Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Lokales Auf K-Kr-Kriegsfuß mit dem Sprechen: Der Bericht eines stotternden Journalisten
Dresden Lokales Auf K-Kr-Kriegsfuß mit dem Sprechen: Der Bericht eines stotternden Journalisten
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:48 23.10.2019
Autor Felix Franke ist DNN-Volontär und weiß genau, worüber er schreibt. Quelle: Lisa-Marie Leuteritz
Dresden

Meine Gesichtsmuskulatur verkrampft, verzieht sich für einige Sekunden zu einer Grimasse. Ich presse meinen Kiefer zusammen und kneife die Augen zu. Währenddessen spanne ich meinen Nacken und den Hals an und wippe mit dem ganzen Körper hin und her. Es kommt auch vor, dass ich mit beiden Armen wild gestikuliere, sie zu Hilfe nehme – doch warum?

Die Antwort ist einfach: Ich stottere. Schon mein ganzes Leben. Seitdem ich sprechen kann. Es gibt Tage, da stottere ich mehr, dann welche, da hört man es fast gar nicht. Doch es ist immer da – ein steter Begleiter, der mit mir durchs Leben schreitet.

Kämpft man mit allen Mitteln, verkrampft man um so mehr

„Im Kindesalter ist Stottern nicht selten und im Wesentlichen sind mehr Jungen als Mädchen betroffen“, sagt Martina Wiesmann, staatlich geprüfte Logopädin und Fachberaterin der Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe e.V. (BVSS). Bei mindestens fünf Prozent aller Kinder tritt die Sprachstörung auf, 75 bis 80 Prozent verlieren diese allerdings wieder.

Ich nicht – damit muss ich mich wohl abfinden. „Bei Erwachsenen schätzt man, dass ein Prozent stottert, in Deutschland also rund 800.000 Menschen. In dieser Gruppe verliert sich das Stottern nur noch in seltenen Fällen vollständig.“ Überträgt man das Verhältnis auf den Freistaat, muss man hier von rund 40.000 Menschen ausgehen, die mit der sprachlichen Besonderheit zu kämpfen haben.

Stottern – Auch diese Stars haben oder hatten ein Sprachproblem

Hänge ich an einem Wort, spielt es sich wie eben geschildert ab: Mal sind die sogenannten sekundären Symptome länger und intensiver ausgeprägt, mal kürzer und unauffälliger.

Ich greife zu diesen Mitteln, um meine Primärsymptomatik – also das Wiederholen (G-gu-guten Morgen), das Dehnen (guten M-o-o-orgen) oder das totale Blockieren von Buchstaben – zu vermeiden, doch: „Die Sekundärsymptomatik ist mit einem enormen Kraftaufwand verbunden und eher kontraproduktiv als zielführend“, sagt Filippo Smerilli, Mitarbeiter in der Sprechraum-Beratungsstelle vom „Stottern & Selbsthilfe“-Landesverband Ost e.V. Grund: Kämpft man mit allen Mitteln gegen eine sich anbahnende Blockade an, verkrampft man um so mehr und bekommt das Wort im Endeffekt gar nicht raus.

Die Ursachen des Stotterns sind bis heute nicht restlos geklärt. „Wahrscheinlich gibt es auch nicht den einen Grund“, sagt Smerilli. Was man weiß, ist, dass es erblich bedingt ist. Mein Vater hat gestottert, diese Veranlagung habe ich also von ihm – Übeltäter erkannt.

F ist besonders blöd, wenn man Felix Franke heißt

Während ich stottere, weiß ich genau, was ich sagen möchte, kann es aber nicht störungsfrei über die Lippen bringen. „Stotterer versuchen, durch eine verschlossene Tür zu gelangen. Doch anstatt die Klinke zu benutzen, wollen sie die Tür aufbrechen – und machen dabei einen enormen Lärm“, so Smerilli. Das schlimmste in dem Moment ist der absolute Kontrollverlust, den ich erlebe: Ich beschreibe mich selbst nicht als zwanghaft und schon gar nicht als Kontrollfanatiker – aber ich bin perfektionistisch veranlagt.

Besonders wenn ich schreibe oder spreche, achte ich auf meine Wortwahl und den Satzbau. Komme ich beim Sprechen ins Stocken, muss ich den Moment entweder durchstehen oder ein anderes Wort benutzen. Bahnt sich solch ein Stottermoment an, den ich durch das Zusammenziehen meines Brustkorbes vorab im Redefluss spüre, muss ich also blitzschnell ein Synonym finden oder meinen ganzen Satz umstellen – das nervt gewaltig.

Es gibt Wörter, die mir leichter fallen und andere, mit denen ich mich schwer tue: Zur Zeit kämpfe ich besonders mit den Buchstaben W, L, G, P, K. Und mit dem F. F ist besonders blöd, wenn man Felix Franke heißt. Die schwierigen Buchstaben können in ein paar Wochen aber auch ganz andere sein, ich bin da flexibel.

Natürlich war ich als Kind in Behandlung: Über meine ganze Grundschulzeit hinweg besuchte ich eine Logopädin. Dort lernte ich, die einzelnen Silben von Wörtern zu sprechen – sehr aufwendig, anstrengend und irgendwie komisch. Beispiel: Grund-schul-zeit. Wenn ich die ganze Zeit so spreche, brau-che ich ei-ne Ewig-keit für zwei Sät-ze. Auch sollte ich die Silben im Takt klopfen, das gewöhnte ich mir aber schnell wieder ab – es war zu komisch.

Ein guter Tipp: viel lesen

Als Realschüler hatte ich keine Lust mehr auf Therapie. Meine Eltern unterstützen mich in der Entscheidung – obwohl sie meine restliche Familie brüskierte. Einen guten Tipp nahm ich allerdings aus der Zeit mit: viel lesen. Denn: Wer viel liest, hat einen großen Wortschatz. Dadurch kann ich in einem sich anbahnenden Stottermoment schnell auf ein anderes Wort wechseln. In den so genannten Vermeidungsstrategien bin ich in den letzten Jahren echt gut geworden, auch wenn sie nicht immer funktionieren. Schon gar nicht in Fremdsprachen.

Von der achten Klasse bis zum Abitur besserte sich mein Stottern enorm – vielleicht auch, weil meine Vermeidungsstrategien immer besser wurden. Im Anschluss zog ich nach Marburg, um Soziologie zu studieren. Auch während dieser Zeit vergaß ich stellenweise, dass ich stottere – oder verdrängte es gut. „Individuelle und soziale Faktoren spielen bei der Chronifizierung des Stotterns eine maßgebliche Rolle“, sagt Smerilli. Zum einen also: Wie reagiert das soziale Umfeld auf den Stotternden? Zum anderen: Wie reagiert der Stotternde auf die Reaktionen des sozialen Umfeldes?

Übertrage ich diese Aussagen auf mich, kann ich festhalten: Ab einem gewissen Zeitpunkt in meiner Schulzeit gewöhnte ich mich an meine Klassenkameraden – und die Klasse sich an mich.

Die Gefühlswelt hat einen erheblichen Einfluss

Im universitären Leben war das ähnlich. Ich fühlte mich wohl, war weniger aufgeregt und hatte demzufolge keine Angst vor dem Sprechen. Als sich meine Unizeit dem Ende näherte und ich mich um mein weiteres Leben kümmern musste, kam das Stottern zurück. Ich war unentschlossen, unsicher und hatte Angst vor dem nächsten Schritt. Diese Gefühlslage bestimmte mich auch die ersten Monate während meines Volontariats bei den DNN. Folge: Ich stotterte mehr.

Meine Gefühlswelt hat also einen wesentlichen Einfluss auf meine Fähigkeit, flüssig zu sprechen. Oder anders ausgedrückt: Durch mein Stottern lasse ich andere tief in meine Gefühlswelt blicken. Wenn ich aufgeregt bin, merkt das mein Umfeld. Ebenso wenn ich Angst habe, unsicher bin oder mit Zweifeln kämpfe. Gleichzeitig zeige ich Menschen durch mein Stottern aber auch, dass sie mir wichtig sind, zeige ihnen, wofür ich mich begeistere, dass ich sie mag – vielleicht sogar in sie verliebt bin.

Als Stotterer im Journalismus

Ich lerne immer noch, mich mit meinem sprachlichen Defekt zurechtzufinden, aber kann zumindest einige positive Aspekte erkennen: Ich achte mehr auf mich und auf meine momentane emotionale Lage. Gleichzeitig habe ich durch das Stottern die Idee zu einem wirklich coolen Job bekommen. Als Stotterer im Journalismus, geht das? Bis jetzt auf jeden Fall – ich schlage mich durch.

 Das Beste: Auch wenn ich viel mit fremden Leuten rede, Interviews führe und Redaktionskonferenzen bestreiten muss – der Fokus liegt auf dem Schreiben. Und das geschriebene Wort geht mir – um mal ein schiefes Bild zu bemühen – einfacher über die Lippen.

Welttag des Stotterns am 22. Oktober

Stottern ist eine Störung des Sprechablaufs und körperlich bedingt. Es beruht nicht – wie oft angenommen – auf psychischen Problemen.

Es gibt zwei fundierte Therapieansätze: „Nicht-Vermeidungs-Ansatz“ und „Fluency Shaping“. Beide Methoden brauchen Zeit, denn: Im Fokus steht die intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Sprache und das Trainieren erlernter Techniken.

Weitere Informationen unter www.bvss.de und www.stottern-lv-ost.de

Von Felix Franke

Fraunhofer hebt das Elektronikzentrum in Dresden auf eine neue Stufe. Das Wissenschaftsministerium beteiligt sich an der Finanzierung – und hofft auf Hightech-Produkte „Made in Saxony“.

22.10.2019

Das Dresdner Stadtarchiv zeigt jetzt eine Ausstellung mit Arbeiten des Dresdner Fotografen Jörg Schöner, der sich vor allem der Architekturfotografie verschrieben hat. Anlass ist dessen 75. Geburtstag und die Übergabe eines großen Teils seines Werkes – immerhin 32 000 Fotos – an das Stadtarchiv. Eine sehenswerte Schau – mit Aufnahmen zum Erinnern, Staunen und auch Schmunzeln.

22.10.2019

Die Landeshauptstadt Dresden hat Zahlen für die aktuelle Wohnungssituation vorgelegt. Darin steckt manche überraschende Entwicklung.

22.10.2019