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Lokales „Antifaschismus nach Bedarf“: In der DDR konnte auch Nähe zu Adolf Hitler egal sein
Dresden Lokales „Antifaschismus nach Bedarf“: In der DDR konnte auch Nähe zu Adolf Hitler egal sein
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15:48 05.12.2017
Die Stasi-Akten bieten heute interessante Einblicke in Situation in der DDR.
Die Stasi-Akten bieten heute interessante Einblicke in Situation in der DDR.  Quelle: dpa
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Dresden

 Die DDR hat sich immer gern als der deutsche Staat dargestellt, der rückhaltlos die Zeit der Diktatur des Nationalsozialismus aufgearbeitet und eine konsequente Entnazifizierung betrieben hat. Dass dieses Selbstbild vom antifaschistischen Musterland nicht besonders stichhaltig war, ist spätestens nach der Wende klar geworden. Ein Beispiel dafür ist Karl von Kraus.

Kraus war 1958 aus München in die DDR übergesiedelt. Es muss eine Freude gewesen sein für die Funktionäre im SED-Staat. Ließ sich doch der Übertritt eines Arztes aus dem Westen in den Osten propagandistisch ausschlachten. Es gab Interviews in SED-Blättern wie „Sächsischer Zeitung“ und „Neuem Deutschland“, die Defa wollte wohl sogar eine Reportage drehen. Der Überläufer lobt das Gesundheitswesen der DDR und zeigt sich enttäuscht von der Situation in der Bundesrepublik. Mit seiner Vergangenheit im NS-Regime nahmen es die DDR-Funktionäre da wohl nicht so genau. Das ändert sich, als der Rundfunksender RIAS in Westberlin über Kraus berichtet und dessen Verhalten zu NS-Zeiten thematisierte.

Karl von Kraus ist ein Beispiel für die Doppelzüngigkeit der DDR-Propaganda. Er wurde in der DDR als Arzt gebraucht, deshalb spielte seine NS-Vergangenheit keine Rolle. Quelle: BStU

„Da hat die Stasi rotiert“, erklärt Maria Fiebrandt von der Dresdner Außenstelle der Stasi-Unterlagenbehörde gegenüber den DNN. Von der Berliner Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit unter Erich Mielke wurden die Dresdner Schlapphüte nach ihren Erkenntnissen zu dem Internisten befragt, der inzwischen in einer Poliklinik arbeitete. Kraus war kein unbeschriebenes Blatt. Der Arzt gehörte der Organisation „Lebensborn“ an, die sich in NS-Zeiten auf die Fahnen geschrieben hatte, die Geburtenziffern „arischer Kinder“ zu erhöhen. Kraus war Mitglied in NSDAP, der SS und des Reichssicherheitsdienst, beschreibt Fiebradt die Daten. Bei der Stasi in Dresden war er sogar schon aktenkundig, allerdings aus ganz anderen Motiven. „Die Stasi dachte, er spioniert“, hat die Forscherin aus der Aktenaußenstelle herausgefunden. Und damit nicht genug. Kraus gehörte auch zum Freikorps Oberland, das 1923 den Hitler-Putsch unterstützte. „Was Kraus genau getan hat, ist nicht klar, aber er war in München dabei“, berichtet Fiebrandt. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist Kraus drei Jahre in Dachau interniert.

Die Stasi observierte Karl von Kraus im Operativen Vorgang (OV) "Hippokrates", weil sie dachte, er spioniert. Quelle: BStU

Bei seiner Übersiedlung in die DDR habe er aus seiner NS-Vergangenheit keinen Hehl gemacht. Trotzdem sei die Stasi nicht hellhörig geworden, konstatiert Fiebradt und für sie ist auch klar warum: In der DDR gab es damals Ärztemangel, viele verließen das Land in Richtung Bundesrepublik. Ein Mediziner, zumal aus dem Westen, war da ein Segen. „Daher hat die DDR großzügig über Kraus NS-Vergangenheit hinweg gesehen“, meint Fiebrandt. So ändert sich für ihn auch nach der „Enttarnung“ nicht viel. Von einer Poliklinik am Sternplatz in Dresden wechselte er nach Friedrichstadt, später wurde er Betriebsarzt im Bau- und Montagekombinat (BMK). Statt Kraus zur Rechenschaft zu ziehen, wie es die DDR in anderen Fällen mit NS-Leuten gern öffentlichkeitswirksam inszeniert hat, betrieb die Stasi ganz andere Pläne. Sie verpflichtet Kraus als Spitzel. Dabei setzt sie ihn nicht einmal unter Druck. Der Internist war in dieser Funktion „offensichtlich nicht zurückhaltend“. Er berichtet über Ärzte, Patienten und Bergsteiger. Kraus war Alpinist und als solcher sei auch zu seiner Nähe zum NS-Regime gekommen, schilderte er seinen Werdegang in der DDR. Nach einer gescheiterten Nanga-Parbat-Expedition 1937 gehörte Kraus zum Bergungsteam der verunglückten Bergsteiger im Himalaya. Für diesen Einsatz sei er dann „ehrenhalber“ in die NSDAP aufgenommen worden, erzählte Kraus später in der DDR. Der Stasi scheint das alles egal. Sie hielt die Berichte des Mannes für „operativ auswertbar“, als hilfreich für die Überwachungsarbeit in der DDR. Der propagierte Antifaschismus geriet zur Nebensache. „Die DDR hat sich zwar immer hingestellt als das Land, dass Nazi-Verbrecher konsequent verfolgt hat. Da hieß es immer, wir haben alle abgeurteilt. Doch der Fall Kraus zeigt ganz klar, wie doppelzüngig das war“, bilanziert Forscherin Fiebrandt.

Von Ingolf Pleil

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