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Lokales Abschied vom Stadtrat: Der Jüngste und der Dienstälteste ziehen Bilanz
Dresden Lokales Abschied vom Stadtrat: Der Jüngste und der Dienstälteste ziehen Bilanz
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11:37 24.05.2019
Jüngster Stadtrat: Hendrik Stalmann-Fischer. Quelle: Archiv
Dresden

Zur Eierschecke trinkt er Tee. „Ich mag die sächsische Kuchenkultur“, bekennt der gebürtige Hamburger Hendrik Stalmann-Fischer. Ein Kaffeesachse wird er dann doch nicht. Aber ein Wahl-Dresdner, der für die Stadt brennt. Und der das Glück hatte, die Geschicke von Dresden viereinhalb Jahre mitbestimmen zu können – als jüngster Stadtrat.

Seit 2009 ist Stalmann-Fischer Mitglied der Sozialdemokraten, 2011 begann er sein Studium in Dresden, 2014 kandidierte er auf Listenplatz 3 im Wahlkreis Altstadt. Ernsthafte Aussichten auf ein Mandat habe er sich nicht ausgerechnet, bekennt der damals 22-Jährige. „Natürlich spielt man mal mit dem Gedanken, wie das ist, Stadtrat zu sein. Aber realistisch war das nicht.“

Mit 786 Stimmen erzielte Stalmann-Fischer das viertbeste Ergebnis der SPD-Kandidaten im Wahlkreis. Er ging weiter seinem Studium nach, bis Anfang 2015 der Anruf kam. „Ich saß gerade auf den Stufen der Alten Mensa, als mein Handy klingelte und ich gefragt wurde, ob ich mich für den Stadtrat bereithalten kann.“ Der langjährige Stadtrat Axel Bergmann wechselte ins Wissenschaftsministerium, Ersatz wurde gebraucht.

Dietrich Ewers und Jutta-Petzold-Herrmann hatten zwar mehr Stimmen als Stalmann-Fischer errungen, verzichteten aber auf das Mandat. Der Weg für den jungen Mann war frei. „Politik hat mehr mit Zufall zu tun als manche Politiker zugeben wollen“, sagt der Sozialdemokrat lächelnd, „viele Politiker wollen sich immer als Macher und Strategen darstellen. Aber es gibt eben auch eine Menge Faktoren, die sie nicht beeinflussen können.“

Er hat sein „Ja“ nicht bereut, resümiert der Stadtrat. Er habe keine Lebenszeit verschwendet, sondern durchaus etwas bewegen können. „Ich habe ja nicht aus Verzweiflung Verkehrsingenieurwesen studiert, sondern weil mich das Thema Mobilität wirklich interessiert. Und dann habe ich die Chance bekommen, Verkehrspolitiker der SPD-Stadtratsfraktion in Dresden zu werden.“

Große Fußstapfen habe ihm sein Vorgänger hinterlassen, viele Stadträte hätten ihn als „blassen, dünnen Jungen“ wahrgenommen. Der altgediente Stadtrat Franz-Josef Fischer (FDP-Fraktion) lästerte einmal über den „Zauberlehrling“, den die Sozialdemokraten geschickt hätten. „Das war schon ungewohnt, als 22-Jähriger einem Amtsleiter gegenüberzustehen“, erinnert sich Stalmann-Fischer. Die große Stadtratsrede sei nie seine Sache gewesen, meint der Sozialdemokrat, er habe sich in den Fachrunden mit Experten wohl gefühlt. „Da konnte ich mich aus der Rolle des Greenhorns herausarbeiten.“ Neben der fachlichen habe es auch eine menschliche Komponente gegeben: „Wenn man die Kollegen besser kennt und sich auch mal persönlich unterhält, findet man einen Modus für die Zusammenarbeit.“

Werbung für Zebra-Streifen im Februar 2018: Hendrik Stalmann-Fischer (r.) mit Zebra, Ulrike Caspary (Grüne) und Martin Schulte-Wissermann (Piraten/Fraktion Die Linke). Quelle: Dietrich Flechtner

Heute würde wohl niemand mehr auf den Gedanken kommen, Stalmann-Fischer als „Zauberlehrling“ zu bezeichnen. Er hat sich etabliert, sein Wort hat durchaus Gewicht. Und doch bewirbt sich der frischgebackene Ingenieur für Verkehrswesen nicht wieder um ein Mandat. „Ich bin jetzt dabei, im Beruf Fuß zu fassen. Da empfinde ich es als schwierig, wenn ich mich regelmäßig freistellen lassen muss.“

Rund 20 Stunden ehrenamtliche Arbeit pro Woche seien zusammengekommen, sagt der Sozialdemokrat. „Das ist schon eine hohe Belastung für ein Ehrenamt.“ Er sehe den Stadtrat an einem Scheideweg. „Wenn wir bei unseren Entscheidungen noch stärker ins Detail gehen sollen, dann ist es nur noch hauptamtlich zu schaffen.“

Seine Kommilitonen hätten ihm Respekt gezollt für seine Arbeit als Stadtrat, auch wenn es den einen oder anderen flapsigen Spruch gegeben habe. „Sie haben sich durchaus gefreut, dass sie nah an einem dran waren, der Entscheidungen trifft.“ Bei seinen Veranstaltungen habe er viele Kommilitonen im Publikum gesehen, ohne dass er sie zuvor angesprochen habe, sagt Stalmann-Fischer. „Das empfinde ich auch als eine Form von Respekt.“

Dass er nicht gebürtiger Dresdner ist, sei ihm selten vorgehalten worden. „Als Hamburger habe ich vielleicht auch eine Zwischenposition, weil Hamburg in Dresden gut angesehen ist.“ Er habe den Dresdnern zugehört und könne das Bild des Nörgelsachsen nicht bestätigen. „Ich finde es spannend, in einer Zeit in Dresden zu leben, in der die Nachwendeepoche aufgearbeitet wird.“ Und auch ein Nichtdresdner könne die Rekonstruktion des Neumarkts als gelungen betrachten.

Wohin ihn seine Wege jetzt führen, weiß Stalmann-Fischer noch nicht. „Ich sondiere die Stellenangebote.“ Es stehe nicht zu 100 Prozent in seiner Macht, ob er in Dresden bleibt. Nicht jeder Faktor lässt sich beeinflussen. Wie in der Politik.

Der Elan der frühen Jahre

Helfried Reuther ist seit 29 Jahren Stadtrat. Der Christdemokrat schließt jetzt dieses Kapitel.

Seit 29 Jahren Stadtrat: Helfried Reuther. Quelle: Archiv

„Ich freue mich auf die freie Zeit“, sagt Helfried Reuther. Eine Ära geht zu Ende: Der Christdemokrat ist Stadtrat der ersten Stunde. Er begann 1990 als Stadtverordneter und wurde danach fünf Mal wieder in den Stadtrat gewählt. „29 Jahre waren eine schöne Zeit. Aber jetzt sind andere dran“, sieht Reuther seinen Abschied gelassen.

Der promovierte Physiker hat 2012 bereits den Ausstieg aus dem aktiven Berufsleben bewältigt. „Ich werde auch den Ausstieg aus dem Stadtrat bewältigen. Wenn ich nur daran denke, wie viele ungelesene Bücher in meiner Bibliothek stehen.“ Er sei kein Mensch, der nicht loslassen könne, sagt Reuther über sich. „Ich habe schon vor fünf Jahren mit mir gerungen, ob ich mich wieder aufstellen lasse. Aber da gab es noch einige Prozesse, die ich gerne weiter begleiten wollte.“

Reuther ist Sprecher für Umwelt und Kommunalwirtschaft der CDU-Fraktion. Diese Themen beschäftigen ihn seit 1990. „Die ersten vier Jahre waren die schönsten“, sagt er, „da konnten wir richtig etwas bewegen.“ Die Abwässer flossen ungeklärt in die Elbe, die Dresdner Luft war dreckig, die Müllabfuhr funktionierte nicht reibungslos.

Dresden habe im Gegensatz zu Leipzig beim Aufbau des Ver- und Entsorgungsnetzes vieles richtig gemacht. „Da habe ich durchaus mitgemischt“, meint Reuther. Dass die Stadt über leistungsstarke Stadtwerke, Stadtreinigung und Stadtentwässerung verfüge, sei auch ein Verdienst des damaligen Oberbürgermeisters Herbert Wagner (CDU). „Er hat hart verhandelt und viel für Dresden herausgeholt. Dafür müsste man ihm dankbar sein, so ist es aber leider nicht.“

Wissenschaftler, Stadtrat, Familie, Hobbys – wie ist das in den Griff zu bekommen? „Nun, Hobbys konnte ich mir nicht leisten“, erklärt Reuther. Von der Arbeit hätte er sich für das Ehrenamt freistellen lassen können. Davon habe er aber kaum Gebrauch gemacht. „Wir hatten Gleitzeit in Rossendorf und ich hatte immer Plusstunden.“ Trotz der vielen Sitzungen.

Bei der Arbeit 2010: Helfried Reuther (Mitte) und seine CDU-Stadtrats-Kollegen Christa Müller (vorn links), Angela Malberg und Klaus Rentsch (hinten). Quelle: Sebastian Kahnert/Archiv

Besonders anstrengend sei es am Anfang gewesen, als die Stadtverordnetenversammlung noch alle zwei Wochen tagte. Er habe Prioritäten setzen müssen, sagt Reuther, der seit 1996 im eigenen Haus wohnt. „Da gibt es auch immer etwas zu tun. Aber alles ist eine Frage des Zeitpunktes.“ Ein undichtes Dach müsse natürlich sofort neu gedeckt werden. Bei abgeplatzter Farbe sei das dagegen etwas anderes.

Den Impuls, sich für Umweltthemen zu engagieren, habe er von der Ökumenischen Versammlung zur Bewahrung der Schöpfung erhalten, erklärt Reuther. „Wobei ich die Ökologie nie über alles stelle, sondern sie mit der Ökonomie verbinden will.“

Ein großartiger Redner sei er nie gewesen, schätzt der Christdemokrat ein. Geplante Redebeiträge habe er akribisch vorbereitet. Unvergessen seine Kritik im Stadtrat an einem Gütesiegel für Pferdefuhrwerke, das Rot-Grün-Rot mit hohem Aufwand erarbeitet hatte, für das sich die Fuhrunternehmer aber überhaupt nicht interessierten. Mit feiner Ironie nahm der Christdemokrat das vergebliche Ringen für das vermeintlich Gute aufs Korn.

Er habe ausgeteilt, sagt Reuther, sei aber immer höflich geblieben. „Wenn die ersten Jahre die schönsten waren, so waren die vergangenen fünf die schlimmsten.“ Der Respekt sei im Stadtrat verloren gegangen, es habe beispiellose Entgleisungen gegeben wie der Ausruf „Sozialschweine!“ des Linke-Stadtrats Tilo Kießling. „Diese Unflätigkeit stört mich“, bekennt er.

Reuther ist einer der letzten Stadträte, die sich konsequent der digitalen Stadtratsarbeit verweigern und ihre Unterlagen nicht auf dem Tablet-Computer studieren, sondern auf Papier. „Ich kann auf dem iPad keine Anmerkungen notieren und mir die großen Pläne nicht komplett anschauen“, sagt er. „Und eine Fliege kann man mit dem Tablet auch nicht erschlagen“, fügt er ironisch an.

Ein politischer Mensch werde er bleiben und auch künftig genau verfolgen, wie der Stadtrat mit „seinen“ Themen verfährt. „Ich bin auch gespannt, ob meine lieben Parteifreunde auf meine Erfahrungen zurückgreifen wollen“, sagt er.

Möglicherweise endet ja die parlamentarische Tätigkeit für Reuther, der seit 49 Jahren Mitglied der CDU ist, doch noch nicht: Seine Parteifreunde haben ihn für den Stadtbezirksbeirat Loschwitz nominiert. Auf Listenplatz sechs. „Vielleicht kann ich einen kleinen Beitrag für ein gutes Wahlergebnis leisten.“

Es wäre eine Rückkehr zu seinen kommunalpolitischen Wurzeln: Bevor er 1990 in die Stadtverordnetenversammlung einzog, war er als Stadtbezirksabgeordneter für Ost tätig. „Damals konnte man ganz kleine Dinge bewegen. Zum Beispiel dafür sorgen, dass die Laternen in einer Straße, die wochenlang abgeschaltet waren, wieder angingen“, erinnert er sich.

Von Thomas Baumann-Hartwig

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