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Lokales 30 Jahre Mauerfall: Wenn Opa von der DDR erzählt, wird viel gelacht
Dresden Lokales 30 Jahre Mauerfall: Wenn Opa von der DDR erzählt, wird viel gelacht
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11:40 09.11.2019
Julia Buchwitz kam lange nach dem Fall der Mauer zur Welt.
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Dresden

Für Julia Buchwitz ist „die Wende“ eine jener alten Storys, von denen man vage in der Schule hört oder mit denen immer wieder die Großeltern anfangen. Als sie kurz nach einer lautknallenden Millennium-Silvesternacht schreiend zur Welt kam, war die DDR längst passé. Da bewegten längst Telekom-Aktien und geplatzte Börsenblasen die Dresdner, die Benzinpreise und Harry Potters Feuerkelch, die Infineon-Investitionen in Klotzsche und das neue Großkino am Schillerplatz, die Rinderwahn-Wurst und andere Alltagsaufreger. Der Kampf gegen SED-Schergen war abgehakt.

Das Lächerliche im und am SED-Staat

Schon als Baby war Julia das erste Mal in der Zeitung, auf einem Foto in den Armen ihrer Mutter: Die DNN hatten damals ihre Mutter Jana interviewt, wie die Wende deren Leben verändert habe. Zuletzt gefragt, was vom DDR-Teil ihres Lebens wohl bleibe, antwortete Mutter Jana damals: „Wahrscheinlich überhaupt nichts. Ich glaub nicht, dass mich meine Tochter mal fragt: Wie ist das in der DDR gewesen?“

Jana Anders mit Töchterchen Julia im Oktober 2000. Die Mama war 15 Jahre alt, als die DDR verschwand. Quelle: DNN/Dietrich Flechtner

Nun, es ist anders gekommen: Seitdem sind knapp zwei Jahrzehnte vergangen und Julia ist inzwischen selbst erwachsen. „Das Thema interessiert mich sehr – auch wenn ich keinen persönlichen Bezug zu DDR und Wende habe“, sagt die TU-Studentin, die sich auf eine Zukunft als Geschichtslehrerin vorbereitet. „In der Schule kam die Wende bei uns nur ganz kurz dran“, erzählt die 19-Jährige. „Da wurde ein recht positives Bild gezeichnet: Das Volk brach zur Demokratie auf. Von meinem Vater habe ich aber gehört, dass das nur ein Teil der Geschichte war: Die Leute wollten einfach die bunte Westwelt haben, hat er gemeint.“

Vieles über DDR und Wende habe sie krümelweise bei Familientreffen mitbekommen, wenn Gespräche unweigerlich um das „Damals“ zu kreisen begannen. „Wenn Opa darüber erzählt hat, wurde immer viel gelacht“, erinnert sich Julia. Vielleicht sei gerade das Lächerliche im und am SED-Staat das gewesen, was haften bleibe, mutmaßt sie.

Mehr Verbindendes als Trennendes

Manchmal habe sie schon darüber nachgedacht, sagt sie, wie ihr Leben wohl verlaufen wäre, wenn alles anders gekommen wäre: Wenn die Leute damals nicht auf die Straße gegangen und die kommunistische Staatsmacht das Feld nicht geräumt hätte. „Ich denke, ich hätte trotzdem studiert“, überlegt Julia. „Aber hätte ich damals Lehrerin werden wollen? Lehrer in der DDR war ja doch was anderes als heute.“ Auch ans Reisen und an ihre digitale Lebenswelt denkt sie dabei: „Klassenausflug nach Frankreich oder mit der Familie nach Italien? Wohl eher nicht. Und ein Smartphone hätte es wahrscheinlich auch nicht gegeben…“

Bleibt die selbe Frage wie die an die Mutter: Was bleibt? Gibt es überhaupt noch einen Nährboden für eine spezifisch ostdeutsche Identität, wenn die gemeinsame Klammer der DDR-Sozialisierung nur noch eine ferne Erzählung ist? „Ich empfinde mich als Deutsche, nicht speziell als Ostdeutsche oder als Sächsin“, sagt Julia nach kurzem Zögern sehr bestimmt. „An der Uni bin ich jeden Tag mit Menschen aus ganz Deutschland zusammen. Die Dozenten sprechen hochdeutsch. Wenn ich mich mit Kommilitonen unterhalte, die aus dem Westen hergekommen sind, sehe und höre ich keine Unterschiede zwischen Ost und West.“

Soziale Kontakte sind ihr wichtig im Leben, betont die Studentin, auch Einfühlungsvermögen und die Chance, die Welt mit eigenen Augen zu sehen, zu reisen. Da ist mehr Verbindendes als Trennendes zu jungen Menschen, die aus Bayern, aus dem Ruhrpott oder Schwaben oder von der Küste kommen.

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Doch sie habe auch schon anderes gehört: „Ich habe Freunde, die sind in den Westen gegangen, um zu studieren. Die müssen sich dort schon Kommentare anhören wie: Was, Du kommst aus Dresden? Das sind doch alles Rassisten und Pegida-Leute…“ Irgendwann werden sich all die Ossi-Wessi-Stereotypen überlebt haben, ist die Lehrerin in spe überzeugt – und hat da eine eigene Mission entdeckt: „Man sollte schon in der Schule ansetzen. Den Tenor bei uns im Geschichtsunterricht habe ich so empfunden: Der Osten war schlecht, der Westen war toll. Vielleicht würde es helfen, wenn über das Leben in der DDR ein bisschen mehr in der Schule erzählt würde als nur, dass es da Stasi und Scheindemokratie gab.“

Von Heiko Weckbrodt

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