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Bus-Skulptur an der Frauenkirche wirft alte Dresdner Fragen auf

Drei senkrecht Bus-Skulptur an der Frauenkirche wirft alte Dresdner Fragen auf

In Dresden geht vieles Hand in Hand und manches bunt durcheinander. So ist es eigentlich auch kein Wunder, dass schon im Vorfeld des Aufbaus der Skulptur „Monument“ an der Frauenkirche eine eigentlich überstrapazierte Frage wieder diskutiert wird: Wie gedenken die Dresdner am 13. Februar?

Manaf Halbouni
 

Quelle: AP

Dresden.  „Prag lässt nicht los. Dieses Mütterchen hat Krallen“, schrieb Kafka über seine Heimatstadt. Ein Satz, der in seiner Mischung aus Liebe und Abneigung auch auf andere Städte zutrifft. Vielleicht auf keine so gut wie Dresden. Gerade dann, wenn jährlich wieder die Erinnerung an die Zerstörung der Stadt durch alliierte Bomber im Februar 1945 heraufdämmert.

Dabei ist diese Zuschreibung nicht exakt und muss gleich wieder einkassiert werden. Es sind eher einige Dresdner, die ihre Krallen ausfahren. Und nicht loslassen, nicht loslassen wollen. Vom Dresdner Gedenken, das diese stark ausgeprägte Selbstbezogenheit hatte – und immer noch hat. Vom Mythos der Stadt als Opfer, wo selbst dem Ergebnis einer lange arbeitenden Historikerkommission, die für 1945 gesichert etwa 25 000 Tote feststellte, immer noch zahlreich widersprochen wird. Das Retrospektive kennt hier reichlich Redundanz.

In Dresden geht vieles Hand in Hand und manches bunt durcheinander. So ist es eigentlich auch kein Wunder, dass schon im Vorfeld des gestrigen Aufbaus der Skulptur „Monument“ an der Frauenkirche eine eigentlich überstrapazierte Frage wieder diskutiert wird: Wie gedenken die Dresdner am 13. Februar?

Vor allem die AfD sah hinter dem Projekt des Künstlers Manaf Halbouni sowie der geplanten Theaterplatz-Ausstellung zu toten Flüchtlingen eine „pietätlose und falsche Akzente setzende Politik des Oberbürgermeisters“. „Das Ziel ist klar: den Dresdnern soll – zumindest in der Innenstadt – ihre Gedenkkultur genommen und durch beliebiges anderes Gedenken ersetzt werden“, äußerte sich AfD-Stadtrat Jörg Urban laut Pressemitteilung. Und setzte hinzu: „Der Jahrestag der Bombardierung Dresdens wird als Kulisse für politische Umerziehung genutzt.“

Dieser Gedanke liegt Halbouni so fern wie nur möglich. Ihm ist das Umfassende seiner Arbeit wichtig. Er will vielmehr die Leiden zeigen, die der gebeutelten Zivilgesellschaft in Kriegen widerfahren, und zwar egal wo. Somit wird das Dresdner Gedenken nicht ersetzt durch etwas Anderes, es wird in einen zeitgenössischen Kontext gestellt, erweitert. An einem Platz, der bis weit in die 1990er hinein von einer Ruine dominiert wurde, die Bomben zu einer gemacht hatten.

Er wolle sich als Künstler Neutralität bewahren und vermeide es deshalb, sich parteipolitisch vereinnahmen zu lassen, sagte Halbouni. Auch nicht mit seinem „Monument“, an dem er weit mehr als ein Jahr Planungszeit verbrachte. Ohne ein Honorar dafür zu bekommen.

Wer gestern übrigens Halbounis Facebook-Post zum Verlauf des Aufbaus las und vor allem die Kommentare dazu, dem wird zum wiederholten Mal klar, was in unserer von schnellen Statements geprägten Diskussionsära oftmals fehlt: Anstand. Der Ton macht nach wie vor die Musik. Es sei hinzugefügt, dass die gut 50 Kommentare mit entsprechenden Antworten nicht alle gegen das Projekt und auch nicht in stilloser Abwertung formuliert wurden. Insofern soll es hier Erwähnung finden, aber auch keine weitere Bedeutungsaufwertung erfahren.

Das gilt übrigens auch für den gestrigen frühen Abend, als sich einige Wenige nicht entblödeten (dieses Verb ist mit Blick auf die Vergangenheit bewusst gewählt), in der Nähe der Bus-Barrikade lautstark von „entarteter Kunst“ zu reden. Man ist geneigt zu fragen: Geht’s noch? Eine Diskussion über Kunst? Ja, immer! Aber doch nicht auf diesem Niveau!

Also reden wir über Kunst: Halbouni hat für sein Schutzschild drei ausrangierte Busse in Bayreuth gekauft und in Freital umbauen lassen, damit sie stabil als Skulpturen stehen können. Unterstützung hat er dafür von vielen Seiten bekommen: dem Kunsthaus, der Stiftung Kunst & Musik in Dresden, der Bundeswehr und vielen anderen. Das Ergebnis ist Kunst im öffentlichen Raum, die ein starkes Bild produziert, über das gesprochen werden kann und soll. Auch mit dem Künstler, der persönlich an mehreren Tagen dem Publikum Rede und Antwort stehen wird. So wie weitere Kunstvermittler Interessierten die Skulptur und deren Hintergründe erklären werden. Halbouni selbst betont in diesem Zusammenhang: „Ich suche schon die Reibung – um dann zu diskutieren.“

Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP), großer Unterstützer des „Monument“, machte gestern klar, in welchem Zusammenhang er das Projekt sieht. „Wir sind sehr froh, hier seit 72 Jahren in Frieden leben zu dürfen.“ Er sehe aber auch „Radikalisierungstendenzen in der Stadt, im Land und in Europa“. Für Katja Protte, die Leiterin der Kunstsammlung des Militärhistorischen Museums in Dresden, macht „das Kunstwerk einen Riesenhorizont“ auf. Und Kunsthaus-Chefin Christiane Mennicke-Schwarz meinte: „Kunst ist heute wichtiger denn je. Sie hilft, Veränderungen zu verstehen.“

Als gestern am späten Vormittag der erste Bus am Haken war, schimpfte ein älterer Mann in Richtung der Betonsockel. Seine Tirade schloss er: „So lange es Bäume gibt, soll man diese Leute aufhängen.“ Auch wenn unklar blieb, wen genau er damit meinte: Mancher, der Umerziehung wittert, sollte sich seiner eigenen Erziehung erinnern, bevor er redet. Das würde nicht nur dem Klima in Dresden ziemlich gut tun.

Von Torsten Klaus

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