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Lokales BRN: In der Neustadt steppt die Mickey Mouse
Dresden Lokales BRN: In der Neustadt steppt die Mickey Mouse
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10:12 18.06.2018
Party pur beim größten Dresdner Stadtteilfest, der BRN. Quelle: Dietrich Flechtner
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Dresden

Feiern unter der Mickey-Mouse-Fahne: Partygänger aus ganz Deutschland haben am Wochenende die Bunte Republik Neustadt besucht und die Nächte zum Tag gemacht. Dennoch blieb es weitgehend friedlich. Geschätzte 150.000 Gäste pilgerten zu den Ständen und Bühnen, die Privatleute, Vereine und Unternehmen organisiert hatten. In diesem Jahr hatten sich etliche Veranstalter zu insgesamt zehn „Inseln“ zusammengefunden.

„Yippie Yippie Yeah, Krawall und Remmi Demmi“

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„Yippie Yippie Yeah, Krawall und Remmi Demmi“, schallte es am Freitagabend die Zeilen der Band „Deichkind“ an der Kreuzung Louisen- und Görlitzer Straße. Auch wenn viele lautstark mitsangen, stimmte es nur so halb. Krawall blieb aus, eine Pöbelei entstand nur, als Menschen von einem Balkon ihr Bier über der tanzenden Menge an der umgangssprachlich als „Assi-Eck“ bezeichneten Kreuzung entleerten. Remmi Demmi gab es erst ab 23 Uhr, dann war vor dem Scheunevorplatz und an den traditionellen Engpässen Kreuzung Alaun- und Louisenstraße sowie Louisen- und Görlitzer Straße kaum ein Durchkommen.

Dabei hatte die BRN dieses Jahr sehr ruhig begonnen, lose Menschengrüppchen standen am Freitag gegen 20 Uhr vor Ausschänken und Bühnen. Das änderte sich zu späterer Stunde, als Frauen und auch einige Männer mit Glitzer oder Einhorn-Tattoos in den Gesichtern zusammen mit unkostümierten Besuchern tanzend und singend durch die Straßen zogen. Die Musik war diesmal besonders geprägt von Rock und dem Sound der 90er und 00er Jahre. Vom Balkon aus hatten einige Hobby-DJs in der Rothenburger Straße den „Alexanderplatz“ ausgerufen und mit ordentlich Bass und Techno die Masse unter ihnen zum Tanzen auf vom Bier klebrigen Asphalt gebracht.

Eindrücke vom Samstag der Bunten Republik Neustadt.

Auch in der Kamenzer Straße regierte die Technomusik – bis zum Laika. Dort spielte der Indie-DJ „Mauf“ seine alljährliche „BRN-Kicks“-Party unter freiem Himmel. Fehlen durfte da auch nicht das mittlerweile zur Tradition aufgestiegene Crowdsurfing des DJs, während die Menschen ihn auf ihren Händen tragend Coldplays „The Scientist“ sangen.

Gedränge am Sonnabend

Am Sonnabend wurde es deutlich voller als am Freitag. Vor dem „Boys“ an der Alaunstraße herrschte großes Gedränge. Menschen tanzten auf den Fenstervorsprüngen der gegenüberliegenden Häuser mit. Einige Kneipen boten den Feiernden Schnaps zum Vorteilspreis, wenn sie gleichzeitig die Toilette benutzen – trotzdem wurden die Hauswände der weniger beteiligten Nebenstraßen zum Urinieren aufgesucht. „Ist das hier schon die Louisenstraße?“, fragte ein junger Mann seine Kumpels, als sie von der Königsbrücker Straße die Einmündung der Jordanstraße passierten. „Nee, das ist die Pullerstraße. Lasst uns da mal nicht reingehen.“

Entsprechend roch es beim traditionellen Anwohnerfrühstück am Sonntagmorgen zumindest auf der Sebnitzer Straße nicht nur nach Kaffee und frischen Brötchen. Die Bewohner der Neustadt hatten Tische, Stühle und Decken vor die Tür gestellt und sich – zumeist noch leicht verkatert – mit Freunden und Nachbarn zum gemeinsamen Start in den Tag verabredet.

Preise für die schönsten Inseln

Die bunt geschmückten Straßen der Äußeren Neustadt kamen bei Tageslicht natürlich viel besser zur Geltung. Das Highlight war die aufwendige Installation „Alausebim“ auf der Sebnitzer Straße. Zwischen verzweigten Holzkonstruktionen fanden Singer-Songwriter und bildende Künstler Platz, um ihre Werke zu präsentierten.

Nicht umsonst erhielten die Alausebimmer um Stefan Grunwald die „Bunte Luzie”, den erstmals ausgelobten und von den BRN-Besuchern vergebenen Preis für die ausgefallenste Insel-Dekoration. Die Trophäe für den Programmpreis ging – wenig überraschend – an die Scheune, und als „nachbarschaftlichste“ Insel wurde das „Vogelschutzgebiet" geehrt. Die Truppe um Evi Birke hatte binnen vier Wochen die größte Insel der BRN organisiert.

Stefan Grunwald mit der "Bunten Luzie", Ulla Wacker vom BRN-Büro und Gabi Bernardt von der Stiftung Äußere Neustadt. Foto: Tanja Tröger

Neben vielen „altgedienten“ Dresdner Bands wie den Skaprifischern, Banda Internationale und der Blechlawine ist die BRN auch ein hervorragendes Podium für Nachwuchsbands. Eine von ihnen, Standard Crow Behavior aus Dresden und Leipzig – oder „aus Deutschland und den USA, das kann man auch sagen“ – absolvierte bei der 2018er BRN gleich zwei Auftritte, obwohl sie erst seit Januar dieses Jahres zusammen spielt. Mit dem ersten Gig am Samstagnachmittag auf der Vier-Vogel-Pils-Bühne zeigten sich die drei Musiker sehr zufrieden, obwohl der Sound bei der BRN eine Herausforderung gewesen sei: „Jede der Bands versucht natürlich, gehört zu werden“, deutet Violinist Filip schmunzelnd die Schwierigkeit an. „Es war für uns auch eine spannende Bühnensituation, weil wir zum ersten Mal nicht alle drei an einem Mikro standen, sondern jeder einen eigenen ‘Arbeitsplatz‘ hatte.“ Die Band spielt eigenkomponierte Folksongs mit Satzgesang. „Speziell auf den Gesang haben wir cooles Feedback bekommen“, erzählt der studierte Bratscher stolz. „Dabei war das erst unser fünfter Auftritt überhaupt!“

Die Zukunft ist offen

Ob die 2018er BRN es geschafft hat, einen Teil ihres alten Charmes zurückzugewinnen oder wieder nur eine „Kommerzveranstaltung“ war, darüber stritten sich die Republikgäste – wie in den vergangenen Jahren. Während einige in den Inseln gute Ansätze für die „Rekultivierung“ erkannten, forderten andere, die BRN gänzlich zu Grabe zu tragen. Das Insel-Konzept habe aus ihrer Sicht gut funktioniert, schätzte Ulla Wacker vom BRN-Büro ein. „Was nicht so gut gelaufen ist: die Kooperation mit der Stadtverwaltung.“ Bis zuletzt sei es für die Veranstalter eine Zitterpartie gewesen, ob ihr Stand genehmigt werden würde oder nicht. Man wolle nun erst einmal intern und in Gesprächen mit der Stadtverwaltung die BRN 2018 auswerten, ehe man Pläne fürs kommende Jahr schmiede.

Zudem wird Ende des Jahres die Veröffentlichung der Untersuchungsergebnisse von Kulturökonom Matthias Munkwitz und Anja Nixdorf-Munkwitz erwartet. Die beiden haben sich intensiv mit der BRN befasst und mit vielen Akteuren gesprochen. „Wir haben das Gefühl, dass die Insel-Lösung eine gute ist“, sagte Nixdorf-Munkwitz. Der Professor an der Hochschule Zittau/Görlitz kündigte vorsichtig an: „Vielleicht haben wir eine Variante gefunden, um zu gewährleisten, dass bei aller nötigen Planung noch viel Raum für Spontaneität und Kreativität bleibt.“

Müllberge trotz BRN-Becher

„Ein riesengroßes Dankeschön“ schickte Ulla Wacker im Namen aller Veranstalter an die Stadtreinigung. Die tapferen Recken in Orange hatten in aller Herrgottsfrühe die vollkommen vermüllten Straßen gesäubert und binnen weniger Stunden alle Spuren der vergangenen Partynacht beseitigt – bis auf die letzten Feierwütigen, die noch immer nicht nach Hause gehen wollten (oder konnten). Ein paar „Spaßvögel“ setzten am frühen Sonntagmorgen mehrere Müllsäcke an der Böhmischen Straße in Brand, teilte die Polizei mit. Durch das Feuer wurde eine Hausfassade in Mitleidenschaft gezogen.

Impressionen vom BRN-Freitag.

Positives Fazit von Polizei und Ordnungsamt

Im Großen und Ganzen zogen Stadtverwaltung, Polizei und Ordnungsamt aber ein positives Resüme der 2018er BRN. „Ein friedliches und buntes Stadtteilfest liegt hinter uns. Die Sicherheitsvorkehrungen haben sich bewährt“, so der Erste Bürgermeister Detlef Sittel. Rund 100 Mitarbeiter des Ordnungsamtes und 300 Polizeibeamte waren im Einsatz. Bis zum frühen Sonntagmorgen stellten die Einsatzkräfte 71 Straftaten und Ordnungswidrigkeiten fest – vor allem  Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz (18), Körperverletzungsdelikte (14) sowie Handydiebstähle (13).

Zudem wurden auch drei sexuelle Belästigungen angezeigt. Eine Vierundzwanzigjährige wurde in der Nacht zum Sonntag gegen ihren Willen von einem 19-jährigen, aus Afghanistan stammenden Mann geküsst. Ein 31-jähriger Pakistani berührte eine 30-jährige Frau unsittlich. Beide Tatverdächtige konnte die Polizei schnell stellen. Gegen die Männer wurden Ermittlungsverfahren eingeleitet. Außerdem wurde eine 20-Jährige von zwei Unbekannten auf dem Albertplatz gegen ihren Willen geküsst. Die Täter entkamen allerdings unerkannt.

Von sem/tg/ttr