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Zu Hause bei... Richard Funk: ein Freigeist und sein Ruheplatz
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09:42 10.01.2018
Wärmend vor dem Ofen mit Blick auf die Stadt. Wenn es Richard Funk ab und an fröstelt, macht es sich der 64-Jährige mit einer Lektüre vor dem Kamin gemütlich. Hier kann er von seinem stressigen Alltag entspannen und abschalten.  Quelle: Dietrich Flechtner
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Dresden

Es ist idyllisch, mucksmäuschenstill, und doch hört man ganz unscheinbar ein leichtes Verkehrsrauschen in der Ferne. Ob es die Autos auf der weit weg im Elbtal liegenden Waldschlößchenbrücke sind oder jene, die sich gerade die Grundstraße hinaufkämpfen, mag man nicht zu erraten. Beim Eintreten in den gerade mal etwas mehr als zwei Meter breiten Karl-Schmidt-Weg macht sich Bedächtigkeit breit – Man kann Ruhe und Frieden förmlich in der Luft riechen.

Doch die Quelle dieser Bedächtigkeit ist nicht genau zu identifizieren. Ist es die Gegend? Ist es das unscheinbare, aber große Haus? Diese Quelle gibt sich nicht einmal Preis, als Professor Richard Funk die Tür öffnet. Vermutlich ist sie das Ergebnis einer sich seit nun schon 20 Jahren entwickelnden Symbiose von Wohnort und Bewohner.

Ein Freigeist und sein Ruheplatz - wir waren zu Hause bei Medizinprofessor Richard Funk.

Der 64-Jährige, der vor 23 Jahren damit begann, das Institut für Anatomie an der Medizinischen Fakultät der TU Dresden aufzubauen und es bis heute leitet, findet jenseits von Menschenmassen und Verkehrschaos genau das, was er für seinen unermüdlich arbeitenden Verstand benötigt: einen Ruheplatz. Und diesen teilt er seit 2004 mit seiner zweiten Ehefrau Katrin Engelmann – zumindest in Teilzeit, denn die renommierte Professorin leitet die Klinik für Augenheilkunde am Klinikum Chemnitz, hat dort eine kleine Wohnung und pendelt zwischen den Städten.

Es ist unaufgeregt im 1997 gebauten und gerade frisch renovierten Haus. Keine Spielereien, schlicht, elegant, aber gemütlich. Katze Cosima liegt auf einer Treppenstufe und chillt – das darf sie auch, immerhin begleiten das brave Tier und ihr Bruder Otello das Wissenschaftlerpaar schon seit 13 Jahren. „Die beiden sind absolut zutraulich und lieb. Sie helfen uns beim Entspannen“, erzählt der 64-Jährige. Und Entspannung zu Hause sei schließlich das oberste Ziel.

Zu Hause bei…

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Seit mehr als 20 Jahren ist der Anatomie-Professor im Dienste der Lehre und Forschung an der Medizinischen Fakultät in Dresden und der ganzen Welt unterwegs. Funk übernahm 1994 das neu gegründete Institut und baute es zu einer der führenden Adressen hierzulande auf. „Doch von alleine passiert das nicht“, so der gebürtiger Fürther. Seit 2010 ist er zudem Mitglied des Senats der TU Dresden. So stehen auf der Tagesagenda des 64-Jährigen neben Meetings und Vorlesungen eben auch das Einwerben von Fördermitteln, die Betreuung von internationalen Delegationen und zu guter Letzt die Führung und wissenschaftliche Ausrichtung des Instituts für Anatomie.

Das ist auch der Grund, warum im Haus von Richard Funk und seiner Ehefrau weder einen großen Esstisch, noch eine große Garderobe zu finden sind. „Ich bin froh, wenn wir unter uns bleiben können. Menschen sehe ich den ganzen Tag“, so Funk. „Meine Frau und ich sind auch keine großartigen Gesellschaftsleute.“ Gelegentliche Besuche in der Oper oder Treffen mit Bekannten in Restaurant seien zwar normal, doch im Großen und Ganzen blieben Funk und seine Frau lieber unter sich, „zurückgezogen und geschützt am Elbhang.“

Und entsprechend präsentieren sich Haus und Einrichtung. Auf einen kleinen Flur folgt ein riesiges Wohnzimmer mit vielen Sitzgelegenheiten, neben der cremefarbenen Stoffcouch beispielsweise ein roter Lesesessel vor dem Kamin oder auch ein Hocker vor dem Klavier. Überall verteilt im Haus lassen sich Gemälde von Rainer Funk finden, Richards Bruder und Dozent an der Kunstakademie Nürnberg. Türen gibt es mit Ausnahme des Gäste-WC’s im Erdgeschoss nicht, Küche und Essbereich öffnen sich direkt aus dem Wohnzimmer. Das hat der Professor auch von seinem „Büro“ aus fest im Blick.

Während Ehefrau Katrin mit Schreibtisch, Schränkchen, Tischchen und dem Näh-Hobby den Keller zu ihrem Reich erklärt hat, begnügt sich der 64-Jährige mit einem spartanisch eingerichteten Schreibtisch auf der Empore im Obergeschoss. Dort sind lediglich ein kleines Macbook, ein Stapel Papiere und eine Lampe zu finden. „Das reicht mir völlig aus, um etwas zu schreiben oder meine Papers zu lesen“, erzählt Funk.

Und sinnbildlicher könnte dieser Schreibtisch nicht sein, für die Beziehung zwischen Wohnung und Bewohner. Das Haus am Karl-Schmidt-Weg ist schlicht und ergreifend eine sachliche Wohlfühloase für zwei Wissenschaftler. “Ich war schon immer ein Freigeist, ein Denker, der Wissenschaft zugetan. Dekorationen interessieren mich eigentlich weniger“, gibt der Professor zu. Deshalb hat auch Ehefrau Katrin die Zügel beim Vorrichten in der Hand gehabt. Sie liest zwar ähnlich gerne wie ihr Gatte, hat aber – und so zeigt es die Weihnachtsdekoration – ein feines Gespür für die Verschönerung der kuschlig-pragmatisch eingerichteten Wohnung.

Ihr aus Bayern stammender Gatte musste sich hingegen erstmal mit dem Begriff „Vorrichten“ vertraut machen, obwohl sich der 64-Jährige nach über zwei Jahrzehnten in der Elbestadt durch und durch als Dresdner fühlt und eben keine Lederhose im Schrank hängen hat. „Natürlich habe ich um das teilweise schwierige Verhältnis zwischen Sachsen und Bayern gewusst, für mich spielte es glücklicherweise aber nie eine Rolle.“ Und so will der Institutsdirektor auch nach seinem baldigen Ruhestand in rund 18 Monaten ein Loschwitzer bleiben.

Dennoch, und das gibt der sensible Wissenschaftler zu, habe seine „Liebe zu Dresden“ in den vergangenen drei Jahren „sehr gelitten“. „Ich bin wahnsinnig enttäuscht von Phänomenen wie Pegida, das hat mich echt ins Grübeln gebracht, wie so etwas hier gedeihen konnte“, sagt Funk. Neben den Protesten an sich stört sich Professor vor allem am negativen Image der Stadt im internationalen Vergleich. „Das kostet die Stadt auf lange Sicht Milliarden“, ist sich der Wissenschaftler sicher.

Generell richtet der Anatomieexperte seinen Blick auch jenseits der Universität nach rechts und links. Davon zeugt auch das einzige immer wieder kehrende Dekoelement in seiner Wohnung: Bücher, Papiere und Fachzeitschriften. Nahezu keine Schränke, Ablagen, Regale und Tische sind bei Richard Funk frei von Lektüre aus. Denn was bei ihm für Gäste und Menschen gilt, gilt nicht für den Kopf des Professors. „Ich denke ständig, die Gedanken sind nur am Kreisen“, erklärt der 64-Jährige.

Und die Fachgebiete, in denen der Mediziner unterwegs ist, könnten dabei nicht bunter gemischt sein. „Technik, Religion, Philosophie – ich versuche mich in möglichst vielen Bereichen weiterzubilden, lese verschiedenste Theorien und will Sachverhalte verstehen.“ So reicht die Bandbreite des Lesestoffes im Haus von Richard Funk von Raumfahrt über Esoterik bis hin zu Japanischer Religion und Kultur – natürlich nicht zu vergessen die zahlreichen Fachmagazine und Beiträge zum Fachgebiet des Anatomie-Professors.

So zieht sich der Wissenschaftler oftmals zurück und lässt seine Gedanken kreisen. „Für mich ist das eigene Nachdenken das schönste.“ Die große Bandbreite an Interessen eröffneten Richard Funk dabei alle möglichen Gedankengänge, so der 64-Jährige. „Die verschieden Schubladen in meinem Gehirn, die ich benutzen kann für meine Denkarbeiten , sind für mich wie ein riesiger Spielzeugladen – ich lieb es einfach, zu denken.“

Und diese Leidenschaft teilt auch seine Frau Katrin mit ihm. So komme es nur allzu oft vor, dass beide nach einem gestressten Tag in aller Seelenruhe an ihren Schreibtischen sitzen und „lesen, arbeiten, stöbern und tüfteln“. Eine mögliche Erklärung hat der Anatomieprofessor auch für seinen Drang zur Wissenschaft. So wurde er am 25. April 1953 geboren, jener Tag, an dem Crick und Watson das menschliche Erbgut entschlüsselten, wofür sie später auch den Nobelpreis erhielten.

Wenn Richard Funk gerade nicht arbeitet oder in den unendlichen Weiten seiner Gedanken verschwindet, verbringt er Zeit mit seinen zwei Töchtern aus erster Ehe – auch einen kleinen Enkel durfte der 64-Jährige schon in seiner Familie begrüßen. Und dass der Wissenschaftler beim „Nachwuchs“ angesagt ist, zeigte er bereits zweimal bei der sogenannten Professorennacht im Kraftwerk Mitte. Dort treten die beliebtesten Dozenten verschiedener Hochschulen als DJ`s gegeneinander an. 2015 konnte Funk mit seiner Playlist rund um Bill Haley und James Brown sogar überraschend gewinnen. „So ein Stagedive durch 2000 Studenten war schon eine krasse Erfahrung“, so der Loschwitzer, der sonst mit Popkultur weniger am Hut hat seit geraumer Zeit wieder Gershwin auf dem Klavier übt.

Von Sebastian Burkhardt

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