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Was mir heilig ist

Serie Was mir heilig ist

Das ist mir heilig – Frauenkirchen-Pfarrerin Angelika Behnke

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Zwei Wochen nur für die Familie

Angelika Behnke
 

Quelle: Carola Fritzsche

Dresden. Vor vielen Jahren bei meinen Eltern zuhause. Im Wohnzimmer ist wie jedes Jahr die uralte Krippe aufgebaut. Ich schleiche immer wieder um diese Krippe herum. Zu gern möchte ich die Figuren, die Menschen und Tiere im Stall in die Hand nehmen. Möchte sie berühren, ihnen wie den Püppchen in meinem Puppenhaus eine Stimme geben. Doch das Anfassen der Krippenfiguren ist für uns Kinder tabu.

Aber wie das so ist - in einem unbeobachteten Moment nehme ich, ganz vorsichtig und mit spitzen Fingern, die Futterkrippe mit dem Jesuskind aus der Stallmitte heraus. Lange betrachte ich das winzige Baby in der merkwürdigen Wiege. Als ich das Kind aus dem Holzkästchen in die Mulde meiner Hand lege, kitzeln mich ein paar Strohhalme. Sie kleben an dem Rücken der Figur. Sieht eigentlich wie ein ganz normales Baby aus, denke ich. Doch was ist das? - Die Figur hat ja einen goldenen Ring auf dem Kopf! Es muss etwas Besonderes sein, denn die anderen Figuren haben so einen Ring nicht. Ich will später danach fragen. Aber jetzt stelle ich die Futterkrippe mit dem Jesuskind wieder zurück. Irgendwie bin ich froh, die kleinste Figur im Stall in meiner Hand gehalten zu haben.

Etwas Greifbares, Fühlbares, Sichtbares in der Hand zu haben, wenn mich die großen Fragen des Lebens beschäftigen, das wünsche ich mir als Erwachsene. Gott zum Anfassen, zum Be-greifen - gegen alle Zweifel und Zweifler, die mir begegnen. Das Geheimnis erspüren...

Wahrscheinlich lieben wir Weihnachten auch deshalb so, weil wir es mit allen Sinnen erleben. Plätzchenteig kneten, Weihnachtsmusik in den Ohren, Tannenduft in der Nase. Sehen, Hören, Schmecken, Riechen, Fühlen – alle Jahre wieder. Und dass ja nichts davon fehlt! Unsere Sinne sind in diesen Tagen besonders geschärft, ja – auch besonders sensibel. Splitterndes Holz von Weihnachtsmarktständen, harte Betonbarrieren, das Piepen der Geräte auf der Intensivstation – unsere Sinne müssen sortieren und suchen nach Sinn.

Und dann das Wider-Sinnige dieser Krippenszene: Gott - der ferne und unfassbare Gott, ist in diese Welt gekommen. Er ist fassbar, be-greifbar geworden. „Das Leben ist erschienen!“, so die außergewöhnliche Geburtsanzeige im 1. Johannesbrief (1. Joh 1,2) in der Bibel. Jesus – das Leben selbst, das wahre Leben. Fernab von Feier und Pomp, abseits von Jerusalem, weit weg von Rom und Wittenberg – ein zartes Kind in ärmlicher Umgebung, nur mit dem Notwendigsten versorgt. Das Leben – so ehrlich, so pur, dass aus dieser Szene umso deutlicher der Lebenswille, das unbezwingbare „Dennoch“ sprechen.

Ein Gott, der weiß, wo er hingehört. Und von ihm werden wir mit unseren Sinnen an die Krippe gezogen.

Das „Dennoch“ ist mir heilig. Heilig – das bedeutet so viel wie „zu Gott gehörig“. Es ist ein Beziehungswort. Gott bleibt nicht allein für sich, sondern er wirbt um die Gemeinschaft mit seinen Menschenkindern; er heiligt sie. Mit dem Gottessohn Jesus, der als Mensch geboren wird, bekommt diese Beziehung eine neue Qualität. Der goldene Ring auf dem Kopf des Christuskindes, der mich damals beschäftigt hat – der Heiligenschein, er ist das Zeichen dafür.

Es ist zwar wahr, dass seit Jesu Geburt nicht weniger gestorben wird und immer noch unzählige Tränen fließen, dass unheilige Dinge geschehen – jedoch: Säbelgerassel, Parolengebrüll, bloße Stärke ohne Liebe haben noch kaum jemandem geholfen.

Aber die nicht weichende Zärtlichkeit dieses Gottes, bedürftig wie wir, vom Leben aufs Kreuz gelegt wie andere auch, ist der große Trost.

Weihnachten 2016. Gehen wir wieder hin zur Krippe und be-greifen wir diesen Gott.

Was wir dort wahrnehmen können, das Widersprüchliche, das Unheilig-Heilige, drückt sich für mich ganz wunderbar in einer geschnitzten Darstellung des Jesuskindes im Erfurter Dom aus.

Das Kind hat über die Zeiten einen Arm verloren. Dennoch: Es hat gesunde rote Wangen - und es lächelt selig. Der Schmerz der Welt kann ihm nichts anhaben.

Von Angelika Behnke, Pfarrerin an der Frauenkirche

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