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Lokales Auf Nachtschicht – Streifenpolizisten unterwegs im Dresdner Westen
Dresden Lokales Auf Nachtschicht – Streifenpolizisten unterwegs im Dresdner Westen
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16:15 03.10.2019
Lisa Patzenbein und Alfred Ilg auf Streife im Dresdner Westen. Quelle: Anja Schneider
Dresden

Plötzlich muss es schnell gehen. Ein resoluter Tritt aufs Gaspedal, schon braust der Streifenwagen mit mehr als 100 Stundenkilometern über die nachts beinah autoleere Flügelwegbrücke.

In einem Ob­­dachlosenheim am Emerich-Ambros-Ufer hat ein junger Mann den Notruf ge­wählt, droht damit, sich umzubringen. Es geht um jede Se­kunde – wie so oft, wenn die beiden Streifenpolizisten Lisa Patzenbein und Alfred Ilg im Einsatz sind.

Die beiden jungen Beamten sind zwei von mehreren Hundert Polizisten, die in der Stadt rund um die Uhr im Streifendienst für Ordnung und Si­cherheit sorgen. Ihr Revier ist der Dresdner Westen, die Stadtbezirke Gorbitz, Cotta und Pieschen, dazu die Ortschaft Cossebaude.

Bei Ru­hestörungen oder handfesten Streitereien, nach Einbrüchen, Un­fällen oder bei schweren Verbrechen – die Streifenpolizisten sind die ersten vor Ort und dann nicht selten auch gleich mittendrin im Geschehen.

Bringen oft Licht ins Dunkle: Nach einer Beschwerde wegen angeblicher Ruhestörung in Gorbitz schauen sich beide Polizisten direkt vor Ort um. Quelle: Anja Schneider

Angekündigter Suizid keine Seltenheit

Das ist auch in dieser lauen Nacht nicht anders. Lisa Patzenbein und Alfred Ilg sind mit ihrem Streifenwagen am Elbepark unterwegs, checken per Laptop die Kennzeichen vorbeifahrender Autos, schauen, ob die möglicherweise zur Fahndung ausgeschrieben sind – als ge­gen 2 Uhr der Funkspruch kommt.

Auf dem in der Armatur des Polizeiautos verbauten Displays ploppt eine Nachricht auf, zu sehen sind die Adresse des Obdachlosenheims und weitere Angaben zum Notruf. Schnittig lenkt die 24-jährige Lisa Patzenbein den Kombi mit Blaulicht durch die en­gen Kurven in Cotta. Nur Augenblicke später steht der Streifenwagen vor der Einrichtung.

Dass sich Menschen bei der Polizei melden und einen Suizid an­kündigen, ist tatsächlich keine Seltenheit. In dieser Nacht hatten die beiden Polizisten sogar schon einen ähnlichen Fall: Eine junge Frau aus Pieschen hatte ge­droht, sich etwas antun zu wollen. Eine „Stammkundin“, wie sie sagen. „Trotzdem müssen wir jedes Mal nachsehen und uns vergewissern“, erklärt der 32-jährige Alfred Ilg. Nach einem Be­such in der Wohnung des Vaters und einem Te­lefonat konnten die Beamten aber Entwarnung geben.

In der Einrichtung am Emerich-Ambros-Ufer ist das Duo allerdings zunächst erst einmal auf der Suche nach dem Anrufer. Irgendwann geht eine Tür auf, ein junger Mann schaut heraus. Lisa Patzenbein und Alfred Ilg schreiten gleich mit ins Zimmer. Kein Zögern oder Zurückhaltung – oft müssen Streifenpolizisten in Se­kunden Entscheidungen treffen.

Schichten über zwölf Stunden

Zu dieser Zeit sind die beiden be­reits seit fast sechs Stunden im Einsatz. Halb neun abends beginnt unter der Woche die Nachtschicht, mit einer kurzen Be­sprechung un­ter den Kollegen. Kommissar Alfred Ilg ist der Dienstgruppenführer, er leitet die Schicht mit 14 Beamten.

Wie so oft ist Alfred Ilg auch an diesem Abend schon etwas früher da. In der Wache des Re­viers an der Julius-Vahlteich-Straße in Gorbitz in­­formiert er sich zunächst übers Ge­schehen der vergangenen Stunden. Sein Team und er haben be­reits die von 6 bis 11.30 Uhr dau­ernde Frühschicht hinter sich gebracht. Die Schichten sind be­wusst in kurzen Ab­ständen auf drei Tage verteilt – im Gegenzug haben die Be­amten dann oft drei Tage am Stück frei.

In der Kaffeeküche des Reviers gibt Alfred Ilg die neuesten Informationen vom Tagesgeschehen an seine Mitarbeiter weiter, Aufgaben werden verteilt. An dem großen Tisch ha­ben fast alle eine Tasse Kaffee vor der Nase. Die Nachtschicht dauert neun­einhalb Stunden, an Wochenenden gehen die Schichten sogar über zwölf Stunden.

Zuhören und Reden – ebenfalls Polizeialltag

In dem Obdachlosenheim in der Friedrichstadt dauert es eine knappe Viertelstunde, bis die beiden Polizisten wieder aus dem Zimmer des jungen Mannes kommen. Eine ernsthafte Ge­fahr, dass sich der Mann et­was an­tut, be­stand offenbar auch in diesem Fall nicht. „Er wollte nur einfach mal mit jemanden reden“, erklärt Alfred Ilg. Zuhören und re­den, auch das ist Alltag für die Streifenpolizisten

Lisa Patzenbein hatte sich be­reits nach dem Abitur dafür entschiedenen, zur Polizei zu gehen. Schon der Uropa war bei der Kripo, „ich habe das quasi in der Familie mit aufgesogen“, sagt die 24-Jährige. Drei Jahre dauerte das Studium in Bautzen und Rothenburg, jetzt ist sie Kommissarin und seit Oktober erst einmal im Streifendienst im Revier West. Mit Menschen zu tun haben, draußen un­terwegs sein und nicht nur im Bü­ro sitzen – darum ging es der gebürtigen Dresdnerin.

Gute Chancen für junge Leute bei der Polizei

Auch Alfred Ilg ist Dresdner – sei­ne Eltern waren kurz vor seiner Ge­burt aus der damaligen Sowjetunion eingewandert. Nach seinem Abitur ging er für knapp zwei Jahre zum Bund, nahm an einem Einsatz im Kosovo teil und ließ sich später zum Europasekretär ausbilden. Ne­ben Russisch und Deutsch spricht er auch Englisch und hat darüber hinaus auch Grundkenntnisse in, Schwedisch und Spanisch vorzuweisen. Er hatte gut be­zahlte Jobs gefunden und war zuletzt für eine renommierte Kanzlei in München tätig. Doch so richtig erfüllt hat ihn dieser Beruf nicht. „Und ich wollte auch einfach wieder in die Heimat.“

Also studierte auch er ab 2012 an der Hochschule der Sächsischen Po­lizei – und machte im Anschluss eine durchaus beachtliche Karriere. In ei­ner Art Förderprogramm lernt der 32-Jährige derzeit ganz verschiedene Teile der Behörde kennen, wird so gezielt für höhere Aufgaben fitgemacht. Gerade auch wegen des al­tersbedingten personellen Um­bruchs bei der Polizei stehen die Chancen für junge Leute derzeit nicht schlecht. „Hier wird niemand übersehen“, sagt Alfred Ilg.

Fast 500 Polizisten sorgen für Sicherheit

495 Polizistenarbeiten insgesamt in den vier Dresdner Revieren West, Süd, Mitte und Nord im Streifendienst.

Im Revier Westsind aktuell etwa 80 Polizisten beschäftigt. Sie arbeiten in sechs Dienstgruppen, die sich in die verschiedenen Schichten hineinteilen.

Vier Streifenwagensind im Zuständigkeitsbereich des Reviers Dresden-West rund um die Uhr unterwegs. Bei Bedarf können weitere Funkstreifenwagen zusätzlich eingesetzt werden.

Revier West: Ein Arbeitsort mit Brennpunkten

Der Einsatz in dem Obdachlosenheim ist in dieser Nacht tatsächlich schon einer der nennenswertesten. Ein renitenter Patient in ei­nem Krankenwagen, der sich aber bald wieder beruhigt, ein Radfahrer, der ohne Licht unterwegs ist, und ein um­gekippter Müllcontainer – es sind eher Lappalien. Der lichterlose Radfahrer kommt mit einer Verwarnung davon, den Übeltäter, der den Container umgeworfen hatte, finden die Beamten in dieser Nacht nicht mehr.

So erfreulich ein ruhiger Abend für die beiden Polizisten ist – tatsächlich ist das eher ungewöhnlich. Denn mit den Brennpunkten in Gorbitz und Pieschen sowie der Friedrichstadt mit den Erstaufnahmeeinrichtungen zählt das Re­vier West nicht unbedingt zu den Ar­beitsorten, wo Beamten schnell langweilig wird. „Hier sind alle abgehärtet“, sagt Alfred Ilg – und er meint da­mit einerseits das Pensum, das die Beamten in einigen Schichten herunterreißen, aber eben auch immer wieder Fälle, die weit, weit über die allgemeine Vorstellungskraft hinausgehen.

Ermordetes Geschwisterpaar in Gorbitz

Häusliche Ge­walt, Familien, in den­en es drunter und drüber geht, oder Tote, die über Tage unbemerkt in ih­ren Wohnungen liegen: Ein Pa­noptikum sozialer Abgründe, in das die Beamten täglich blicken. Trotz der erst wenigen Dienstjahre kann der junge Polizist viel berichten. Da­zu zählt auch der Fall der beiden in Gorbitz von ihrem Vater ermordeten Mädchen im Sommer 2018.

Alfred Ilg war einer der Polizisten, die bei dem inzwischen we­­gen Mordes verurteilten Mann an der Wohnungstür klingelten, nachdem dieser seine Töchter nicht wie verabredet seiner von ihm ge­trennt lebenden Frau zurückgebracht hatte. In der Wohnung stießen die Polizisten auf die blutverschmierten Leichen. „Man funktioniert dann einfach nur noch irgendwie“, sagt der Kommissar, der selber eine kleine Tochter hat. „Das sind Einsätze, die einen an die Grenzen bringen.“

So werde ich Polizist

Polizist werden kann jeder, der die formalen Einstellungsvoraussetzungen erfüllt. Dazu zählen unter anderem die gesundheitliche Eignung und ein sauberes Vorstrafenregister. Außerdem müssen Interessenten ein Auswahlverfahren bestehen. Am Tag seiner Einstellung darf der angehende Beamte nicht älter als 35 Jahre sein.

Die Karriere startet mit einer Ausbildung oder einem Studium.

Die Ausbildung dauert 30 Monate und ist an einer der Polizeifachschulen in Leipzig, Chemnitz oder Schneeberg möglich. Mit bestandener Laufbahnprüfung erfolgt die Ernennung zum Polizeimeister.

Das Studium dauert drei Jahre und beinhaltet ein einjähriges Grundstudium in Bautzen und zwei weitere Jahre an der Hochschule der Sächsischen Polizei in Rothenburg. Im Anschluss winkt die Ernennung zum Polizeikommissar.

Geld verdient wird bereits in der Ausbildung. Der Polizeimeisteranwärter bringt es anfangs monatlich auf 1182,02 Euro, ein Po­lizeimeister dann zum Einstieg auf 2078,38 Euro. Wer studiert erhält anfangs 1227,19 Euro, der Polizeikommissar steigt mit 2 319,66 Euro ein (alle Angaben für ledige Personen, Stand 1. Januar 2018).

Weitere Infos zur Karriere bei der sächsischen Polizei, zu Einstiegsmöglichkeiten und den späteren Verwendungsmöglichkeiten gibt es unter verdaechtig-gute-jobs.de.

Keine Angst im Einsatz

Beweisen müssen sich die Streifenpolizisten aber auch immer dann, wenn aggressive Menschen ausrasten oder Streitereien zwischen ganzen Gruppen eskalieren – etwa in Erstaufnahmeeinrichtungen für Ge­flüchtete in der Friedrichstadt. Da kam es schon mal vor, dass zwölf Beamte anfangs mehr als 100 aufgebrachten Menschen gegenüberstanden. Angst, so sagt der 32-Jährige, der ne­benher Kampfsport be­treibt, empfinde er im Einsatz nicht, aber durchaus eine gewisse Anspannung.

Ähnlich sieht es auch seine acht Jahre jüngere Kollegin. Dass sie als recht zierliche Frau allein gegen ei­nen Zwei-Meter-Hünen wenig ausrichten kann, sei ihr durchaus be­wusst. Trotzdem sei Angst fehl am Platz. Stattdessen gehe es darum, kompetent rüberzukommen, mit Ge­sprächen und kultiviertem Umgang auf Deeskalation zu setzen, wie sie sagt. Die Hemmschwelle, eine Polizistin anzugreifen, sei übrigens hö­her als einen männlichen Kollegen. „Wir wollen grundsätzlich keine Ge­walt“, sagt Alfred Ilg. Eine Strategie, die in seinem Fall offenbar auch bestens aufgeht. In dreieinhalb Jahren sei er erst zweimal angegriffen worden – in beiden Fällen von Männern, die jeweils im Vollrausch handelten.

„Es ist immer noch mein Traumjob.“

Dass diese eine Nacht nun weniger turbulent war als andere Schichten, hat übrigens noch einen anderen Vorteil. Denn dann lässt sich im Bü­ro auch der viele Schreibkram ab­ar­beiten – etwas, was der Job im Streifendienst wiederum mit anderen Aufgaben bei der Polizei gemein hat. Die Hälfte der Zeit, erklärt Lisa Patzenbein, schreiben auch Streifenpolizisten Berichte.

Ein ganzes Arbeitsleben lang im Einsatz beim Streifendienst können sich die beiden Kommissare übrigens nicht vorstellen, zumal das Studium Möglichkeiten auf höhere Po­sitionen mit Verantwortung und zur Spezialisierung bietet. Trotzdem, so sagt Alfred Ilg ohne Pathos, „ist es immer noch mein Traumjob.“ Denn die Vielfalt des Jobs gebe es sonst nirgends bei der Polizei.

Tatort Dresden – Die komplette Serie

Der Kriminaldauerdienst

Die Schießausbildung

Die Notrufzentrale

Die Brandursachenermittlerin

Das Lagezentrum

Die Verkehrspolizei

Das Polizeiorchester

Die Streifenpolizei

Der Mordermittler

Die Ausrüstung

Der Staatsschutz

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Das Interview mit dem Kripo-Chef

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