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Auf Leben und Tod „Wir können nicht immer heilen, aber helfen sollten wir immer“
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07:49 02.11.2018
Prof. Adrian Dragu erläutert, auf welche Weise ein großes Loch im Schädel nach einer Tumoroperation geschlossen wurde. Quelle: Anja Schneider
Dresden

„Zum Glück muss ich mir als Arzt am Dresdner Uniklinikum nicht so viele Gedanken um ökonomische Aspekte machen“, sagt Prof. Adrian Dragu, Facharzt für Plastische Chirurgie und Handchirurgie.

„Lippen aufspritzen, das mach ich bei Ihnen nicht“

„Ich kann mich zum einen auf die Anwendung von modernsten Behandlungsmöglichkeiten auf neuestem universitären Forschungsstand konzentrieren. Zum anderen habe ich absolute Freiheit in Forschung und Lehre, um auch künftig Spitzenmedizin auf meinem Fachgebiet anbieten zu können und vor allem eine neue Generation an kompetenten Plastischen und Handchirurgen zu entwickeln. Auch im klinischen Bereich kann ich einer Patientin sagen: Lippen aufspritzen – das mach ich bei Ihnen nicht. Denn ehrlich, solche Schönheitsoperationen und Eingriffe sind in vielen Fällen zwar ökonomisch gesehen interessant, aber nur selten eine medizinische Herausforderung“, macht der Mediziner klar.

Der 45-jährige Universitätsprofessor leitet die Abteilung Plastische und Handchirurgie der Universitätsklinik „Carl Gustav Carus“ in Dresden. Diese wurde am 1. Juli 2017 neu gegründet, damit Patienten mit komplexen Verletzungen und Weichteilinfektionen, Amputationen, umfassenden Gewebedefekten zum Beispiel nach Tumoroperationen oder auch mit Verbrennungen und Verbrühungen nicht mehr in Spezialkliniken weit außerhalb von Dresden verlegt und behandelt werden müssen. Mittlerweile hat Dragus Team, zu dem jetzt neun Ärzte gehören, schon über 1500 Operationen durchgeführt.

Rekonstruktion weiblicher Brüste nach Krebs-OP

Unter den Patienten sind Menschen mit großen, offenen, nicht selten chronischen Wunden, die bisher nicht von einem Plastischen Chirurgen behandelt werden konnten. „Wir rekonstruieren nach Totaloperationen aufgrund von Krebs weibliche Brüste aus Eigengewebe ganz ohne Silikonimplantat oder nähen abgetrennte Gliedmaßen unter dem Operationsmikroskop wieder an“, nennt der Universitätsprofessor Beispiele.

Sein „Steckenpferd“, so sagt er selbst, ist die Behandlung von Adipositas-Patienten. In diesem Zusammenhang hält Dragu – trotz seines umfangreichen Arbeitspensums – regelmäßig ehrenamtlich Vorträge in Selbsthilfegruppen von Adipositas-Patienten im ganzen Bundesgebiet oder engagiert sich berufspolitisch in Leitlinien-Kommissionen und Fachgremien.

Scheuen vor Hochrisiko-Operationen nicht zurück

„Wenn zuvor stark übergewichtige Menschen bis zu 150 Kilogramm abgenommen haben, muss man ihnen mit Straffungs-Operationen helfen. Das ist ein sehr wichtiger Schritt, um sie wieder in die Gesellschaft zu integrieren“, so die Ansicht des plastischen Chirurgen. Bei der Rekonstruktion der Körperform gehe es nicht um den ästhetischen Aspekt, bei dem die Patienten selbst zahlen müssten, sondern darum, Schmerzen und funktionelle Einschränkungen zu behandeln.

„Weil stark Übergewichtige viele Nebenerkrankungen haben, stellen Operationen oft ein hohes Risiko dar. Wir machen das trotzdem, helfen und unterstützen diese Patienten. Sie fühlen sich anschließend wieder als vollwertige Mitglieder in unserer Gesellschaft, können auch wieder am Arbeitsleben teilnehmen. So übernehmen wir im Grunde auch eine gesellschaftliche Verantwortung“, findet der Mediziner.

Lebensqualität verbessern und Hoffnung geben

„Man muss wahrscheinlich ein bisschen verrückt sein, um etwas zu tun, an das sich viele andere Ärzte nicht herantrauen und das einen selbst an Grenzen bringt“, sagt Dragu nach einem kurzen Moment des Nachdenkens. „Es berührt mich sehr und ich kriege immer noch jedes Mal Gänsehaut, wenn ich aus dem Operationssaal gehe und den Angehörigen sagen kann, dass die Operation gut verlaufen ist und der Patient eine realistische und deutlich verbesserte Chance durch unsere Operation erhalten hat. Das ist es, was mich am Tagesende glücklich macht und was meinen Beruf auch so besonders macht: Wenn mein Team und ich wirklich etwas geleistet haben, was unseren Patienten hilft, Hoffnung gibt und damit die Lebensqualität verbessert.“

Nicht immer heißt das Heilung. „Einige Patienten, die zu uns kommen, sind so schwer verletzt oder gesundheitlich in einer solch schlechten Situation, dass sie ohne Operation sicher versterben oder Teile Ihres Körpers verlieren werden“, weiß der Arzt. Der Diabetes-Patient zum Beispiel, der schon früh beide Beine verloren hat und nun auch am Unterkörper seit Wochen unter großen, eitrigen Wunden leidet. „Wir mussten sehr radikal operieren. Der Mann ist leider trotz aller Versuche nach einigen Wochen verstorben, aber wir konnten ihm das Leben in der verbleibenden Zeit schmerzfreier gestalten. Und er konnte noch wichtige Dinge unter menschenwürdigen Bedingungen regeln, die er unbedingt regeln wollte.“

Zerschredderte Hand replantiert

Nicht vergessen werde er auch den jungen Mann, dessen Hand in einen Schredder gekommen war. „Ich konnte die Hand so weit replantieren, dass er wieder in der Lage war, einen Löffel und einen Stift zu halten“, so der Plastische Chirurg. Aber der Patient sei seine Schmerzen in der Hand nicht losgeworden und habe schließlich – fast zwei Jahre nach der erfolgreichen Replantation – auf eine Amputation bestanden.

Er habe zunächst mit dieser Entscheidung sehr gehadert, gibt Adrian Dragu zu. „Aber der junge Mann hat mir klargemacht, wie froh und dankbar er mir war, dass er durch die erfolgreiche Replantation später in der Lage war, selbst zu entscheiden, was mit seiner Hand passiert und er nicht schon am Unfalltag ohne Entscheidungsoption ohne Hand aufgewacht wäre. Er könne so viel besser mit der Amputation leben.“

Sehr berührt hat den Arzt auch der Fall eines Hirntumor-Patienten. Als er Herrn R. erstmals operierte, hatte der damals 64-Jährige schon eine vier Jahre währende Leidensgeschichte hinter sich. Der Tumor sei zwar zunächst gutartig gewesen, aber er wuchs trotz mehrerer Operationen immer wieder nach und ließ sich auch durch Bestrahlung nicht eindämmen.

Neurochirurgen mussten schließlich einen Teil des Schädelknochens entfernen, weil dieser ebenfalls vom Tumor befallen war. Auch die eingesetzte CAD Kranioplastik – ein Kunstknochen – musste später wieder herausgenommen werden.

Als Herr R. nach der Operation im November 2017 wieder nach Hause entlassen wurde, hatte sein Gehirn an einer Stelle mit einem Durchmesser von fast 25 Zentimetern keinen Schutz mehr durch einen Knochen. Der 64-Jährige musste fortan einen Helm tragen. Problematisch war, dass seine Kopfhaut im Bereich der Wunde abgestorben war.

Mit einem Rückenmuskel Loch im Kopf abgedeckt

„Die Kollegen konnten die Hautnekrose aber bei der Operation im November 2017 nicht gleich mit entfernen. Das Gehirn hätte sonst frei gelegen“, erläutert Adrian Dragu. Nun wurde der Plastische Chirurg mit seinem Team ins Boot geholt. „Wir sollten ein Konzept entwickeln, wie man die abgestorbene Haut entfernen, aber trotzdem das Loch im Kopf abdecken kann.“

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Am 9. Juli 2018 entfernten die Neurochirurgen zunächst von dem Tumor, der an der Hirnhaut entlang wuchs, so viel wie möglich und fügten ein Stück künstliche Hirnhaut ein. Eine Tumor-Gewebeprobe kam wieder in die Histologie zur Untersuchung.

Dann waren die Plastischen Chirurgen an der Reihe. Um das Loch im Kopf abzudecken, entnahmen sie bei Herrn R. einen der beiden großen Rückenmuskeln (Musculus latissimus dorsi) mit den Gefäßen, die ihn versorgten, und einer kleinen Hautinsel. „An ihr können wir später sehen, ob der Muskel richtig durchblutet wird“, erläutert Adrian Dragu.

Der Rückenmuskel wurde nun wie ein Lappen auf das ca. 20x25 cm große Loch im Kopf transplantiert und unter dem Operationsmikroskop mikrochirurgisch angenäht. „Wir haben den Gefäßstiel an der Schläfenarterie mit Fäden angeschlossen, die dünner sind als ein Haar“, so Dragu.

Nun entnahmen die Plastischen Chirurgen Haut vom Oberschenkel. Mittels einer Maschine fertigten sie daraus ein Netz und befestigten dieses auf dem Muskel am Kopf. „Die mit dem Rückenmuskel entnommene Hautinsel kann später problemlos entfernt und mit Spalthaut verschlossen werden“, erläutert der Universitätsprofessor. Und er ergänzt: „Einen Rückenmuskel zu entnehmen, um damit ein großes Loch am Kopf abzudecken, erscheint sicher ungewöhnlich. Aber man kann damit gut leben und sich auch mit nur geringen Einschränkung bewegen.“

Bei Herrn R. sei nach Komplikationen mit dem eingesetzten Hirnhautflicken schließlich alles gut verheilt. „Grundsätzlich heilen konnten wir alle ihn leider nicht“, sagt Prof. Dragu. Der histologische Befund des entnommenen Tumorgewebes ergab, dass der Tumor jetzt bösartig ist.

„Leider ist palliative Tumorchirurgie kaum ein Thema"

Alles vergebens also? „Nein. Wir hätten genau so operiert, wenn wir den histologischen Befund schon gekannt hätten. Wir hatten keine Wahl. Wir hätten die abgestorbene Haut nicht länger auf dem Kopf lassen können, sie wäre aufgerissen, das Gehirn hätte frei gelegen“, argumentiert der Chirurg.

Leider sei die palliative Tumorchirurgie in der Gesellschaft kaum ein Thema und werde auch kaum angeboten, so Dragu. „Dabei ist sie so wichtig, um die Leiden der schwerkranken Menschen zu lindern. Und auch, um ihnen die Würde auf ihrem letzten Weg nicht zu nehmen. Wissen Sie, der Geruch zum Beispiel, den ein zerfallender Tumor freisetzt, ist schwer zu ertragen. Nicht nur für den Betroffenen, auch für Angehörige und diejenigen, die den Betroffenen pflegen. Wir können nicht immer heilen, aber helfen sollten wir immer.“

Von Catrin Steinbach

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