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Auf Leben und Tod Das dreifache Wunder von Dresden
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07:48 02.11.2018
Oberärztin Dr. med. Annette Stein (re), Anästhesistin am Herzzentrum Dresden, und Virginia Schönfeld, Krankenpflergerin für Anästhesie und Intensivpflege, begleiten täglich Patienten durch die OP. Quelle: Anja Schneider
Dresden

Nicht in seinen schlimmsten Alpträumen möchte man vor dieser Entscheidung stehen: Retten wir im Zweifel das Leben der Mutter oder das der ungeborenen Zwillinge? „Das war eine wirklich dramatische Situation, und wir haben damals inständig dafür gebetet, dass wir uns nicht entscheiden müssen“, erinnert sich Dr. Annette Stein, leitende Oberärztin am Institut für Kardioanästhesie am Herzzentrum Dresden.

Symptome wuchsen mit dem Bauchumfang

Sie spricht über einen Fall aus dem Jahr 2009. Am 12. Oktober war eine 37-jährige Frau eingeliefert worden, die nach mehreren Fehlgeburten in der 23. Woche mit Zwillingen schwanger war und unter massiven Herzproblemen litt. „Sie hatte eine Aortenstenose durch eine Membran unterhalb der Klappe“, beschreibt Dr. Stein, warum der Blutstrom vom Herzen gestört war. Die Symptome hatten sich mit dem Bauchumfang verschlimmert: Die Frau bekam schlecht Luft, war kaum noch belastbar, dem Alltag schlicht nicht mehr gewachsen. „Wir hatten Angst, dass die Schwangerschaft sie umbringt, aber für einen Kaiserschnitt war es noch zu früh.“

„Wir hatten Angst, dass die Schwangerschaft die Mutter umbringt, aber für den Kaiserschnitt war es noch zu früh – erinnert sich Anästhesistin Annette Stein. Quelle: Anja Schneider

„Die Kinder sind erstmal egal“

Um zu beschreiben, wie dramatisch die Lage war, reicht die erste Einschätzung des aufnehmenden Arztes, an die sich die Mutter noch heute erinnert: „Wir müssen Sie sofort operieren, die Kinder sind erstmal egal.“ Doch die Mediziner beruhigten sich wieder.

„Es startete eine wirklich gute interdisziplinäre Aktion“, lobt Annette Stein im Rückblick die Zusammenarbeit zwischen Herzzentrum und Uniklinikum. Die Kardiologen, die Neonatologen, die Gynäkologen, das Anästhesistenteam – „alle haben Hand in Hand gearbeitet. Wir mussten täglich abwägen: Wie lange kann man die Schwangerschaft retten, ohne das Leben der Mutter zu gefährden? Können die Zwillinge so weit reifen, dass sie draußen eine Chance haben? Aber wir mussten immer im Blick haben, dass wir die Mutter nicht überfordern.“

Extrem belastende Wochen für die Eltern

Einige Wochen stand es tatsächlich Spitz auf Knopf. Die werdende Mutter mit dem schwachen Herzen, das es nur mit viel Mühe schaffte, für drei zu schlagen, wurde engmaschig überwacht. Medikamente mussten mit Bedacht verabreicht werden, schließlich durften die Kinder möglichst keinen Schaden nehmen. Der Ehemann, so erinnert sich Dr. Stein, war in alle Schritte einbezogen, „für das Paar, das seine ersten Kinder erwartete, müssen diese Wochen extrem belastend gewesen sein“.

Alle in Hab-Acht-Stellung

Schließlich war die 33. )Schwangerschaftswoche geschafft. Draußen war Advent, Weihnachten nahe. 33 Wochen waren noch kein Grund zum Jubeln, denn in der Regel sind die Lungen erst mit der 35. Woche fast fertig entwickelt, und um selbstständig atmen zu können, brauchen die Babys meistens 38 Wochen. Doch die Zeit war reif für eine Entscheidung, außerdem stand Weihnachten vor der Tür, und nun inzwischen standen die Chancen gut, dass die Kinder den Eintritt in die Welt überstehen. „Unsere Sorge war, dass es zu einer gezwungenen Situation kommt, von jetzt auf gleich, weil es konservativ nicht mehr geht. Wir waren ständig in Hab-Acht-Stellung“, erinnert sich Annette Stein. „Es war schon ein großer Erfolg, dass es die Teams geschafft hatten, Mutter und Kinder so lange in einer Balance zu halten“.

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„Kriegen wir einen noch besseren Zeitpunkt?

Für den 18. Dezember 7 Uhr früh war der Kaiserschnitt angesetzt. „Im Haus haben alle mitgefiebert. Die Entscheidung über den Termin ist zwischen der damaligen Chefin des Herzzentrums, Ruth Strasser, und der Gynäkologin getroffen worden“, erzählt Dr. Stein. „Sie haben die Frage – Kriegen wir noch einen besseren Zeitpunkt als jetzt? – mit dem OP-Termin beantwortet.“

Expertise des gesamten Herzzentrums

Also rückten an jenem Freitagmorgen des Jahres 2009 alle beteiligten Teams an – die Kinderärzte mit zwei Inkubatoren, die Gynäkologen und die Hebammen. Die Kardiologen und die Anästhesisten unter Leitung von Institutschef Nikolaus Hartmann kamen aus dem Herzzentrum. „Wir haben die Expertise des gesamten Herzzentrums für den Ernstfall vorrätig gehalten – ein großes, breites Sicherheitsnetz“, schildert Annette Stein, untermalt von einer entsprechenden Geste. „Ich war nur im Hintergrund bei der OP als Assistentin meines Chefs Nikolaus Hartmann dabei. Und natürlich zur Sicherheit. Es gibt schnell mal Situationen, wo man ein paar Hände mehr braucht. Wir sind hier Teams, wo es tatsächlich gemeinsam schneller geht. Das ist nicht überall so, aber wir üben das und haben das in jahrelanger Praxis enorm verfeinert.“

Um 7 Uhr also schritten alle zur Tat: Gynäkologen und Anästhesisten begannen ihren Job im OP in der zweiten Etage des Herzzentrums, alle anderen standen davor – bereit, einzugreifen, sobald Hilfe fürs Mutterherz oder die Kinder nötig sein sollte. Die Chirurgen waren darauf vorbereitet, nach dem Kaiserschnitt zu übernehmen und nötigenfalls gleich eine neue Herzklappe einzusetzen.

„Okay, Ihr könnt jetzt schneiden“

„In diesem Fall“, so Dr. Annette Stein, „haben wir mit der Narkose gewartet, bis die Patientin fertig verkabelt und vorbereitet war, damit die Kinder im Bauch so wenig wie möglich darunter zu leiden haben. Dann kam das Signal vom Anästhesisten an die Gynäkologin, die mit dem Messer bereitstand: „Okay, jetzt könnt ihr schneiden“. Um 8.01 holten die Ärzte das erste der beiden Mädchen auf die Welt, es war 42 Zentimeter groß und wog nur 1720 Gramm. Eine Minute später folgte die gleichgroße Schwester – sie war 2120 Gramm schwer.

Ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk

Die Kinder wurden unverzüglich intensivmedizinisch versorgt und in den Inkubatoren zurück in die Kinderklinik gebracht. Und auch die Herzchirurgen konnten sich entspannen: Die Mutter war so stabil, dass eine Herz-OP nicht nötig war. „Überall im Haus“, erinnert sich Dr. Stein, „verbreitete sich die frohe Kunde, machte sich Erleichterung breit“. Sechs Tage vor dem Fest war diese geglückte Rettung von drei Leben so etwas wie ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk.

Mit Rollstuhl und Mundschutz zu den Kindern

„Die Mutter blieb bis zum 22. Dezember bei uns zur Überwachung im Herzzentrum – zur Sicherheit“, erzählt Dr. Stein. Aber alle Sorgen erwiesen sich als unbegründet. Der Kreislauf blieb stabil, die Herzfunktionen waren gut, die Mutter erholte sich zusehends. Ihre zwei Mädchen hat sie zunächst nur auf Fotos bewundern können, ehe sie sie in der Woche vor Weihnachten – mit Rollstuhl und Mundschutz – in der Kinderklinik das erste Mal live sehen konnte.

Erst 20 Tage nach dem Kaiserschnitt – am 8. Januar 2010 – konnte die glückliche Mutter ihre Zwillinge mit nach Hause nehmen. Quelle: Repro: Anja Schneider

Zwar durfte sie nach einer weiteren Woche in der Frauenklinik am 29. Dezember zu ihrem Mann nach Hause, doch es wurde ein Silvester zu zweit: Die Kinder konnte das Paar erst am 8. Januar 2010 mitnehmen.

Jährliche Besuche im Herzzentrum

Inzwischen sind die beiden blonden Zwillingsmädchen neun. „Es ist so spannend, ihre Entwicklung mitzuerleben. Sie spielen Keyboard und Gitarre, gehen noch gern in die Schule und sind mopsfidel“, schreibt die Mutter in ihrem letzten Brief vom Januar dieses Jahres an das Herzzentrum. Die Familie hat damals, im Dezember 2009, ein gemeinsames Leben geschenkt bekommen. Fast jedes Jahr besuchen die vier das Herzzentrum, um all jenen zu danken, die ihnen dieses Glück ermöglicht haben.

„Ich finde bis heute“, sagt Annette Stein gerührt, „dass wir am Herzzentrum kaum etwas Schöneres gemacht haben“.

Von Barbara Stock

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