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Auf Leben und Tod Ich kann nicht Ewigkeit schenken, aber Zeit
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09:55 16.10.2018
Beim Angeln vor Norwegen hat Mario Marx auf dem Deckel einer Fischkiste seine Idee verewigt, wie man nach einer Lymphknoten-Entfernung die Achselhöhle so stabilisiert, dass Patienten den Arm wieder ordentlich bewegen können... Quelle: Anja Schneider
Dresden

Leben und Tod? „Damit bin ich jeden Tag konfrontiert“, sagt Mario Marx. Er sagt es ohne jenen weihevollen Unterton, den man bei so einem Satz erwarten kann. Denn dem Senologen mit dem etwas provokanten Seitenscheitel geht es in erster Linie um die Chance zu leben. Und nur wenn es unausweichlich ist, auch ums Sterben.

Der schönste Job der Welt

Der Mediziner schnappt sich eine dampfende Kaffeetasse, durchmisst sein kleines Reich in den Elblandkliniken Radebeul energischen Schrittes und schildert, warum er den besten Job der Welt hat: Jenseits der Fenster wächst der eigens auf seine Arbeit zugeschnittene Neubautrakt mit OP-Sälen und Klinikbetten empor, diesseits der Fenster künden überall Fotos und Kunstwerke von handfester Lebensfreude – alles Arbeiten von Frauen, die bei Mario Marx unterm Messer gelegen haben und ihren Gefühlen freien Lauf ließen. „Meine Mädels“, sagt stolz der Arzt, der zu den deutschen Top-Spezialisten für die Rekonstruktion weiblicher Brüste zählt und als Chefarzt in Radebeul auch das Brustzentrum leitet.

Senologie

Die Senologie (urspr. lat. sinus „Krümmung, Bausch des Gewandes, Busen“) ist die Lehre von der weiblichen Brust. Die Bezeichnung geht zurück auf den Begründer der Senologie, Charles Marie Gros aus Straßburg, der 1972 mit der Senologic International Society (SIS) die erste Vereinigung zur medizinischen Erforschung der weiblichen Brust schuf. Sein Ziel war es, „alle mit den normalen und gestörten Funktionen der weiblichen Brust befassten Ärzte zusammenzuführen.“

Zu seiner Arbeit, die er nicht Arbeit nennt, sondern „pure Leidenschaft“, gehört neben aller Professionalität unfassbar viel Empathie. Vor ihm sitzen fast immer Menschen mit einer tödlichen Diagnose. Er hört zu, wenn sie den Krebs „ein Arschloch“ nennen, er erträgt ihre Tränen, und er hält sich auch mal zurück, wenn es nichts zu sagen gibt. Aber alles, was er tun kann, tut er. Und das ist oft viel mehr, als die meisten erwarten.

Krebs führt oft in die Isolation

So wie bei der Lehrerin aus Sachsen, die vor über zehn Jahren zu ihm kam, als er noch in Görlitz arbeitete. „Die Frau war Anfang 60, schon lange in Behandlung und noch viel länger krank. Bei ihr war der Brustkrebs zurückgekehrt“, erzählt der Senologe. Wieder hatte es ihre rechte Brust erwischt, diesmal böse durchwuchert von einem blumenkohlartigen Tumor. Schon die Bilder reichen, um sich Leid und Elend vorzustellen – wer dazu weiß, welche Schmerzen so eine Geschwulst verursacht und welche Gerüche sie verströmt, der ahnt, wie schnell Scham und Isolation Hand in Hand gehen und wie schnell der Lebenswille schwindet.

Die Klinikärzte, bei denen die Frau zuvor war, hatten ihr eröffnet, dass außer einer Chemotherapie nichts mehr zu tun bleibe: Das Karzinom lasse sich nur noch temporär aufhalten. Marx: „Sie hatte mehrere Meinungen eingeholt – aber: fünf Ärzte, sechs Meinungen. Kein Wunder, dass die Frau resigniert war und voller Angst“.

Oft grätscht das System in die Behandlung

Also, erzählt er, habe er sich gemeinsam mit Fachkollegen ein Bild gemacht. Sie mussten klären, ob der Tumor wirklich nicht operabel war. „Wieder hat sich gezeigt“, schimpft der Brust-Experte noch so viele Jahre später voller Entrüstung, „wie oft das System in die Behandlung grätscht. Häufig sind die, die den Patienten über die Chancen und Möglichkeiten von Eingriffen aufklären, gar keine Chirurgen. Sie halten vieles nicht für machbar, weil sie die Behandlungsmethoden nicht kennen, ja oft nicht mal davon gehört haben.“

Mario Marx redet sich in Rage, wie wohl immer, wenn er meint, dass die Dinge deutlich besser laufen könnten, wenn alle über ihren eigenen Tellerrand hinausschauen würden. „Wenn Onkologen, Gynäkologen und plastische Chirurgen wirklich zusammenarbeiten“, meint er, „hilft Kranken ein breites Fachwissen effektiv fürs Überleben.“

„Eine Rippe ist entfernbar“

„Seine“ Lehrerin hatte bereits Metastasen in den Rippen. „Ja, ein Problem“, ruft der Chirurg, „aber eine Rippe ist entfernbar! Ich hab doch früher auch Patienten nach München oder Frankfurt geschickt, wenn ich wusste, dort geht etwas, was wir nicht anbieten können“, grantelt er. „Wir haben das angeschaut, für machbar befunden und der Frau eine Operation angeboten. Sie hat Ja gesagt“

Was folgte, war keine der alltäglichen Operationen, denn Marx und sein Team mussten den kompletten Tumor samt befallenen Rippen entfernen und den Korpus so aufbauen, dass die Frau bewegungsfähig blieb. „Das war wirklich schwer, aber wir haben das hinbekommen“, erzählt der plastische Chirurg stolz.

„Delikatessfett“ nennt der Chirurg Mario Marx augenzwinkernd das Gewebe, das er in der Regel aus der Bauchdecke oder der Gesäßunterfalte entnimmt, um zum Beispiel nach einer Tumorentfernung eine neue Brust aufzubauen Quelle: Elblandkliniken

„Ich habe mit Ultraschallsicht operiert, habe Material von Bauch und Po eingesetzt und die Brust nachgebaut. Danach haben wir noch eine Chemo empfohlen, um eine weitere Progression zu unterbinden. Und voilà: Nur ein paar Monate danach hat die Frau mit ihren Kindern die versprochene große Reise gemacht.“

Es trifft alle – von der Pfarrersfrau bis zur Nackttänzerin

Natürlich geht es nicht immer gut aus: „Ich hab bislang über 8000 Menschen behandelt, in der Regel gelingen die Transplantationen zu 98 Prozent“, schätzt der Chirurg ein. Da die Krankheit vor niemandem Halt mache, kenne er „alle – von der Pfarrersfrau bis zur Nackttänzerin und zum Piloten“. Und auch der Tod gehöre dazu – in all seinen Phasen. „Wer metastasiert ist und nicht geheilt werden kann, den begleiten wir auch ins Hospiz“, sagt er.

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Patienten können sich auch selbst helfen

Immer wieder erlebt er, wie Betroffene vor ihm sitzen, aufgelöst, ohne Hoffnung, verunsichert. „Eine Frau bereitet sich doch nicht vor auf so ’ne Scheißerkrankung“, fasst er in Worte, was ihm so oft an Verzweiflung entgegenschlägt. „Alle, die bei uns transplantiert werden – egal ob Po, Bauch, Tumorchirurgie – sie alle können hier andere, bereits operierte Patienten kennenlernen. Meine Frauen zum Beispiel haben hier eine Selbsthilfegruppe gegründet, aus diesem Austausch sind großartige Gemeinschaften, ja sogar Freundschaften entstanden – und die Kunstwerke, die unsere Wände zieren.“ Viele Bilder leuchten wildbunt, Fotos zeigen fröhliche, selbstbewusste Gesichter, als wollten sie den Krebs gemeinsam weglachen.

Demut und Kampfgeist

Marx klingt zufrieden, als er sagt: „Wir können nicht Ewigkeiten schenken, aber Zeit und Lebensqualität“. Der Satz changiert feinsinnig zwischen Demut und Kampfgeist und verrät, warum der leidenschaftliche Operateur nie in Versuchung gerät, ein Leben als millionenschwerer Privatpatienten-Halbgott in Weiß zu führen. Es interessiert ihn schlicht nicht. Er will einfach nur immer besser werden, um zu helfen. „Vor 15 Jahren“, sagt er, „haben Transplantationen noch etwa zehn Stunden gedauert. Heute geht es in 2,20 Stunden – das sind aber absolute Spitzenzeiten, weil ich ja nichts anders mache“.

Wieder und wieder unter den Top-Five

Mario Marx, der Mann „mit der Leidenschaft für die weibliche Brust und ihre Webfehler“, behandelt Frauen und Männer seit über 25 Jahren in der Chirurgie. Zu ihm kommen Patienten von Tokio bis Stuttgart. In den alljährlichen Rankings der deutschen Top-Leute in seinem Fachgebiet schafft er es wieder und wieder unter die besten fünf.

Zur Person

Mario Marx ist gelernter Maschinenbauer, hat Mitte der 1980er Jahre sein Abitur an der Volkshochschule in Löbau abgelegt und zum Leidwesen der Eltern statt eines Maschinenbaustudiums bis 1986 als pflegerische Hilfskraft im chirurgischen Zentral-OP des Bezirkskrankenhauses Görlitz gearbeitet. „ Dort“, so Marx, „hab ich den Chefarzt operieren sehen. Ich war still begeistert. Trotzdem habe ich mir vorgenommen, dass ich mal noch besser werde als er“.

Bis 1992 studierte in an der Humboldt-Uni Berlin Medizin, promovierte in der Pathologie der Charité Berlin und ging zurück nach Görlitz ans Städtische Klinikum. Er machte seinen Facharzt für Chirurgie und arbeitete in der Klinik für Plastische, MKG- und rekonstruktive Chirurgie. Von 2003 bis 2011 war er dort Oberarzt, erwarb 2005 seinen Facharzt für Plastische und Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie und gründete das Zertifizierte Mammazentrum Ostsachsen, das er bis Ende 2011 leitete.

Im Februar 2012 wechselte er als Chefarzt der Klinik für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie ans Elblandklinikum Radebeul und wurde Leiter des Standortes Radebeul im Regionalen Brustzentrum Dresden.

Mario Marx umweht ein Image als Enfant terrible der Branche. Gern bestätigt er, dass er mehr Schuhe besitzt als seine Frau. Aber er sammelt noch spannendere Dinge. Von seinen Patienten erbittet er sich als „Honorar“ jeweils ein handgeschriebenes Lieblings-Kochrezept – irgendwann wird ein Buch daraus.

Das Elblandklinikum in Radebeul, an dem er seit sechseinhalb Jahren praktiziert, ist einer von vier Standorten des Regionalen Brustzentrums. Auch das Universitätsklinikum, das Diakonissen-Krankenhaus und das St. Joseph-Stift gehören dazu. In Radebeul werden gegenwärtig mit Fördermitteln vom Freistaat weit mehr als zehn Millionen Euro investiert in eine Notfallambulanz, eine senologische Station mit zwei neuen OP-Sälen und 22 Betten, die eine interdisziplinäre medizinische Betreuung verschiedener Facharztgruppen möglich macht. „Die Partner hier im Unternehmen sind sensationell“, schwärmt der Chefarzt, der hofft, im April umziehen zu können.

Vernetzung mit Tübinger Forschern

Marx baut aber nicht nur auf die Verflechtung im Freistaat, sondern erweitert auch die Vernetzung mit anderen Lehr – und Forschungsanstalten. Regelmäßig hält er Vorlesungen vor Fachpublikum in Tübingen oder operiert live im Internet vor Hunderten von Kollegen. Der Austausch unter wissenschaftlicher Beobachtung und Kritik von Fachleuten sei unerlässlich, um „zu sehen, wo die Grenzen sind“, erklärt er. Und der Erfolg gibt ihm Recht. Sein Image wächst mit seinem Wissen, viele lernen inzwischen von ihm. Die von ihm seit 15 Jahren forcierte ultraschallassistierte Chirurgie verbreitet sich in immer mehr OP-Sälen.

Neue Operationsmethode beim Lymphödem

In Tübingen hatte Marx erst jüngst für Aufsehen gesorgt, als er eine Idee zur Operation von Lymphödemen vorstellte, die ihm beim Hochseeangeln vor Norwegen gekommen war. Um sie sofort zu dokumentieren, schnappte er sich den Deckel einer Fischkiste und malte und bastelte drauflos. Das Problem: Wenn die Lymphknoten aus der Achselhöhle entfernt werden, verkürzt sich die Achsel. Dadurch werden starke Gefäße wie Arterie und Vene nach unten gezogen, wodurch auch die Lymphgefäße abknicken. Das führt zu schmerzhaften Staus, die die Funktion des Arms stark einschränken. Marx füllt den nun Raum mit körpereigenem Gewebe wieder auf und verringert den Effekt. „Die Methode ist sehr logisch und derzeit stark in der Diskussion“, sagt er. Und immer häufiger werde sie auch angewandt.

Der Mediziner ist froh um jeden fachlichen Input. „Ich darf nicht nur meine Möglichkeiten in Betracht ziehen. Systemtherapie, Bestrahlung, Hormonbehandlung und psychoonkologische Begleitung tragen genauso zum Überleben und Genesen bei. Nur, wenn man weiß, was alles möglich ist und mit allen zusammenarbeitet, kann man entspannt über die individuelle Behandlung entscheiden“.

Privatpatienten geht es bei uns nicht schlechter

Zuweilen höre er: Mario, bei Euch klettern die Patientinnen ja freiwillig auf den Tisch, erzählt er. „Das liegt an den langen Gesprächen, in denen wir mit jedem ausführlich wirklich über alle Möglichkeiten reden. Die Diagnosen sind ja oft eine Katastrophe – natürlich – aber wir nehmen uns Zeit, die verschiedenen Wege aufzuzeigen, damit die Therapie keine Katastrophe wird“.

Sein Team präsentiere allen Patienten alles, was geht – bei Brustkrebs immer auf der Basis der so genannten S-3-Leitlinie des Mammakarzinoms. Und: „Privatpatienten haben es bei uns nicht schlechter“, fügt Mario Marx schmunzelnd hinzu.

Die Lehrerin jedenfalls hat von seiner Art, mit dem Krebs umzugehen, profitiert. „Heute“, berichtet der Chirurg fröhlich, „ist die Frau über 70, und ich kenne jedes neue Urenkelchen“.

Von Barbara Stock

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