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Wirtschaftspreis So geht’s aufwärts“ Sattlerhandwerk 4.0 – Die Vermessung des Pferderückens
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10:25 11.09.2018
Tom Büttner fertigt nicht nur Sättel an. Nach Feierabend ist er selbst gern hoch zu Ross unterwegs. Quelle: Anja Schneider
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Dresden

Al Capone ist ein bisschen nervös, aber die großen, sanften Augen lassen keine Assoziationen mit seinem amerikanischem Namensvetter aufkommen. Außerdem ist Al Capone Hannoveraner. Und er muss kurz still stehen, damit Sattlermeister Tom Büttner aus Dresden seine Erfindung an ihm präsentieren kann. Mit seinem iPad, auf dem er einen 3D-Scanner installiert hat, vermisst er den Rücken des Wallachs. Die Daten können dann direkt in seine Sattlerei an der Kesselsdorfer Straße gesendet werden.

Der von ihm entwickelte „Tomax“, ein Pferderückenabbilder, formt automatisch an Hand von 22 Messwerten den Rücken von Al Capone in der Werkstatt nach. An dieser Vorlage können nun seine Mitarbeiter den Sattel des Hannoveraners genauestens anpassen.

Auch in Australien wird vermessen

„Die Digitalisierung ist für unsere Sattlerei ein großes Thema“, sagt Büttner. Das Jahrhunderte alte Handwerk profitiert auch von Smartphone-Entwicklern. So haben die neuesten Handymodelle von Sony bereits einen integrierten 3D-Scanner. „Langfristig könnten dann auch Laien den Rücken ihres Pferdes selbst scannen und die Daten direkt an die Sattlerei übertragen“, erklärt der Inhaber. Das würde ihm und seinen Mitarbeitern viel Fahrtzeit sparen. Zusammen mit Außendienstmitarbeitern nimmt das Team auch internationale Aufträge an. Der Kern-Umkreis für Aufträge erstreckt sich von Hannover bis Breslau.

Das Anfertigen eines Sattels ist absolute Maßarbeit – und dauert auch seine Zeit. Sattler Tom Büttner hat nach vielen Jahren im Beruf eine große Erfahrung. Trotz aller Tradition des Handwerks setzen er und seine Mitarbeiter allerdings auch zunehmend auf die Möglichkeiten der digitalen Technik. Quelle: Anja Schneider

Damit sein Handwerk innovativ bleibt, arbeitet Büttner mit Wissenschaftlern der TU Dresden zusammen. Zukünftig soll es mit Hochgeschwindigkeitskameras möglich sein, den Pferderücken auch in der Bewegung zu messen und zu sehen, wie er sich beispielsweise beim Galopp verhält. „Aktuell befinden wir uns in der Machbarkeitsstudie“, berichtet Büttner.

Auch direkt in der Sattlerei hat Büttner wissenschaftliche Unterstützung: Ein TU-Student unterstützt das Projekt als wissenschaftliche Hilfskraft. Und ein angehender Betriebswirt der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) schreibt in der Sattlerei seine Bachelorarbeit über die Vermarktung des digitalen Pferderücken-Abbilders. Die durch die Handwerkskammer und die Sächsische Aufbaubank finanziell unterstützte Erfindung hat er 2015 zum Patent angemeldet. Mittlerweile ist sie auch in Australien im Einsatz.

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Dahinter steckt ein altes Problem beim Reiten: Zwei Lebewesen mit völlig unterschiedlichen Anatomien müssen in der Bewegung zusammenpassen. Pferd und Reiter verändern sich, entwickeln Muskeln oder wachsen. „Wenn das Pferd im Alter zwischen drei und sechs Jahren eingeritten wird, muss der Sattel immer wieder neu angepasst werden“, erklärt Büttner, der selbst seit dem Kindesalter reitet. „Dass der Sattel nicht richtig passt, merkt der Reiter am Schweißbild oder daran, dass das Pferd unwillig wird“. Fertigte Büttner in solchen Fällen früher Schablonen aus Holz oder Pappe, kommt heute der „Tomax“ zum Einsatz.

Profireiter aus der ganzen Republik kaufen in Dresden

„Das wichtigste ist die genaue Anpassung des Sattelbaums“, erklärt er. Der besteht aus Holz, Kunststoff und Metallteilen. Erst zum Schluss folgen die Polsterung mit Schafswolle, der Leder-Bezug und der Sattelschmuck. „Beliebt sind Swarovski-Steine zur Deko“, erzählt Büttner. In der Meisterprüfung hatte der Sattler 40 Stunden Zeit, einen Sattel herzustellen. „Ein guter Sattel muss mindestens 20 Jahre halten“, sagt der 55-Jährige. Diese Qualität hat ihren Preis: Ein neuer Sattel kostet zwischen 2000 und 5000 Euro.

Büttner, der aus Altenberg stammt, hat jahrzehntelange Erfahrung in seinem Handwerk. 1987 erwarb er das Geschäft in Dresden. Damals produzierte die Firma vor allem Ledergriffe. „In der DDR war Reitsport nicht so populär“, blickt der Sattler zurück.

1906 wurde die Sattlerei unter dem Namen Schubert in Dresden gegründet. Zunächst stellten die Mitarbeiter Hundesportartikel her, in der DDR vor allem Ledergriffe.

1987 erwarb Tom Büttner die Sattlerei von Christa Dau, der Enkelin des ehemaligen Gründers. Er legte großes Gewicht auf den Reitsport.

Nach der Wende kam zur Sattlerei auch der Handel mit anderen Reitartikeln wie Halftern und Kappen hinzu – anfangs auf nur 15 Quadratmetern.

1995 Eröffnung einer zweiten Filiale in Moritzburg, die 2001 auf den Rossmarkt umzieht, um sich zu vergrößern

2005 wird auch der Hauptsitz in Dresden vergrößert: Es entstehen ein Reitsportfachmarkt mit einer Verkaufsfläche von ca. 1000 Quadratmetern und einer angeschlossenen Sattlerei, spezialisiert auf Fahrsport, Sattelanpassung und -umrüstung sowie Maßarbeiten an Reitstiefeln.

Heute befinden sich die Moritzburger Filiale am Markt, der Dresdner Hauptsitz an der Kesselsdorfer Straße.

2015 entwickelt Büttner „Tomax“, das digitale Vermessungssystem für den Pferderücken.

Mittlerweile hat sich das geändert. „Wir haben 1995 eine zusätzliche Filiale in Moritzburg eröffnet.“ Im Landgestüt Moritzburg kümmert er sich um die Sättel und andere Pferdegeschirre. Auch Profireiter aus ganz Deutschland gehören zu seinen Kunden. Dazu gehören auch Aufträge, die nicht ganz alltäglich sind. Für eine querschnittsgelähmte Starterin aus der Deutschen Paralympics-Mannschaft beispielsweise fertigte er einen Spezialsattel.

Auch wenn viele Handwerker über Nachwuchsmangel klagen, gilt das für Büttner nicht. „Zwei Auszubildende lernen aktuell bei mir.“ Bewerbungen gab es mehr. Das gilt auch für die Angestellten. Sie kommen aus verschiedenen Ecken der Republik, Polen – und demnächst auch aus der Schweiz. Was sie verbindet: handwerkliches Geschick, keine Angst vor der Digitalisierung und nach Feierabend sitzen alle gerne selbst im Sattel.

Von Tomke Giedigkeit

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