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Thomas Arnold: Mit dem iPad am Scharnier zwischen Kirche und Welt

Zu Hause bei... Thomas Arnold: Mit dem iPad am Scharnier zwischen Kirche und Welt

Künstler, Wissenschaftler, Sportler, Unternehmer, Vertreter der Kirche und weitere Persönlichkeiten öffnen den DNN wieder die Türen ihres Zuhauses. Traditionell stellen wir am Ende des alten und zu Beginn des neuen Jahres interessante Menschen auch privat vor. Heute sind wir zu Gast bei Thomas Arnold, Deutschlands jüngstem Akademiedirektor.

Thomas Arnold im Arbeitszimmer seiner Wohnung in Dresden-Striesen, in der Hand „Kämpfer, Träumer, Lebenskünstler“, ein Lesebuch mit Porträts bekannter Persönlichkeiten.
 

Quelle: Anja Schneider

Dresden.  Der Wecker klingelt kurz vor fünf. Die ruhigen Morgenstunden nutzt Thomas Arnold zum Zeitungslesen, ganz ohne raschelndes Papier. Die „Frankfurter Allgemeine“ und „Bild“ hat er digital abonniert. Einen Kaffee vor sich, sitzt er im Arbeitszimmer seiner Mietwohnung in einem Altbau in Dresden-Striesen, hier an diesem schlichten Schreibtisch, auf dem ein weißer Apple Macintosh-Bildschirm steht, Blick aus Fenstern nach zwei Seiten. In der Ecke steht ein weiß gepolsterter Sessel mit Holzarmlehnen auf dem Parkett, an der Rückwand des Schreibtisches eine eckige graue Couch.

Seinen Arbeitsplatz zu Hause schätzt er aufgeräumt. „Der in der Akademie ist im Moment Chaos pur.“ Gemeint ist die Katholische Akademie des Bistums Dresden-Meißen. Thomas Arnold ist Deutschlands jüngster Akademiedirektor. Im Januar 2018 wird er 30.

Bücher, DVDs füllen die weißen Regale. Der große schlanke Mann mit der dunklen Brille schaut die Reihe der theologischen Literatur entlang, zieht „Kämpfer, Träumer, Lebenskünstler“ heraus, Porträts großer Persönlichkeiten und Heiliger, eines für jeden Tag des Jahres. Ab und an vertieft er sich in dieses Lesebuch von Christian Feldmann. „An diesen Menschen kann man sich ein Beispiel nehmen.“ Vor den Buchrücken stehen Modellautos. „Hier, ein Jetta. Und das ist der Scirocco.“ Mit VW-Modellen kennt er sich bestens aus. „Ich habe nicht viel Freizeit. Aber eines meiner Hobbys sind Autos.“

Auf den Fensterbrettern in drei Räumen geben drei verschiedene Schwibbögen Licht. Den in der Küche, mit dem bekanntesten Motiv von Schnitzer und Klöpplerin besitzt er am längsten. Als er nach dem Abitur Kirchberg, die westsächsische Heimatstadt verließ, hat ihm den seine Großmutter geschenkt, die aus dem Vogtland stammt. „Die hat noch geklöppelt. Das hier zum Beispiel.“ Er zieht das „Gotteslob“ aus dem Regal, das katholische Gesangbuch, schlägt es auf und zeigt das Kreuz aus weißer Spitze, das als Lesezeichen darin liegt.

Rund 1700 Mitglieder zählt die evangelische Gemeinde in der 8500-Einwohner-Kleinstadt südlich von Zwickau. Die katholische etwa 400. Drei der 90 Schüler seines Jahrgangs am Christoph-Graupner-Gymnasium waren Katholiken. Exot? Nein, als solcher habe er sich nie gesehen. „Eher als Experte für Fragen zur katholischen Kirche.“ In der Gemeinde habe er die mutige Freiheit erlebt, die dem Glauben entspringe. „Für mich auch ein Fundament für meine Arbeit heute.“

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Zu Hause bei Thomas Arnold

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Etliche Katholiken kamen nach dem Zweiten Weltkrieg als Vertriebene aus Schlesien oder dem Sudetenland. Die Eltern seiner Mutter flohen 1948 aus Ungarn nach Sachsen. Seine Dissertation an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar (Rheinland-Pfalz) hat der Theologe über zwei beispielhafte Herausforderungen für den Katholizismus im Bistum Dresden-Meißen geschrieben: Flucht und Jugendweihe. Freilich, eine Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte sei das nicht, betont er. Er habe die Prägungen des sächsischen Katholizismus mit wissenschaftlichem Interesse untersucht.

Steckbrief

1988: geboren in Zwickau; aufgewachsen in Kirchberg; Vater gelernter Maurer, dann Bandarbeiter bei VW in Zwickau, heute beim Werksschutz; Mutter Medizinisch-Technische Assistentin (MTA) im Krankenhaus Kirchberg

2006: Abitur am Christoph-Graupner-Gymnasium

2006: Novize in der 1816 von dem französischen Adligen Eugen von Mazenod (1782-1861) in der Provence gegründeten Ordensgemeinschaft der Oblaten der Unbefleckten Jungfrau Maria, kurz Hünfelder Oblaten (OMI); betreuen seit 1991 katholische Pfarrei „Maria Königin des Friedens“ in Kirchberg mit reichlich 400 Katholiken

2008: erste Gelübde bei den Hünfelder Oblaten; bis 2012 Studium der katholischen Theologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar (Rheinland-Pfalz)

2010: Austritt aus der Ordensgemeinschaft

2012: Promotion in Kirchengeschichte zum Thema Flucht, Vertreibung und Jugendweihe als Kennzeichen des Katholizismus in Sachsen; erscheint als Buch unter der Titel „Mit ihnen Mensch, für sie Christ“ im Böhlau-Verlag in der Reihe „Forschungen und Quellen zur Kirchen- und Kulturgeschichte der Deutschen in Ostmittel- und Südosteuropa“

2012: beim Päpstlichen Missionswerk „missio“ in Aachen Referent für Weltkirchliche Pastoral in der Abteilung Theologische Grundlagen

2013: Büroleiter des Vorstands bei missio

2016: April, Ernennung zum Direktor der Katholischen Akademie des Bistums Dresden-Meißen, deutschlandweit jüngster Akademiedirektor; Dienstantritt im September 2016

verheiratet, ein Sohn (fünf Monate)

„Zwei Berufswünsche hatte ich als Schüler: Lehrer oder Priester.“ In der Küche zieht Thomas Arnold eine schmale Flasche aus einem Regal. „Aha. Excelsior“, ein traditioneller Kräuterlikör, nach dem Rezept aus einem Franziskanerkloster im hessischen Hünfeld nahe Fulda hergestellt. Die „Hünfelder Oblaten“ haben dort ihren Sitz. Nach dem Abitur ist Thomas Arnold in den Orden eingetreten. Damals schien ihm das der passende Ort, „die Hoffnung weiterzugeben, die mir der christliche Glaube vermittelt“. Vier Jahre später jedoch sei ihm klar geworden, „dass ich nicht dauerhaft diesen Weg gehen möchte und mein Leben anders verlaufen soll“. Er verließ den Orden.

Mitgenommen hat er von dort mehr als die Erinnerung und das kleine Kreuz, das er als Novize trug. Zum Beispiel drei Grundsätze des Ordensgründers Eugen von Mazenod: Erstens, die in der Welt verkündete christliche Botschaft zur Diskussion zu stellen. Zweitens, zu fragen, wer die Armen in der Gesellschaft sind. „Das ist nicht nur materiell zu verstehen. Es gibt auch eine geistige und seelische Armut.“ Nicht nur Sozialarbeit, auch „kulturelle Diakonie“ habe die Kirche zu leisten. „Das ist Aufgabe unserer Akademie.“ Drittens schließlich, all das in einer Sprache zu vermitteln, die auch Menschen verstehen, die nicht studiert haben.

Gegen 7 Uhr steht seine Frau auf, versorgt den fünf Monate alten Sohn. Nach dem gemeinsamen Frühstück fährt Thomas Arnold mit der Straßenbahn ins Stadtzentrum. Im Haus der Kathedrale baut er weiter am Programm der Akademie. Er ist Chef von vier Mitarbeitern mit jahrzehntelanger Erfahrung. Sie gehören Jahrgängen an, mit denen sie gut seine Eltern sein könnten.

Jetzt planen sie für das zweite Halbjahr 2018. Gern schiebt Arnold eine zusätzliche Veranstaltung ein, wenn die aktuelle Situation es erfordert. Im September 2016, eben war er Direktor geworden, lud er Thomas Sternberg, den Präsidenten des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), und AfD-Vize Alexander Gauland zum Streitgespräch ein. Sachsens SPD-Wirtschaftsminister Martin Dulig und Politikwissenschaftler Werner Patzelt stellten bei ihm ein Buch über AfD, Pegida und die Religion vor.

„Wir sind politischer geworden“, konstatiert er. Die Akademie versteht er als „Scharnier zwischen Kirche und Gesellschaft“, als Plattform, wo vernünftige Argumente ausgetauscht werden sollten, gern auch recht gegensätzliche. „Andere Sichtweisen aus der Welt wahrzunehmen, auch solche, die uns als Kirche hinterfragen, ist eine große Chance.“

Das Programm der Akademie gibt es nun nicht mehr nur als Heft und auf der Internetseite, auch auf Facebook kündigt er Veranstaltungen an. Über die Foto- und Video-Plattform Instagram gewährt er Einblicke in die laufenden Vorbereitungen, hinter die Kulissen, in den „Maschinenraum“ der Akademie.

Während der Debatten zu den Vorträgen hat er ständig den Bildschirm seines iPads im Blick. „Ich verfolge die Kommentare auf Facebook und bringe sie in die Diskussion ein.“ Wichtige Podien lässt er live im Internet übertragen. Auch die Leute in der Sächsischen Schweiz sollen verfolgen können, wenn sie sich 2018 stärker dem Thema ländlicher Raum widmen. Zusammenleben in einer pluralen Gesellschaft mit Andersgläubigen, etwa Muslimen – damit würde er gern auch Bewohner von Kleinstädten und Dörfern erreichen; informieren, Wissen, Fakten den Vorurteilen gegenüberstellen. „Wir wollen eine Art Wanderdialog versuchen.“

Fährt er gegen 18 Uhr in der Straßenbahn zurück nach Hause, hat er oft das Notebook auf dem Schoß, liest E-Mails oder telefoniert mit dem Smartphone. Obwohl das viele hier in Dresden nicht mögen. Das haben sie ihm auch schon mit bissigen Bemerkungen zu verstehen gegeben. Hier herrsche offenbar weitgehend Schweigen in öffentlichen Verkehrsmitteln, wundert er sich. Ganz anders als in Berlin oder Aachen.

Dort hat er bis 2016 beim Päpstlichen Missionswerk „missio“ gearbeitet, erst als Referent, dann als Büroleiter des Vorstands. An diese Zeit erinnert das Detail des Aachener Doms, das Rainer Oesterreich-Rappaport, ein befreundeter Architekt, gemalt hat. Das Bild schmückt nun die Wand seines Wohnzimmers. In dem steht ein großformatiger Flachbildschirm, davor eine graue Polstergarnitur, dazu schlichte Tische und helle Schränke.

Zu Advent und Weihnachten erobert das Erzgebirge die sonst gern freigelassenen Oberflächen von Tischen und Schränken. Adventskranz, Seiffener Kirche mit Kurrendesängern, Kerzenhalter mit Rehkitzen, Skihütte und der Räucher-Waldschrat dürfen sich ausbreiten. „Ansonsten mag ich bei der Einrichtung das Schlichtere, Bauhausmäßige.“

Von Tomas Gärtner

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