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Aleppo-Vorbild des Dresdner Bus-„Monument“ – Die Dinge sind komplex

Alles andere als einfach Aleppo-Vorbild des Dresdner Bus-„Monument“ – Die Dinge sind komplex

Das Sortieren fällt nicht leicht in diesen Tagen. Erst stellt der syrisch-deutsche Künstler Manaf Halbouni drei ausrangierte Busse senkrecht vor die Dresdner Frauenkirche. Dann folgen die zu erwartenden Proteste, ebenso wie klarer Zuspruch. Das Aleppo-Vorbild des Dresdner Bus-„Monument“ soll von einer islamistischen Miliz errichtet worden sein. Doch die Dinge sind komplexer.

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Die Bus-Barrikade in Aleppo, 2016. Sie zeigt die aufrecht stehenden Busse aus der Perspektive einer Nebenstraße.
 

Quelle: Nizam Najar

Dresden. Das Sortieren fällt nicht leicht in diesen Tagen. Erst stellt der syrisch-deutsche Künstler Manaf Halbouni drei ausrangierte Busse senkrecht vor die Dresdner Frauenkirche. Dann folgen die zu erwartenden Proteste, ebenso wie klarer Zuspruch. Schließlich wird ein Foto verbreitet, das die Original-Busbarrikade in Aleppo zeigt. Das mittlere Buswrack trägt darauf eine Fahne an seiner Spitze, die einer islamistischen Miliz im syrischen Bürgerkrieg zugesprochen wird: der Ahrar al-Sham. Daraufhin nahm die Intensität der Vorwürfe gegen Halbouni zu, ihm wird, vor allem in sozialen Netzwerken, Terrornähe vorgehalten, die Busse sollen weg.

Nun zum Sortieren. Die Ahrar al-Sham wird vom Generalbundesanwalt als ausländische terroristische Vereinigung eingestuft. Die Russen, im syrischen Bürgerkrieg involviert, haben das auch lange so gesehen. Seit Ende 2016 gilt die Ahrar al-Sham dort aber als „moderat“, die Kampfstärke der Miliz gibt das russische Verteidigungsministerium mit etwa 16 000 an.

Einer Studie des Islamwissenschaftlers Guido Steinberg vom April 2016 zufolge bietet sich die Ahrar al-Sham dennoch als Partner für den Westen an, wenn auch nicht ohne Risiko. Ahrar al-Sham, die demzufolge sowohl gegen die Truppen des Staatspräsidenten Baschar al-Assad als auch gegen den Islamischen Staat kämpft, bezeichnet Steinberg als „zum islamistisch-salafistischen Spektrum des Aufstands“ in Syrien gehörend. Sie hege Vorbehalte gegen religiöse Minderheiten im Land, versuche andererseits aber nicht, „ihre salafistische Interpretation des Islam und des islamischen Rechts mit Gewalt durchzusetzen“, schreibt Steinberg. „Vielmehr bemühen sie sich, die Zivilbevölkerung zu gewinnen, indem sie sie vor den Regimetruppen schützen und sich so gut es geht um ihre Versorgung kümmern.“ Als Problem sieht Steinberg vor allem die Nähe der Ahrar al-Sham zur Nusra-Front, die wiederum an die al-Qaida gebunden ist. Sollte die Ahrar al-Sham den Bruch mit der Nusra-Front vollziehen, dann schlägt Steinberg der Bundesrepublik vor, der Ahrar al-Sham ein Ende ihrer Einstufung als Terrororganisation in Aussicht zu stellen.

So komplex sich das auch lesen mag, es ist nur ein kurzer, versuchter Anriss zum syrischen Bürgerkrieg und seinen Frontverläufen, die sich einer simplen Gut-Böse-Schwarz-Weiß-Einschätzung entziehen. Nun zu den Fotos.

Halbouni bezieht sich in seiner Dresdner Skulptur „Monument“, die drei zwölf Meter lange Busse aufs Heck stellt, auf Fotos aus Aleppo, die ebenfalls drei Busse zeigen. Es sind mehrere Aufnahmen aus dem selben Blickwinkel: einmal mit besagter Flagge, einmal ohne, einmal (im englischen „Guardian“ und der „Daily Mail“) so am oberen Bildrand abgeschnitten, dass die Art der Fahne nicht zu erkennen ist. Diese Aufnahmen stammen von 2015.

Dazu kommen Bilder des Fotografen, Journalisten und Dok-Filmers Nizam Najar, die er Mitte 2016 in Aleppo machte. Sie zeigen unter anderem auch die immer noch aufrecht stehenden drei Busse, nur aus der seitlichen Perspektive einer anderen auf die Barrikade zulaufenden Straße. Ob an der Spitze der Busse eine Fahne weht, ist auf dem Foto nicht zu erkennen. Außerdem gibt es weitere Aufnahmen von Nizam Najar, die ähnliche und doch ganz andere Schutzschilde aus quer übereinander gestapelten Bussen zeigen. Mit Nizam Najar sei er gut befreundet, sagt Halbouni. „Er ist ein Libyer, der jetzt in Norwegen lebt. In Damaskus war er mein Nachbar.“

Und die Bilder von 2015? „Das Foto mit der Fahne kenne ich gar nicht“, sagt Halbouni. Auch das Kunsthaus Dresden, maßgeblicher Mitorganisator der „Monument“-Skulptur, lässt in einer Mitteilung wissen, Halbounis schon im Vorfeld verbreitete Foto-Collage zu den Bussen vor der Frauenkirche basiere auf einem im „Guardian“ erschienenen Foto, das wiederum der Nachrichtenagentur AFP zugeschrieben wird. Notiz des Kunsthauses: „Dieses Bild wurde abgeschnitten. Es zeigt die Barrikade ohne Fahne.“

Halbouni jedenfalls zeigt sich getroffen und betroffen gleichermaßen. „Ich finde es schade, dass ich nun als Islamist und Terrorist dargestellt werde“, sagt er. Mit Religion habe er nichts zu tun, fügt er an. „Meinen Standpunkt kennt jeder. Ich will einfach in Frieden leben.“ Die Fotos hätten ihn angeregt, weil sie eben keine Kampfhandlungen zeigten, sondern ein weitgehend normales Alltagsleben im Schatten und Schutz der aufgestellten Busse.

Das Dresdner „Monument“ soll weiter wie geplant bis zum 3. April zu sehen sein, laut Polizei wird es rund um die Uhr im Auge behalten. Halbouni selbst will sich mitsamt Kollegen als Gesprächspartner für Besucher vor Ort anbieten.

Rückenwind für das Projekt kommt von der Spitze der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD). Halbouni verarbeite in seinem Werk „Busse und Autos als stilistische Mittel, um Themen wie Mobilität und Entwurzelung sichtbar zu machen“, wurde SKD-Chefin Marion Ackermann gestern in einer Mitteilung zitiert. Sie spielt damit auf Halbounis Arbeiten „Sachse auf der Flucht“ und „Nowhere is home“ an, wo er einen vollgepackten Kleinwagen präsentiert hatte. „Der Künstler möchte unsere Wahrnehmungsfähigkeit auf subversive Art durch das Symbol der Mobilitätsfreiheit schärfen und auf die Zerstörung der Hochkultur, die Dresden und Aleppo gemeinsam ist, hinweisen“, sagte Ackermann weiter. „Ich bin von diesem Kunstwerk begeistert.“

Von Torsten Klaus

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