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Lokales Im Herz der Finsternis – 25. Jahrestag der Massaker von Srebrenica
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25. Jahrestag der Massaker von Srebrenica

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15:39 23.07.2020
Auf der Basis einer Kooperation der Stadt Sarajevo mit der Gedenkstätte Srebrenica Potoćari stellt der bosnische Künstler Safet Zec bis zum 7. Oktober 2020 seinen Werkzyklus „Exodus“ in der Gedenkstätte Srebrenica Potoćari aus. Quelle: Tobias Strahl
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Srebrenica

Der Ort ist unscheinbar. Godinjske Bare, unweit von Trnovo, eine gute halbe Stunde Autofahrt entfernt von Sarajevo. Die meisten Häuser wirken hübsch und neu, trotzdem würde es den Besucher nicht wundern, sagten sich hier Fuchs und Hase tatsächlich Gute Nacht. Die Abgeschiedenheit ist es, die uns hierher bringt. Und vielleicht war sie auch ein Grund für das, was vor 25 Jahren in Godinjske Bare passierte.

Ein Land politischer, ethnischer und religiöser Grenzen

Wir suchen jedenfalls den Ort eines bestimmten Geschehens, genauer gesagt eines Verbrechens. Ein Mann, wohl in seinen Sechzigern, gibt uns tatsächlich bereitwillig Auskunft. Wir müssten mit dem Auto auf der schmalen Straße wenden und etwa 300 Meter zurück fahren, sagt er. Als wir ihn kurz darauf noch einmal passieren, gibt er per Handzeichen zu verstehen, dass wir kurz anhalten sollen. Er hat noch einmal nachgedacht und präzisiert seine Angaben: "Das sechste Haus rechts." Es ist eine überraschend und unvermittelt zu uns gekommene Information, mit der wir nicht gerechnet haben. Können wir ihr trauen? Stimmt sie?

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Die Frage stellt sich hier automatisch, in einem Land voller politischer, ethnischer und religiöser Grenzen, die mal mehr, mal weniger sichtbar sind. Denn an der Stelle, die wir suchen, wurden sechs muslimische Männer erschossen, von serbischen Paramilitärs, vor 25 Jahren. Und weil Godinjske Bare heute in der Republika Srpska liegt, dem serbischen Teil Bosnien-Herzegowinas, ist allein schon das Fragen heikel. Umso überraschender die Antwort jenes Mannes. Als wir vor dem besagten Privatgrundstück das Auto abstellen, weist dort nichts auf diese Vergangenheit hin. Ein grünes Metalltor, mit einem Vorhängeschloss gesichert, ein paar Birken, ein Haus mit markantem Schrägdach - das ist die ganze banale Szenerie.

Apathie in Erwartung des unvermeidlichen Todes

Später schauen wir uns das Video noch einmal an, das der Auslöser war, hier her zu fahren. In voller Länge dauert es fast zwei Stunden, entscheidend sind wenige Minuten. Sie zeigen, wie am 16. oder 17. Juli 1995 sechs gefesselte Männer zwischen ein paar Bäume geführt werden. Erst erschießen Mitglieder der serbischen Paramilitär-Gruppe "Skorpioni" (sechs Männer plus der Kameramann) vier von ihnen, nacheinander, in den Rücken. Den anderen beiden werden die Fesseln gelöst, sie müssen die Leichen in ein nahe gelegenes Haus bringen. Dann werden auch sie getötet. Die Opfer, die zuvor bereits stundenlang auf einem Laster durchs Land gefahren wurden, wirken in der Erwartung des unvermeidlichen Todes apathisch. Sie haben sich ihrem Schicksal ergeben.

Klar war nur, dass sich die Morde in Godinjske Bare zugetragen hatten. Nach nochmaligem Studium des Videos sind wir nun auch recht sicher, den genauen Ort wiederzuerkennen. Das markante Haus, die Birken und nicht zuletzt unser überraschender Informant ergeben ein überzeugendes Gesamtbild. Es ist ein kleiner Erfolg, der Erinnerung wieder einen realen Platz beigeben zu können.

Massaker von Srebrenica mit mehr als 8000 Toten

Denn die Geschichte dessen, was in Godinjske Bare geschah, reicht zurück in die Julitage 1995, als der Bosnienkrieg schon gut drei Jahre dauerte. Damals rückten Truppen bosnischer Serben vor, um die Stadt Srebrenica im Osten des Landes, die schon jahrelang belagert worden war, endgültig einzunehmen. Diese Militäraktion führte schließlich zu zahlreichen Tötungen, ausschließlich von Muslimen: Männer, Jugendliche, Jungen. Zu den jüngsten Opfern gehört Fahrudin Jusuf Smajlovic, neben dessen Namen im Opferhain das Geburtsjahr vermerkt ist: 1983. Als Massaker von Srebrenica mit weit mehr als 8000 Toten ist es bekannt geworden; es gilt als das größte Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Europa nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Um die Massentötungen zu verschleiern, karrten die Serben ihre Opfer stellenweise auch quer durchs Land. So wie diese sechs Männer nach Godinjske Bare: Safet Fejzic, Azmir Alispahic, Sidik Salkic, Smail Ibrahimovic, Dino Salihovic und Juso Delic.

Srebrenica ist vom geografischen Ort zum Symbol aufgestiegen. Die Stätten, an denen die männliche Bevölkerung im wehrfähigen Alter von den Serben getötet wurde, liegen in der Umgebung der Stadt, wo elf größere und 28 kleinere Massengräber dokumentiert sind. Das Gedenken konzentriert sich auf Potocari, einen Nachbarort Srebrenicas, wo sich damals das Quartier der Blauhelm-Soldaten befand, untergebracht in einer ehemaligen Batteriefabrik. Soldaten aus den Niederlanden, das Dutchbat, waren für die die dortige UN-Schutzzone verantwortlich. Sie sollten ihrer Aufgabe nicht gerecht werden, auch weil die NATO keine Luftangriffe flog, wie es der holländische Kommandeur Thomas Karremans zumindest teilweise gefordert hatte. Der Serben-General Ratko Mladic, der später als Kriegsverbrecher verurteilt werden sollte, erpresste Karremans geradezu. Er wollte die muslimischen Flüchtlinge, den Holländern bot er freies Geleit. Die UN-Soldaten zogen schlussendlich auch ab, am 21. Juli. Da hatten sie den Serben tausende Muslime bereits überstellt, die Massaker waren längst schon geschehen.

2005: Die Mauer aus Schweigen und Verweigern bröckelt

Das Video von Godinjske Bare spielt in der Geschichte der juristischen Aufarbeitung des Bosnienkrieges wiederum eine Hauptrolle. Eine Kopie des Videos gelangte in die Hände der serbischen Menschenrechtsaktivistin Natasa Kandic, die es weiterreichte an den Internationalen Gerichtshof von Den Haag, in dessen Händen die juristische Aufarbeitung dieser Verbrechen lag. Das Gericht wird die Massaker von Srebrenica schließlich als Genozid einstufen. Biljana Plavsic, serbische Politikerin und einzige Frau, die sich dem Gerichtshof in Den Haag stellte, protokollierte in ihrem Schuldbekenntnis etwas pathetisch: "Am Ende sagten auch unsere eigenen Leute, dass wir in diesem Krieg unseren edlen Charakter verloren hatten."

Als das Video 2005 erstmals öffentlich gezeigt wird, bricht in Serbien etwas auf. Die Mauer aus Schweigen und Verweigern bröckelt, weil nun ein klarer Beweis vorliegt, dass serbische Truppen in Kriegsverbrechen verwickelt waren. Der Blick auf diesen Krieg wird neu justiert - auch wenn heute Leugnung und sogar Verherrlichung wieder auf dem Vormarsch sind, wie der Belgier Serge Brammertz, Chefankläger in Den Haag, erst vor wenigen Tagen bei einem Online-Gedenken der Grünen-Bundestagsfraktion zu Srebrenica mahnte.

In Potocari findet sich an der Durchgangsstraße der große Friedhof für die 8372 Opfer der Massaker. Am Donnerstag fuhr ein Autokonvoi durch Sarajevo, die Hauptstadt Bosnien-Herzegowinas. Er transportierte die sterblichen Überreste jener, die in diesem Jahr in Potoraci ihre letzte Ruhe finden werden. Wenige Tage zuvor wird der Friedhof dort herausgeputzt mit Rasenmäher und Laubgebläse. Der Lärm hat etwas Lebendiges. Die Spaliere und Reihen der weißen Grabstelen, die einem Mann bis zur Brust reichen, bleiben davon aber unbeeindruckt.

Gedenkstätte und Friedhof Srebrenica Potoćari im Osten Bosnien und Herzegovinas; 8372 Opfer konnten bisher exumiert werden, jedoch sind noch nicht alle mutmaßliche Opfer des Massakers gefunden worden. Quelle: Tobias Strahl

Auf der dem riesigen Gräberfeld gegenüber liegenden Straßenseite, im ehemaligen Blauhelm-Quartier, ist ein Museum untergebracht, das als Gedenkort fungiert. Die Dauerausstellung, sicher eine der bestdokumentierten ihrer Art, spiegelt eine Perspektive auf das damalige Geschehen schon im Namen: "Der Srebrenica-Genozid - Das Scheitern der internationalen Gemeinschaft".

Die große Halle gleich nebenan wird mittlerweile auch genutzt, für andere Ausstellungen. Der bosnische Künstler Safet Zec präsentiert dort gerade unter dem Titel "Exodus" großformatige Malerei mit christlicher Konnotation, die sich auch aktuell dem Thema Flüchtlinge widmet. Ein Triptychon aus grobem Material zeigt noch einmal den kleinen toten Flüchtlingsjungen am Strand. Der Körper trägt weiße Kleidung, als würde der Tod ihn wieder ins Stadium der Unschuld rücküberführen.

Im angrenzenden Hallenteil finden sich schließlich zwei riesige schwarze Kuben. Einer ist offenbar Veranstaltungsort, im anderen werden einzelne Opfer aus der anonymen Gesamtzahl herausgeschält. Zwanzig kurze Porträts mit Fotos und persönlichen Gegenständen, die man den Toten zuordnen konnte. Bei dem vierfachen Vater Alija Zukic ist es eine lädierte Zigarettenbox, bei Bekir Salihovic eine Brille mit Lederetui, beim 21-jährigen Muhamad Hasanovic der Ehering. Einziges Manko ist das Wort „ethnische Säuberung“, das in der Ausstellung für die Massaker genutzt wird.

25. Jahrestag der Massaker von Srebrenica

Für den Beobachter kommt hier irgendwann der Punkt, wo er sich zwingen muss durchzuatmen. Die Emotion bricht sich dennoch kurz Bahn. Es ist ein Moment der Erleichterung. Vielleicht hat der alte Mann, der uns in Godinjske Bare so bereitwillig Auskunft gab, ja etwas ganz Ähnliches gefühlt.

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Von Torsten Klaus