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Gisbert Porstmann: Vom Suchen und Finden

Zu Hause bei... Gisbert Porstmann: Vom Suchen und Finden

Gisbert Porstmann, Dresdens oberster Museumschef, hat vor sechs Jahren sein Leben umgekrempelt und eine Familie gegründet. Was das für ihn und seine mittlerweile drei Frauen heißt? Wir haben ihn für unsere Prominenten-Serie „Zu Hause bei...“ besucht.

Sieht ein bisschen aus wie aus der Glückswerbung, ist aber aus dem wahren Leben: Luise, Simone, Gisbert und Helene Porstmann in ihrer schönen Jugendstilwohnung am Fetscherplatz.
 

Quelle: Anja Schneider

Dresden.  Simone und Gisbert Porstmann haben das Glück gefunden. Sie leben es auf geschätzten 75 Quadratmetern mit ihren Töchtern Helene und Luise in einer Wohnung in der Johannstadt. Klingt wie der Auftakt zu einem billigen Groschenroman? Unbestreitbar. Aber manchmal ist das Leben eben genau das: schrecklich einfach.

Als wir Gisbert Porstmann, Jahrgang 1963, vor neun Jahren in seiner Wohnung in der Dresdner Haydnstraße zum ersten Mal besuchten, schickte er sich gerade an, Chef der städtischen Museen zu werden. Seine Wohnung war das stille Refugium eines familienlosen Nachtarbeiters – mit vielen weißen Wänden, angemessen Platz zwischen den ausgesuchten Möbeln, einem aufgeräumten Schreibtisch und schönem Männerkrimskrams auf dem Fensterbrett.

Der Unterschied zur Wohnung heute könnte größer kaum sein: Rund um die Blumen und die Weihnachtsdeko auf dem weißen Flügel, auf dem Sideboard und auf den Tischen stehen und liegen Utensilien, die zu vier Menschen gehören. Und nichts, aber auch gar nichts, scheint überflüssig. „Chaos?“, ruft Familienvater Porstmann mit jenem leicht fragenden Ton in der Stimme, der das „Pah!“ schon vorwegnimmt, „die Prioritäten haben sich verschoben. Wenn Perfektionismus bei uns mal eine Rolle gespielt hat, lebt er jetzt nur noch als beruflicher Anspruch weiter. Zu Haue können wir die Dinge lassen, wie sie eben liegen. Erst wenn alles im Tohuwabohu versinkt, leidet die Kreativität. Das hier ist Leben. Und meine Lebenserfahrung sagt mir: Ist doch nicht wichtig, dass das Buch auf Kante liegt. Wichtig ist, dass Du jemanden liebst und gemeinsam losstapfst.“ Damals, sagt er, als er seine schöne Jugendstil-Wohnung noch ganz für sich hatte, sei er immer mal ins Gästezimmer gegangen. „Aber da saß halt niemand“. Auf dem Weg zur Arbeit ins Landhaus habe er auch nicht die Richtige getroffen. Und im Landhaus mochte er nicht suchen. Ab 2009 suchte er online und fand Simone. Die Internistin in Görlitz erwies sich als geeignete Aspirantin fürs gemeinsame Losstapfen. Sie schrieben sich lange. „Unsere Zeitfenster haben schon mal prima übereinander gepasst. Manchmal ist eine Woche durchgerauscht wie ein einziger Tag. Wir haben beide nicht ständig vorm Rechner hocken können, um zu lauern, wann die nächste Post kommt. Aber wenn sie dann kam, war es großartig.“

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Zu Hause bei Gisbert Porstmann

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Als Simone zu den vielversprechenden Dialogen ein Live-Bild wollte, stand die Frage: Dresden? Görlitz? Der Kompromiss hieß A4, Abfahrt Bautzen Ost. „Wir hielten in einer Parktasche an der Autobahn, verabredeten, dass wir bis zur nächsten richtigen Parkmöglichkeit weiterfahren und dann in ein Auto umsteigen“, erzählt Gisbert mit jenem geübten Schwung, der auf eine gute Geschichte hoffen lässt. „Simone fuhr an gefühlt acht Parkplätzen vorbei, ich dachte, sie veralbert mich....“

„...dabei bin ich nur furchtbar nervös gewesen“, mischt sich Simone von der Tür aus ein. Gerade ist sie mit Helene (5) und Luise (3) nach Hause gekommen. Das Gejauchze ist groß, als die zwei langhaarigen Wirbelwinde ins Zimmer schneien und hören, dass der Nikolaus nochmal da war. Zwischen Jacke-Ausziehen und Stiefel-Abstreifen gibt es entzückte Kontrollgänge an den Esstisch, ehe sie sich kurz zum Teetrinken und Schokoladeprobieren niederlassen.

Simone lauscht lächelnd, als ihr Mann vom ersten Treffen erzählt. Am Ufer des Silbersees nahe Lohsa hätten sie über ihre Erwartungen geredet und über ihre Verpflichtungen. „Es gab kein Verstecken, nur klare Ansagen und viel Verständnis“. Das, so versichern beide, ist bis heute so geblieben. Simone, die Medizinerin, Jahrgang 1974, bereut keinen einzigen Tag, dass sie damals die gut laufende Praxis in Görlitz aufgegeben hat. „Anfangs sind wir noch gependelt. Auch noch nach der Hochzeit im September 2011. Doch nach vielem Reden und Prüfen und mit dem Schuss Vertrauen, ohne den es nicht geht, hab ich im Dezember 2011 meine Zelte in Görlitz abgebrochen. Das war schwer, nicht nur für meine Eltern und die Patienten.“

Schwanger mit Helene hat sie gemeinsam mit einer Freundin eine neue Praxis an der Bautzner Landstraße/Ecke Grundstraße eröffnet und bis zwei Tage vor der Geburt Patienten empfangen. Sechs Wochen später kehrte sie mit Helene dorthin zurück. Gisbert: „Unsere Kinder sind ein ganzes Stück weit in der Praxis aufgewachsen“. Simone: „Es war eine Lebensentscheidung. Die Frage: Wann, wenn nicht jetzt, stand im Raum, und obwohl ich natürlich keine Garantie hatte, dass das mit Gisbert alles klappt, hab ich es gewagt. Keine Rückversicherung. Alles nach vorn.“ Ihr Mann meißelt noch einen Satz hinterher: „Vorher wurde vieles schnell schwer. Mit Simone ist das Schwere leicht geworden.“

Die Eheleute haben sich zu Top-Logistikern entwickelt. Geht nicht, gibt’s nicht. In der Regel bringt er die zwei Mädels morgens vor der Arbeit in die Kita, Simone versucht, sie gegen 16 Uhr abzuholen. Wenn’s mal nicht klappt, helfen Kindermädchen oder Gisberts Bruder, der im Schönfelder Hochland lebt und dessen Kinder schon aus dem Haus sind.“

Von dem Neustart ins Leben zu zweit, zu dritt und zu viert kündet das Foto im Flur über der Wohnungstür: „Abfahrt Bautzen Ost“ ist dort zu lesen. Und kein Mistelzweig – Achtung Groschenroman-Alarm – könnte mehr Grund für einen Kuss bieten...

Gleich rechts vom Eingang haben Helene und Luise ihr Reich – das klassische Kinderzimmer mit Büchern, Spielzeug, einem Kaufmannsladen – und einem Herd. Der ist wichtig, denn Kochen wird in der Familie Porstmann großgeschrieben. „Grießbrei“, ruft Luise wie aus der Pistole geschossen, als es ums Lieblingsessen geht, und „Papa“ ruft Helene auf die Frage nach dem Koch.

In Gisbert Porstmanns Küche hängen damals wie heute jene Messer aus dem Hause Solingen, die er vor vielen Jahren in einem kleinen Leipziger Laden gegenüber der Nikolaikirche erworben hat. Auch sonst ist dies der Raum, in dem sich seit Simones Einzug am wenigsten verändert hat. Sogar das alte Buffett, das der promovierte Kunstgeschichtler zu Studienzeiten in Berlin gefunden hatte, steht noch da – blau wie eh und je. In diesem kleinen Raum hinter dem Wohnzimmer zaubert Dresdens oberster Museumschef oft noch am Abend, wenn die Kinder im Bett sind, ein kleines Dinner für zwei. „Dann genießen wir, reden, trinken ein Glas Wein“. Simone Porstmann überlässt ihrem Mann den Küchenpart gern: „Er kocht sehr überzeugend“.

Das Lob quittiert der Adressat mit einem Lächeln. Doch um auch nicht den Hauch von Eitelkeit aufkommen zu lassen, schiebt er rasch nach: „Das müssen keine Gourmet-Essen sein. Am wichtigsten ist mir, gemeinsam mit Familie und/oder Freunden am Tisch zu sitzen. Egal, wann und egal, wie es hier aussieht: Wenn es klingelt, findet sich immer noch mindestens eine Packung Nudeln und ein guter Wein.“

Nach den langen Tagen, in denen sich der Direktor der Dresdner Museen seinen zehn Häusern gewidmet hat und vielleicht abends noch Gästen, fällt auch ein stresserprobter Gisbert Porstmann grundmüde ins Bett. „Im Vergleich zu damals gibt es ein paar fundamentale Veränderungen. Früher hab ich viel mehr in der Nacht gearbeitet. Mein Job – die Welt und die Abbilder der Welt in der Kunst zu betrachten – ist ja kein Beruf im klassischen Sinne, sondern eher eine Lebenshaltung. Doch nun findet all das mehrheitlich im Büro statt. Meine Zeitstruktur lässt gegenwärtig nicht viel Raum fürs Publizieren und Forschen, obwohl ich gern schreibe. Das klappt vielleicht später wieder.“

Nach einer kurzen Debatte über Trump, Nationalismus und privates Engagement nimmt Gisbert Porstmann seine Tochter Helene auf den Schoß. „Der bessere Beitrag zur Welt ist, wenn Du das Glück findest und gute Energie abstrahlst“, sagt er tief im Einklang mit dem weisen Spruch, sich nicht mit dem aufzuhalten, was man nicht ändern kann. Natürlich ist er kein unpolitischer Mensch, natürlich durchdringt die beängstigende Entwicklung auf dem Globus und in Deutschland viele Bereiche seines beruflichen wie auch privaten Lebens. „Wir versuchen aber mittlerweile sehr bewusst, uns nicht in diesen Sog aus Aggression und Unheil ziehen zu lassen“, wagt er eine Erklärung, die Rückzug ausschließt. Doch gehören wohl auch die täglich neuen apokalyptischen Meldungen zu den Gründen, warum es im Haushalt der Porstmanns keinen Fernseher gibt. Sie hören Musik aus der Konserve, auch Radio natürlich, Hörspiele.

Und es gibt Simones schönen weißen Flügel. „Ich habe bis zum Abitur Klavier gespielt“, sagt die Ärztin, „und hab sogar überlegt, Musik zu studieren. Aber rückblickend war meine Entscheidung für die Medizin richtig“. Zum Spielen sei sie schon lange nicht mehr gekommen: „Das fehlt mir. Aber ich will wieder anfangen“. Auch ihr Mann hat Tastenerfahrung. „Als ich etwa in der 6. Klasse war, bekam mein Bruder ein Klavier, das hat mir gefallen“, erzählt Gisbert. Er habe geübt, Unterricht bekommen und „dilettiert“, bis er zur NVA musste. „Aber als ich nach anderthalb Jahren zurückkam, konnte ich nichts mehr. Aus Ärger hab ich’s dann gelassen“.

Steckbrief

1963 geboren in Dresden

1982 Abitur

Ausbildung im Zentrum für Kunstausstellungen der DDR, Berlin und Dresden

bis 1986 Aufsicht, Garderobier, Ausstellungstechniker und Führungsassistent bei den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden

1986 bis 1991 Studium der Kunstgeschichte, der klassischen Archäologie und Geschichte an der Humboldt-Universität Berlin und an der TU Berlin

Promotion als Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes und der Friedrich Ebert Stiftung über die Plastik Niedersachsens im 14. Jahrhundert

bis 1995 Forschungsarbeiten an der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel zur Kunst und Literatur der Aufklärung, Arbeit als Autor und Herausgeber in Stuttgart und Berlin für den Bildband Moses Mendelssohn. Porträts und Bilddokumente

bis 2000 Forschungsarbeiten an der Akademie der Künste Berlin, u.a. zu John Heartfield und freischaffend als Kunsthistoriker, u.a. Veröffentlichungen über das Chorgestühl im Magdeburger Dom, Mitarbeit am Projekt „Künstler am Dresdner Elbhang“

2000 bis 2002 Museum der Bildenden Künste Leipzig

seit Mitte 2002 Direktor der Städtischen Galerie Dresden

seit Ende 2008 Direktor der Museen der Stadt Dresden

Hochzeit im September 2011

2012 Geburt von Tochter Helene

2014 Geburt von Tochter Luise

Jetzt im Advent trägt der Flügel eine Wendt-und-Kühn-Engelskapelle, die Simone aus dem elterlichen Familienbesitz übernehmen durfte. So, wie die Eheleute die Wohnung in der Haydnstraße mit ihrer beider Mobiliar zu einem gemeinsamen Ort gemacht haben – Gisbert hat etwas rausgeworfen, Simone hat etwas mitgebracht – so haben die beiden auch aus ihren jeweiligen Weihnachtskisten ein paar Kubikmeter Sehnsucht hervorgekramt. Simones kleine musizierende Grünhainichen-Musikanten werden flankiert von Gisberts großen Lichter-Engeln. Auf dem Sideboard tummeln sich in Sichtweite zwei hölzerne Räuchermännlein – ein Asiat und ein Turbanträger. „Den Chinesen“, erzählt Gisbert, den habe er, seit man ihm mit fünf im Diakonissenkrankenhaus die Mandeln rausnahm. Auch der bräsige Mameluck stamme aus alten Kindertagen.

Den Stern im Erkerfenster haben Porstmanns mal von Freunden gebastelt bekommen, „der hängt immer“. Jetzt leuchten ein paar Herrnhuter Minis mit ihm um die Wette. Hinter Simones Spieldose auf dem Couchtisch steht eine Vase mit herrlichen roten Rosen. „Was durch meine Frau hinzugekommen ist, sind Blumen“, sagt Gisbert Porstmann begeistert. „So hab ich immer einen Anlass, welche mitzubringen“.

Auch wenn man in der Wohnung die weißen Wände, die Schöngeist Porstmann einst für sich reklamierte, vergebens sucht, hängt für einen Kunstmuseumsdirektor erstaunlich wenig Kunst darin. „Ich bin kein Jäger“, erklärt er. „Wir gehen oft in Ausstellungen, wenn sie aufgebaut werden und schauen in Ruhe. Das muss nicht bei uns hängen.“ Was dagegen hängen muss, sind die Kunstwerke von Helene und Luise. Heizung, Kühlschrank, Regale – überall grüßen farbenfrohe Kinderzeichnungen.

Gisbert Porstmann ist ein kluger, charmanter und angenehm selbstironischer Gesprächspartner. Bei aller Kunstsinnigkeit aber ist er auch ein ganz normaler Mann, ein Vater, der versucht, sein Leben gelingen zu lassen. „Das hat uns zusammengeführt, dass jeder das Herz des andern angenommen hat“, sagt er über seine Ehe – und nur wer nicht live dabei war bei diesem Satz, wird es wagen, an eine Groschenheft-Floskel zu denken.

Als es zum Schluss um Umzugspläne geht, die spätestens anstehen, wenn Helene in die Schule kommt, blickt sich der Museumsmann in seinem Wohnzimmer um und schaut rüber zu seiner Frau: „Diesen Raum hier“, sagt er, „den werden wir vermissen. Hier spielt sich so viel Leben ab“.

Von Barbara Stock

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