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Lokales Aus den Regalen des Dresdner Stadtarchivs: Der „Damenklub Violetta“
Dresden Lokales Aus den Regalen des Dresdner Stadtarchivs: Der „Damenklub Violetta“
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13:11 16.01.2019
Geburtsurkunde der Dresdnerin Charlotte Hedwig Hahm, ausgestellt am 29. Mai 1890 Quelle: Quelle: Stadtarchiv Dresden. 6.4.25 Standesamt Löbtau 1890, Nr. 276
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Dresden

Wir haben die Mitarbeiter des Dresdner Stadtarchivs gebeten, aus den 40 Regalkilometern an Beständen ihre Lieblingsstücke auszugraben. Diese stellen wir nun in loser Folge vor. Heute: Charlotte Hedwig Hahm, eine Vorkämpferin für die Rechte von Schwulen und Lesben in der Weimarer Republik.

„Damen-Ball mit Windbeutel-Wettessen“ – Der Berliner „Damenklub Violetta“ warb mit dieser Ankündigung für eine Samstagsveranstaltung im November der 1930er Jahre in einer Anzeige. Darunter befand sich der dringliche Hinweis, dass „nur Damen Zutritt haben!“ Der Klub veranstaltete Tanzabende, Lesungen, Vorträge und gehörte der Homosexuellenvereinigung „Bund für Menschenrecht“ (BfM) an.

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Die Vorsitzende des Damenklubs Violetta war die am 23. Mai 1890 geborene Dresdnerin Charlotte Hedwig Hahm, genannt Lotte Hahm. Laut Dresdner Adressbuch lebte sie bis 1920 auf der Augsburger Straße 76 und war als Inhaberin einer Versandbuchhandlung tätig. Ab 1926 übernahm sie den Vorsitz des genannten Klubs, einer der größten und bekanntesten seiner Art in Berlin.

Zu dem Zeitpunkt gehörte sie bereits zu den wichtigsten Vertreterinnen der homosexuellen und transsexuellen Organisation und Subkultur in der Weimarer Republik an. Ihr Markenzeichen waren der Kurzhaarschnitt sowie Hemd und Krawatte.

Neben der Organisation zahlreicher Veranstaltungen schrieb sie als Chefredakteurin für die Zeitschrift „Die Freundin. Das ideale Freundschaftsblatt“. Im Jahre 1933 verbot das NS-Regime diese und weitere Zeitschriften für Homosexuelle. Die Verfolgung von Lotte Hahm während des Nationalsozialismus ist nicht ausreichend erforscht, ihre KZ-Internierung in Moringen lässt sich aber von 1935 bis 1938 nachweisen. Nach der Entlassung organisierte Lotte Hahm erneut Treffpunkte für lesbische Frauen und veranstaltete nach 1945 weiterhin Frauenabende. Sie gehörte zu denjenigen, die Ende der 1950er Jahre vergeblich versuchten, den „Bund für Menschrecht“ wieder ins Leben zu rufen. Im Jahre 1967 starb sie in Berlin.

Weitere Hinweise über ihr Leben in Dresden oder auch über vergleichbare Lokale, wie es sie in Berlin gab, lassen sich auf den ersten Blick in den Beständen des Stadtarchivs nur mühevoll rekonstruieren. Selbst die Forschungsliteratur über die lesbische Subkultur Dresdens in den 1920 und 1930er Jahren weist erhebliche Lücken auf.

Aktuell wird in Dresden eine Ausstellung zur Geschichte von Lesben und Schwulen der 1980er und 1990er Jahre entwickelt. Das Büro der Gleichstellungsbeauftragten für Frau und Mann der Landeshauptstadt Dresden ist federführend damit betraut. Dabei werden Berichte von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen im Fokus stehen.

Für das Zeitzeugenprojekt sucht das Büro der Gleichstellungsbeauftragten lesbische und schwule Personen, auch Trans- und Intersexuelle mit DDR- und BRD-Vergangenheit in Dresden. Bei Interesse können Sie sich telefonisch unter 0351 488 2088 oder per E-Mail unter gleichstellungsbeauftragte@dresden.de melden.

Von Annemarie Niering