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Lokales Aids-Hilfe: Wir müssen die Menschen erreichen, die HIV-positiv sind, und das nicht wissen
Dresden Lokales Aids-Hilfe: Wir müssen die Menschen erreichen, die HIV-positiv sind, und das nicht wissen
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11:39 18.06.2019
Christian Willno arbeitet seit elf Jahren in der Aids-Hilfe Dresden. Quelle: Dietrich Flechtner
Dresden

Christian Willno arbeitet seit 2008 im dreiköpfigen Team der Aids-Hilfe in Dresden. Im Interview mit den DNN spricht der 40-jährige Diplom-Soziologe über immer noch vorherrschende Vorbehalte gegenüber der Immunkrankheit, Wissenslücken in der Bevölkerung und den seit letztem Herbst in Deutschland erhältlichen HIV-Selbsttest.

Frage: Herr Willno, wie gehen Sie in ihrer täglichen Arbeit mit Menschen um, die in Ihrem Beisein von einer HIV-Infektion erfahren?

Christian Willno: Es kommt vor, dass ich dem Klienten die ersten paar Minuten nur schweigend gegenüber sitze. Die Leute sortieren sich. Manche reagieren mit dem Satz „Ich hab es immer schon gewusst“ und sehen die Infektion als Strafe für ihr eigenes Verhalten. Andere äußern sehr schnell existenzielle Ängste, woraufhin ich versuche, auf einer sachlichen Ebene zu informieren: Wem muss ich von meiner Erkrankung erzählen? Wo habe ich eine Mitteilungspflicht?

„Wir wissen um die mögliche negative Resonanz im Umfeld“

Die zweithäufigste Frage lautet: Wer bezahlt meine Medikamente? Obwohl Krankenversicherungen in der Regel die Kosten übernehmen. Es passiert auch, dass die Person direkt das Bedürfnis äußert, allen davon erzählen zu wollen. Da müssen wir bremsen, denn wir wissen um die mögliche negative Resonanz im Umfeld.

Woran liegt es Ihrer Ansicht nach, dass die Krankheit immer noch Stigmatisierung erfährt und eine Infektion bei Betroffenen oft Scham auslöst?

Ich stelle auf diese Frage immer gerne die Gegenfrage: Wie oft reden Sie in ihrer Arbeit und ihrem Alltag offen über die beiden möglichen Ansteckungsmöglichkeiten Sex und Drogenkonsum? So gut wie nie. Wir haben schon in den Infektionsmöglichkeiten ein hohes Stigma, das automatisch in die Krankheit mitgenommen wird. Und das wir alle Sexualität ausleben und mal ein Bier trinken, ist gesellschaftlich genormt. Die Frage „Wie kriege ich Aids?“ schwimmt aber immer mit und erzeugt automatisch Bilder. Dass eine HIV-positive Frau gesunde Kinder kriegen kann und ein Mensch mit HIV in Therapie sein Leben normal weiter führen kann, rückt leider in den Hintergrund.

Wer sucht Hilfe in der Dresdner Beratungsstelle?

Zum einen kommen Menschen zu uns, die sich in eine vermutete Risikosituation gebracht haben, weil sie ungeschützten Sex hatten oder bestimmte Praktiken ausgeübt haben, die sie im Nachhinein als riskant einschätzen. Wir versuchen dann eine Antwort zu finden, gegebenenfalls eine Testempfehlung auszusprechen und Ängste oder Befürchtungen abzubauen.

„Die Höhe der Infektionszahlen in Haft ist höher“

Zum anderen kommen Menschen, die bereits HIV-positiv sind und an uns herantreten. Es gibt aber auch HIV-positiv lebende Menschen, die Diskriminierung am Arbeitsplatz erfahren, oder – teils auch sehr schön – eine neue Partnerschaft beginnen. Bei andersartigen Problemen haben wir ein Netzwerk von Kooperationspartnern, an die wir dann weiterverweisen. Ich mache dazu noch aufsuchende Haftarbeit.

Aufsuchende Haftarbeit? Können Sie das genauer erläutern?

Menschen in Haft, die das Gefühl haben, nicht adäquat medizinisch versorgt zu werden, können sich an uns wenden. Das kommt häufig vor. Dann fahre ich in die betroffene JVA und versuche, mit dem Sozialdienst und der Anstaltsleitung eine Lösung zu finden. Gefängnisse sind auch bloß ein weiterer Querschnitt der Gesellschaft, doch die Höhe der Infektionszahlen in Haft ist höher. Tätowieren und Spritzengebrauch sind dabei oft die Ursache. Das muss nicht unbedingt HIV sein: Besonders Hepatitis C kommt dort vermehrt vor. Unsere Auffassung als Aids-Hilfe ist aber klar: Medizinische Versorgung ist ein Menschenrecht.

Im Jahr 2018 gab es 120 HIV-Diagnosen in Sachsen, wenn man die Zahlen der sächsischen Landesuntersuchungsanstalt für Gesundheits- und Veterinärwesen zugrunde legt. Ein Jahr zuvor waren es noch 103 Fälle. Wie kann die Verbreitung der Krankheit weiter eingedämmt werden?

Wir als Dresdner Aids-Hilfe sind bis an die tschechische Grenze in Schulen ab der achten Klasse mit Angeboten zur sexuellen Bildung unterwegs. Dazu arbeiten wir mit medizinischem Personal und bieten auch Fortbildungen für Ärzte an.

„Jemand, der sich hier outet, hat immer einen Exotenstatus.“

Wie fallen die Reaktionen der Schüler beim Thema Aids aus?

Völlig unterschiedlich. Wir binden die HIV-Prävention in das Thema Sexualität ein und wollen keinen Frontalunterricht geben. Nur ,böser Virus’ zu sagen kommt nicht mehr bei den jungen Menschen an. Außerdem versuchen wir, mit den Schulen auszuhandeln, dass unser Besuch ohne Lehrer stattfindet, um Schülern den Raum für einen vertrauensvollen Austausch zu geben. Als Lehrer bin ich nun mal in einer Doppelfunktion und stehe nach doch teils sehr persönlichen Gesprächen trotzdem noch den Rest des Jahres vor der Klasse.

Gibt es regionale Unterschiede in Deutschland oder Sachsen, was das Image der Krankheit und Betroffener angeht?

Klar. In Dresden beispielsweise haben wir eine kleine Szene, das heißt: Wenn ich HIV-positiv bin, bin ich bekannt. Das ist in einer Weltstadt wie Berlin oder Köln nicht so. Jemand, der sich hier outet, hat immer einen Exotenstatus. Es gibt hier nicht automatisch die Community, die sich hinstellt und sagt: Na und? Dann komm eben zum Positiven-Frühstück oder schicke dein Kind in den Kindergarten mit vielen HIV-positiven Erziehern, wie beispielsweise in Berlin. Deshalb überlegen Erkrankte nicht selten, ihren Lebensmittelpunkt aus Dresden zu verlagern.

Seit vergangenem Herbst ist der HIV-Selbsttest nach einer Entscheidung des Bundesrates in Apotheken und Drogerien erhältlich. Welche Auswirkungen hat diese Neuerung auf Ihre Arbeit?

Wir haben die Selbsttests auch hier, um ihn in unseren Räumen und den drei weiteren sächsischen Aids-Hilfen kostenfrei anzubieten. Das Angebot wird gut angenommen und etabliert sich langsam. In einer Woche machen wir in Dresden im Schnitt mittlerweile zwischen vier und sechs attestierte Tests. Den HIV-Selbsttest kann ich aber auch unabhängig von der Aids-Hilfe kaufen und zu Hause machen.

„In den 80er-Jahren hieß es, Kondome schützen – alles gut.“

Nach elf Jahren in der Aids-Hilfe: Haben Sie das Gefühl, dass Wissenslücken zum Thema Aids-Prävention erfolgreich geschlossen wurden?

Ich merke leider, dass wir als ,Präventionisten’ vor eine Mammutaufgabe gestellt werden: Es wird nicht einfacher. In den 80er-Jahren hieß es, Kondome schützen – alles gut. Heute gibt es vielfältige Möglichkeiten. Menschen die HIV-positiv sind und in der Therapie medikamentös behandelt werden, können den Virus nicht übertragen. Dann gibt es die PrEP (a.d.R.: Prä-Expositions-Prophylaxe), die man als Pille einnimmt, um einer Infektion vorzubeugen. Das sind alles Dinge, die kann man während eines One-Night-Stands nicht mehr kurz thematisieren.

Wir müssen vermehrt schauen, welche Präventionsstrategie passt zu wem und wie findet derjenige auch einen Zugang dazu. Ich bemerke aber grundsätzlich ein steigendes Interesse am Thema HIV, vor allem an der sogenannten PrEP. Der große Knackpunkt für uns Aids-Hilfen und die Gesundheitsämter ist, die Menschen zu erreichen, die nicht wissen, dass sie HIV-positiv sind und das Virus weitergeben können.

Von Aaron Wörz

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