Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Kultur in Dresden Zum Tod des Komponisten Paul Heinz Dittrich
Dresden Kultur in Dresden

Nachruf zum Tod von Komponisten Paul Heinz Dittrich

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:06 04.01.2021
Paul-Heinz Dittrich und Annette Schlünz 2016 in einer Veranstaltung der Sächsischen Akademie der Künste. Quelle: Matthias Creutziger
Anzeige
Dresden/Berlin

Seine engagierte Stimme klingt mir im Ohr. Wenn Paul-Heinz Dittrich über seine Musik sprach, überschlug sie sich geradezu, kippte in hohe Register um. Er redete erregt weiter, nichts konnte ihn aufhalten. Paul-Heinz Dittrich und die Stimme, das Wort, die Dichtung, die Texte sind eins, untrennbar miteinander verbunden.

Das Kultur-Update der DNN als Newsletter

Theater, Musik, Tanz oder Ausstellungen – wir wissen, was läuft. Das wöchentliche Update zur Kultur in Dresden jeden Dienstag direkt ins E-Mail-Postfach.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Die Dichter waren zeitlebens seine Begleiter, er gab ihnen durch seine Musik eine hörbare Stimme. Leider erklang die Musik nicht oft genug, und in den letzten Jahren verstummte sie fast. Dabei war Dittrichs Schaffen ungebrochen – bis zu seinem Schlaganfall 2018 komponierte er ein Werk nach dem anderen, die meisten groß besetzt mit verschiedensten Singstimmen, Chor, Sprechern, Orchester, Kammermusik, Zuspiel-Bändern, live-Elektronik in allen erdenklichen Kombinationen, wobei seit 2005 nicht mehr viel uraufgeführt wurde bis auf die Orchestermusik „Trans-Forme“ (1992-99) in fünf Sätzen, denen jeweils ein Text vorangestellt ist, bei der Münchner Musica-Viva 2010.

Anzeige

„Darmstadt des Osten“

Der Aufführung harren die „Poesien“, der Entstehungszeitraum 1987 bis 2004 lässt auf ein Lebenswerk schließen, es ist ein literarisch-musikalisches Projekt mit Texten aus dem Alten und Neuen Testament, von Celan, Hölderlin, Joyce, Heiner Müller, Nietzsche, Edgar Allan Poe, Rilke, Rimbaud, Arno Schmidt und Shakespeare für vier Soprane, Alt, zwei Tenöre, Bariton, Bass, vier Sprecher, großen gemischten Chor, Kammerchor, Orchester, live-Elektronik. Dieselben Autoren findet man im musikalischen Raumprojekt „Orestie“ (2004-10) und Nelly Sachs und Celan, der Dittrich wohl zum „Lieder singen“ antrieb auch in „Voices“ von 2016 für Sopran, Chor und Orchester.

Paul-Heinz Dittrichs Stimme als Lehrer war eine genauso bedeutende – 1980 begegneten wir uns in den Geraer Ferienkursen für neue Musik, dem „Darmstadt des Osten“, auf die berühmten Kurse anspielend. Er las, im Gegensatz zu manch anderem seiner Kollegen, die Noten aller seiner Teilnehmer, ob Laie oder Profi, jung oder alt, Komponistin oder Komponist; studierte, schwieg, redete, kritisierte, er forderte heraus zum Neubeginn, er zeigte Fehler auf und machte gleichzeitig Mut. Mehr kann man sich von einem Lehrer nicht wünschen.

Von Gornsdorf über Dresden nach Berlin

Der 1930 in Gornsdorf im Erzgebirge geborene Dittrich hatte in Dresden und Berlin studiert, zog dann an den Zeuthener See in die Arbeitsstille. Dort unterrichtete er auch zwischen 1983 und 1991 seine Meisterschüler der Akademie der Künste. Ich war eine seiner letzten. Dittrich verdanke ich in jener Zeit die Begegnung mit dem französischen Dichter Pierre Garnier, dessen Werk „Ornithopoesie“ unser beider Schaffen verknüpft.

Paul-Heinz Dittrich hoffte bis zuletzt auf Aufführungen seiner Werke, programmatisch wirkt der Titel von „Durchquerung des Schweigens“ (2010-11) nach Tahar Bekri, für Sopran, drei Vokalisten und Orchester, auch diese Partitur harrt darauf, gehört zu werden.

Bei meinem letzten Besuch in Dittrichs Arbeitszimmer lag sein letztes Stück auf dem riesigen Schreibtisch: „Das öde Land“ (2017) nach T.S. Eliot für Sopran, Vokalensemble und Orchester, die Stimmen sollten „durchscheinen“, die Instrumente quasi schattenhaft umsingen, Dittrich selbst sprach, gestikulierte, sang. Ich konnte das Stück förmlich hören, ich saß neben ihm, blickte auf den Zeuthener See, auf dem stumm die Segelboote vorbei glitten, und wünschte, dass diese Musik einem Publikum, mir selbst, im Konzert hörbar gemacht wird. So spröde, so komplex sie sein mag, sie ist stark und zerbrechlich zugleich, braucht die Interpreten, die Paul-Heinz Dittrich beim Komponieren immer vor sich sah, denen er seine Musik auf den Leib schrieb, ehrlich und kompromisslos.

Verstorben mit 90 Jahren

Es wäre schön, wenn diese Stimme Dittrichs singen dürfte, nicht verstummen würde wie die seine. Am 28. Dezember ist der Komponist in Berlin im Alter von 90 Jahren gestorben.

Sein stetes Schaffen, allen Widrigkeiten, allem Nicht-Aufführen zum Trotz, soll uns Beispiel sein in der jetzigen Zeit, es macht Mut.

Annette Schlünz ist Komponistin, geb.1964, studierte in Dresden Komposition bei Udo Zimmermann und in Berlin bei Paul-Heinz Dittrich, lebt heute in Süddeutschland und unterrichtet seit 2013 Komposition am Konservatorium CRR Strasbourg.

Von Annette Schlünz

Evangelische Kirchengemeinde - Kirche Briesnitz: Mauern bereiten Sorgen
01.01.2021
Kulturhistorisches aus Dresden - Zündender Götterfunke im Beethovenjahr 2020
31.12.2020