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Freiheiten erkämpfen

Serie Freiheiten erkämpfen

Das ist mir heilig – Stephan Schneider, Inhaber Umformtechnik Radebeul

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Gespräche auf Augenhöhe

Stephan Schneider
 

Quelle: Martin Förster

Radebeul.  Die Frage danach, was mir heilig sei, hat mich bisher noch nicht beschäftigt, aber sie macht mich selber neugierig. Gibt es etwas, was mir heilig ist? Ist es eine Person, Vorliebe, ein Gegenstand oder eine Tugend? Was unterscheidet etwas, was mir heilig ist, von irgendetwas anderem?

Es gibt durchaus wichtige, zum Teil sehr wichtige Dinge in meinem Leben und die Frage ist, hebt sich etwas davon so sehr von allem anderen ab, dass ich sagen könnte, das mir dies heilig sei?

Meine Partnerin, meine Kinder, meine Enkel, die Mitarbeiter in meinem Unternehmen, der Kirchenchor, in dem ich singe, unser Rotary-Club oder mein geliebter Eishockeyclub, die Eispiraten Crimmitschau: dies alles sind wichtige Teile meines Lebens; kann mir etwas davon heilig sein?

Sind es vielleicht Werte oder Tugenden, die mir so wichtig sind, dass ich diese als mir heilig empfinde? Auch hier gibt es ein paar, die mir besonders wichtig sind, aber heilig? Pünktlichkeit, Bescheidenheit, Ehrlichkeit, Gerechtigkeit: könnte es eines dieser Tugenden sein? Bei Rotary gibt es die Vier-Fragen-Probe als Handlungsgrundlage und ethisches Fundament (1. Ist es wahr? 2. Ist es fair für alle Beteiligten? 3. Wird es Freundschaft und guten Willen fördern? 4. Wird es dem Wohl aller Beteiligten dienen?). Es scheint mir, dass Gerechtigkeit in meinem Leben ein ganz besonderer Wert zu sein scheint, einer, der mich seit vielen Jahrzehnten begleitet.

Nicht einfach so, sondern als ein mir besonders wichtiger Wert. Nicht, dass ich besonders gerecht wäre, zumindest weiß ich von vielen Begebenheiten, wo ich es nicht war; aber es beschäftigt mich immer besonders, wenn jemand – mich eingeschlossen – nicht gerecht war. Insofern ist Gerechtigkeit für mich ein stark herausgehobener Wert, aber deshalb gleich heilig?

Sind meine Gedanken zu dem, was mir heilig sein könnte, damit erschöpft? Sicherlich nicht, aber ich muss etwas tiefer in mich hineingehen, um weiter zu forschen. Mit Religion und Glauben habe ich mich mein ganzes Leben lang schwer getan. Das bedeutet nicht, dass ich mich nicht damit beschäftigt habe. Ja, vermutlich habe ich mich seit vielen Jahrzehnten sogar ganz besonders stark mit Religion und Glauben auseinandergesetzt. Und auch wenn (oder gerade weil?) mir Taten und Handlungen der etablierten Kirchen immer wieder Schwierigkeiten bereiten (Beispiel Religionskriege), so fühle ich mich doch durch und durch als Christ. Vielleicht einer, der nach wie vor auf der Suche nach dem Leben mit Jesus und Gott ist, der sich als Techniker noch schwerer tut mit nicht Greifbarem als andere Menschen. Ist mir daher mein Glaube oder Unglaube heilig? Meine Schwierigkeiten im Umgang mit den Kirchen rühren daher, dass ich immer wieder Ungerechtigkeiten oder vermeintliche Ungerechtigkeiten verspüre, die mich zweifeln lassen. Ja, auch hier ist die Gerechtigkeit ein wiederkehrender Partner in meinem Leben von herausragender Bedeutung.

Besonders beschäftigt hat mich ein Lied des leider verstorbenen, österreichischen Liedermachers Georg Danzer: Die Freiheit. Dies war für mich emotional stark mit Gerechtigkeit verbunden. Er besingt die Freiheit, die immer seltener wird und daher im Zoo ausgestellt wird, in einem Käfig. Mit dem Schlüsselsatz: „Das ist ja grade … der Gag; man sperrt sie ein und augenblicklich ist sie weg.“ Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr erscheint mir hier ein Schlüssel für mein Leben zu liegen.

Angefangen von zuhause und durch meine Ausbildung wie auch in meinem gesamten Berufsleben habe ich mir meine Freiheiten erkämpft: die Freiheit, meine Meinung sagen zu dürfen (und dafür die Verantwortung zu übernehmen!); die Freiheit, Dinge tun und lassen zu dürfen, auch als Zweifler seit vielen Jahren in unterschiedlichen Kirchenchören mitsingen zu dürfen; die Freiheit, den Augenblick genießen zu dürfen; die Freiheit, jemandem Aufmerksamkeit zu schenken, der diese vielleicht sonst nicht bekommt; die Freiheit, die kleinen Dinge des Alltags als großartig zu erleben; die Freiheit,
die ich besonders stark empfinde, wenn ich in den Bergen von Hütte zu Hütte wandere.

Die Freiheit, mir den Augenblick Besinnung nehmen zu dürfen und dies zu tun, wann immer ich möchte und die dankbar angenommene Gabe, dies auch in hektischer Zeit an jeder Stelle tun zu können, das ist es, was mir heilig ist und für das ich demütig dankbar bin.

Von Stephan Schneider, Inhaber Umformtechnik Radebeul

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