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Dresdner helfen Dresdnern An der Uniklinik kümmert sich eine ganze Abteilung um Kinderschutz
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14:07 11.11.2018
Wenn Kinder länger im Krankenhaus sind, bekommen Pfleger und Ärzte meist mit, falls es in der Familie Probleme gibt. Quelle: dpa/Patrick Pleul
Dresden

Wenn Kinder länger im Krankenhaus sind, bekommen Pfleger und Ärzte meist mit, falls es in der Familie Probleme gibt. Am Dresdner Uniklinikum versucht dann die Kinderschutzgruppe zu helfen. „Der Großteil unserer Arbeit ist die Unterstützung von Familien“, sagt Jacqueline Zinn. Sie ist eine von zwei Sozialarbeiterinnen in der Kinderschutzgruppe, zu der auch der zertifizierte Kinderschutzmediziner Christian Karpinski gehört. Wenn Krankenschwestern oder Pfleger auf der Station merken, dass Eltern ihr Kind beispielsweise wenig besuchen, nicht am Krankheitsverlauf interessiert sind oder überfordert wirken, werden die Sozialarbeiterinnen informiert.

Insgesamt 286 Fälle betreut

„Wir sprechen mit den betroffenen Eltern und zeigen Hilfsangebote auf“, erklärt Zinn. Auf etwas so persönliches, wie die Erziehungsarbeit Einfluss zu nehmen, ist nicht immer einfach. „Es ist eine hochsensible Arbeit“, weiß die 35-Jährige. Im vergangenen Jahr wurde die Kinderschutzgruppe zu 286 Fällen hinzugezogen. Dazu gehören auch reguläre Beratungen für Familien mit Risikofaktoren, etwa junge Mütter. Insgesamt 60 Fälle meldete die Kinderschutzgruppe an das Jugendamt, das eng mit der Kinderschutzgruppe kooperiert. Das Jugendamt installiert dann beispielsweise eine Familienhilfe, die regelmäßig Eltern und Kinder zu Hause besucht.

Christian Karpinski ist zertifizierter Kinderschutz-Mediziner am Dresdner Uniklinikum. Quelle: Anja Schneider

Da jeder Fall sehr individuell ist, treffen sich Ärzte und Mitarbeiter der Kinderschutzgruppe wöchentlich zu gemeinsamen Fallkonferenzen, in denen über Kinder und Familien beraten wird. Ein Fall ist Zinn besonders in Erinnerung geblieben.

Hilfe für überlastete Mutter

Ein Säugling musste wegen einer angeborenen Fehlbildung nach der Operation zehn Wochen in der Kinderklinik bleiben. „Wir bekommen einen guten Eindruck von der Familiensituation“, erklärt Zinn. Das Pflegepersonal bemerkte viel Unsicherheit bei der Mutter im Umgang mit ihrem ersten Kind. Dazu kamen partnerschaftliche Konflikte. „Wir haben eine Familienhebamme eingesetzt, die Mutter in Gesprächen gestärkt und den Kontakt zur Familienberatungsstelle vermittelt“, berichtet Zinn.

Drei Monate nach der Entlassung ist die Mutter mit ihrem Kind zu einem ambulanten Nachsorge-Termin in der Kinderchirurgie. „Die behandelnde Kinderchirurgin hat angerufen und mitgeteilt, dass die Mutter sehr belastet ist“, berichtet die Sozialarbeiterin. Da das Büro der Sozialarbeiterinnen in der Nähe liegt, kann Zinn direkt mit der Mutter das Gespräch suchen. „Weil wir uns schon kannten, war das Vertrauen größer“.

Die Mutter erzählt ihr von der schwierigen Trennung von ihrem Partner und dass sie sich mit ihrem Kind aktuell überlastet fühlt. „Im Einverständnis mit der Mutter haben wir das Jugendamt informiert, das eine Familienhilfe installiert hat“, berichtet Zinn. Seitdem habe sich die Situation der Mutter deutlich entspannt.

Kindesmisshandlung aufgedeckt

Neben den positiven Beispielen, in denen Familien mit Unterstützungsangeboten geholfen werden kann, wird die Kinderschutzgruppe mit Einzelfällen konfrontiert, die auch die Mediziner erschrecken lassen. An den Fall eines kleinen Jungen aus dem vergangenem Jahr erinnert sich Karpinski noch genau.

Max* ist drei Monate alt, als sein Vater ihn mit Blutergüssen am Kopf und am Gesicht in die Notaufnahme der Kinderklinik an der Dresdner Uniklinik bringt. Das Kind sei durch das Gitterbett gefallen, erklärte der Vater die Verletzungen. Dem Arzt kommen aufgrund des Alters des Kindes und den Verletzungen Zweifel auf. „Für den ersten Moment musste ich diese aber zur Seite stellen und mich um das Kind kümmern“, berichtet Karpinski. Im MRT stellten die Mediziner eine Schädelfraktur und Blutungen im Kopf des Babys fest. „Ein lebensbedrohlicher Zustand“, sagt der Arzt aus der Kinderchirurgie. Der vom Vater beschriebene Unfallhergang passte nicht zu der Verletzung.

Die Kinderschutzgruppe am Uniklinikum reagiert und informiert die Rechtsmedizin. Diese entscheidet sich aufgrund der Sachlage eine Strafanzeige gegen Unbekannt zu stellen. Anschließend wird eine fächerübergreifende Helferkonferenz einberufen und gemeinsam entschieden, wie das Kindeswohl von Max in Zukunft am besten gesichert werden kann. In diesem Fall kommen alle Beteiligten gemeinsam mit dem Jugendamt zu dem Schluss, den Jungen zum Schutz vor erneuter Misshandlung zunächst in Obhut zu nehmen.

„Fälle, wie der von Max aus dem vorherigen Jahr sind Einzelfälle“, sagt Karpinski. Der Kinderschutzmediziner ist darauf spezialisiert, Kindesmisshandlungen zu erkennen. „Zum Beispiel sind Verletzungen hinter dem Ohr bei Kindern nicht unfalltypisch“.erklärt Karpinski. Das heiße nicht, dass diese Verletzung per se verdächtig sei, sagt der Arzt. Doch wenn beispielsweise widersprüchliche Aussagen der Eltern dazu kommen, beobachtet die Kinderschutzgruppe den Fall mit erhöhter Aufmerksamkeit. Hierfür treffen sich die Kinderschützer zusammen mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie jede Woche zu Fallkonferenzen, in denen gemeinsam das weitere Vorgehen abgestimmt wird.

Auch Jugendliche mit Familienkonflikten

Die Kinderschutzgruppe wird gemeinsam von der Uniklinik, dem Jugendamt und der Dresdner Kinderhilfe finanziert. Seit 2012 ist eine Sozialarbeiterin ausschließlich für die Kinderschutzgruppe im Einsatz, 2015 kam eine zweite hinzu. Die Hauptzielgruppe sind Kinder bis 3 Jahre. „Zusätzlich kommen immer mehr 13 bis 18-Jährige mit Familienkonflikten hinzu“, erklärt Zinn.

„Der Kinderschutz muss weiter professionalisiert werden“, sagt Karpinski. „Jeder Fall, ob Vernachlässigung, Überforderung oder aktive Misshandlung, muss individuell gründlich geprüft werden, um keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. Dafür braucht es vordergründig zunächst Erfahrung und wissenschaftliche Grundlagen, um nicht nur nach einem Bauchgefühl zu handeln“.

Erst seit dem vergangenem Jahr ist in Deutschland eine Zertifizierung als Kinderschutzarzt möglich. Dafür zuständig ist die Deutsche Gesellschaft für Kinderschutz in der Medizin (DGKiM). „Außerdem braucht es viel Zeit und eigens für den Kinderschutz zuständige Mitarbeiter.

Auf Spenden angewiesen

L“eider ist die Kinderschutzarbeit in Deutschland jedoch noch schlecht finanziert“, erklärt der 30-jährige Arzt. Erst seit diesem Jahr kann eine Leistungsvergütung der Kinderschutzarbeit über die Krankenkassen erfolgen. Jede Klinik müsse eigenständig mit den Krankenkassen mögliche Erlöse für die Kinderschutzarbeit aushandeln. „Das bedeutet, dass schlussendlich noch keine einheitliche und ausreichend flächendeckende Finanzierung für diese wichtige Arbeit vorhanden ist“, erklärt der Kinderschutzmediziner. Die Kinderschutzgruppe bleibt also weiter auf Spenden, zum Beispiel von der Dresdner Kinderhilfe, angewiesen.

Zur Aktionsseite von Dresdner helfen Dresdnern mit der Möglichkeit zur Spende für die Kinderhilfe oder ein anderes Projekt geht es hier.

Von Tomke Giedigkeit

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