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Lokales Wie der Neumarkt aussehen sollte - und wie er heute aussieht: Was ein Verein im Herzen der Stadt verhindern konnte
Dresden Lokales Wie der Neumarkt aussehen sollte - und wie er heute aussieht: Was ein Verein im Herzen der Stadt verhindern konnte
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08:31 26.04.2019
Freuen sich über den wiederaufgebauten Neumarkt: Torsten Kulke, Vorsitzender der Gesellschaft Historischer Neumarkt Dresden (vorn), und die Vorstandsmitglieder Jürgen Borisch und Helfried Berndt. Quelle: Catrin Steinbach
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Dresden

Vor 20 Jahren gründeten engagierte Bürger, darunter Architekten, Historiker, Denkmalpfleger und viele andere Berufsgruppen die Gesellschaft Historischer Neumarkt Dresden e.V. (GHND). Ihr Ziel: den Neumarkt so weit wie möglich mit seinen kunst- und kulturgeschichtlich wertvollen Bauten wiederherzustellen, um Dresdens „altes historisches Herz als Zentrum der Bürgerstadt zurückzugewinnen“, wie es 1999 Prof. Hans-Joachim Neidhardt formulierte.

Initialzündung für Bürgerengagement

Der Bau des Advantariegels und der moderne Anbau an das Coselpalais seien Initialzündungen für die Bürgerschaft gewesen, aktiv zu werden. „Wenn das jetzt das ist, was rund um die Frauenkirche entstehen soll, dann ist das Ziel verfehlt, war der Gedanke damals“, so Vereinsvorsitzender Torsten Kulke. „Wir sind nicht prinzipiell gegen die Moderne, aber solche Bauten sollten dort entstehen, wo sie hinpassen.“

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Beispiele für Entwürfe für Neumarkthäuser und was am Ende entstanden ist.

So beschlossen zunächst 20 Bürger, sich aktiv in den Gestaltungsprozess einzubringen und gründeten den Verein. Dessen Mitgliederzahl wuchs im ersten Jahr auf 500, im zweiten auf 750 Mitglieder an, erzählt Kulke. Heute seien es noch rund 600.

Verein betreibt Informationspavillon

Der Verein organisierte Bürgerversammlungen, initiierte ein Bürgerbegehren zum historischen Neumarkt, stellte einen Informationspavillon zum Neumarkt auf und betreibt diesen bis heute ehrenamtlich. Die Gesellschaft brachte und bringt sich vehement in die öffentliche Diskussion ein und habe so manchen futuristischen Bau am Neumarkt verhindern können.

Verein will mit Rekonstruktion eines Bürgerhauses ein Zeichen setzen

Nicht zuletzt kaufte der Verein selbst ein 156 Quadratmeter großes Grundstück am Neumarkt und baute das nur 6,80 Meter breite Gebäude Rampische Straße 29 nach historischem Vorbild wieder auf. Der Verein wollte damit beweisen, dass sich eine weitestgehend authentische Rekonstruktion und eine moderne Nutzung vereinbaren lassen.

„Wer Gegenwind produziert, bekommt Gegenwind zurück“, macht Kulke deutlich, dass die GHND von Anfang an im Kreuzfeuer der Kritik stand und einige Mitglieder auch persönlichen Anfeindungen ausgesetzt gewesen seien. Aber das Engagement habe sich gelohnt.

Zeit zum Erleben und Genießen, aber nicht zum Ausruhen

„Sie blicken nur in lächelnde Gesichter“, sagt Vorstandsmitglied Helfried Berndt auf die Frage, ob der Verein zufrieden mit dem wiederaufgebauten Neumarkt ist. „Wir wollen ihn erleben und genießen“, ergänzt Vorstandsmitglied Jürgen Borisch.

Das Ziel des Vereins sei nie gewesen, gegen jemanden zu arbeiten, sondern die beste Lösung für die Stadt zu finden, betont Vereinsvorsitzender Torsten Kulke. Der Verein hätte sich allerdings ein besseres Miteinander mit Stadtplanung, Gestaltungskommission und der Architektenschaft gewünscht, dann hätte man an der einen oder anderen Stelle noch mehr erreichen können.

Auszeichnungen für Gesellschaft Historischer Neumarkt

2008 zeichnete die Philippe Rotthier Stiftung den Neumarkt als „Beste Rekonstruktion eines historischen Zentrums“ aus und ehrte auch die GHND mit einer Urkunde. 2009 bekam der Verein den Bundespreis für Stadtentwicklung und Baukultur in der Kategorie „Engagiert für die Stadt – Zivilgesellschaft und private Initiative“. 2018 erhielt Torsten Kulke den internationalen „Henry Hope Reed Award“ für sein Engagement beim Wiederaufbau des Dresdner Neumarkts. Die Anerkennung für das, was der Verein erreicht habe, sei außerhalb Dresdens viel größer. „Von der Stadt gab es nicht einmal einen Händedruck für 20 Jahre Arbeit des Vereins“, so Kulke. „Der Prophet gilt nichts im eigenen Land.“

Verein dehnt Engagement auf Neustädter Markt aus

Beendet sieht die GHND ihre Arbeit noch lange nicht. Denn noch sind zwei große Quartiere am Neumarkt im Bau. Und der Verein setzt sich dafür ein, dass das Grundstück für den Wiederaufbau des Hotels Stadt Rom „schnellstens ausgeschrieben wird“. Es gebe drei Interessenten, weiß Kulke. Des Weiteren dehnt die GHND ihr Engagement jetzt auch auf den Neustädter Markt aus.

Stadtbausymposium mit internationalen Experten

Anlässlich ihres 20-jährigen Bestehens organisiert die Gesellschaft Historischer Neumarkt am 13. Mai im Plenarsaal des Dresdner Rathaus das 3. Dresdner Stadtbausymposium. Thema „Der Gegenentwurf – Moderne traditionelle Stadtplanung und Architektur“. Denn heute präge unsere neu gebauten Stadtviertel und Plätze Uniformität, so der Verein. Er will im 100. Jahr der Bauhausgründung mit nationalen und internationalen Experten „kritisch auf die zeitgenössischen Entwicklungen blicken“.

Stadtbausymposium

Was? 3. Dresdner Stadtbausymposium „Der Gegenentwurf – Moderne traditionelle Stadtplanung und Architektur“ der Gesellschaft Historischer Neumarkt Dresden e.V.

Wann? 13. Mai, 8.30-18.30 Uhr

Wo? Plenarsaal des Dresdner Rathauses, Dr.-Külz-Ring, Eingang Goldene Pforte

Eintritt? Nein, die Veranstaltung ist kostenfrei und öffentlich. Allerdings ist eine Anmeldung unter www.stadtbausymposium-dresden.de dringend empfohlen. Denn es treten mehrere ausländische Referenten auf, die in ihrer Landessprache sprechen. Wer sich anmeldet, bekommt ein Übersetzungsgerät.

Themen? Deutschland zwischen Tradition und Moderne; New Urbanism – Der Gegenentwurf; Moderne Traditionelle Stadtplanung und Architektur

Referenten: Professoren der TU Berlin, der University of Notre Dame, des Instituts für Städtebaukunst, der TU Dresden, der TU Chemnitz sowie Architekten aus Deutschland, Luxemburg, Italien, Frankreich und andere

Von Catrin Steinbach