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Lokales Abhörsicheres Licht-WLAN aus Dresden: Ein Glühwürmchen blockt „Horch & Guck“
Dresden Lokales Abhörsicheres Licht-WLAN aus Dresden: Ein Glühwürmchen blockt „Horch & Guck“
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15:18 11.11.2017
Ingenieur Albrecht Weise misst in einem elektromagnetisch abgeschirmten Teleconnect-Labor ein Elektronikbauteil aus.
Ingenieur Albrecht Weise misst in einem elektromagnetisch abgeschirmten Teleconnect-Labor ein Elektronikbauteil aus.   Quelle: Dietrich Flechtner
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Dresden

 Weil heutige WLAN-Heimnetzwerke großzügig in alle Richtungen elektromagnetische Wellen aussenden, die oft bis auf die Straße vor dem Haus schwingen, ist es geschickten Hackern oft gelungen, solche Netze von außen zu infiltrieren und den Datenverkehr darin zu belauschen. Doch damit könnte bald Schluss sein, wenn es nach Dresdner Ingenieuren geht: Um sich abhörsicher und superschnell per Internet zu vernetzen, müssen Smartphone- oder Notebook-Nutzer demnach in Zukunft nur noch in der Nähe „intelligenter“ Lampen sitzen. Spezielle LEDs und Sensoren etablieren dann auf Wunsch photonische Datenverbindungen, in die sich kein Angreifer unbemerkt zwischenschalten kann.

Gerald Nürnberger (links) und Andreas Bluschke gehörten zu den Gründern von Teleconnect. Sie haben die Firma ganz still zum „Hidden Champion“ in der Nische entwickelt. Quelle: Dietrich Flechtner

Bereits heute verwenden einzelne Regierungsbehörden, Unternehmen und andere geheimniskrämerische Institutionen im In- und Ausland solche abhörsicheren Licht-Datenverbindungen, auch Li-Fi („Light Fidelity“) genannt. Entwickelt hat solch eine Technologie das Dresdner Unternehmen „Teleconnect“, das bis heute auch von seinen DDR-Wurzeln profitiert – und zu jenen „versteckten Weltmeistern“ („Hidden Champions“) gehört, über die sächsische Wirtschaftspolitiker so gern munkeln.

DDR testete Glasfasertechnik in Seidnitz

„In Dresden gab es vor der Wende eine Außenstelle des Instituts für Nachrichtentechnik und die war für die Glasfasertechnik zuständig“, erinnert sich Andreas Bluschke, der Teleconnect heute gemeinsam mit Gerald Nürnberger leitet. „Der Gipfel dieser DDR-Entwicklung war ein Opal-Testnetz in Dresden-Seidnitz – aber dann kam auch schon die Wende.“ Die optische Datenübertragung rückte erst mal in den Hintergrund, der Aufbau von DSL-Netzen auf Kupferbasis in den Vordergrund.

Und so gründeten drei Instituts-Ingenieure Mitte 1990 die Teleconnect GmbH. Mit 30 Mitarbeitern entwickelten sie fortan im Auftrag großer Telekommunikations- und Elektronikunternehmen zum Beispiel xDSL-Modems, die – für damalige Verhältnisse – sagenhaft schnelle Internetzugänge im Megabit-Bereich möglich machten. „Eines dieser Systeme war schon vor der Wende am Institut entwickelt worden, allerdings für die damals verfügbaren DDR-Bauelemente“, erzählt Bluschke. „Wir haben das Ganze dann noch mal für West-Bauelemente neu entwickelt.“

Teleconnect GmbH

Geschäftsfelder: Auftragsentwickler für Netzwerktechnik (88 % Umsatzanteil) und Entwicklung eigener Produkte, u. a. xDSL-Spezialmodems für die Industrie sowie optische Freiraum-Datenübertragung (12 %)

Hauptsitz: Dresden-Omsewitz

Gegründet: 27. Juni 1990

Belegschaft: rund 30 Mitarbeiter

Umsatz: 2,1 Millionen Euro

Mehr Infos im Netz: teleconnect.de und fireflywirelessnetworks.com

Bis heute machen solche Auftragsprojekte einen Großteil des Teleconnect-Umsatzes aus. Dabei arbeiten die Dresdner mit namhaften Elektronikkonzernen und Netzbetreibern zusammen, die fast jedermann kennt. Sie verfassten die „xDSL-Fibel“, ein „Taschenbuch der Telekommunikation“ und andere Bücher, die heute zu den Standardwerken in der Fachszene gehören. Den Namen „Teleconnect“ jedoch kannte kaum einer außerhalb eines engen Auguren-Zirkels. „Irgendwann haben wir uns gesagt: Eigentlich ist es schade, dass wir all die tollen Sachen nur für Andere entwickeln, die sich damit schmücken können“, sagt Teleconnect-Projektleiter Philipp Rietzsch.

Jahrelang unter Tarnkappe versteckt

Und so begann die Firma, eigene Produkte zu entwickeln. Zum Beispiel Systeme, mit denen man per Laser Daten hochsicher übertragen konnte. Mit dem langjährigen US-Partner Light Pointe aus San Diego gründete Teleconnect im Jahr 2016 schließlich ein Gemeinschaftsunternehmen: „Firefly“ („Glühwürmchen“) führte seitdem – zunächst unbemerkt von der Öffentlichkeit – das erwähnte Li-Fi-System zur Marktreife. „Der 5G-Gipfel kürzlich in Dresden war das erste Mal, dass wir mal den Kopf heraus in die Öffentlichkeit gesteckt haben“, verrät Bluschke. Produziert wird das System übrigens in Sachsen-Anhalt – und da schließt sich wieder der Kreis zur DDR: Der dortige Auftragfertiger belieferte vor der Wende das „Volkseigene“ Fernsehgerätewerk Staßfurt.

Zurück in die Gegenwart: Weil es auf LEDs statt auf teure Laser setzt, hat das sächsisch-amerikanische „Glühwürmchen“ die abhörsichere optische Freiraum-Datenübertragung erstmals für Anwender jenseits von Militär und Raumfahrt für breitere Kreise erschwinglich gemacht. Und dies bei Datenraten im Gigabit-Bereich, von denen die Konkurrenz nur träumen kann. „Mit der Kommerzialisierung dieser Technologie haben wir gerade erst begonnen“, sagt Projektleiter Rietzsch.

Milliardenmarkt lockt

Alexandre Schäfer (l.) und Philipp Rietzsch testen die Licht-Module (vorn). Quelle: Dietrich Flechtner

Nun wollen die Dresdner und ihre US-Partner gemeinsam einen Riesenmarkt aufrollen. Sie verweisen auf Einschätzungen der Marktanalysten von „Grand View Research“ und „Market And Markets“. Demnach soll der weltweite Umsatz mit Li-Fi-Systemen im Jahr 2018 um 82 Prozent auf über sechs Milliarden Dollar klettern. Bis zum Jahr 2024 werde dieser Markt dann auf über 100 Milliarden Dollar wachsen und immer mehr Sektoren erfassen: Konsumelektronik. Automobile, Flugzeuge, Hochgeschwindigkeits-Züge, Medizintechnik und dergleichen mehr.

Und da zumindest das Dresdner Li-Fi-System seine Daten mit sichtbarem Licht oder per Infrarot überträgt, ist auch der nächste Schritt in den Massenmarkt bereits absehbar: Nämlich in die Lampenfassungen von Wohnungen und Büros allerorten intelligente „Glühbirnen“ einzuschrauben, die solche Lichtsignale senden und empfangen können. Und dann kommt das Internet wirklich aus der Deckenlampe – sicher und gigabitschnell, wenn man den Firefly-Versprechungen glauben mag.

Von Heiko Weckbrodt