Volltextsuche über das Angebot:

23 ° / 12 ° wolkig

Navigation:
Google+
Dresdens „Monument“ wird bald abgebaut und geht nach Berlin

Skulptur der Aleppo-Busse Dresdens „Monument“ wird bald abgebaut und geht nach Berlin

Seit fast acht Wochen hat es das Stadtbild und die Debatten Dresdens dominiert: das „Monument“ des syrisch-deutschen Künstlers Manaf Halbouni an der Frauenkirche. Nach ihrem geplanten Abbau wird die Skulptur – drei auf ihren Hecks stehende Busse – nach Berlin weiterziehen. Das dortige Maxim Gorki Theater erhält sie als Leihgabe.

Der Künstler Manaf Halbouni stellt sich dem Publikum.

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden.  Die vergangenen acht Wochen standen in Dresden trotz vieler anderer Kulturtermine klar im Zeichen der Skulptur „Monument“ des syrisch-deutschen Künstlers Manaf Halbouni – vor allem im Zeichen der darum geführten Debatten. Aufbau und Eröffnung des Werkes, das eine Barrikade aus drei auf ihren Hecks stehenden Bussen im syrischen Aleppo nachempfindet, waren bereits von lautstarken Protesten begleitet, vor allem aus den Reihen der Pegida-Anhänger. Lautstärke und Heftigkeit dieser Äußerungen ließen über die vergangenen Wochen aber deutlich nach. Ein erster Diskussionsabend im Verkehrsmuseum, nur wenige Schritte entfernt von Skulptur und Frauenkirche, zeigte bald darauf: Die Dresdner können zumindest ohne übergroßen Geräuschpegel kontrovers miteinander diskutieren. Die Positionen waren teilweise dennoch drastisch, von „Schande für Dresden“ bis hin zum Vorwurf an den Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP), er „spucke den Toten ins Grab“, die die Stadt bei den Bombardements im Februar 1945 zu beklagen hatte.

Nun steht der Abbau der Busse bevor, die auf einem gesonderten Fundament stehen und zwölf Meter emporragen. Ihre Demontage soll am Dienstag über die Bühne gehen. Ein neuer Präsentationsort ist bereits gefunden. Nach Angaben des Kunsthauses Dresden, unter dessen Regie Halbouni seine Arbeit umsetzte, übernimmt das Berliner Maxim Gorki Theater das „Monument“ als Leihgabe und soll dafür sorgen, dass die Skulptur in der Hauptstadt im Rahmen des III. Berliner Herbstsalons zu sehen sein wird, den das Maxim Gorki Theater organisiert. Zuvor wird es aber am Sonntag noch einmal im Lichthof des Dresdner Verkehrsmuseums ein Bürgerforum geben. Unter dem Titel „Monument – was bleibt, was folgt?“ werden dazu unter anderen Hilbert und die Intendantin des Gorki Theaters Shermin Langhoff erwartet. „Als unmittelbar Beteiligter an den Ereignissen im Frühjahr und Sommer 2015 gibt der aus Syrien anreisende Brita Hagi Hasan Auskunft zu der damaligen Situation der Zivilbevölkerung während der Kampfhandlungen und den heutigen Entwicklungen in Aleppo“, teilte das Kunsthaus mit. Das Forum bietet Platz für rund 200 interessierte Teilnehmer, der Eintritt ist frei.

Themen-Special

Alle Infos rund um das umstrittene Kunstwerk bündelt das DNN-Themenspecial zum "Monument".

Trotz der Auseinandersetzungen um die Skulptur, die national und auch international in den Medien ihr Echo fanden, zieht die Stadt eine gute Bilanz. „Wann wurde zuletzt so intensiv und kontrovers in Deutschland über Kunst gestritten?“ lautete eine rhetorische Frage Hilberts zum Thema. Die Installation Halbounis vor der Frauenkirche sei „gleichzeitig spektakulär und provokant“ gewesen. Die daraus gewachsene Debatte tue Dresden und seiner Bewerbung als Europas Kulturhauptstadt 2025 gut, „da uns sonst ja immer eine gewisse barocke Behäbigkeit nachgesagt wird“, fügte Hilbert an.

Auch Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch (Die Linke) betonte den Erkenntnisgewinn. Mit dem „Monument“ habe die Stadt versucht, dem Gedenken um den 13. Februar neue Aspekte hinzuzufügen. „Jede Gedenkkultur braucht aktuelle Bezüge, sonst verkommt sie zum leeren Ritual.“ Zuschriften, die das Kunstwerk thematisieren, habe es „aus ganz Europa“ gegeben – mit einer Bandbreite an Meinungen.

Wer dieser Tage seine Schritte um das „Monument“ lenkt, spürt nach wie vor das Interesse der Besucher. Davon zeugen die zahlreichen Selfies mit Bussen und Frauenkirche als Doppelkulisse, aber auch die Zettel, die an die Busse geheftet worden sind: „Nie wieder Krieg! Hier. Dort. Überall“ oder auch das Gedicht „Fast ein Gebet“ von Reiner Kunze, dessen erste Zeilen so lauten: „Wir haben ein Dach/ und Brot im Fach/ und Wasser im Haus,/ da hält man’s aus.“ Bezüge zur Zerstörung Dresdens finden sich ebenfalls am Fuß der Busse, wo außerdem immer noch Kerzen stehen. Ein Lehrer erklärte einer Schulklasse die Funktion der Busse an deren Originalstandort in Aleppo – als Schild gegen Scharfschützen – und verglich das mit einer ähnliche Situation in Europa: der jahrelangen Belagerung und dem Beschuss der Zivilbevölkerung in Sarajevo, der bosnischen Hauptstadt.

Diese möglichen Parallelen wollte auch Halbouni herausarbeiten. Sein persönliches Fazit: „Alles ist besser gelaufen, als ich es mir vorgestellt habe.“ Er habe sich am meisten darüber gefreut, „dass die Leute angefangen haben zu diskutieren, die nicht unbedingt die selbe Meinung vertreten“, wie er am Telefon etwas euphemistisch beschrieb. „Eine intakte Gesellschaft funktioniert nur übers Reden.“ Halbouni, der dank eines Stipendiums gerade in Schottland arbeitet, bereut seine Arbeit nicht, im Gegenteil: „Ich würde es auf jeden Fall wieder machen.“

Und das trotz aller besagter Kontroversen. Sie reichten vom indirekten Terrorismus-Vorwurf an Halbounis Adresse (weil einer der Busse in Aleppo die Flagge der Ahrar al-Sham trug, einer Vereinigung, die der Generalbundesanwalt als terroristisch einstuft) bis hin zu juristischen und politischen Einsprüchen. Doch das Verwaltungsgericht Dresden hatte den Eilantrag eines Bürgers gegen die Sondernutzungserlaubnis zur Aufstellung der Skulptur ebenso abgelehnt, wie der Stadtrat einen Eilantrag der AfD-Fraktion zum Abbau des „Monument“ ins Leere laufen ließ. Hilberts Begründung: „Es handelt sich um eine genehmigte Sondernutzung, das ist das laufende Geschäft der Verwaltung.“

Nun ist das „Monument“ bald Geschichte. Doch der Neumarkt an der Frauenkirche bleibt ein Platz für Kunst im öffentlichen Raum. Ab 25. April soll dort das „Denkmal für den permanenten Neuanfang“ eingeweiht werden. Die nächsten Debatten sind damit vorprogrammiert. Hoffentlich bessert sich der Ton, in dem sie ausgetragen werden.

Von Torsten Klaus

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Dresdner Skulptur "Monument"
  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die DNN in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr