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Zu Hause bei... Hendrik Weber: Wo hinter Mauern Ideen für feinste Sekte reifen
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11:21 29.12.2017
Hendrik Weber hat sich auf die Sektherstellung spezialisiert. Die meiste Zeit dafür verbringt er in seinen Weinbergen.  Quelle: Fotos (5): Lars Müller
Meißen

 Der Kachelofen ist eingeheizt, Sekt kühl gestellt. Die drei Katzen Watson, Sherlock und Maunz strecken sich kurz auf der gemütlichen Eckcouch, blinzeln und ziehen es vor, ihren Mittagsschlaf nicht zu unterbrechen. Winzer und Oenologe Hendrik Weber lebt mit seiner Partnerin Susann in einem Anwesen aus den Anfängen des 19. Jahrhunderts im idyllischen Meißner Spaargebirge. „Es gibt noch viel zu tun“, sagt der 30-Jährige fast entschuldigend und verweist auf die Nebengebäude. Eines hat im Dezember schon ein neues Dach bekommen, in einem anderen ist der Innenausbau unlängst fertig geworden. Dort wird die Kellerei und das Flaschenlager der Sektmanufaktur Perlgut eingerichtet. Noch macht der Winzer seine Sekte überwiegend bei seinem Arbeitgeber im Weingut Matyas in Coswig, wo er als Kellermeister angestellt ist. Die Sektherstellung soll aber mehr und mehr nach Meißen verlagert werden, ein Verkostungsraum ist irgendwann auf seinem eigenen Grundstück auch noch geplant.

Hendrik Weber muss immer zu tun haben und packt überall selbst an. Nur dann ist er glücklich. Geduld braucht er aber trotzdem dann und wann, denn gute Sekte reifen in der Regel wesentlich länger als Weine, bevor sie auf den Markt kommen. Den Hof am Fuße des Meißner Kapitelbergs hat Weber im Alter von 24 Jahren erworben, damals war er noch Student für Weinbau und Kellerwirtschaft an der Hochschule Geisenheim im Rheingau. „Es war immer klar, dass ich mir in der Heimat etwas aufbauen will“, erinnert er sich. Der Winzer ist in Glaubitz bei Riesa aufgewachsen, hat in Sachsen seine Ausbildung zum Winzer gemacht. Manche hätten beim damaligen Zustand der Immobilie vielleicht abgewunken, Hendrik Weber hat die Ärmel hochgekrempelt und gemeinsam mit Freunden und Familie zuerst das Wohnhaus saniert. Noch immer erinnert er sich gerne an die Arbeitseinsätze, die abends immer gesellig mit einem Lagerfeuer endeten. „Wir haben viele historische Dinge gefunden, die wir erhalten konnten.“ Wer sich in der Wohnung umschaut, entdeckt, was er meint: liebevoll restaurierte Schränke und Kommoden, ein uralter gusseiserner Etagenofen. Könnten die Möbel sprechen, sie hätten wohl viele Geschichten aus Generationen parat. Nichts wirkt aufgesetzt oder inszeniert, alles fügt sich in ein gemütliches Wohnambiente. Wie passend, dass der Winzer gerade jetzt einen Sekt entkorkt. „Scheurebe, meine neueste Kreation“, sagt er und schenkt zwei Gläser ein, schaut sich mit Kennerblick die Perlage an, prüft das Aroma, nimmt einen Schluck und wirkt zufrieden mit seinem Sekt. Tatsächlich holt der bukettreiche und feinperlige Sekt schon beim ersten Schluck einen kleinen Hauch von Sommer zurück. Feines Detail am Rande: Natürlich zieht das Firmenlogo - ein geschwungenes P aus mehr als Hundert Perlen für Perlgut - die dezenten Sektgläser. Hendrik Webers Sektmanufaktur ist der einzige Weinbaubetrieb in Sachsen, der sich ausschließlich dem Sekt verschrieben hat. Das aus gutem Grund: Das kühlere Klima der Anbauregion ist geradezu optimal für Schaumweine. Die Trauben benötigen mehr Säure und ein geringeres Mostgewicht, können deshalb früher geerntet werden als für Weine. „Wir liegen etwas nördlicher, die Champagne übrigens auch.“ Auf den Sekt gekommen ist der Sachse während seines Studiums, wo er in den renommierten Sektkellereien Raumland und Bardong gearbeitet hat. Kontakt zu ehemaligen Studienkollegen pflegt Hendrik Weber noch immer, tauscht sich mit ihnen regelmäßig über Trends und Entwicklungen der Weinbranche aus. Sein erklärtes Ziel ist es, den Genießern zu zeigen, wie vielfältig Sekt sein kann. „Es gibt es in Deutschland viele gute Weine, aber guten Sekt muss man im Handel schon länger suchen und die Hersteller auch kennen.“

Zu Hause bei Hendrik Weber

Gleich neben der Tür im Wohnzimmer steht ein Rüttelpult und so vergisst der Gast nie, dass er gerade in einer Sektmanufaktur weilt. Ein riesiger Esstisch lädt ein, daneben die offene Küche – noch ganz neu und im Landhausstil. Eine rustikale Hobelbank hat Hendrik Weber aufgemöbelt und zum Schreibtisch umfunktioniert. Von dort hat geradeaus einer weiten Blick über die Elbe ins Rehbocktal, nach rechts auf einen seiner Weinberge und auf der anderen Seite direkt in einen Wald, durch den ein Wanderweg hinauf zur Bosel führt. Zum Grundstück gehört auch ein selbst angelegter Schwimmteich, der in der warmen Jahreszeit zum Biotop für Amphibien und Reptilien wird. Molche, Kröten, Frösche, Ringelnattern leben im begrünten Uferbereich. Hendrik Weber wohnt so, wie viele gerne Urlaub machen würden. „Man muss aber schon das nächtlichen Quaken der Frösche im Frühjahr mögen“, sagt er schmunzelnd. Fische gibt es übrigens keine im Teich, die hat Hendrik Weber in der Wohnung, in einem Aquarium. Und wer genau hinschaut, kann darin sogar Garnelen entdecken, die sich an Moosen gütlich tun.

Zu Hause bei…

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Was macht ein Winzer nun in der Freizeit? „Freizeit“, fragt er und lächelt. Viel davon hat er nämlich nicht, da seine Sektmanufaktur noch mitten im Aufbau ist. Seit gut einem Jahr sind die ersten Perlgut-Sekte am Markt. Üblicherweise arbeitet Hendrik Weber vier Tage die Woche im Weingut Matyas. Nach Feierabend und an den anderen drei Tagen steht er meistens in seinen Weinbergen, kümmert sich um die Grundweine oder degorgiert und verkorkt Sekt. „Bei der Qualität akzeptiere ich keine Abstriche, und das ist einfach mit viel Arbeit verbunden“, sagt er ganz abgeklärt. Wenn dann abends alles geschafft ist, wird der Sektmacher schon mal zum Koch und bereitet gemeinsam mit seiner Partnerin ein opulentes Menü zu. Denn gutes Essen gehört durchaus zu seinen Leidenschaften.

Die fahle Wintersonne hat es über den bewaldeten Hügel geschafft und scheint nun am frühen Nachmittag durch die Wohnzimmerfenster. Hendrik Weber wird unruhig. Es gäbe ja noch viel zu tun, da wäre das Wetter ideal. „Lass uns wenigstens raus gehen in die Weinberge“, schlägt er vor. Seine Partnerin meint: „Macht ruhig“ und widmet sich ein Stündchen entspannt ihrem Hobby, der Malerei.

Über den gepflasterten Hof und eine kleine Treppe geht es direkt hinauf zu zwei Weinbergen. Einen davon hat der Winzer fertig bestockt übernommen, den anderen hat er mit Querterrassen neu angelegt und Spätburgunder-Reben darauf gepflanzt. Unten vor der massiven Trockensteinmauer und oben auf dem Plateau dieses Weinbergs gibt es urige Sitzecken. Zwischen den beiden Weinbergen liegt ein kleines, verwildertes Wäldchen, in dem noch die eingestürzten Mauern von Rebterrassen aus vergangenen Zeiten zu erahnen sind. Selbst einige alte Rebstöcke gibt es noch, die sich alljährlich auf Bäume hinauf winden, aber längst keine Trauben mehr tragen. Dieses Stück Land gehört allerdings nicht zum Grundstück, die Streuobstwiese daneben schon. „Hier dürfen im Sommer Schafe das Gras kurz halten“, erzählt Hendrik Weber. Unterhalb des Wäldchens hat seine Partnerin ein kleines Beet angelegt, wo Gurken, Kräuter, Salate und Tomaten für den Eigenbedarf angebaut werden.

Auf dem neu angelegten Weinberg zeigt der Winzer, wo er Reben nachpflanzen musste. Die ersten Sommer waren so heiß, dass es nicht alle jungen Weinstöcke geschafft hatten. „Inzwischen aber steht die Anlage gut“, freut er sich. Gleich hinter einem angrenzenden Wald konnte er im vergangenen Winter weitere Flächen pachten und in diesem Jahr erstmals ernten. „Dort habe ich auch die Gelegenheit, künftig weitere Rebsorten für meine Sekte zu pflanzen.“

Steckbrief

1987: geboren in Riesa, aufgewachsen in Glaubitz

2006: Abitur in Riesa

2006 bis 2008: Ausbildung in Meißen

2009: Zivildienst beim Fahrdienst des Arbeiter-Samariter-Bundes

2009 bis 2012: Studium für Weinbau und Oenlogie an der Hochschule Rhein-Main, Fachbereich Geisenheim

seit 2013: Kellermeister im Weingut Matyas

2014: erste Grundweine für eigene Sekte ausgebaut

2016: Präsentation der ersten eigenen Sekte der Sektmanufaktur Sachsen

„Die Sandfläche dort am Teich nutze ich hin und wieder zum Trainieren“, sagt er. Hendrik Weber ist Leichtathlet, spezialisiert auf die Disziplinen Kugel, Diskus, Speer und Hammerwurf. Im Winter geht es ein- oder zweimal pro Woche zum Vereinstraining nach Riesa, im Sommer bleibt dafür keine Zeit. Deshalb hält er sich eben selbst fit. Hin und wieder tritt er auch noch bei Wettkämpfen an, wobei er mit seinen 30 Jahren schon zu den Senioren gehört. Während seines Studiums in Geisenheim war er im Kugelstoß Zweiter bei den Deutschen Hochschulmeisterschaften. Titel trägt der bescheiden auftretende Winzer aber nicht allzu gerne vor sich her und so liegen die Medaillen auch in seinem Elternhaus in Glaubitz. Kraft und Ausdauer vom Sport würden ihm schon auch im Weinberg helfen, meint er.

Zum Wein gekommen ist Hendrik Weber übrigens über seine Familie, in der es viele Weinliebhaber gibt. Es wurden Weine gesammelt, manchmal auch teure Tropfen, und in geselliger Runde gemeinsam verkostet. „So kam dann zum Ende der Abiturzeit hin auch der Berufswunsch Winzer auf“, erinnert er sich. „Vorher gab es noch die Option für ein Geschichtsstudium, weil mein Großvater in Leipzig an der Uni Historiker war. Dann hat es mich aber doch hinaus ins Grüne gezogen.“ Rückblickend gibt er zu, dass er damals noch keine Ahnung vom Weinbau hatte. „Bei uns in Glaubitz gibt es eben keine Weinberge“, sagt er und grinst. Nicht mal im Garten am Haus seiner Eltern standen Rebstöcke. An seinen ersten selbst erstandenen besonderen Tropfen kann sich Hendrik Weber auch noch gut erinnern: Das war ein edelsüßer Weißwein, Jahrgang 1983, aus dem Chateau Guiraud im französischen Sauternes, eine sechs Liter Flasche im Wert von mehreren Hundert Euro. Diese Investition hat er sich nach seinem Zivildienst und vorm Weinbaustudium gegönnt. Das Beste an der Sache: Die Flasche liegt noch immer gut verwahrt im Weinkeller.

„Wir wäre es noch mit einem zweiten Sekt“, fragt der Winzer. Kaum gesagt, hat er schon den Korken aus der Flasche gedreht. „Das ist ein Lagenriesling, Jahrgang 2015, vom Königlichen Pillnitzer Weinberg“, erklärt er beim Einschenken. „Davon gibt es nur wenige Hundert Flaschen.“ Seine Partnerin Susann hat inzwischen eine Hühnersuppe nach asiatischem Originalrezept eines Freundes zubereitet und in fernöstlicher Suppenschale auf den Tisch gestellt, liebevoll mit frischen Kräutern garniert. Der Riesling-Sekt passt dazu hervorragend. Wer bei den beiden eingeladen ist, spürt, sie sind Gastgeber aus Leidenschaft und lieben selbst die feine Küche. Das beeindruckt inzwischen die drei Katzen, die inzwischen munter sind, um ihre Futternäpfe schleichen und sich um Aufmerksamkeit bemühen. Erst als die Katzen versorgt sind, wird angestoßen.

Von Lars Müller

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