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Auf Leben und Tod Von der ersten Sekunde ins Leben gekämpft
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08:17 23.11.2018
Mutter Doreen und Vater Danilo halten Ole im Arm, der mit einer gefährlichen Listerieninfektion auf die Welt kam. Quelle: Doreen Hoßner
Dresden

Hochschwanger ist Doreen Hoßner im Sommer in ihrer Wohnung. Fieber, Schüttelfrost – sie fühlt sich sehr schlecht. „Ich dachte, ich bekomme eine Grippe“, sagt die 32-Jährige. Am Abend des 14. Juni fühlt sie sich wieder besser. Trotzdem kann sie nicht einschlafen. „Dazu kam ein leichtes Ziehen im Unterbauch“, erinnert sich Doreen. Obwohl sie erst in der 37. Schwangerschaftswoche ist, ruft sie vorsichtshalber in der geplanten Entbindungsklinik an. Das seien vermutlich Senkwehen, bekommt sie als Antwort. Sie solle sich keine Sorgen machen und zum Beispiel ein Entspannungsbad nehmen. In der Wanne fühlt sie sich erneut unwohl und bemerkt leichte Blutungen. Ihr Partner Danilo ruft wieder in der Klinik an. Weil sie keine extremen Schmerzen hat, besänftigt sie die Frau am Telefon erneut. Sie solle sich keine Sorgen machen.

Jetzt macht sich aber das Paar Sorgen. Es ist mittlerweile kurz vor 4 Uhr in der Nacht. „Wir fahren ins Krankenhaus“, sagt Danilo, beginnt das Nötigste zusammenzupacken und verlässt die Wohnung, um das Auto aus der Garage zu fahren. Als er zurückkommt, um seiner Frau ins Auto zu helfen, hört er sie rufen: „Du musst den Notarzt rufen, das Kind kommt jetzt“. Er wählt die 112, der Notarzt fährt los.

Regungsloses Baby im Arm

Währenddessen erblickt der kleine Ole in den Armen seines Papas das Licht der Welt. „Seine Augen blickten ängstlich, er war blass, regungslos und hat nicht geschrien“, berichtet Danilo. „Ich habe schnell gemerkt, dass etwas nicht stimmt“. Er säubert den Mund, hält das Baby kurz über Kopf, um es zum Schreien zu bringen. „Die Bilder der weit aufgerissenen Augen unseres Babys werden wir nicht vergessen“, sagt Doreen. Sie selbst hat kein Zeitgefühl mehr für diese Nacht. „Ich war wie in Trance“, erinnert sich Doreen.

Geistesgegenwärtig holt Danilo eine Gefrierbeutelklemme aus der Küche. Er streicht die Nabelschnur in Richtung des Mutterbauchs aus. Nach 15 Minuten bekommt das Paar Hilfe vom herbei geeilten Notarzt, der die zweite Klemme setzt, so dass der Vater die Nabelschnur durchschneiden kann. Statt für das ursprünglich geplante Entbindungskrankenhaus, entscheiden sich die Eltern für das Städtische Klinikum Dresden, damit das Baby auf der Kinderintensivstation am Standort Neustadt/Trachau behandelt werden kann.

Doreen kommt in den Kreißsaal, denn die Nachgeburt muss operativ entfernt werden. „Unsere Frauenärzte haben bei der Mutter ein Amnioninfektionssyndrom festgestellt, eine Entzündung der Fruchthöhle, die auch auf das Kind übergreifen kann“, erklärt Stefan Schmidt, Oberarzt in der Kinder und Jugendmedizin am Standort Neustadt/Trachau. „Das Kind kam unterkühlt in die Klinik und brauchte anfangs Unterstützung bei der Atmung. Ein verdächtiger Hautausschlag und die massiv erhöhten Entzündungswerte wiesen auf eine bestimmte Form der Blutvergiftung hin“, berichtet Schmidt.

Unbehandelt führt die Listerieninfektion in Stunden zum Tod

Bei der Erregerdiagnostik stellte sich schnell heraus, es handelt sich um eine Infektion mit Listerien. „Listerieninfektionen müssen, wie andere Neugeboreneninfektionen auch, rasch erkannt und dann entsprechend antibiotisch behandelt werden, da sie bei schwerer Ausprägung innerhalb von Stunden zum Tod führen können“, sagt Schmidt.

Bei Neugeborenen, die weniger als drei Tage alt sind, findet die Übertragung in der Regel von der Mutter auf das Kind statt.Listerien sind in unserer Umwelt allgegenwärtige Bakterien, die sich auch bei Kühlschranktemperatur in bestimmten Lebensmitteln vermehren können. Riskant für Schwangere sind Rohmilch sowie daraus hergestellte Produkte, Weichkäse, ungenügend gegarte oder auch vakuumverpackte Lebensmittel, wie abgepackter Salat. „Ich hatte davon gelesen und die empfohlenen Regeln beachtet“, sagt Doreen. Allerdings ist die Infektion so selten, dass sie sich keine Sorgen machte.

Seltene und gefährliche Krankheit

„In Deutschland gibt es rund 300 Fälle pro Jahr, wovon der überwiegende Teil ältere Menschen und nur knapp ein Zehntel Neugeborene betrifft“, sagt Schmidt.Infektionen zählen zu den häufigsten Erkrankungen bei Neu- und insbesondere bei Frühgeborenen. Dennoch ist die Listeriose sehr selten. „Unter allen meldepflichtigen Krankheiten ist sie bundesweit eine der gefährlichsten“, sagt der Mediziner. In neun Jahren hat der 41-jährige Arzt drei Fälle erlebt.

Bei einer raschen Hirnwasserpunktion stellen die Ärzte zudem eine Hirnhautentzündung bei dem kleinen Ole fest. Während die Ärzte auf der Kinderintensivstation das Neugeborene behandeln, liegt Doreen im Kreißsaal. Bei der OP verliert sie viel Blut und braucht Blutkonserven. Für ihren Mann Danilo ist es die dritte Geburt, die er miterlebt. „Dieses Mal war ich in Sorge um meine Frau und Kind“, erinnert er sich.

Gleichzeitig ist er Ansprechpartner für die Ärzte und pendelt zwischen Mutter und Kind. Als der Arzt wenig später die lebensbedrohlichen Laborwerte sieht, herrscht Ungewissheit. Im Inkubator auf der Intensivstation kämpft der kleine Ole ums Überleben.

Den Ergebnissen der täglichen Untersuchungen und Laborwerte fieberte das Paar entgegen. Die Medikamente schlugen an, die Messwerte verbesserten sich.

Symptome leicht verwechselbar

„Statt dem typischen Babygeruch, roch Ole von Kopf bis Fuß nach Penicillin“, erinnert sich Doreen. „Auch die Mutter haben wir zwei Wochen mit Antibiotika behandeln müssen“, erklärt Schmidt. „Genau wie Neugeborene oder ältere Menschen, haben Schwangere ein erhöhtes Listeriose-Risiko“. Denn durch die Schwangerschaft verändert sich das Immunsystem. Die Symptome können bei der werdenden Mutter ganz fehlen oder aber einer Grippe oder einer Harnwegsinfektion ähneln und sind daher leicht zu verwechseln.

In der Endphase der Schwangerschaft sei jedes Symptom mit Fieber und Schüttelfrost gefährlich, informiert Schmidt. Bei zu früh geborenen Babys, die mit Listeriose infiziert sind, liege die Sterblichkeit trotz Antibiotika-Behandlung zwischen zehn und 59 Prozent, erklärt Schmidt.

Entlassung am eigentlichen Geburtstermin

Nach drei Wochen werden Mutter und Kind entlassen und vom Papa sowie den Brüdern Paul und Tim abgeholt – genau am eigentlich errechnetem Geburtstermin. „Wir gehen mit Ole regelmäßig zu Untersuchungen. Bis jetzt entwickelt er sich sehr gut“, berichtet seine Mutter. „Wir sind den Klinikmitarbeitern für alles sehr dankbar. Auch, dass der Papa öfters im Krankenhaus mit übernachten durfte“.

Ihr Fall hat viele Mitarbeiter in der Kinderklinik bewegt. Der diensthabende Notarzt aus der Entbindungsnacht und die Hebammen aus dem Kreißsaal kamen einige Tage später vorbei, um sich zu erkundigen. „Viele Assistenzärzte aus der Klinik haben uns besucht und sich nach der Geschichte informiert“, sagt Doreen. Sie kannten die seltene Listeriose bisher nur aus dem Lehrbuch.

Von Tomke Giedigkeit

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