauf der Ereignisse erscheint in dem Bericht widersprüchlich. Einerseits ist davon die Rede, dass die Räumung gegen 3 Uhr abgeschlossen gewesen sei, andererseits sollen sich noch 5.20 Uhr etwa 200 Personen im Bahnhof aufgehalten und immer wieder weitere mit Zügen angekommen sein. Die 200 Personen seien „mit Räumkräften aufgelöst“ worden, hieß es im Bericht. Und: „74 Personen wurden dem zentralen Zuführungspunkt zugeführt, die übrigen Personen verließen mit unbekanntem Ziel das Gelände.“ Ein Vermittlungsversuch von Superintendent Christoph Ziemer am Hauptbahnhof wurde durch die Polizei abgewiesen.

Das Bild vom 5. Oktober 1989 zeigt strahlende DDR-Übersiedler bei ihrer Ankunft auf dem Bahnhof im bayerischen Hof. Sie kamen mit dem Zug aus Prag und hatten zuvor teilweise wochenlang auf dem Gelände der Deutschen Botschaft ausgeharrt. Quelle: Archiv

Den Menschen in den Sonderzügen aus Prag sollten Stasi-Mitarbeiter und Transportpolizisten die DDR-Ausweise abnehmen. Detailliert plante die Stasi den Einsatz. „Die Mitarbeiter haben in Zivil ohne Dienstausweis, ohne Waffe und ohne Parteiabzeichen zu handeln.“ Sie sollten die „Einziehung der Personalausweise als Abteilung Inneres“, einem Bereich des Ministeriums des Inneren, dem auch die Polizei unterstand, durchführen. Zwei Trapo-Angehörige sollten die Aktion der verdeckten Stasi-Leute jeweils sichern.

BRD-Diplomaten in den Zügen

Auch auf den Stasi-Mitarbeitern lag ein wachsames Auge. In Gutenfürst, dem letzten Bahnhof auf DDR-Gebiet, sollte darauf geachtet werden, dass alle Mitarbeiter den Zug auch wieder verlassen. Zudem wies die Stasi-Führung in Dresden darauf hin, dass in den Zügen zwei BRD-Diplomaten sitzen würden, die „Überwachungs- und Sicherungsaufgaben erfüllen“.

An den Bahnhöfen gab es die natürlich nicht. Und am 4. Oktober kam es dort schließlich zu schweren Zusammenstößen zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten. Die Staatsmacht hatte alle möglichen Kräfte zur Aktion „Zug“ zusammengezogen. Volkspolizei, Transportpolizei, Stasi und Armee standen bereit. „Der 1. Sekretär der Bezirksleitung der SED stimmte dem Einsatz von 5 Bataillonen der NVA, die im Bezirk Dresden disloziert sind, zu“, hieß es in einem Lagebericht. Auch Kampfgruppen-Leute sollten zur Absicherung beitragen. Selbst 50 Genossen der Bezirksparteischule wurden als „gesellschaftliche Kräfte in Reserve gehalten“.

Stasi spricht von „Störern“ und „Rädelsführern“

Am 4. Oktober sollen sich etwa 2500 Personen im Bahnhof und 5000 bis 6000 davor aufgehalten haben. Zwischenzeitlich hätten sich sogar 20 000 Menschen auf der Nord- und Südseite des Bahnhofs versammelt, hieß es im Lagebericht der Polizei. Ein Auto der Transportpolizei sei umgestürzt worden und „in Brand geraten“. Bahnsteig 19, wo die Züge durchfahren sollten, war abgesperrt. Dennoch gelang es einigen „Störern“ auf die Gleise zu gelangen.

Sie hätten sich äußerst „aggressiv“ verhalten und unter anderem das Intershop-Geschäft, ein Laden, in dem für Westgeld Westwaren gekauft werden konnten, „demoliert“. Die Polizei habe die „Rädelsführer“ festgenommen. Fünf Einsatzkräfte seien verletzt worden, hieß es in dem Bericht über den 4. Oktober. Vor dem Bahnhof setzte die Polizei Wasserwerfer gegen Demonstranten ein.

Gorbi-Gorbi-Rufe

In einem Schreiben (Dringlichkeit: „Ausnahme“) des Dresdner Stasi-Chefs Horst Böhm an „alle Struktureinheiten“ ist davon die Rede, dass es in den Abendstunden des 5. Oktober von 18 bis 23.50 Uhr „erneut im Stadtzentrum von Dresden zu Zusammenrottungen feindlich-negativer Kräfte“ kam. Rufe wie „Gorbi, Gorbi, Reformen“ oder „Wir wollen raus“ ertönten. „Wir müssen alles tun, damit sich die Lage in Dresden nicht weiter verschärft und die Veranstaltungen zum 40. Jahrestag ohne Vorkommnisse verlaufen“, schrieb der Stasi-Generalmajor wenige Stunden vor den offiziellen Feierlichkeiten zum DDR-Gründungsjubiläum.

Dabei überschritten die Sicherheitskräfte Grenzen, was selbst im eigenen Apparat auf Kritik stieß. Ein Major der Volkspolizei, der als Arzt die Einsätze begleitete, sprach in einem Schreiben an einen VP-Kommandeur von der „Mißhandlung von zugeführten Bürgern“. Er nannte vier Genossen, die sich „durch unbegründetes und rücksichtsloses Schlagen von Zugeführten der vorsätzlichen Körperverletzung schuldig gemacht“ hätten. Durch das Hochhalten der Arme im Nacken seien bei zwei Bürgern „schlaffe Lähmungen“ des Armes entstanden. „Dauerschäden sind möglich“.

Hunderte Festnahmen

Auch am 7. Oktober, dem Republikgeburtstag, kam es in Dresden in Bahnhofsnähe zu Demonstrationen mehrerer Tausend Menschen, Hunderte werden „zugeführt“, wie Festnahmen umschrieben werden. Am 8. Oktober bildete sich die „Gruppe der 20“ aus Bürgerrechtlern. Erstmals wird ein konstruktiver Dialog zwischen Demonstranten und Staatsmacht möglich. Einen Monat später fiel die Mauer. Und niemand brauchte mehr über den Einsatz seines Sozialversicherungsausweises (SV-Ausweis) nachzudenken, um die DDR nach freiem Willen verlassen zu können.

Von Ingolf Pleil

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