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Lokales 50 Jahre unterwegs in Georgien – Jörg Schöner zeigt Fotos in Blasewitz
Dresden Lokales 50 Jahre unterwegs in Georgien – Jörg Schöner zeigt Fotos in Blasewitz
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11:55 01.02.2019
Jörg Schöner im Arbeitszimmer mit seinem Bildband über Georgien. Am 6. Februar stellt er es ihn im Blasewitzer Gemeindehaus vor. Quelle: Foto: Dietrich Flechtner
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Dresden

Korea, Patagonien, die argentinischen Anden, Katar – Jörg Schöner kann sagen, er hat die Welt gesehen, nach 1989, als er frei überall hin durfte. Doch all diese Länder haben das eine Land nicht verdrängen können, das ihm Jahre zuvor, als man dem Fernweh nur in wenige Richtungen folgen konnte, zum Inbegriff der „anderen Welt“ geworden ist: Georgien. „Das Klima, diese uralte Geschichte, kulturelle Traditionen, Früchte und Wein – Georgien war für uns eine Sehnsuchtsregion, eine Art Ersatz-Italien“, sagt der 74-jährige Fotograf, den Blick hinaus aus dem Fenster seiner Wohnung in Dresden-Blasewitz gewandt.

Eine Doku liefert die Initialzündung

Über mehr als 50 Jahre hinweg hat er etliche Dutzend Male dieses gebirgige Land bereist. In diesem leben auf einer Fläche, etwas größer als die drei mitteldeutschen Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zusammen, nur etwa 3,7 Millionen Einwohner. Seine besten Fotos hat Jörg Schöner für den Bildband „Georgien und der Kaukasus“ ausgewählt. Den stellt er mit einem Bildvortrag am 6. Februar im evangelischen Gemeindehaus in Dresden-Blasewitz vor.

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Begonnen hat seine Beziehung mit einer ersten Ahnung. 1961, kurz vor dem Mauerbau, sah Jörg Schöner in einem Westberliner Kino den US-amerikanischen Dokumentarfilm „Vom Nordpol zur Krim“. „In dem flogen die Kameraleute mit einem Doppeldecker auch über den Kaukasus. Das hat mich sofort fasziniert.“

Seine erste Auslandsreise buchte er im Sommer 1964 nach Georgien. Mit dem Zug über Moskau, Ordschonikidse – heute Wladikawkas - bis in die georgische Hauptstadt Tiflis. „Dort habe ich den Kasbek gesehen, meinen ersten Fünftausender.“ Drei Jahre darauf fuhr er erneut mit dem Zug hin.

„Eine leere Landschaft kann schön sein.“

Dann durfte man ausgewählte Strecken sogar mit dem eigenen Pkw bereisen. „Da habe ich meinen Trabant für eine lange Tour gerüstet, also ihm gut zugeredet: Halte durch.“ Auf der ersten Tour 1970 nach Jerewan seien sie so oft es ging von der vorgeschriebenen Route abgewichen. „Unsere Begeisterung für diese schneebedeckten Berge war groß. Hochgebirge kannten wir als DDR-Bürger nicht.“

Auf Touren, die manchmal tagelang gingen, hat der passionierte Wanderer – oft gemeinsam mit seinem Freund Albrecht Schulze, einem Geophysiker, – Täler und Berge für sich entdeckt. „Wenn man stundenlang geht, schaltet man innerlich runter, grübelt vor sich hin. Und ganz allmählich verwächst man dabei mit der Landschaft.“ Bald sei die Faszination so groß geworden, dass es ihn regelrecht gepackt habe.

Neue Elemente kamen dazu: die Wehrbauten, vor allem die Kirchen. „Eine leere Landschaft kann schön sein. Aber wenn ein passendes Bauwerk darin steht, bekommt sie noch mal einen ganz anderen Reiz, eine ganz neue Bedeutung.“

Mit Syrien und Armenien gehört Georgien zu den ältesten christlichen Ländern. Im Jahr 337 wurde das Christentum Staatsreligion. „Man findet dort Basiliken aus dem fünften oder sechsten Jahrhundert, einige im zwölften Jahrhundert überbaut“, erzählt Jörg Schöner.

Georgiens wieder erstarktes Christentum ist sehr archaisch

Mit historischer Baukunst ist er bestens vertraut. Nach 1989 hat er sich auf Architekturfotografie spezialisiert. Gebäude, vor allem die im Besitz des Freistaates, hält er in hochauflösenden Aufnahmen fest, anhand derer zum Beispiel Restauratoren nötige Arbeiten planen können. Sein größter Auftrag war der Wiederaufbau der Frauenkirche, von dem er alle Schritte mit rund 7000 Fotos dokumentiert hat.

„Mit den Kirchenbauten in Georgien kam das Interesse für Religionsgeschichte und religiöses Leben.“ Aufgewachsen als Lutheraner in Dresden, bis heute der Blasewitzer Kirchgemeinde eng verbunden, konnte er Vergleiche ziehen. „In den sechziger, siebziger Jahren waren die georgischen Kirchen in erbärmlichem Zustand. Oft sah ich nur sieben alte Weiblein im Gottesdienst und dachte: Wie lange wird das wohl noch bestehen?“

Doch in den späten Achtzigern beobachtete er eine deutliche Veränderung: „Plötzlich waren die Kirchen voll. Aber diese neue Religiosität hatte etwas überbordend Frommes. Kamen die Leute an einer Kirche vorbei, bekreuzigten sie sich auf einmal.“ Prozessionen rund um die Kirchen erlebte er, bei denen Hühner, Schafe, Ziegen als Opfer geschlachtet und verzehrt wurden. „Das ist ein sehr archaisches Christentum.“

Bis auf Wandmalereien hat Jörg Schöner alles in Schwarz-Weiß fotografiert. „In Farbe erscheint das Motiv einfach als etwas Schönes.

Schwarz-Weiß dagegen reduziert alles auf 125 Grautöne. Struktur, Licht, Schatten werden deutlich. Das Bild wird viel aussagekräftiger, weil es sich auf das Wesentliche konzentriert.“

Von Tomas Gärtner

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