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Lokales Dresdner Soziologe: „1989 war eine originale Revolution in der Weltgeschichte“
Dresden Lokales Dresdner Soziologe: „1989 war eine originale Revolution in der Weltgeschichte“
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13:01 10.11.2019
In der Nacht vom 9. auf den 10. November versammelten sich zahlreiche Menschen an der Berliner Mauer – und überquerten sie. Quelle: Peter Kneffel/dpa
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Dresden

Für die Ereignisse vom Herbst 1989 gibt es viele Begriffe. Der Dresdner Soziologe Professor Joachim Fischer hält nur eine Bezeichnung für richtig: 1989 hat sich eine Revolution ereignet. Getragen von revolutionären Subjekten und mit dem Ergebnis eines revolutionären Strukturbruchs.

Frage: Die Vorgänge von 1989 in der DDR werden oft als „Wende“ bezeichnet. Ist das der richtige Begriff für das Geschehen?

Professor Joachim Fischer: Nein. Es gibt ein tiefes Missverständnis bezogen auf 1989 in der ostdeutschen Bevölkerung, aber auch in der Sozialwissenschaft. Wende, Zusammenbruch, Kollaps oder Transformation von einem Gesellschaftssystem in ein anderes – auffällig ist diese betont passivische Bewertung.

Professor Joachim Fischer Quelle: Dietrich Flechtner

Die Ostdeutschen verdecken sich mit diesen Begriffen das revolutionäre Aktivitätsmoment, an dem sie doch in der ein oder anderen Weise 1989/90 beteiligt waren. Danton und Robespierre hätten doch bezogen auf die französischen Vorgänge 1789 auch nicht von einer „Wende“ gesprochen, Lenin und Trotzki 1917 nicht von einem bloßen „Kollaps“ des Zarismus – sondern eben selbstverständlich von der „Französischen Revolution“ oder „Russischen Revolution“, an der sie mit anderen als Aktivisten erfolgreich beteiligt waren.

Aber es wird doch offiziell von einer „Friedlichen Revolution“ in der DDR gesprochen?

Ja, aber der Fokus liegt immer auf „friedlich“, nicht auf „Revolution“. Die Revolutionäre von 1989 waren ja auch sehr diszipliniert, was eine Bedingung ihres Erfolges war. Aber bedeutend ist 1989 doch als Revolution. Dafür gelten immer zwei Kriterien: Gibt es revolutionäre Subjekte? Und gibt es in der Folge objektiv einen revolutionären Strukturumbruch der gesamten Gesellschaft? Beides trifft für 1989 zu. Am Anfang des gesamten revolutionären Prozesses standen Bürger, die sich in revolutionäre Aktivisten verwandelt haben, die sich etwas zugetraut, die ihre Angst überwunden haben und sich mit anderen zusammentaten.

„Mauer durch revolutionären Druck von Aktivisten zum Einsturz gebracht worden“

Keiner konnte wissen, wie dieses gewagte Engagement ausging, ob die Diktatur zusammenbricht– und als Folge dieser Taten kam es zu einem revolutionären Strukturwandel in allen gesellschaftlichen Sphären – Politik, Recht, Wirtschaft, Erziehung, Kunst, Wissenschaft. Selbst der „Mauerfall“ ist zu passivisch formuliert, als wäre sie von selbst zusammengebrochen – dabei ist die Mauer doch durch revolutionären Druck von Aktivisten zum Einsturz gebracht worden – ob nun durch die riskierten Massendemonstrationen in der DDR oder durch die riskante Ausreisebewegung aus ihr.

Wie sehr hat die Möglichkeit einer Wiedervereinigung Deutschlands das revolutionäre Geschehen beeinflusst?

Man muss die DDR-Vorgänge 1989/90 immer in den ostmitteleuropäischen Revolutionen insgesamt sehen, um der Fixierung auf die Wiedervereinigung zu entgehen. Ganz Osteuropa war in einem völlig neuartigen Umbruch. Polen spielte dabei die Vorreiterrolle. Dort hat der revolutionäre Prozess 1980 begonnen und über zehn Jahre gedauert. In der CSSR hat die Revolution dagegen 1989 nur zehn Tage gedauert. In allen diesen Gesellschaften kam es in der Folge zu einem revolutionären Umbruch von sozialistischen Gesellschaftsstrukturen in bürgerliche Gesellschaftsformationen, je unter verschiedenen Optionen, mit heiß diskutierten Alternativen unter den revolutionären Aktivisten.

„Wir sind ein Volk“

Man muss sich bezogen auf die DDR deshalb klar machen: Auch wenn es diese Option einer Wiedervereinigung nicht gegeben hätte, wären die objektiv revolutionären Umbrüche auf Grund der subjektiven revolutionären Tat von 1989 gekommen. Das wäre unvermeidbar gewesen: wenn man den Raum der Civil Society einmal revolutionär herstellt, öffnet man ihn auch konkurrierenden Alternativen. Hinter der sehr umstrittenen Forderung nach einer Wiedervereinigung, der Umschwung von „Wir sind das Volk“ zu „Wir sind ein Volk“ im November 1989 steckte ja im Kern nicht eine ökonomische, sondern eine politische Forderung: Nämlich gegen die Revolutionäre, die den Sozialismus reformieren wollten, durch Wiedervereinigung ein zweites sozialistisches Experiment verhindern zu wollen.

Es ist ein Tiefenmissverständnis, die turbulenten Vorgänge der 90er Jahren in Ostdeutschland der Wiedervereinigung zuzuschreiben und nicht vielmehr der revolutionären Tat von 1989/90.

Aber handelt es sich nicht doch vom Ergebnis her um eine Transformation vom Sozialismus zum Kapitalismus, in der sehr viele Menschen unter die Räder kamen?

Wer diese Begriffe verwendet, übernimmt den marxistischen Sprachgebrauch. Es ging den Revolutionären von 1989 nicht um den Kapitalismus. Es ging in ersten Linie um die Herstellung einer bürgerlichen Gesellschaft, einer „civil society“, um die neuartige Eröffnung eines öffentlichen Raumes in den Städten und Medien , mit den dazu gehörenden Rechten wie Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit oder Vereinsfreiheit.

„Grundlage für den ersten Verein in Dresden

Vom sozialistischen Prinzip her war ja das Neue Forum eine illegale und illegitime Gründung. Spontan sich bildende Vereine sind Inbegriff einer bürgerlichen Gesellschaft, und genau das wollten die Menschen. Der Aufruf zum Wiederaufbau der Frauenkirche war zum Beispiel Grundlage für den ersten Verein in Dresden 1989.

Ist es nicht eher zutreffend, die Vorgänge von 1989 als „Konsumrevolte“ zu deuten? Die Menschen im Osten hatten es satt, Trabant zu fahren und maximal bis Bulgarien reisen zu können.

Nein, das ist zu ökonomistisch gedacht. Die zentrale Forderung nach „Reisefreiheit“ stand doch als Metapher dafür, überhaupt als individuelles Subjekt bestimmen zu können, wohin die eigene Lebensreise gehen soll – so sehr sie auch scheitern kann. Da ging es nicht um Pauschalreisen und All inclusive, sondern um die revolutionäre Etablierung des bürgerlichen Prinzips der Individualisierung.

„Das sind alles keine Fragen von Konsum“

Deshalb gehört zum revolutionären Umbruch auch, Privateigentum zuzulassen – den Erwerb von Wohnungen oder gar Häusern, die riskante Eröffnung von Geschäften, Unternehmensgründungen, die eigene Gestaltung der Altersvorsorge, die europaweite Wahl des Wohnsitzes. Das sind alles keine Fragen von Konsum, sondern von selbstverantworteter Lebensgestaltung.

Wird das Geschehen von 1989 in der westlich geprägten Sozialwissenschaft deshalb so reserviert betrachtet, weil deutlich mehr geschehen ist als bei den Studentenprotesten 1968 im Westen?

Ja. 1968 und 1989 sind ja ein Unterschied ums Ganze. Die Studenten von 1968 sind im Stadium der Revolte und einer Rebellion steckengeblieben. Sie haben durchaus neue Lebensformen kreiert, aber an den gesellschaftlichen Verhältnissen wurde trotz ihres revolutionären Anspruches nichts geändert. 1989 hingegen hat zu wirklichen revolutionären Umbrüchen geführt.

„Beides können sie den Ostdeutschen nur schwer vergeben“

Dabei muss man zwei tiefe Enttäuschungen der 68er bezogen auf 1989 im Auge behalten: Sie hatten biographisch die Revolution immer in umgekehrter Richtung erwartet, von der bürgerlichen Gesellschaft in den Kommunismus; und sie wähnten sich 1990 bereits im sogenannten „postnationalen“ Zeitalter, als die Ostdeutschen aus den erwähnten Gründen plötzlich die nationale Karte spielten. Beides können sie den Ostdeutschen nur schwer vergeben.

Die DDR-Bürger haben 1989 ein sozialistisches System hinweggefegt. Warum sind so wenig Menschen stolz darauf?

Den Ostdeutschen, und zwar allen Generationen, ob jungen Menschen, Eltern oder Großeltern, mangelt es vollkommen am Bewusstsein, erstklassig zu sein aufgrund dessen, was sie revolutionär 1989/90 geleistet haben. Es ist ihnen auch ausgeredet worden: Der westdeutsche Sozialphilosoph Habermas hat ja postwendend 1990 von einer bloß den Westen „nachholenden Revolution“ gesprochen, um dem Ereignis von 1989 den Ehrentitel abzusprechen. Dabei verhält es sich genau umgekehrt: 1989 ist eine originale Revolution, weil erstmals in der Weltgeschichte im Ausstieg aus einem sozialistischen System die Neuerfindung der Prinzipien einer bürgerlichen Gesellschaft gelungen ist.

„Es gab einen großen Verlust“

Das musste alles neu entwickelt und erprobt werden. Revolution heißt ja auch, dass die Menschen noch einmal mit völlig neuen Dingen konfrontiert werden. Es gab erhebliche biographische Brüche, natürlich in den Lebensläufen der politisch tragenden Herrschaftsgruppen der DDR, aber auch der vielen Mitläufer und ihrer Familien. Es gab einen großen, oft nicht wieder gut zu machenden Verlust an Sicherheit. Das ist aber die Folge der revolutionären Tat, nicht etwa der Wiedervereinigung oder gar der Treuhand.

Besteht eigentlich auch heute die Möglichkeit zu revolutionären Umbrüchen?

Wann Aktivisten ihre Ohnmacht überwinden und die Verhältnisse umbauen, kann man nicht vorhersagen. Das würde den Revolutionären den originären Atem rauben. Aber zweifellos sind heutige gesellschaftliche Vorgänge weltweit Folge der Revolutionen von 1989. Zum Beispiel die massiven, beharrlichen Proteste in Hongkong, da geht es ja nicht um kapitalistische Verhältnisse, die sie dort schon haben und schätzen, sondern um Menschenrechte wie Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit und Individualisierungsfreiheit. Das steht in der revolutionären Tradition von 1989.

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Liegt das mangelnde Selbstbewusstsein vielleicht daran, dass alle in dieses vorrevolutionäre System DDR in irgendeiner Form verwoben waren? Wäre jetzt der richtige Zeitpunkt, darüber zu sprechen?

Trotz aller literarischen und wissenschaftlichen Verarbeitung gibt es leider immer noch keine wirkliche Diskussion über die sozialistische DDR-Gesellschaft. 30 Jahre danach wäre die Diskussion überfällig. Die Fragen drängen sich doch zwischen der jüngeren Generation und den Eltern und Großeltern auf: Wo wart ihr eigentlich in der DDR, wie habt ihr das System mitgetragen, was habt ihr angerichtet?

Dresden ist ja eine ‚Hauptstadt der Debattenkultur’“

Habt ihr profitiert von den staatlichen Enteignungen des Mittelstandes, von dessen Wohnungen und Häusern? Seid ihr den „Weg der Roten Fahne“ ein Stück weit mitgegangen? Wie konntet ihr an den Leninismus glauben? Warum habt ihr die Verwahrlosung der alteuropäischen Stadtkerne in der DDR zugelassen? Die Antworten darauf sind wichtig für die Identitätsbildung in den Familien. Deshalb sollte die Debatte jetzt geführt werden. In der Öffentlichkeit und in den Familien. Jetzt gibt es die Chance noch, jetzt sind die Zeitzeugen noch verfügbar. Dresden ist ja eine „Hauptstadt der Debattenkultur“ – warum sollte diese Vergangenheitsbewältigung nicht von hier ausgehen?

Von Thomas Baumann-Hartwig

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